Monatsarchiv für November 2013

 
 

Zentrum

zentrum_2Das Zentrum am Rhein, unweit Kölns, wo früher Bonn zu liegen kam. (Quelle: Google Maps)

Presserückschau (November 2013)

Nach einem (für die Jahreszeit ungewöhnlichen) Flautemonat spülte der November nun wieder zahlreiche hübsche Pressemeldungen von den Rheingestaden ins Netz. Unsere Auswahl, heute aus bosporidischer, dem Rhein durchaus verschwisterter Ferne zusammengestellt:

1
Dem Windsurfing auf dem Rhein in der Mittelheimer Bucht widmet die FAZ eine Reportage: “Der Wind muss aus Südwest kommen. Nur dann bläst er genau entgegengesetzt zur Fließrichtung des Stroms. Nur dann bilden sich die richtigen Wellen mit Schaumkrönchen, die bis zu einem Meter hoch werden. Und nur dann können die Windsurfer den Rhein kreuzen, ohne an Höhe zu verlieren. Von Oestrich nach Ingelheim und zurück, immer und immer wieder, am liebsten den ganzen Tag.”

2
Ebenfalls die FAZ begleitet die Vorarbeiten zur möglichen Wiederaufnahme der Erdölförderung am Rhein: “Ein Hauch von Denver und Dallas weht durch Südhessen: Nach rund 20 Jahren Pause könnte eine Erdölquelle in der Region wieder sprudeln. Eine Probebohrung der Firma Rhein Petroleum GmbH auf einem früheren Erdölfeld bei Riedstadt-Crumstadt im Süden des Landes sei erfolgreich gewesen, teilte das Heidelberger Unternehmen am Donnerstag mit.”

3
Eine schöne Nachricht, die keine ist und obendrein veraltet, verbreitet Die Welt: “Auf dem Deck eines Rheindampfers bei Koblenz stand der Honda S500 bei seinem ersten Deutschland-Besuch im August 1963. In leuchtendem Rot und mit geöffnetem Verdeck, sodass jeder sehen konnte, dass der japanische Roadster sein Lenkrad ausnahmsweise auf der linken Seite hatte. Das war Teil der perfekt inszenierten Werbeveranstaltung, an der sogar Soichiro Honda, der Gründer des Unternehmens, teilnahm. (…) Den Preis für den Roadster gab Honda anfangs noch nicht bekannt. Stattdessen platzierte das Unternehmen eine Werbung als Quiz. Die Japaner sollten den Kaufpreis des S500 erraten. Mehr als fünf Millionen Preisvorschläge wurden gezählt, am häufigsten die Summe von 485.000 Yen. Nach dem aktuellen Kurs wären das 3650 Euro. Kurz darauf nannte Honda den tatsächlichen Preis: Der Zweisitzer sollte 459.000 Yen kosten. Möglicherweise wollte die Marketingabteilung mit diesem Quiz nur herausfinden, was die Bevölkerung bereit gewesen wäre, für ein Auto von Honda auszugeben. Trotz der eindrucksvollen Präsentation auf dem Rheindampfer wurde der Roadster nie auf dem deutschen Markt angeboten. Es sollte noch vier weitere Jahre dauern, bis mit dem S800, einer Weiterentwicklung des S500, der erste Honda in Deutschland verkauft wurde.”

4
Von hochrangigen Barbaren unter dem Industriepark von Obernai im Elsaß berichtet Der Spiegel in einem Wissenschaftsartikel mit Grabungsleiter Clément Féliu: “Im frühen 5. Jahrhundert war die Völkerwanderungszeit im vollen Gange. Ganze Völker und Stämme verließen ihre Heimat und zogen in neue Gebiete – was bekanntermaßen nicht immer friedlich ablief. Um die Grenzen zu sichern, holten die Römer oft Hilfe vom einen Ende des Reiches ans andere. “Es handelt sich bei den Toten aus Obernai vielleicht um eine kleine Gruppe östlicher Barbaren, die von den Römern hierher geholt wurden, um den Limes zu bewachen.(…) Es ist jedenfalls das erste Mal, dass wir einen ganzen Friedhof von Sarmaten, Alanen oder Hunnen im Elsass gefunden haben.”"

5
Daß der erste Eindruck des Rheins an vielen Stellen vor allem ein lauter ist, bestätigt (abermals) die FAZ: “Täglich passieren rechtsrheinisch 180 bis 200 Güterzüge innerhalb von 24 Stunden das Mittelrheintal, linksrheinisch sind es 70 Güterzüge. Der Dauerschallpegel liegt nach Messungen des hessischen Umweltministeriums in der Nacht bei fast 80 Dezibel.” Der Bund, die angrenzenden Länder und einige Bürgerinitiativen wollen dem nun mit einer Untersuchung, wie der Lärm zu reduzieren sei, entgegenwirken, nachdem die Kanzlerin im Zuge des Wahlkampfs geäußert hatte, daß “man da etwas machen müsse”.

