Straßburg ist eine virile Stadt

“Straßburg ist eine virile Stadt, deren Kathedralenturm sich steil zum Himmel reckt. Dort überwinterte ich von Januar bis Mai. Aus dem Haus ging ich nur dann, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Draußen war alles eintönig.
Zu dieser Jahreszeit machte die Gleichheit ihrem Namen alle Ehre. Niemand entging der winterlichen Verpackung. Mäntel, Handschuhe, Schals und Stiefel schufen während des Winters die künstliche Gattung der Eingemummelten. Die Menschen waren bloß noch Wollknäuel in Industriefarben. Die Hautfarben waren verschleiert. Eines Tages, als ich auf dem Weg zur Universität war, ging eine alte Frau vor mir her, die meiner Großmutter überaus ähnlich sah, wie ich fand. (…)
Anmutig ging sie in kurzen, schnellen Schritten den Weg entlang. Während ich ihr folgte, lächelte ich innerlich beim Gedanken daran, meiner Großmutter zu erzählen, ich sei einer Weißen begegnet, die aussah wie sie, oder dieser Elsässerin zu eröffnen, sie gleiche meiner Großmutter, die so schwarz war wie Ebenholz.”

(aus: Fatou Diome, Eingeborne zuerst, Sujet Verlag, Bremen 2012. Aus dem Französischen von András Dörner)


Stichworte:
 
 
 

Kommentar abgeben: