Monatsarchiv für Oktober 2013

 
 

Presserückschau (Oktober 2013)

Ob am Rhein praktisch nichts mehr passiert, ob wir aufgrund andauernder Rheinferne ein wenig den Blick für doch vorhandene Geschehnisse verloren haben, ob die Oktobersonne das Sommerloch erneut aufgerissen hat oder unsere ausgeklügelten Suchalgorithmen sich nur noch auf Irrelevantes stürzen: der Oktober wartet mit gerade einmal vier archivierenswerten Meldungen auf, von denen die erste und die letzte vor allem deswegen aufgenommen wurden, weil sie eine tausendjährige Tradition mit einer weiteren Tausendjahresgarantie verknüpfen. Daß die anderen beiden von wenig mehr handeln, als daß Steine in den Rhein geschüttet werden, veranlaßt uns darüber nachzudenken, ob künftig an dieser Stelle auch – notfalls selbstproduzierte – Meldungen über Uferbesucher plaziert werden sollten, die Steine übers Wasser hüpfen lassen:

1
Aus einer Ankündigung für die Sendung Rhein kulinarisch des SR Fersehens: „Hier “huldigt” man “Weck, Worscht und Woi”, denn kulinarisch lieben es die Mainzer durchaus deftig. Auf dem Wochenmarkt präsentieren die Bauern der Region ihr reichhaltiges Angebot. Und was ein echter “Meenzer” ist, der lässt sich beim Bummel die heiße Fleischwurst nicht entgehen.“

2
Die Axpo schüttet für Millionen Franken Kies in den Hochrhein zwischen Koblenz und Rheinau, meldet der Landbote. Als Besitzerin des Wasserkraftwerks Eglisau-Glattfelden sei sie dazu verpflichtet, um den Geschiebebetrieb des Rheins aufrechtzuerhalten: “Ein solcher Betrieb meint, dass ein Fluss Steine an einem Ort ab- und an einem anderen Ort wieder antransportiert. Da ein Kraftwerk nicht nur Wasser, sondern auch Geschiebe staut, ist der natürliche Geschiebehaushalt gestört.”

3
Auch bei Spijk wurde der Rhein mit rund 425.000 Tonnen Basalt und Kalkstein aus Steinbrüchen in Belgien und Deutschland aufgefüllt. In der Grenzregion hatten sich bis zu fünf Meter tiefe Kolke in der Rheinsohle gebildet. Wo es am Hochrhein um bessere Laichmöglichkeiten, somit um den Erhalt mehr oder minder gefährdeter Fischarten (siehe Meldung 2) geht, geht es am Niederrhein um die Aufrechterhaltung der Schifffahrt: “Ungefähr 200 Schiffsladungen (…) wurden unter Wasser eingebaut. Schiffe mit geteiltem Laderaum und Ortungsgeräten – sogenannte Klappschuten – brachten das Gestein ins Wasser. Mittels Satellitennavigation wurde es exakt und passgenau auf dem Grund des Rheins verteilt. (…) Erstmals kam das Schiff “Catharina 6″ einer niederländischen Firma erfolgreich zum Einsatz. Der rund 20 Meter lange Schlepper mit Heimathafen Rotterdam ist mit einer Art Unterwasser-Egge ausgerüstet”, weiß 02elf.net zu berichten.

4
Und noch eine kulinarische Nachricht aus dem Rheingau: “Wenn die letzten Trauben vom Stock geschnitten sind und es in den Kellern brodelt, dann sind die Rüdesheimer wieder unter sich. „Jetzt wird’s gemütlich“, sagen sie (…). Den Federweißen feiern die Rüdesheimer nun schon seit über 25 Jahren. Mit Budenzauber der Rheingauer Art und vielen (oft ganz spontanen) Darbietungen, mit Zwibbelkuche und Schmalzebrote und mit ganz viel persönlichem Einsatz. Auch die Herbst-Muck ist unterwegs mit Rebenkranz und Tonscherbe. (…)” – so steht es auf rheingau.net zu lesen.

