der Fall ist zu breit für die geringe Höhe und die Entfernung von hier bis dort zu groß

Es war ein schöner Tag; Schnitter belebten die Felder, und Lerchen die Lüfte, in den Dörfern spielten sorgenlose Kinder, die Straßen waren trocken, der Wanderer viele, wer wollte in diesem Frieden der Natur nicht gerne über Land ziehen?
Auf der Höhe dem Rheinfall gegenüber stiegen sie aus und gingen den Abhang hinunter zum Fuß des entgegenrauschenden Stromes. Öfters sahen sie im Herabsteigen durch Öffnungen des Wäldchens einzelne Teile des schäumenden Sturzes, wobei sich der Oberst mit Wohlgefallen aufhielt, weil er auch hier seine alte Behauptung vorgreiflich bestätigt finden wollte, daß das Halbe anziehender sei als das Ganze.
Wenigstens mag es diese Bewandtnis mit solchen Sätzen haben, woran kaum die Hälfte wahr ist, bemerkte etwas verdrießlich der alte Professor, der kein Liebhaber wunderlicher Meinungen war: sie sind meist dunkle Begriffe höherer Wahrheiten. Was ist Halb und Ganz? Was wir hier sehen, ist so gut ein Ganzes, als was dort unten in die Augen fallen wird.
Wir wollen sehen, sagte der Oberst. Und als sie unten waren und über das weite Becken an den Laufen hinschauten, rief er: Hier sehen wir nun das ganze Gewässer, ich wiederhole es noch einmal, die einzelnen Partien, die wir oben durch das Gebüsch erblickten gefielen mir besser, der Fall ist zu breit für die geringe Höhe und die Entfernung von hier bis dort zu groß.
Dem Professor, als einem echten Schweizer, tat es weh, daß der Freund die Wunder seines Landes gering schätzte: Wenn Sie nie etwas vom Rheinfall gehört hätten und von ungefähr dazu gekommen wären, sagte er, Sie würden ihn jetzt mit überraschender Lust schauen, aber Sie haben zu große Erwartungen mitgebracht, das ist der Nachteil jeder Berühmtheit.
Man hatte Mühe, den Obersten zu bewegen, daß er den Turm besteige, auf dessen Höhe der ganze Wasserfall in einem Schaudunkel (in camera obscura) zu sehen ist: denn, sprach er, wie kann mir im Bilde gefallen, was mich in der Wirklichkeit nur wenig rührt? – Und doch gefiel es ihm, sobald sein Auge sich gewöhnt hatte, in der dunklen Kammer den Schimmer des lebendigen Gemäldes zu ertragen.
Der schönbeleuchtete Hügel auf dem das Schloß sich zeigte, die herabwirbelnden Ströme, das wellenbewegte Wasserbett, auf welchem durch Veranstaltung des Professors ein Schiffer mit einem Kahn herumschaukelte, der heitere Sonnenschein über dem Ganzen und das fernertönende Rauschen, alles das gestaltete sich zu einem in fortwährender Bewegung regsamen Bilde, das ihn durch seine Neuheit hinriß. – Lachen Sie mich aus, wenn Sie wollen, rief er, aber ich kann mir nicht helfen, dies Kunstwerk, wenn es eines ist, zieht mich jetzt mehr an als die Natur, weil ich hier einmal in gelungener Vollendung schaue, was alle Maler umsonst versucht haben.
Und doch ist’s dasselbe, was wir unten sahen, sagte der Professor, nur zeigt uns das durch künstliche Vorrichtung sich malerisch ordnende Bild hier das Ganze im Kleinen, wie es kunstgeübtere Augen unten im Großen erblicken. Ein glücklicher Sinn, der die Gegenstände in einem günstigen Gesichtspunkt aufzufassen weiß, ist die Quelle unsres Wohlgefallens, nicht vorgefaßte Meinungen über Halbes und Ganzes.
Sehen Sie, sagte der Oberst, dies bewegte Leben auf dem Tuche ist mir neu und bezaubert mich, ich bin ein Kind, lassen Sie mir die Freude! – Ich teile sie mit Ihnen, war die Antwort: Ich bin weit entfernt, das sinnliche Wohlgefallen in die Regel zu zwingen, es ist persönlich und flüchtig und läßt sich nicht durch allgemeine Begriffe festhalten, noch erklären.
So wenig, erwiderte jener, als aus den Bestandteilen einer Kerze das Licht; wir wollen uns also nicht selbst stören, uns nicht die Freude an der kleinen Erscheinung aus vermeinter schuldiger Achtung gegen die große versagen, denn man könnte ebenso gut die Frage auf werfen: Was ist Klein und Groß? Wie Sie gefragt haben: Was ist Halb und Ganz?
Nachdem sie das Naturgemälde verlassen, stiegen sie unten in den Kahn, der zur Überfahrt dient, um jenseits am Fuße des Schloßhügels die Wasserwogen aus der Nähe zu sehen. Der Oberst verlangte, daß das Schiffchen mitten in das große Wasserbecken hinein gefahren werde, dorthin auf die Stelle, wo sie es oben so lustig hatten tanzen sehen; allein der Professor bat zürnend und Suschen flehte weinend, was wollte er machen? Kaum aber waren sie herüber, so ließ er die Gefährten aussteigen, und es half alles nichts, der Schiffsmann mußte ihn und Tobias, der zu allem kein Wort sagte, dahin führen, wo er doch schon anfangs gewollt hatte, in den Tanz der Wogen und in die Nähe des hochaufspritzenden siebenfarbigen Schaumes. Die andern sahen ihm von dem gewöhnlichen Standpunkte ängstlich zu und Suschen erlaubte sich nachher, als sie wieder im Wagen saßen, den Vorwurf, er habe sie in ihrer Bewunderung des Rheinfalls gestört, gerade wo sie sich derselben am liebsten überlassen hätte.
Er wollte eben selbst bewundert sein, sagte der Professor und nannte es einen Wagemut der Eitelkeit.

(Ulrich Hegner: Die Molkenkur, Kapitel 4: Suschens Hochzeit)


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