Wellen über Wellen: der ausführliche Rheinfall (mit Meiners) im Krünitz (2)

„Schon eine halbe Stunde Weges vor dem Fall, nähmlich vor der prächtigen Rheinbrücke bey Schafhausen, wird das Bett des Rheins so abschüssig, und der Fluß selbst so reißend, daß alle Schiffe ausgeladen werden müssen. Nahe vor dem großen Sturze aber werden seine Gewässer durch unzählige, theils verborgene, theils hervorragende, Klippen in fürchterliche Strudel und schäumende Wellen zerspalten, bis er endlich von einer Höhe von etwa 75 Schuh an einer steilen, aber unebenen Felswand herunterschießt. Gerade an der Stelle, wo die herabstürzenden Fluthen sich mit dem Flusse wieder vereinigen, steigen zwey Felsen hervor, unter welchen der zweyte der größte, der erste aber, den man von der Zürcher Seite sieht, der kleinste und gebrechlichste ist. Sein Fuß ist durch die Gewalt der Wellen größtentheils verzehrt, und es scheint, als wenn eine jede, ihn von neuem angreifende, Wassersäule denselben umwerfen könnte. Dieser Fels macht, daß man nur einen Theil des Wasserfalls, denjenigen nähmlich, übersehen kann, der zwischen ihm und dem Ufer ist, auf welchem man steht. Dieser Theil ist aber unstreitig der wichtigste, und läßt sich wieder in vier Absätze zerlegen. Beym ersten stürzen die Wellen mit einer solchen Gewalt herab, daß es fast unmöglich ist, mit sterblichen Augen einen stärkern sinnlichen Ausdruck von Kraft zu sehen. Schon von diesem ersten Sturze steigen unaufhörlich Wolken über das obere Bett des Flusses empor, und es ist, als wenn man in die Spitze einer mächtigen Wassersäule hineinsähe, die durch künstliche Triebwerke in die Höhe gehoben, und zuletzt in Nebel und feinen Regen zerstäubt würde. Die drey übrigen Fälle sind weniger hoch, allein die Wuth der Wellen ist gerade da am größten, wo sie sich selbst ausgehöhlt haben. Diese Abgründe werfen ohne Unterlaß Strahlen von milchweißem Wasser und dicke Staubwolken aus, deren Gestalten und Wälzungen eben so mannigfaltig als die der Wellen sind, aus denen sie entstehen, und die sichtbar und langsam dem entgegengesetzten Ufer zugetragen werden.”

„Als wir den Wasserfall von der interessantesten Seite betrachtet hatten, stiegen wir wieder zur obern Laube hinauf, entschlossen uns aber sogleich, uns an das andere Ufer des Rheins übersetzen zu lassen. Wir kletterten einen fast unwegsamen und in der That gefährlichen Fußsteig hinab, der an eine der ersten Stellen führt, wo man ohne Gefahr über den Fluß setzen kann. Gefährlich ist dieser Fußsteig deswegen, weil man gar nichts hat, woran man sich halten kann, und er fast durchgehends mit kleinen, glatten und beweglichen Kieseln bedeckt ist, die bey einem unvorsichtigen Tritte unter dem Fuße verschwinden. Der leichte Kahn, in den wir uns setzten, tanzte auf den Wellen des Flusses, der von seinem gräslichen Falle noch heftige unnatürliche Bewegungen und gleichsam Zuckungen litt. Ich gestehe aufrichtig, daß ich nicht ganz ohne Furcht war, ungeachtet ich mehrmahls viel wildere Wellen und heftigere Bewegungen von Schiffen erfahren hatte. Der Führer unsers Kahns war ein junger Bube, der zwar kurz vorher einen guten Freund glücklich hinübergebracht hatte, von dem ich aber doch nicht wußte, wie geübt er war, und ob er nicht durch eine einzige ungeschickte Bewegung unsern kleinen Nachen umwerfen könnte. Eben dieß konnte auch geschehen, wenn einer von uns sich vor einem unvorhergesehenen Schrecken zu sehr auf die eine oder andre Seite neigte. Die größte Gefahr, in die wir wirklich kamen, hatte ich gar nicht einmahl geahndet, daß wir nähmlich mitten auf dem Strome von einem heftigen Windstoße getroffen werden konnten. Wir erreichten aber glücklich das andere Ufer, und übersahen nun freylich die ganze Breite, und alle Abtheilungen des Wasserfalls mit einem Blick; allein dieß Schauspiel war doch noch mehr neu und seltsam, als groß und Bewunderung erregend, indem man schon zu weit entfernt ist, als daß man die Kraft und Geschwindigkeit der Wellen recht wahrnehmen könnte. Wir gingen in den Drathzug, der im Wasserfalle selbst angelegt ist, und durch die gebändigten Wellen des Rheins getrieben wird. Ungeachtet es regnete, und ich mich durch nasses Gras und Buschwerk durcharbeiten mußte, so stieg ich doch an dem Rande des Katarakts hinab, welchem ich jetzt am nächsten war. Hier ist der Sturz des Wassers immer noch heftig, aber doch so weit unter dem entsetzlichen Falle an der entgegengesetzten Seite, daß ich meine Mühe gar nicht belohnt glaubte. Auf der Rückfahrt sahen wir die Majestät des ganzen Falls viel besser, als von dem Ufer, das wir zuletzt verlassen hatten. Die ganze Scene wurde auf einen Augenblick von der Sonne erleuchtet, durch welche Erleuchtung uns alles viel näher gebracht, und sowohl die weiße Farbe der Wellen und Staubwolken, als die bläulichen und grünlichen Streifen, die man hin und wieder in dem herabstürzenden Wasser sieht, sehr gehoben wurden. Regenbogen sahen wir nicht; allein diese entbehrte ich am leichtesten, weil man sie eben so gut bey künstlichen Cascaden, und doch bey keinem Wasserfalle so schön und prächtig, als am Himmel selbst sehen kann. Auf der Rückfahrt schien es uns immer, als wenn wir dem Wasserfalle viel näher kämen, als wir ihm bey der Abfahrt vom Zürcher Ufer gewesen waren: eine Täuschung, die unstreitig daher entstand, daß wir das ganze furchtbare Schauspiel jetzt gerade vor Augen hatten.”