6
“Das Herz der deutschen Wirtschaft schlägt am Rhein”, meint der rheinland-pfälzische Infrastrukturminister Roger Lewentz (SPD). Daß mehr Güterverkehr auf den Rhein umgelegt werden soll, darüber sind sich die vier deutschen Rhein-Bundesländer einig: “Ein Binnenschiff könne immerhin 150 Lkw-Ladungen befördern. Der technische Zustand der Infrastruktur in Deutschland mit seinen Straßen-, Schienen- und Wasserstraßennetzen sei besorgniserregend (…). Die zusammen mit Bayern erarbeitete “Düsseldorfer Liste” enthält 36 Schlüsselprojekte – davon zehn Ausbauprojekte an Wasserstraßen sowie je 13 zentrale Verbindungsprojekte zu Häfen über Schiene und Straßen. Auf der Liste stehe unter anderem der Ausbau einiger Schiffschleusen mit einer zweiten Kammer, die Erneuerung und Verlängerung der Neckarschleusen und die Vertiefung des Rheins, damit er an einigen Stellen auch bei niedrigem Wasserstand befahren werden kann. Im Bereich der Straßenprojekte sei etwa die Rheinquerung Wörth-Karlsruhe aufgenommen worden, die Erneuerung der Hochstraße in Ludwigshafen und die Erweiterung der Biewerbachtalbrücke an der A 64 bei Trier (…).” (SWR)

7
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. So berichtet der Remscheider General-Anzeiger bereits jetzt über die Ankunft der “Seherin vom Rhein” Lilo von Kiesenwetter in Remscheid, die für Anfang Januar geplant ist: “Am 2. Januar (…) kommt die Wahrsagerin in voller Montur (…) ins (Allee-)Center: Drei Tage lang residiert sie in einem Zelt neben der Rolltreppe – und wird von ihrem goldenen Thron aus den Remscheidern die Zukunft vorhersagen.”

8
Das Bornheimer Rheinufer droht abzustürzen, meldet der Kölner Stadt-Anzeiger: “Auf einer Länge von zwei Kilometern ist in Bornheim der Rheinuferhang nicht sicher. In einem Treffen mit der Bezirksregierung und Vertretern des Rhein-Sieg-Kreises wurden der Bornheimer Stadtverwaltung sofortige Maßnahmen vorgeschlagen, um das Risiko für Fußgänger und Anwohner des Rheinufers zwischen Rheinuferweg und Rheinterrassen zu minimieren. Bereits veranlasst wurde eine Sperrung des Leinpfads zwischen der Böschung und dem Ufer selbst.”

Rheinzitat (20)

“Wenn der Neckar durch Konstanz fließt, fällt der Rhein aus dem Bett.” (Aus der Ankündigung einer Lesung von Jan Bürger aus seinem Buch “Der Neckar” in Konstanz)

Nächtliche Lagebestimmung (nach Pérec)

„Un prisonnier français parvint à s’échapper, en pleine nuit, du train qui l’emmenait en Allemagne. La nuit était complètement noire. Le prisonnier ignorait absolument sa situation. Il marcha longtemps, au hasard, c’est-à-dire droit devant lui. A un certain moment, il arriva au bord d’un cours d’eau. Une sirène mugit. Quelques secondes plus tard, les vagues suscitées par le passage du bateau vinrent se briser sur la rive. Du temps qui séparait le mugissement de la sirène du clapotis des vagues, l’évadé déduisit la largeur du fleuve ; connaissant sa largeur, il l’identifia (c’était le Rhin) et l’ayant identifié, il sut où il était.“

“Einem französischen Gefangenen gelang es, in der Nacht aus dem Zug, der ihn nach Deutschland fortbringen sollte, zu entkommen. Die Nacht war rabenschwarz. Der Gefangene wußte nicht im Geringsten, wo er sich befand. Er lief lange auf gut Glück, das heißt immer seiner Nase nach. Irgendwann gelangte er an einen Wasserlauf. Eine Schiffssirene ging. Einige Sekunden später brachen sich die von dem vorübereilenden Schiff ausgelösten Wellen am Ufer. Aus dem Zeitabstand zwischen Sirenenlaut und Wellenschlag leitete der Ausbrecher die Flußbreite ab; indem er seine Breite kannte, konnte er den Fluß bestimmen (es war der Rhein), und nachdem er ihn hatte bestimmen können, wußte er, wo er war.”

(Georges Pérec, Espèces d’espaces)

Von den Schweitzern

Die Schweitzer (ein pirgigs vnd frayssams volck) vbezohen mit heerßkraft die von Zuerch. die wider die puentnus mit inen gehandelt hetten vnd verwuesteten ire landschaft vnd felde. Vnd als sich die vun Zuerch eins streits mit den Schweitzernn vermessen hetten do warden sie schier alle erschlagen vnd die Schweytzer tobten insolcher grawsamkeit vnd wueetunng vber die vberwundnen feind also das sie an dem ende der nyderlag die todten coerper zusamen trugen tisch vnd pencke darauß machten. die coerper oeffneten. das pluot truncken. vnd die hertzen mit den zenen zerrissen.

