Nebellandschaft

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMarcel Crépon schickt uns dieses Bild von seinem jüngsten Besuch am Rhein. Er sei aus Frankreich mit dem Auto angereist, bis er, gewiß schon tief im Rheinland, in dicke Nebelsuppe geraten sei, die ihm das Fahren unmöglich gemacht habe. Weil ihm seine Instrumente anzeigten, daß es bis zum Fluß nicht mehr weit sein könne, habe er sich entschlossen, den Rest der Strecke “in deutscher Manier” zu Fuß zu bestreiten. Er habe den Wagen (darin ein Sender, ihn wiederzufinden) am Straßenrand abgestellt und sei drauflos gewandert. Der Nebel habe sich bald verändert, sei nicht weiterhin als Suppe aufgetreten, sondern als mysteriöse, gleichfalls wandernde Wände, die ihm immer wieder den Weg abgeschnitten und durch plötzliches Aufwallen irregeleitet hätten. Sein Navigationsgerät habe ihn durchaus bis ans Flußufer gelotst, nur eben virtuell. Denn den wirklichen Rhein habe er diesmal nicht zu Gesicht bekommen. Der Fluß müsse mit hoher Sicherheit dann und wann hinter wenig entfernten Baumreihen geflossen sein, die bei Annäherung jedoch stets im Nebel verschwunden und – sobald die Sicht zurückkehrte – an gänzlich unvermuteter Stelle wieder aufgetaucht seien. Als ihm der Gedanke, daß der Fluß selber der Nebel sein könne, in den Sinn geraten sei, sei ihm unheimlich vor sich selbst geworden, sodaß er sich entschlossen habe, ohne Umstände zum Auto und nach Frankreich zurückzukehren, was ihm der Nebel gestattet habe. Er wolle, schrieb Crépon, den November künftig für Rheinbesuche meiden. Ob wir die Stelle identifizieren könnten, an der das Bild aufgenommen sei? In der Tat kommt uns die Landschaft samt Crépons Geschichte bekannt vor. Am Niederrhein ist uns einst eine ähnliche Erfahrung zugestoßen, nur daß wir nicht den Nebel als wandernd empfanden, sondern den Boden unter unseren Füßen. Dabei war es so kalt, daß eigentlich jede Bewegung, jeder Nebel sofort hätten einfrieren müssen. Was bedeutet, daß es sie tatsächlich noch geben könnte, die bösartigen Landstriche, wie sie eigentlich nur aus Volkssagen bekannt sind. Wir könnten nun zu Monsieur Crépons Bild einen Gemarkungsnamen ins Spiel bringen, doch haben wir uns nach reiflicher Überlegung entschieden, es in der Öffentlichkeit zu unterlassen. Solche Orte sollten nicht touristisch aufgewertet werden. Wer ernsthaft nach bösartigen Landschaften sucht, sollte dies auf eigene Verantwortung tun. Und wer zufällig am Rhein auf ein Bild wie das obige stößt, sollte ebenfalls wissen, was zu tun ist: nämlich schleunigst um- und nachhause zurückzukehren.


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