Herbsttage am Rhein

Der geschickte Feuilletonist würde nicht Worte genug finden, in höchst anmutiger Form voller Poesie den Zauber der herbstlichen Natur zu schildern.
Es würde ihm gelingen, tiefe Herzenstöne anzuschlagen, die ihre Wirkung auf den gemütvollen Leser nie verfehlten.
Er würde vielleicht in geistvoller Weise eine Parallele ziehen zwischen dem menschlichen Leben und der Natur. Er würde den Herbst ein Memento nennen, das uns zu innerer Einkehr zwinge und uns ans Sterben und Vergehen gemahne. Er würde jene zarte Melancholie bei uns erwecken, der der Mensch beim Fallen der Blätter nur zu gerne geneigt ist nachzuhängen. Tränen würden uns, wenn wir solches beim Morgenfrühstück läsen, über die Wangen rollen und in den ohnehin schon dünnen Kaffee und auf das Krautbutterbrot, vielleicht auch auf die gestärkte Hemdenbrust oder auf die Batistbluse fallen.
Dann würde er es aber auch nicht unterlassen, uns wieder aufzurichten und uns hoffnungsfreudig zuzurufen: “Menschenkind verzage nicht. Nach Wintersnacht kommt der Lenz, der sieghafte Lenz!”
“Menschenkind”, würde er wiederholen, “sieh den Herbst in seiner goldenen Pracht. Lausche seinen Sinfonien. Genieße, was er dir Schönes bietet!”
Dann würde er dir schildern, wie sich der Rhein, unser Rhein, der deutsche Rhein (sie sollen ihn nicht haaaben) heroisch aus den dumpfen Umstrickungen der morgendlichen Nebel befreit und triumphierend seine Silberfluten durch die Lande trägt zu fernen Meeren, wie die schlanken Schiffe ihre Straße ziehn (Fridolin, Fridoliiiin) und der munteren Schiffer kräftiges “Ahoi” den Morgenglast durchdringt, wie die Sonne den Sieg davonträgt über das dräuende Wolkenheer und dort über den Zinnen jener pittoresken Burg (ja, “pittoresken” wird er unbedingt sagen) als Apotheose alles Guten und Edlen emporsteigt.
Dann würde er erzählen, wie er am Abhange eines Berges sitzt und in das Rheintal hinabschaut, wie sein Blick an einem braunen Fleck dort auf jener schon herbstlich verfärbten Waldwiese haftet, und der braune Fleck plötzlich Leben bekommt und ein scheues Reh behende davoneilt.
Von den wackeren Grünröcken, wie sie ausziehen zum fröhlichen Gejaid bei des Hifthorns Klang, würde er dir vorschwärmen. Von den Abenden in der umrankten Laube vor dem Hause, wenn die Römer zusammenklingen und der Blick sich versenkt in die blitzenden, braunen Augen eines rheinischen Mädels, wenn irgendwo eine sonore Männerstimme, von melodischen Akkorden einer Gitarre begleitet, anhebt zu singen, und alle begeistert einfallen: Nur am Rhein, da möcht’ ich leeeeeben!
Ja, ja, so würde des geschickten Feuilletonisten Herzen überquellen, und er würde des Beifalls seiner Leser sicher sein.
Ich aber, der ich seit einigen Wochen hier zwischen Koblenz und Rüdesheim am Rhein sitze, ich kann mir, weiß Gott, nicht helfen, ich kann es nicht länger tragen, der schauerliche Alb muß von mir weichen, ich muß es in die Welt hinausschreien, ich muß davon sprechen – von dem abgebrochenen Bohrer in dem Backenzahn der Wirtin Wehneibe Plümecke im Jägerhaus und von ihren Zahnfisteln.
Tagelang quälte mich diese entsetzliche Sache.
Überall sah ich dicke, verschwollene Backen, blutige Zähne, klaffende Zahnlücken.
Ich suchte vergebens im Alkohol Vergessen zu finden; das schauerliche Bild wich nicht von mir.
Ich floh in die Berge; die Vision verfolgte mich in das einsamste Tal, auf die höchsten Höhen.
Ich kann den Spuk nicht anders bannen: ich muß davon reden.
Wehneibe Plümecke hat den besten Wein im Keller weit und breit. Das ist ihr Stolz.
Sie liebt ihre Sammlung erlesener Jahrgänge mit der fanatischen Liebe eines echten Sammlers.
Nur wenigen Auserlesenen, denen es gelingt, ihre Gunst zu erringen, öffnet sie die Türen ihrer Schatzkammer. Sie rückt aber nie mehr als zwei Flaschen der exquisiten Tropfen auf einmal heraus. Darin ist sie unerbittlich, selbst ihren bevorzugten Stammgästen gegenüber. Wer noch weiter trinken will, muß sich mit den geringeren Sorten begnügen, von denen sie sich ohne großen Schmerz trennt, welche jedoch, wie sie behauptet, für die Böotier noch viel zu schade sind.