(Schedel’sche Weltchronik von 1493)

Der Himmel unter Köln

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Nebellandschaft

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMarcel Crépon schickt uns dieses Bild von seinem jüngsten Besuch am Rhein. Er sei aus Frankreich mit dem Auto angereist, bis er, gewiß schon tief im Rheinland, in dicke Nebelsuppe geraten sei, die ihm das Fahren unmöglich gemacht habe. Weil ihm seine Instrumente anzeigten, daß es bis zum Fluß nicht mehr weit sein könne, habe er sich entschlossen, den Rest der Strecke “in deutscher Manier” zu Fuß zu bestreiten. Er habe den Wagen (darin ein Sender, ihn wiederzufinden) am Straßenrand abgestellt und sei drauflos gewandert. Der Nebel habe sich bald verändert, sei nicht weiterhin als Suppe aufgetreten, sondern als mysteriöse, gleichfalls wandernde Wände, die ihm immer wieder den Weg abgeschnitten und durch plötzliches Aufwallen irregeleitet hätten. Sein Navigationsgerät habe ihn durchaus bis ans Flußufer gelotst, nur eben virtuell. Denn den wirklichen Rhein habe er diesmal nicht zu Gesicht bekommen. Der Fluß müsse mit hoher Sicherheit dann und wann hinter wenig entfernten Baumreihen geflossen sein, die bei Annäherung jedoch stets im Nebel verschwunden und – sobald die Sicht zurückkehrte – an gänzlich unvermuteter Stelle wieder aufgetaucht seien. Als ihm der Gedanke, daß der Fluß selber der Nebel sein könne, in den Sinn geraten sei, sei ihm unheimlich vor sich selbst geworden, sodaß er sich entschlossen habe, ohne Umstände zum Auto und nach Frankreich zurückzukehren, was ihm der Nebel gestattet habe. Er wolle, schrieb Crépon, den November künftig für Rheinbesuche meiden. Ob wir die Stelle identifizieren könnten, an der das Bild aufgenommen sei? In der Tat kommt uns die Landschaft samt Crépons Geschichte bekannt vor. Am Niederrhein ist uns einst eine ähnliche Erfahrung zugestoßen, nur daß wir nicht den Nebel als wandernd empfanden, sondern den Boden unter unseren Füßen. Dabei war es so kalt, daß eigentlich jede Bewegung, jeder Nebel sofort hätten einfrieren müssen. Was bedeutet, daß es sie tatsächlich noch geben könnte, die bösartigen Landstriche, wie sie eigentlich nur aus Volkssagen bekannt sind. Wir könnten nun zu Monsieur Crépons Bild einen Gemarkungsnamen ins Spiel bringen, doch haben wir uns nach reiflicher Überlegung entschieden, es in der Öffentlichkeit zu unterlassen. Solche Orte sollten nicht touristisch aufgewertet werden. Wer ernsthaft nach bösartigen Landschaften sucht, sollte dies auf eigene Verantwortung tun. Und wer zufällig am Rhein auf ein Bild wie das obige stößt, sollte ebenfalls wissen, was zu tun ist: nämlich schleunigst um- und nachhause zurückzukehren.

Rheinkiesel (12)

Digital StillCameraDigital StillCameraDer korrekte Ausdruck für Kiesbank lautet Wikipedia zufolge Schotterbank. Der Artikel klärt über die Entstehungsweise dieser wandernden, stets sich umstrukturierenden Flächen auf und beschäftigt sich auch mit ihren Bewohnern. Dem Wikipedia-Artikel Kies entnehmen wir, daß Kiesel gleichfalls ein umgangssprachlicher Ausdruck sei. Wenig poetisch wird Kies darin als “natürlich abgelagerter oder künstlich geschütteter Körper aus in Fließgewässern rundgeschliffenen, kleinen Steinen” im geologischen und als “Lockergesteinsboden, der entsprechend der DIN 18196 und DIN EN ISO 14668-1 ausschließlich über die Korngröße definiert ist” im geotechnischen Sinne bezeichnet. Mit Entstehung und Zusammensetzung der Kiesel beschäftigen sich beide Artikel (aktueller Stand) nur grob, die in unserer Serie nachgewiesenen Informationen, welche die Steine enthalten, werden mit keinem Wort erwähnt. Etwas präziser wird der Artikel über das kleine Bündner Dorf Andeer am Hinterrhein, an dessen Rand der Verde Andeer abgebaut wird, ein grüner Gneis, der seine Farbe von den Mineralien Phengit (hellgrün) und Chlorit (dunkelgrün) erhält. Grüne Andeer-Kiesel finden sich häufig auf den Kiesbänken des Alpenrheins. (Bilder: Heidi Starck)

