Ich habe einmal ein Gedicht geschrieben über den Rheinfall

“Haben Sie je den Rheinfall bei Schaffhausen gesehen?” begann der alte Bummler.
Freddy verneinte, und Monsieur Paul fuhr fort. “Über hoffnungsgrüne Klippen wirft er sich jauchzend ins volle Leben hinein, dann vorwärts – vorwärts, zu einem stattlichen Strom schwillt er an, und weiter eilt er, legendenumsungen, von den zwei größten Nationen der Welt umstritten, weiter, um schließlich – na, Sie wissen’s ja – sich in einen elenden Sumpf zu verkriechen – verkriechen, weil er nicht mehr die Kraft findet zu einem anständigen Tod! Sie wundern sich über meine poetische Ausdrucksweise? Ich habe einmal ein Gedicht geschrieben über den Rheinfall – für sie – vielleicht hat sie sich’s aufgehoben, es ist möglich, ein paar Reliquien unsrer armen Liebe mag sie wohl aufbewahrt haben, um sich vor sich selbst ob der Täuschungen zu entschuldigen, denen sie sich gelegentlich meiner Person ergeben hat. Arme Frau!
Wie das Gedicht lautete, weiß ich nicht mehr, nur so viel weiß ich noch, die hoffnungsgrünen Klippen kamen darin vor, und dann zum Schluß etwas Trauriges:
“Warum hat denn auch der stolzeste Strom
Ein abwärts gestecktes Ziel?”"
“Das war ihr nicht recht. Sie hatte nie daran gedacht, daß alle Ströme bergab ziehen, mögen sie sich auch noch so breit und tief entwickelt haben, bergab ziehen sie alle! Sie hatte auch nicht bedacht, daß ein gewisses müdes Bergabstreben in unserm innersten Wesen wurzelt und mit der Organisation der Welt eng verbunden ist, daß wir alle unsern Schwerpunkt in der Tiefe suchen. Ich glaube, die großen Gelehrten haben dieses Streben auf irgend ein Naturgesetz zurückgeführt, aber wie es heißt, weiß ich nicht mehr. Hab’ so viel vergessen, schrecklich viel vergessen, aber das eine weiß ich noch, bei dem großen Zusammenstoß, dem grausamen Auftritt, der ihre Einsamkeit und mein Elend besiegelte, sagte ich ihr’s ins Gesicht: “Du hast immer wollen, daß die Ströme bergauf fließen. Das gibt es nicht auf der Welt!” Aber ich verliere mich; wenn ich so abschweife, werd’ ich nie fertig mit meiner Geschichte. Nur das muß ich Ihnen noch sagen: den Schaffhausenfall hab’ ich zum ersten Male auf meiner Hochzeitsreise gesehen, darum hat er mir einen so tiefen Eindruck gemacht; er hatte etwas Prophetisches für mich; damals schon; mir war’s, als zeichne er mir mein Leben vor – ich hatte recht! Nur… alle Vergleiche hinken und alle Parallelen, auch die Parallele zwischen meinem Lebenslauf und dem des Rheins hinkt insofern, als das Verkriechen in den Schlamm bei mir viel früher als bei ihm eingetreten ist.”

(Ossip Schubin: Maximum)


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