Weil das keineswegs alles gewesen sein kann, holen wir den Läusekamm und suchen die Nachrichten nochmals genaustens ab. Und siehe da, es läßt sich doch noch ein verstecktes Ei hervorzaubern: ”Auf der Rhein-Ministerkonferenz (…) haben sich die Rhein-Anrainerstaaten darauf verständigt, dass der Lachs in Zukunft leichter aus dem Atlantik den Rhein bis nach Basel hochwandern kann. Konkret geht es darum, dass die Stauwehre durch Fischtreppen durchlässiger für den Lachs werden sollen. (…) Die Rhein-Ministerkonferenz mit Deutschland, der Schweiz, Österreich, Liechtenstein, Frankreich und dem belgischen Wallonien hatte zuletzt vor sechs Jahren getagt. Jetzt beschlossen die Umweltminister außerdem, die Wasserqualität des Rheins zu verbessern. Dazu sollen Rückstände von Medikamenten, Insektiziden und Hormonen bekämpft werden.” (SWR, Landesschau aktuell)

Das Luser-Wible

triesen-je-t-aime_klEin Triesner hatte eine böse Frau, und der Mann liebte die Reinlichkeit nicht besonders. Das Weib nannte ihn mit Vorliebe “Luser”, dem Mann war es aber auf Dauer zu bunt, und im Zorn warf er seine Ehehälfte kurzerhand in den Rhein.
Solange es dem Weiblein möglich war, rief es aus den Wellen heraus noch immer “Luser, Luser”, und als ihm das Wasser schon in den Mund floss und es nicht mehr reden konnte, hob es die Daumen und Zeigefinger beider Hände in die Höhe und deutete die Bewegungen des Läusefangens an; so standhaft war sie.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bild: Heidi Starck)

Die Irrwurzel

triesen_wunderland Ein Mann ging in einer Winternacht von Vaduz nach Triesen, doch er kam nicht ins Dorf. Vier Stunden lang lief er im Schnee, ohne das Licht eines Hauses zu sehen. Um zwei Uhr nachts war es ihm, als ob er aus einem Traum erwache, und er erkannte, dass er beim Galgen von der Straße abgewichen und nun beim Rhein draussen war, von wo er bald nach Hause kam.
Am nächsten Morgen ging er zum Galgen hinunter, um zu sehen, wo er gelaufen war. Die Spuren im Schnee zeigten ihm, dass er herumgeirrt war, vier volle Stunden lang. Er glaubte fest daran, dass er auf eine Irrwurzel getreten sei.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bild: Heidi Starck)

Rheinkiesel (6)

Digital StillCameraDer Rheinverlauf als Abbild seiner selbst auf einem Kiesel. Insbesondere der junge Rhein legt zahlreiche Informationen in seinen Mitführseln, den Kieseln, an und frei. Die wandernden Kiesbänke des heute begradigten Alpenrheins lassen sich demnach als ständig im Wandel begriffene Mosaiken betrachten, als Lithotheken, in denen der Fluß sein Wissen bewahrt, ausstellt, aufbahrt. Diese Autokartografie, die einen unbekannten Abschnitt zeigt, wurde auf einer Triesner Kiesbank entdeckt, was nahelegt, daß sie eine alpine Passage weit vor der Zeit der Flußbegradigung darstellt. (Bild: Heidi Starck)

Een reisje langs den Rijn

Laatst trokken we uit de loterij
Een aardig prijsje
‘k Zei tot mijn vrienden: ‘Maak met mij
Een aardig reisje.’
Die wou naar Brussel of Parijs
Die weer naar Londen
‘Vooruit!’ riep ik, ‘wij maken fijn
Een reisje langs den Rijn!’
In een wip, sakkerloot
Zat het clubje op de boot

Refrain:
Ja, zoo’n reisje langs den Rijn, Rijn, Rijn
‘s Avonds in den maneschijn, schijn, schijn
Met een lekker potje bier, bier, bier
Aan den zwier, zwier, zwier
Op d’rivier, vier, vier
Zoo’n reisje met een nieuwerwetsche schuit, schuit, schuit
Allemaal in de kajuit, juit, juit
‘t Is zoo deftig, ‘t is zoo fijn, fijn, fijn
Zoo een reisje langs den Rijn

Zoo kwamen we met prachtig weer
Het eerst bij Keulen
Mijn tante walste over ‘t dek
Als een jong veulen;
Oome Kees nam zijn harmonica
En ging aan ‘t trekken
En dadelijk zong kromme teun
‘Deutschland! wie bist du schon!’
Nichtje Saar, welk gevaar
Riep: ‘Houdt op, ik word zoo naar!’

Refrain:
Ja, zoo’n reisje langs den Rijn, Rijn, Rijn
‘s Avonds in den maneschijn, schijn, schijn…

Bij Mannheim kwam er bliksem
Het begon te waaien
Mijn tante riep: ‘Het schip vergaat
We zijn voor de haaien!’
Zij vloog naar de commandobrug
En riep: ‘Kap’teintje
Beneden in de eerste klas
Ligt nog mijn beugeltasch
O kap’tein! maak geen gijn
Geef me een slokkie brandewijn!’