Ich habe einmal ein Gedicht geschrieben über den Rheinfall

“Haben Sie je den Rheinfall bei Schaffhausen gesehen?” begann der alte Bummler.
Freddy verneinte, und Monsieur Paul fuhr fort. “Über hoffnungsgrüne Klippen wirft er sich jauchzend ins volle Leben hinein, dann vorwärts – vorwärts, zu einem stattlichen Strom schwillt er an, und weiter eilt er, legendenumsungen, von den zwei größten Nationen der Welt umstritten, weiter, um schließlich – na, Sie wissen’s ja – sich in einen elenden Sumpf zu verkriechen – verkriechen, weil er nicht mehr die Kraft findet zu einem anständigen Tod! Sie wundern sich über meine poetische Ausdrucksweise? Ich habe einmal ein Gedicht geschrieben über den Rheinfall – für sie – vielleicht hat sie sich’s aufgehoben, es ist möglich, ein paar Reliquien unsrer armen Liebe mag sie wohl aufbewahrt haben, um sich vor sich selbst ob der Täuschungen zu entschuldigen, denen sie sich gelegentlich meiner Person ergeben hat. Arme Frau!
Wie das Gedicht lautete, weiß ich nicht mehr, nur so viel weiß ich noch, die hoffnungsgrünen Klippen kamen darin vor, und dann zum Schluß etwas Trauriges:
“Warum hat denn auch der stolzeste Strom
Ein abwärts gestecktes Ziel?”"
“Das war ihr nicht recht. Sie hatte nie daran gedacht, daß alle Ströme bergab ziehen, mögen sie sich auch noch so breit und tief entwickelt haben, bergab ziehen sie alle! Sie hatte auch nicht bedacht, daß ein gewisses müdes Bergabstreben in unserm innersten Wesen wurzelt und mit der Organisation der Welt eng verbunden ist, daß wir alle unsern Schwerpunkt in der Tiefe suchen. Ich glaube, die großen Gelehrten haben dieses Streben auf irgend ein Naturgesetz zurückgeführt, aber wie es heißt, weiß ich nicht mehr. Hab’ so viel vergessen, schrecklich viel vergessen, aber das eine weiß ich noch, bei dem großen Zusammenstoß, dem grausamen Auftritt, der ihre Einsamkeit und mein Elend besiegelte, sagte ich ihr’s ins Gesicht: “Du hast immer wollen, daß die Ströme bergauf fließen. Das gibt es nicht auf der Welt!” Aber ich verliere mich; wenn ich so abschweife, werd’ ich nie fertig mit meiner Geschichte. Nur das muß ich Ihnen noch sagen: den Schaffhausenfall hab’ ich zum ersten Male auf meiner Hochzeitsreise gesehen, darum hat er mir einen so tiefen Eindruck gemacht; er hatte etwas Prophetisches für mich; damals schon; mir war’s, als zeichne er mir mein Leben vor – ich hatte recht! Nur… alle Vergleiche hinken und alle Parallelen, auch die Parallele zwischen meinem Lebenslauf und dem des Rheins hinkt insofern, als das Verkriechen in den Schlamm bei mir viel früher als bei ihm eingetreten ist.”

(Ossip Schubin: Maximum)

Wolkensturz

Herbsttage am Rhein (2)

