Kölner: Gerald und Metin

Heute lernte ich Gerald (*) kennen, einen äußerst beleibten Mann in seinen besten Jahren. „Tach“, sagte Gerald, als wir an der Ampel warteten, „weißt du was es kostet, wenn man die Feuerwehr verarscht?“ Auch wenn äußere Merkmale oft täuschen, dachte ich, ist Gerald bestimmt nicht bei der Feuerwehr: die schlaffe Haltung, die äußerst nachlässige Kleidung, der imposante Plüschteddy unterm Arm. „Nein, ich hab es ehrlich gesagt noch nicht ausprobiert.“ „Das wird teuer, das sag ich dir. Darf ich du sagen?“ „Klar.“ „Das wird richtig teuer, das weiß ich, und das ist auch richtig so. Das macht alles Sinn. Wenn die Feuerwehr nämlich nicht zu einem Notfall kommen kann, wegen so jemandem, können Menschen sterben. Darum darf man die Feuerwehr nicht verarschen. Ich heiße Gerald, wie heißt du, woher kommst du, was machst du so, was sind deine Anliegen?“ „Ich wollte da im Kiosk was kaufen.“ „Ja klar. Ich bin nämlich verrückt.“ Gerald wartete an der Kioskschwelle, wie es schien, meinen Einkauf ab. Metin (*) vom Kiosk hatte uns bereits beobachtet und steckte Gerald irgendeinen Schokoriegel zu, mit dem der zuvor so kommunikative Mann umgehend verschwand.
„Paß auf, Gerald ist harmlos, aber er merkt sich schon beim ersten Mal alles, was du ihm sagst. Jedes Geburtsdatum meiner Familie weiß er auswendig, besser als ich. Nach einem Jahr kommt er an und gratuliert dir zum Geburtstag. Ich weiß nicht, was er früher gemacht hat, bestimmt was mit Computern. Die Pfleger sollten ihn nicht so rumlaufen lassen. Die sollten darauf achten, daß er sich besser kleidet. Ich gebe ihm mal ein Snickers, mal ein Stück Kuchen, du siehst ja, der Mann braucht ständig Energienachschub“, sagte Metin und lachte: „Verrückt, der ist jetzt verrückt.“

(*) Alle Namen geändert.

Ein Gastbeitrag von Clemens Hofgärtner, der bereits auf allen sechs Kontinenten unterwegs war und vorerst in Köln hängen geblieben ist.


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