„Im Anfange oder in der Mitte des Julius, da wir ihn sahen, ist der Fall am schönsten, weil der Rhein alsdann am wasserreichsten ist. Früher schmilzt der Schnee noch nicht recht auf den hohen Gebirgen, und einige Wochen später ist das meiste weggeschmolzen, was sich den letzten Winter von schmelzbarem Schnee gesammelt hat. Im Winter sind alle Seen und Flüsse in der Schweiz am kleinsten, und alsdann ist der Rhein unmittelbar unter dem Falle so ruhig, das man bis an den zweyten und größten Felsen hinanfahren kann, welches jetzt eine durchaus unmögliche Unternehmung wäre. So ungeheuer aber auch die Gewalt des herabstürzenden Stroms und so hoch das Felsenbett ist, von welchem er herunterfällt, so versichern doch glaubwürdige Leute, daß die Lachse es oft versuchen, gegen den Fall hinanzuspringen. Sie sollen gleichsam auf oder an den hervorstehenden Klippen Ruhepunkte nehmen, und zuweilen in mehreren Absätzen das höhere Bett erreichen, öfters aber zurückgetrieben und verwundet, oder gar zerschmettert werden.”

„Wenn man den Rheinfall in der Jahreszeit sieht, worin wir ihn sahen, so muß man nothwendig den Wahn einiger Engländer belachen, welche glaubten und darauf wetteten, daß ein kleines Boot oder Schiff, ohne umgeworfen oder zerschmettert zu werden, auf den herabschießenden Wellen hinuntergleiten könnte. Das Fahrzeug, womit man den seltsamen Versuch anstellte, wurde in so viele Trümmer zerschlagen, daß man in ihnen kaum die Ueberbleibsel eines Kahns erkennen konnte.”

„Viele Reisende sind der Meinung, daß der Rheinfall viel mehr Eindruck haben würde, wenn das Wasser sich nicht an einer schiefen Wand herunterwälzte, sondern von dem obersten Rande einer senkrechten Felswand in den leeren Luftraum fiele, und sich alsdann in Staub oder feine Tropfen auflösete. So viel ich aber urtheilen kann, würde der Rheinfall durch diese gewünschte Verwandlung alles Große verlieren, weil man alsdann nicht mehr die Kraft und Geschwindigkeit des fallenden Flusses bemerken könnte, die jetzt in ein so hohes Erstaunen setzt. Es würde eine zwar kostbare, aber gar nicht unmögliche, oder die Kräfte des Cantons übersteigende Unternehmung seyn, die Felsen im Rheinbette so weit zu sprengen, daß der Fluß schiffbar würde; allein so etwas wird vermuthlich niemahls ausgeführt werden, weil dadurch eine Menge von Personen, die jetzt vom Ein= und Ausladen und dem Transporte der vorbeygehenden Waaren leben, auf einmahl ihre Nahrung verlieren würden.”

(aus: Johann Georg Krünitz, Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, 1773-1858)


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