Gartenrhein

(…) Kurz nach unserm Abenteuer auf dem Uhlenberge waren die großen Ferien zu Ende, und wir trotteten eines Morgens, mit stummer Ergebung in ein unvermeidliches Schicksal, mit unsern Büchern zu dem gewohnten Unterricht. Wir trafen Onkel Philipp, wie er auf der Bank am Rheinfall saß und seine Morgenpfeife rauchte. Die letzte Wandlung, die nämlich die von ihm so sehr geliebte Quelle durchzumachen gehabt hatte, war, daß sie den Rhein darstellen mußte, vom Ursprung bis zur Mündung. Dies war zurzeit der größte Stolz seines Gartens. An der höchsten Stelle, wo das Wässerchen in das Grundstück eintrat, wurde es zunächst durch ein gemauertes Sammelbassin aufgefangen, dessen Inhalt bei festlichen Gelegenheiten den Springbrunnen zu speisen hatte. Für gewöhnlich aber lief das Wasser an drei Stellen über den Rand dieses durch Felsblöcke und Steintrümmer verkleideten Gemäuers und trat als Vorder-, Mittel- und Hinterrhein in eine großartige Alpenlandschaft ein, deren höchste Gipfel sich mindestens sechs Fuß hoch über die umliegende Ebene erhoben. Daß in den Thälern und an den Hängen dieses Gebirges nur Alpenpflanzen, wie Edelweiß, Enzian, Alpenglöckchen, Alpenrosen, Alpenveilchen, Edelraute und dergleichen wuchsen, ist selbstverständlich. Hatten sich nun die drei fadendünnen Gerinnsel zum wirklichen Rhein vereinigt, so trat dieser sehr bald in den stattlichen und langgestreckten Bodensee ein. Es zuckte uns oft sehr in den Beinen, diesen prächtigen See zu überspringen, und nur die Überlegung hielt uns von dieser hasenfüßigen That zurück, dass Onkel Philipp das als eine schwere Kränkung empfunden haben würde. Gab es ihm doch schon immer einen Stich durch das Herz, wenn man diesen Rheinstrom anderswo als auf den eigens dazu angelegten Brücken zu überschreiten wagte. Im Bodensee lebte eine Anzahl sehr stattlicher Goldfische, denn die Forellenzucht hatte sich leider als zu schwierig erwiesen. Nicht sehr weit hinter ihm war dann natürlich der Rheinfall, wo der stattliche Strom anderthalb Fuß breit über einen glatten Stein schäumend in einen kochenden und wirbelnden, mindestens drei Fuß tiefen Abgrund stürzte. An ganz stillen Tagen konnte ein sehr scharfes Ohr den Donner dieses Falles fast durch den ganzen Garten vernehmen. Dort hatte Onkel Philipp ein Bänkchen und einen Tisch, und wenn ihn einmal die Lust ankam, Betrachtungen anzustellen über die Ewigkeit, über die Vergänglichkeit alles Irdischen oder die Erhabenheit des Weltalls, so fand er, daß dergleichen hier am besten zu erledigen ging, während er aus einem echt türkischen Tschibuk gelben gelockten Tabak dazu rauchte. In ruhigerem Laufe zog dann hinter dem Falle der Rhein dahin, vorüber am Schwarzwald, Odenwald, Taunus, Hundsrück und so weiter, bis er langsam und träge Holland, eine blumige Wiese am Ufer des Sees, in mehreren Armen durchkroch, um endlich in die Nordsee zu münden. Daß die kleineren Gebirge an seinen Ufern mit den Pflanzen des Mittelgebirges bis hinunter zur Ebene bestanden waren, versteht sich wiederum von selbst. Diese ganze sinnreiche Anlage hatte aber einen Übelstand, der Onkel Philipp manchen Kummer bereitete. Wurde bei besonderen festlichen Gelegenheiten der Springbrunnen losgelassen, und hatte dieser nur eine kurze Weile mit seiner goldenen Kugel gespielt, so machte der vermehrte Wasserverbrauch, daß der Vorder-, der Mittel- und der Hinterrhein alsbald versiegten, so daß die Speisung des Bodensees aufhörte und dieser den Rheinfall nicht mehr zu versorgen vermochte. Nach einer Viertelstunde war dann der ganze Rhein bis auf ein paar kleine Tümpelchen weggelaufen, und der Rheinfall tropfte nur noch ein wenig, als weine er über seine eigene Unzulänglichkeit. Die Erhabenheit des Wasserfalles und die Lieblichkeit des Springbrunnens schlossen sich aus, beide zusammen konnte man nicht genießen. (…)

(Heinrich Seidel: Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande)


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