Refrain:
Ja, zoo’n reisje langs den Rijn, Rijn, Rijn
‘s Avonds in den maneschijn, schijn, schijn…

(Das Lied stammt aus dem Jahr 1906, der Text von Louis Davids. Hier nachzuhören in einer Interpretation von Willy & Willeke Alberti - als außergewöhnlich karnevalistisches Arrangement für den calvinistisch geprägten Stamm der Niederländer.)

Rijndoorst: Sonderausgabe der DW B über den Rhein aus flämisch-niederländischer Sicht

Die Dietsche Warande & Belfort (DW B) erscheint heuer im 158. (!) Jahrgang und ist somit die älteste noch existierende Literaturzeitschrift in niederländischer Sprache. Ob die DW B sich in ihrer langen Geschichte bereits gesondert dem Rhein gewidmet hat, ist uns nicht bekannt. Diesen Oktober erschien mit “Rijndorst” eine Themenausgabe, in der sich belgische, britische und niederländische AutorInnen (sowie rheinsein als deutscher Beiträger) mit rheinischer Geschichte und Gegenwart beschäftigen.

Herausgeber Bas Groes analysiert im Vorwort „Mythologieën van verlies: de Rijn in de eenentwintigste eeuw“ die Rolle des Stroms als europäisches Symbol in Zeiten der „Ökonomisierung, Banalisierung, Balkanisierung und Trivialisierung des kulturellen Erbguts“, stellt Vergleiche mit der Themse an und zieht, mit den AutorInnen der Ausgabe, den Bogen von der rheinischen Sagenwelt um Wagners Rheintöchter bis in die heutige, auf neoliberalistischem Dung gedeihende Gesellschaft.

B. Zwaal schickt einen Wassertropfen aus dem Reno di Lei auf lyrisch-lakonische Reisen. Der „druppel“ „loreleyt niet“, „nibelingt niet“ und verliert sich schließlich Richtung Themse in einem Deltageäder, das bis Calais im nördlichen Süden und in ein Wolgalied im tiefen Osten reicht.

Den Wasserwegen auf Höhe der Merwede widmet Jan van Mersbergen zusammenhängende Miniaturen: „Met de kano peddelde ik over hele grote bladeren die als eilanden in het water lagen. Ik dacht aan de poster die vroeger in mijn kamer an de muur hing. Er stond en doorsnede op van een Hollandse sloot. Met vissen, planten, kleine beestjes. De sloot op de poster leek helemaal vol leven te zitten. Dat kende ik niet, want in de sloten bij ons in de polder leek vooral kroos te groeien. Er zat wel wat vis, kleine visjes, maar dat was het wel. Ik voer ook langs mooie wite waterbloemen. Later heb ik opgezocht hoe ze heten. Ik voer naar het kanaal. Daar tilde ik de kano van het riviertje in het kanaal, bij het betonnen aquaduct. Ik peddelde het recht uitgegraven kanaal uit. Gegraven door machines, hoopte ik, want ik had wel eens gehoord dat werklozen ingezet werden om kanalen te graven en de klei is hier zwaar en na een paar steken zit je hier op het grondwater en dan loopt ieder gat vol en wordt het noog zwaarder. De bruggen hebben gele relingen hier. Betonnen bruggen met asfalt erop. Het geel steekt af tegen de lucht, vanaf het water gezien, en tegen het gras en het water als je op de weg staat. Ik rookte een sjekkie, zittend op die reling.“

Atte Jongstra schickt, frei nach Jan Frederik Helmers, ein Selbstportrait des Rheins „vol liefde“ auf den Weg, verknüpft in seinen Zeilen die Vatereigenschaften des Stroms mit der Loreley mit der Unbefleckten von Lobith mit den schönen Dünen Katwijks, um hernach Joep Leerssens kurze Geschichte der niederländisch-belgischen Rheindichtung (und worin sie sich von der deutschen abhebt) zu skizzieren.

In „Drijfijs“ treibt Miek Zwamborn auf Zeitreise durch Europa, meist entlang des Rheins, läßt sich von getrockneten Blüten und alten Burgen leiten, schlägt mit Franz Reichelt und seinem unzureichenden Fallschirm bei seinem Todessprung vom Eiffelturm ein 14 Zentimeter tiefes Loch in den gefrorenen Boden von Paris und läßt uns am Konstanzer Wasserwunder teilhaben, als der Rhein eines Vormittags rückwärts floss.