Zwei Wochen war ich schon hier und hatte noch keine Ahnung von den Sensationen des Plümeckeschen Kellers. Die Wissenden bewahrten ihr Geheimnis im tiefsten Herzen.
Ich wohnte hier im Hotel zusammen mit meinem Freunde Toni Bender, der schon seit Jahren jeden Sommer in dem alten Rheinstädtchen verbringt.
Toni Bender war einer der bevorzugten Stammgäste im Jägerhaus. Davon hatte dieser Egoist mir nie ein Wort gesagt. Das Jägerhaus war die einzige Schenke, in welcher ich noch nicht gewesen war. Ich hatte Toni verschiedentlich vorgeschlagen, zusammen dort einzukehren. Immer hatte er eine andere Ausrede: Die Wirtin sei so unfreundlich, der Wein sei nicht besonders, das Lokal sei schlecht ventiliert, es sei überhaupt kein angenehmer Aufenthalt. Ich hatte unter diesen Umständen auf das Jägerhaus verzichtet.
Wenn Toni Bender sagte, er gehe sich rasieren lassen, blieb er immer auffallend lange weg.
Das hatte mich auf die Dauer stutzig gemacht.
Eines Tages war ich ihm unbemerkt gefolgt und hatte ihn zu meinem größten Erstaunen verstohlen im Jägerhaus verschwinden sehen.
Dieser Gauner! Ich war ihm nachgegangen und hatte ihn in der riesig gemütlichen Kneipe hinter einer Flasche funkelnden Weines (der geschickte Feuilletonist macht Schule) angetroffen.
Seine haßerfüllten, wütenden Blicke, daß ich hinter sein Geheimnis gekommen, hielten mich nicht ab, mich zu ihm zu setzen, mir vom Schenktisch ein Glas zu nehmen und mir aus seiner Flasche trotz seines erregten Protestes einzuschenken.
Das war ja ein wunderbarer Wein, ein wahrer Göttertrank! Nie war etwas Ähnliches über meine Lippen gekommen.
Ich drehte den Spieß um und machte ihm die heftigsten Vorwürfe über seine im höchsten Grade unfreundschaftliche Handlungsweise. Zählte ihm brutal alle Gefälligkeiten auf, die ich ihm in absolut selbstloser Weise schon erwiesen hatte und erreichte, daß er zum Bewußtsein seines niedrigen Gebarens kam und mir zerknirscht aus seiner Flasche wieder eingoß. Dann ergriff er pathetisch meine Hände und beschwor mich bei allem, was mir heilig sei, nie zu irgend jemand, selbst zu meinem besten Freunde nicht, von diesem Wunderwein zu reden. Er neigte sich zu mir herüber und flüsterte mir geheimnisvoll ins Ohr: “Es gibt nur noch zweihundertvierzig Flaschen dieses Jahrgangs. Versuche es, die Gunst Wehneibe Plümeckes zu erringen, und sie wird dich auch in den Kreis der Begnadeten aufnehmen, denen es vergönnt ist, diesen letzten eines edlen Stammes ein würdiges Ende zu bereiten. Vor allem widersprich ihr nie, sei von einer rührenden Liebenswürdigkeit ihr gegenüber!”
Toni Bender war doch ein guter Kerl. Ich hatte ihm bereits verziehen.
Wehneibe Plümecke war keine anziehende Erscheinung. Nein, das hätte man nicht gerade behaupten können. Außerdem hatte sie, als ich sie bei diesem meinem ersten Besuch sah, eine dicke Backe.
Sie musterte mich mit strengem Blick und schaute vorwurfsvoll von meinem Glas zu Toni hinüber.
Ich wurde überschwenglich und bot ihr mein Leben an, nur müsse sie mir auch von diesem einzigen himmlischen Tropfen geben. Ich überbot mich dann in schamlosen Elogen über den Charme ihrer Erscheinung, die Grazie Ihrer Bewegungen, das Jugendliche und Blühende ihres Aussehens.
Toni Bender bekam einen blauen Kopf und machte sich plötzlich unter dem Tisch zu schaffen. Er hatte sich scheinbar dabei sehr anstrengen müssen, denn er ächzte und stöhnte fürchterlich.
Wehneibe Plümecke schaute mich wohlwollender an. “Tja, tja, tja, ich bin in den besten Jahren, das muß man wohl sagen. Nur die dummen Fisteln, diese ärgerlichen Fisteln. Ich leide nämlich an Zahnfisteln, müssen Sie wissen.”
Dabei öffnete sie den Mund und forderte uns auf, hineinzusehen.
Obgleich ich eigentlich nicht so sehr gern in einen Mund gucke, wo eine Fistel zu sehen ist, tat ich es dennoch mit Rücksicht auf den guten Wein. Ich sagte voll rührender Teilnahme, obgleich ich gar nichts davon verstand, der Zahn scheine mir heraus zu müssen.
Sie entwickelte dann, warm werdend, des Eingehenden sämtliche Fisteltherapien, die bei ihr schon Anwendung gefunden hatten, alle ohne Erfolg. (…)

(Hermann Harry Schmitz: Herbsttage am Rhein. Zweiter Teil folgt.)


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