Wir fragten sie, um unser Interesse zu zeigen, ob sie auch in der Fistel singen könne. Sie sagte, das habe sie noch nicht versucht, und jetzt stehe ihr der Sinn nicht nach Singen. Morgen aber wolle sie zum hiesigen Zahntechniker gehen. Der sei ihr warm empfohlen worden und nehme nur die Hälfte von dem, was der Arzt in der Stadt fordere. Wir stimmten ihr begeistert zu und baten sie, noch eine Flasche zu bringen. Wir hatten in unserer Behandlungsweise das Richtige getroffen; wir bekamen noch die zweite Pulle.
Der Wein im Jägerhaus hatte es uns angetan. Unsichtbare Gewalten zogen uns täglich zu Wehneibe Plümecke. Zwei Flaschen des köstlichen Tropfens hatte sie uns pro Tag bewilligt.
Ihre Backe wurde täglich dicker, die andere Backe, die die Sache ja eigentlich nichts anging, schwoll vielleicht aus einem gewissen Gefühl für Symmetrie ebenfalls an.
Wir erkundigten uns in wirklich herzlicher Form nach ihrem Wohlergehen und heuchelten ein völliges Aufgehen in ihren Fisteln, ein Interesse, das sich mit nichts anderem mehr in der Welt als lediglich mit ihrer Person befaßte. Der Wein war aber auch zu herrlich.
Sie sagte, sie habe keine Courage, zum Zahntechniker zu gehen. Es scheine übrigens, als ob es so wieder besser werde. Wir möchten doch mal nachschauen, sie habe ein Gefühl, als ob die Fistel beigefallen wäre. Wir schauten ihr wieder in den Mund – Gott, war der Wein schön – und sagten, das scheine uns auch so.
Am nächsten Tage jammerte sie sehr und brachte aus Versehen einen falschen Jahrgang. Wir machten sie schüchtern darauf aufmerksam und fragten voll innigem Mitgefühl mit einem unterstrichenen Unterton von freudiger Hoffnung, wie es heute gehe, ob es sich gemacht habe. Oder ob sie bei dem Zahntechniker gewesen sei.
Nein, aber sie glaube, daß sie doch in den sauren Apfel beißen müsse, denn es werde täglich schlimmer. Wir möchten nur mal sehen.
Wir starrten, innerlich grausend, äußerlich mit dem Interesse eines allernächsten Verwandten in das Tohuwabohu von verschwollenem Zahnfleisch. Wirklich, es war kein schöner Anblick. Ach, wenn sie nur nicht die letzten Flaschen ihres märchenhaften Trankes in ihrem Keller gehabt hätte!
Wir schüttelten ernst die Köpfe und murmelten: “Ja, ja, schlimme Sache, schlimme Sache. Beklagenswerte Frau. Sie sind eine Heldin, eine Märtyrerin!”
Sie brachte jetzt den richtigen Jahrgang. –
Mehrere Tage lang wollte sie immer am anderen Morgen bestimmt zum Zahntechniker gehen.
Eines Tages war Frau Plümecke nicht da. Die Magd brachte uns den Wein. Frau Plümecke sei jetzt endlich zum Zahntechniker gegangen. Nur eine Flasche habe sie herausgestellt, die andere werde sie uns nach ihrer Rückkehr selbst bringen.
An diesem Tage mußten wir uns mit einer Flasche begnügen.
Am nächsten Tage war Frau Wehneibe Plümecke wieder nicht da. Die Magd sagte, die Wirtin sei gestern acht Stunden bei dem Techniker gewesen. Er sei aber noch nicht ganz fertig geworden. Als sie zurückgekommen sei, habe sie ausgesehen, wie der Bahnwärter, der kürzlich vom Zug überfahren worden war. Es sei furchtbar gewesen.
Wehneibe Plümecke habe gestern abend alle ihre Sachen geordnet und lange in der Bibel gelesen. Heute sei sie wieder zum Zahntechniker.
Auch am darauffolgenden Tage war sie wieder hin. Es sei ein schwieriger Fall, der sich nicht überstürzen lasse, habe der Mann gesagt.
Die Magd erzählte, Frau Plümecke sehe jetzt aus wie ein rohes deutsches Beefsteak, das man aus der dritten Etage auf das Pflaster geworfen und über das man dann rote Tinte gegossen habe. Sie habe gekündigt. Sie könne es nicht mehr ertragen. Frau Plümecke sei überhaupt nicht mehr Frau Plümecke. Sie habe ihr sämtliche Kellerschlüssel gegeben. Sämtliche Schlüssel.
Wir tranken an dem Tage fünf Flaschen.
Es war nachmittags halb sechs, als plötzlich die Tür aufging und Frau Wehneibe Plümecke hereinwankte. Die Magd hatte nicht zu viel gesagt. Die gräßlichste Sensation im Museum Wiertz in Brüssel war ein sanfter Ludwig Richter gegen das Bild, das die bedauernswerte Wirtin des Jägerhauses bot.
Erschöpft fiel sie auf einem Stuhl zusammen.
Plötzlich stierte sie mit großen, verglasten Augen die fünf auf dem Tisch stehenden Flaschen und dann uns an.
Wir zitterten und guckten weg.
Ob jetzt alles in Ordnung sei, versuchte ich sie abzulenken.
Sie öffnete nur den Mund und forderte uns mit starrer Geste auf, hineinzuschauen.
Voller Schauder näherten wir uns und blickten in den furchtbaren Abgrund. Ein entsetzliches Durcheinander von abgebrochenen Zähnen, zerfetztem Zahnfleisch, ausgefranster Zunge, bot sich uns dar. Aus einem Backenzahn ragte ein abgebrochener, blinkender Stahlbohrer in dieses Inferno. Uns grauste, wir wandten uns ab, nahmen unsere Hüte und drückten uns scheu zur Tür hinaus.
Ich irrte die ganze Nacht planlos in den Bergen umher.
Toni Bender kaufte sich vier Flaschen Rum.
Die Allgewalt des Weingottes war doch zu stark. Wir hatten einmal Blut geleckt. Wir hatten lange gekämpft und waren unterlegen.
Am nächsten Tage schlichen wir wieder zum Jägerhaus. Nur die Magd war da, die noch immer die Schlüssel hatte. Frau Plümecke war in die Stadt gefahren zum Zahnarzt, der doppelt so teuer war wie der Zahntechniker. Wir tranken fünf Flaschen. Frau Plümecke sahen wir nicht.
Am folgenden Tag saß sie wieder auf ihrem alten Platz am Schanktisch. Sie hatte den Kopf verbunden, sah aber sonst menschlich aus. Sie blickte uns streng an. Wir schlugen die Augen nieder. Sie mußte die Lücke im Keller bemerkt haben. Es kam mir schwer an, mit ihr zu reden. Der Blick in den Höllenrachen wollte mir nicht aus der Erinnerung. Es mußte aber unbedingt etwas geschehen. Ich nahm meine ganze Energie zusammen und sagte mit dem herzlichsten Timbre, den ich aufbringen konnte: “Jetzt ist wohl wieder alles in Ordnung. Können wir der mutigen, famosen Wirtin vom Jägerhaus, der Hebe, der Göttin des besten Tropfens des Rheingaues, gratulieren?”
“Ja, ja, der famosen mutigen Frau Wehneibe Plümecke”, trug Toni Bender auch seinen Teil bei, um die Stimmung zu heben.
Stillschweigend kramte Frau Plümecke in ihrer Tasche herum und brachte ein kleines Zeitungspapierpaketchen, das recht unappetitlich aussah, zum Vorschein. “Da sehen Sie!” Sie schob mir das Päckchen über den Tisch zu. Mit bebender Hand öffnete ich es. Acht abgebrochene Zähne, zwei Wurzeln, Stücke vom Kiefer und was weiß ich, was alles so in einem Mund loszubrechen geht, fielen mir entgegen und sprangen mit schauerlichem Geklapper über die Tischplatte. Einen schrecklichen Anblick bot jener mächtige Backenzahn, in welchem, wie eine Lanze in der Leiche eines Nibelungenrecken, der abgebrochene Bohrer stak.
Der Angstschweiß trat uns auf die Stirn angesichts dieser Schädelstätte. Das Geräusch der springenden Zähne gellte uns in den Ohren. Ein namenloses Entsetzen packte uns. Mein Kragen sprang von selbst auf. Meine Krawatte entknotete sich, leise auseinandergleitend wie eine Schlange. Die festen Manschetten lösten sich mit lautem Knall vom Hemd, sprangen in kurzen, ruckhaften Sätzen durch das Zimmer, stießen knirschende Laute aus und krochen dann blitzschnell unter einen Schrank. Die Augen traten mir aus den Höhlen und baumelten an den Nervensträngen hängend wie zwei Monokel auf meiner Weste herum. Toni Benders Brille lief erst an, wurde dann plötzlich weißglühend und schnitt ihm zischend die Nase ab, die in sein Weinglas fiel.
Ich lag vier Tage im Bett. Toni Bender kaufte sich zwölf Flaschen Rum.
Furchtbare Tage, qualvolle Nächte! Immer verfolgte uns das gespenstige Bild jenes danse macabre.
Der Wein vermochte uns nicht mehr zu locken. Das Grauen vor jener furchtbaren Stätte war stärker.
Ich habe dieses entsetzliche Geschehnis in meinem Innersten zu vergraben, zu ersticken gesucht. Ich habe gekämpft, ich habe alles getan, um den Spuk zu bannen. Es ist mir nicht gelungen.
Das letzte Mittel muß ich versuchen: ich muß davon reden, ich muß das Erlebnis in Worte ketten.
Vielleicht werde ich dann Ruhe finden. Vielleicht.
Wenn nicht, dann bleibt Lysol mein einziger Ausweg und das wäre schade um mich, ich habe mir gerade zwei neue Anzüge machen lassen.

