O Beyspiel für die Welt

Albrecht von Haller kommt in seinem epochalen Gedicht Die Alpen, das für die Entdeckung der Naturschönheiten der Schweizer Berge zumindest von Seiten der Germanistik verantwortlich gemacht wird, auf die Quellregion des Vorderrheins und zieht aus deren Höhen einen weitblickenden Vergleich mit der Sahara heran, deren Sandwehen in der Tat den einen oder anderen Alpenhang erreicht haben sollen:

„Dann hier, wo Gotthards Haupt die Wolken übersteiget,
Und der erhabnen Welt die Sonne näher scheint,
Hat, was die Erde sonst an Seltenheit gezeuget,
Die spielende Natur in wenig Land vereint:
Wahr ists, das Lybien uns noch mehr neues giebet,
Und jeden Tag sein Sand ein frisches Unthier sieht:
Allein der Himmel hat dieß Land noch mehr geliebet,
Wo nichts, was nöthig, fehlt, und nur was nutzet, blüht:
Der Berge wachsend Eiß, der Felsen steile Wände,
Sind selbst zum Nutzen da, und tränken das Gelände.“

Haller hatte als 19-Jähriger, nach Abschluß seiner Studien im Ausland, im Jahre 1728 eine Reise durch die heimatliche Schweizer Bergwelt unternommen, die ursprünglich botanischen Forschungen zugedacht war. Er schrieb dann allerdings keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern besagtes Langgedicht, dem er voranstellt, daß es sein schwierigstes gewesen sei: „(…) ich wählte eine beschwerliche Art von Gedichten, die mir die Arbeit unnöthig vergrösserte. Die zehensilbigen Strophen, die ich brauchte, zwangen mich so viel besondre Gemählde zu machen, als ihrer selber waren, und allemahl einen ganzen Vorwurf mit zehen Linien zu schliessen. Die Gewohnheit neuerer Zeiten, daß die Stärcke der Gedanken in der Strophe allemahl gegen das Ende steigen muß, machte mir die Ausführung noch schwerer. Ich wandte die Nebenstunden vieler Monate zu diesen wenigen Reimen an, und da alles fertig war, gefiel mir sehr vieles nicht. Man sieht auch ohne mein warnen noch viele Spuren des Lohensteinischen Geschmaks darinn.“ Ganz so wenige Reime sind es dann doch nicht geworden. Ein paar exemplarische, die sich dem Aarelauf widmen, seien an den Schluß gestellt. Der komplette Text ist bei Google Books verfügbar.

„Aus Furkens kaltem Haupt, wo sich in beyde Seen
Europens Wasser=Schatz mit starken Strömen theilt,
Stürzt Nüchtlands Aare sich, die durch beschäumte Höhen,
Mit schreckendem Geräusch und schnellen Fällen eilt;
Der Berge reicher Schacht vergüldet ihre Hörner,
Und färbt die weisse Flut mit Königlichem Erzt,
Der Strom fließt schwer von Gold, und wirft gediegne Körner,
Wie sonst nur grauer Sand gemeines Ufer schwärzt:
Der Hirt sieht diesen Schatz, er rollt zu seinen Füssen,
O Beyspiel für die Welt, er siehts, und läßt ihn fliessen.“


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