(Hermann Harry Schmitz: Herbsttage am Rhein)

Herbsttage am Rhein

Der geschickte Feuilletonist würde nicht Worte genug finden, in höchst anmutiger Form voller Poesie den Zauber der herbstlichen Natur zu schildern.
Es würde ihm gelingen, tiefe Herzenstöne anzuschlagen, die ihre Wirkung auf den gemütvollen Leser nie verfehlten.
Er würde vielleicht in geistvoller Weise eine Parallele ziehen zwischen dem menschlichen Leben und der Natur. Er würde den Herbst ein Memento nennen, das uns zu innerer Einkehr zwinge und uns ans Sterben und Vergehen gemahne. Er würde jene zarte Melancholie bei uns erwecken, der der Mensch beim Fallen der Blätter nur zu gerne geneigt ist nachzuhängen. Tränen würden uns, wenn wir solches beim Morgenfrühstück läsen, über die Wangen rollen und in den ohnehin schon dünnen Kaffee und auf das Krautbutterbrot, vielleicht auch auf die gestärkte Hemdenbrust oder auf die Batistbluse fallen.
Dann würde er es aber auch nicht unterlassen, uns wieder aufzurichten und uns hoffnungsfreudig zuzurufen: “Menschenkind verzage nicht. Nach Wintersnacht kommt der Lenz, der sieghafte Lenz!”
“Menschenkind”, würde er wiederholen, “sieh den Herbst in seiner goldenen Pracht. Lausche seinen Sinfonien. Genieße, was er dir Schönes bietet!”
Dann würde er dir schildern, wie sich der Rhein, unser Rhein, der deutsche Rhein (sie sollen ihn nicht haaaben) heroisch aus den dumpfen Umstrickungen der morgendlichen Nebel befreit und triumphierend seine Silberfluten durch die Lande trägt zu fernen Meeren, wie die schlanken Schiffe ihre Straße ziehn (Fridolin, Fridoliiiin) und der munteren Schiffer kräftiges “Ahoi” den Morgenglast durchdringt, wie die Sonne den Sieg davonträgt über das dräuende Wolkenheer und dort über den Zinnen jener pittoresken Burg (ja, “pittoresken” wird er unbedingt sagen) als Apotheose alles Guten und Edlen emporsteigt.
Dann würde er erzählen, wie er am Abhange eines Berges sitzt und in das Rheintal hinabschaut, wie sein Blick an einem braunen Fleck dort auf jener schon herbstlich verfärbten Waldwiese haftet, und der braune Fleck plötzlich Leben bekommt und ein scheues Reh behende davoneilt.
Von den wackeren Grünröcken, wie sie ausziehen zum fröhlichen Gejaid bei des Hifthorns Klang, würde er dir vorschwärmen. Von den Abenden in der umrankten Laube vor dem Hause, wenn die Römer zusammenklingen und der Blick sich versenkt in die blitzenden, braunen Augen eines rheinischen Mädels, wenn irgendwo eine sonore Männerstimme, von melodischen Akkorden einer Gitarre begleitet, anhebt zu singen, und alle begeistert einfallen: Nur am Rhein, da möcht’ ich leeeeeben!
Ja, ja, so würde des geschickten Feuilletonisten Herzen überquellen, und er würde des Beifalls seiner Leser sicher sein.
Ich aber, der ich seit einigen Wochen hier zwischen Koblenz und Rüdesheim am Rhein sitze, ich kann mir, weiß Gott, nicht helfen, ich kann es nicht länger tragen, der schauerliche Alb muß von mir weichen, ich muß es in die Welt hinausschreien, ich muß davon sprechen – von dem abgebrochenen Bohrer in dem Backenzahn der Wirtin Wehneibe Plümecke im Jägerhaus und von ihren Zahnfisteln.
Tagelang quälte mich diese entsetzliche Sache.
Überall sah ich dicke, verschwollene Backen, blutige Zähne, klaffende Zahnlücken.
Ich suchte vergebens im Alkohol Vergessen zu finden; das schauerliche Bild wich nicht von mir.
Ich floh in die Berge; die Vision verfolgte mich in das einsamste Tal, auf die höchsten Höhen.
Ich kann den Spuk nicht anders bannen: ich muß davon reden.
Wehneibe Plümecke hat den besten Wein im Keller weit und breit. Das ist ihr Stolz.
Sie liebt ihre Sammlung erlesener Jahrgänge mit der fanatischen Liebe eines echten Sammlers.
Nur wenigen Auserlesenen, denen es gelingt, ihre Gunst zu erringen, öffnet sie die Türen ihrer Schatzkammer. Sie rückt aber nie mehr als zwei Flaschen der exquisiten Tropfen auf einmal heraus. Darin ist sie unerbittlich, selbst ihren bevorzugten Stammgästen gegenüber. Wer noch weiter trinken will, muß sich mit den geringeren Sorten begnügen, von denen sie sich ohne großen Schmerz trennt, welche jedoch, wie sie behauptet, für die Böotier noch viel zu schade sind.
Zwei Wochen war ich schon hier und hatte noch keine Ahnung von den Sensationen des Plümeckeschen Kellers. Die Wissenden bewahrten ihr Geheimnis im tiefsten Herzen.
Ich wohnte hier im Hotel zusammen mit meinem Freunde Toni Bender, der schon seit Jahren jeden Sommer in dem alten Rheinstädtchen verbringt.
Toni Bender war einer der bevorzugten Stammgäste im Jägerhaus. Davon hatte dieser Egoist mir nie ein Wort gesagt. Das Jägerhaus war die einzige Schenke, in welcher ich noch nicht gewesen war. Ich hatte Toni verschiedentlich vorgeschlagen, zusammen dort einzukehren. Immer hatte er eine andere Ausrede: Die Wirtin sei so unfreundlich, der Wein sei nicht besonders, das Lokal sei schlecht ventiliert, es sei überhaupt kein angenehmer Aufenthalt. Ich hatte unter diesen Umständen auf das Jägerhaus verzichtet.
Wenn Toni Bender sagte, er gehe sich rasieren lassen, blieb er immer auffallend lange weg.
Das hatte mich auf die Dauer stutzig gemacht.
Eines Tages war ich ihm unbemerkt gefolgt und hatte ihn zu meinem größten Erstaunen verstohlen im Jägerhaus verschwinden sehen.
Dieser Gauner! Ich war ihm nachgegangen und hatte ihn in der riesig gemütlichen Kneipe hinter einer Flasche funkelnden Weines (der geschickte Feuilletonist macht Schule) angetroffen.
Seine haßerfüllten, wütenden Blicke, daß ich hinter sein Geheimnis gekommen, hielten mich nicht ab, mich zu ihm zu setzen, mir vom Schenktisch ein Glas zu nehmen und mir aus seiner Flasche trotz seines erregten Protestes einzuschenken.
Das war ja ein wunderbarer Wein, ein wahrer Göttertrank! Nie war etwas Ähnliches über meine Lippen gekommen.
Ich drehte den Spieß um und machte ihm die heftigsten Vorwürfe über seine im höchsten Grade unfreundschaftliche Handlungsweise. Zählte ihm brutal alle Gefälligkeiten auf, die ich ihm in absolut selbstloser Weise schon erwiesen hatte und erreichte, daß er zum Bewußtsein seines niedrigen Gebarens kam und mir zerknirscht aus seiner Flasche wieder eingoß. Dann ergriff er pathetisch meine Hände und beschwor mich bei allem, was mir heilig sei, nie zu irgend jemand, selbst zu meinem besten Freunde nicht, von diesem Wunderwein zu reden. Er neigte sich zu mir herüber und flüsterte mir geheimnisvoll ins Ohr: “Es gibt nur noch zweihundertvierzig Flaschen dieses Jahrgangs. Versuche es, die Gunst Wehneibe Plümeckes zu erringen, und sie wird dich auch in den Kreis der Begnadeten aufnehmen, denen es vergönnt ist, diesen letzten eines edlen Stammes ein würdiges Ende zu bereiten. Vor allem widersprich ihr nie, sei von einer rührenden Liebenswürdigkeit ihr gegenüber!”
Toni Bender war doch ein guter Kerl. Ich hatte ihm bereits verziehen.
Wehneibe Plümecke war keine anziehende Erscheinung. Nein, das hätte man nicht gerade behaupten können. Außerdem hatte sie, als ich sie bei diesem meinem ersten Besuch sah, eine dicke Backe.
Sie musterte mich mit strengem Blick und schaute vorwurfsvoll von meinem Glas zu Toni hinüber.
Ich wurde überschwenglich und bot ihr mein Leben an, nur müsse sie mir auch von diesem einzigen himmlischen Tropfen geben. Ich überbot mich dann in schamlosen Elogen über den Charme ihrer Erscheinung, die Grazie Ihrer Bewegungen, das Jugendliche und Blühende ihres Aussehens.
Toni Bender bekam einen blauen Kopf und machte sich plötzlich unter dem Tisch zu schaffen. Er hatte sich scheinbar dabei sehr anstrengen müssen, denn er ächzte und stöhnte fürchterlich.
Wehneibe Plümecke schaute mich wohlwollender an. “Tja, tja, tja, ich bin in den besten Jahren, das muß man wohl sagen. Nur die dummen Fisteln, diese ärgerlichen Fisteln. Ich leide nämlich an Zahnfisteln, müssen Sie wissen.”
Dabei öffnete sie den Mund und forderte uns auf, hineinzusehen.
Obgleich ich eigentlich nicht so sehr gern in einen Mund gucke, wo eine Fistel zu sehen ist, tat ich es dennoch mit Rücksicht auf den guten Wein. Ich sagte voll rührender Teilnahme, obgleich ich gar nichts davon verstand, der Zahn scheine mir heraus zu müssen.
Sie entwickelte dann, warm werdend, des Eingehenden sämtliche Fisteltherapien, die bei ihr schon Anwendung gefunden hatten, alle ohne Erfolg. (…)

(Hermann Harry Schmitz: Herbsttage am Rhein. Zweiter Teil folgt.)

Hagebutten am Rhein

Digital StillCameraHeidi Starck fotografiert den Alpenrhein zu allen Jahreszeiten. Auf diesem Bild spiegeln sich spätherbstliche Hagebutten im vorbeieilenden Strom und erwecken den Eindruck, als ob vom Rheingrund eine Grimmsche Kröte nach ihrem Abbild in den lippglossroten Früchten spinxe.

Zum Galgen entrückt

holzbrücke vaduz_5Eine halbe Stunde von Grabs liegen in der Talebene einige Güter, und dorthin wollte sich bei Anbruch der Nacht ein Grabser begeben, sein Vieh zu besorgen.
Lange lief er schon und hatte sein Ziel immer noch nicht erreicht. Er lief, bis er sich todmüde niederlegen musste, und verlor sein Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, befand er sich in einer fremden Gegend. Neben ihm standen gemauerte Säulen und über sich erblickte er einen Querbalken. Er hatte unter dem Galgen bei Vaduz gelegen.
Er war überzeugt, verhext gewesen zu sein, denn über den Rhein führten damals noch gar keine Brücken.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966; Bild: Heidi Starck)

Rheinkiesel (11)

Digital StillCameraDigital StillCamera Digital StillCamera Digital StillCameraVom Schweizer oder Liechtensteiner Damm betrachtet wirken die Kiesbänke des rektifizierten Alpenrheins grau, je nach Sonnenstand auch weißgrau durchmischt. Tatsächlich finden sich in den mehrheitlich grauen Aufschüttungen Kiesel in allen möglichen Farben, häufig z.B. der beliebte Naturstein Verde Andeer in verschiedentlichem Grün. Unsere Bilder (von Heidi Starck) zeigen vier kulinarische Farbbeispiele: Cochenille (die klassische “Campari”-Farbe aus zerstoßenen Läusen) auf Blauschimmel, Pistazie mit Eigelb und Lachsstreifen, Café Crème sowie Flönz mit Speck.

The character of the German literature (the mighty gloom of the Hartz)

On leaving Cologne, the stream winds round among banks that do not yet fulfil the promise of the Rhine; but they increase in interest as you leave Surdt and Godorf. The peculiar character of the river does not, however, really appear, until by degrees the Seven Mountains, and “The Castled Craig Of Drachenfels” above them all, break upon the eye. Around Nieder Cassel and Rheidt the vines lie thick and clustering; and, by the shore, you see from place to place the islands stretching their green length along, and breaking the exulting tide. Village rises upon village, and viewed from the distance as you sail, the pastoral errors that enamoured us of the village life crowd thick and fast upon us. So still do these hamlets seem, so sheltered from the passions of the world, – as if the passions were not like winds, only felt where they breathe, and invisible save by their effects! Leaping into the broad bosom of the Rhine come many a stream and rivulet upon either side. Spire upon spire rises and sinks as you sail on. Mountain and city, the solitary island, the castled steep, like the dreams of ambition, suddenly appear, proudly swell, and dimly fade away.

“You begin now,” said Trevylyan, “to understand the character of the German literature. The Rhine is an emblem of its luxuriance, its fertility, its romance. The best commentary to the German genius is a visit to the German scenery. The mighty gloom of the Hartz, the feudal towers that look over vines and deep valleys on the legendary Rhine; the gigantic remains of antique power, profusely scattered over plain, mount, and forest; the thousand mixed recollections that hallow the ground; the stately Roman, the stalwart Goth, the chivalry of the feudal age, and the dim brotherhood of the ideal world, have here alike their record and their remembrance. And over such scenes wanders the young German student. Instead of the pomp and luxury of the English traveller, the thousand devices to cheat the way, he has but his volume in his hand, his knapsack at his back. From such scenes he draws and hives all that various store which after years ripen to invention. Hence the florid mixture of the German muse, – the classic, the romantic, the contemplative, the philosophic, and the superstitious; each the result of actual meditation over different scenes; each the produce of separate but confused recollections. As the Rhine flows, so flows the national genius, by mountain and valley, the wildest solitude, the sudden spires of ancient cities, the mouldered castle, the stately monastery, the humble cot, – grandeur and homeliness, history and superstition, truth and fable, succeeding one another so as to blend into a whole.

“But,” added Trevylyan, a moment afterwards, “the Ideal is passing slowly away from the German mind; a spirit for the more active and the more material literature is springing up amongst them. The revolution of mind gathers on, preceding stormy events; and the memories that led their grandsires to contemplate will urge the youth of the next
generation to dare and to act.”*

* Is not this prediction already fulfilled? – 1849.

(Edward Bulwer-Lytton, The Pilgrims Of The Rhine, Kapitel IX: Drachenfels, London 1834)