In Düsseldorfer Rheinszenarien versetzt uns John Worthen, der Robert Schumanns letzte Tage auf Erden beschreibt, inklusive seines gescheiterten Selbsttötungsversuchs im eiskalten Strom, bevor sechs unserer Liechtenstein-Sonette aus Das Lachen der Hühner, in niederländischer Übertragung von Lucas Hüsgen, den Rheinschwerpunkt beschließen.

Die DW B hat eine schöne Website, die nebst Leseproben aus “Rijndorst” auch die üblichen Bestellmöglichkeiten bietet.

In Gottes oder in Teufels Namen

triesenin gottes oder teufels namen

Eines Abends wurde am Triesner Oberdorf um zehn Uhr, wie es Brauch war, eine Spinnstube geschlossen, und die Unterdörfler fuhren mit ihren Schlitten heimzu. Ein Bursche lud sein Mädchen zur Fahrt ein.
“Ja, so fahren wir halt in Gottes Namen”, sagte es. “Fahr du in Gottes Namen, ich fahre in Teufels Namen”, war die Antwort, und dahin ging es. Bald fiel das Mädchen vom Schlitten, nahm aber keinen Schaden. Der Bursche aber konnte nicht mehr halten, fuhr geradewegs in den Rhein und ertrank elendiglich.
Digital StillCamera

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bilder: Heidi Starck)

But in Holland activity destroys, in Germany indolence nourishes, romance

“Our travellers arrived at Rotterdam on a bright and sunny day. There is a cheerfulness about the operations of Commerce, – a life, a bustle, an action which always exhilarate the spirits at the first glance. Afterwards they fatigue us; we get too soon behind the scenes, and find the base and troublous passions which move the puppets and conduct the drama.

But Gertrude, in whom ill health had not destroyed the vividness of impression that belongs to the inexperienced, was delighted at the cheeriness of all around her. As she leaned lightly on Trevylyan’s arm, he listened with a forgetful joy to her questions and exclamations at the stir and liveliness of a city from which was to commence their pilgrimage along the Rhine. And indeed the scene was rife with the spirit of that people at once so active and so patient, so daring on the sea, so cautious on the land. Industry was visible everywhere; the vessels in the harbour, the crowded boat putting off to land, the throng on the quay, – all looked bustling and spoke of commerce. The city itself, on which the skies shone fairly through light and fleecy clouds, wore a cheerful aspect. The church of St. Lawrence rising above the clean, neat houses, and on one side trees thickly grouped, gayly contrasted at once the waters and the city.

“I like this place,” said Gertrude’s father, quietly; “it has an air of comfort.”

“And an absence of grandeur,” said Trevylyan.

“A commercial people are one great middle-class in their habits and train of mind,” replied Vane; “and grandeur belongs to the extremes, an impoverished population and a wealthy despot.”

They went to see the statue of Erasmus, and the house in which he was born. Vane had a certain admiration for Erasmus which his companions did not share; he liked the quiet irony of the sage, and his knowledge of the world; and, besides, Vane was at that time of life when philosophers become objects of interest. At first they are teachers; secondly, friends; and it is only a few who arrive at the third stage, and find them deceivers. The Dutch are a singular people. Their literature is neglected, but it has some of the German vein in its strata, – the patience, the learning, the homely delineation, and even some traces of the mixture of the humorous and the terrible which form that genius for the grotesque so especially German – you find this in their legends and ghost-stories. But in Holland activity destroys, in Germany indolence nourishes, romance.”

(Edward Bulwer-Lytton, The Pilgrims Of The Rhine, Kapitel V: Rotterdam, London 1834)

Föhn (2)

Digital StillCamera

Digital StillCamera

Digital StillCamera

Nicht nur bereitet der Föhn Wetterfühligen gesundheitliche Probleme und erhöht die Brandgefahr: zu Sonnenauf- und -untergang entzündet er den Himmel in spektakulären Farben (Bilder: Heidi Starck), die Atmosfäre wirkt wie ein Vergrößerungsglas, das Tal rückt zusammen, Föhnfische (Lenticulariswolken) ziehen über den Himmel, während Gischtkämme den Nacken des Alpenrheins striegeln.

Föhn

Digital StillCamera Digital StillCamera Digital StillCamera

Der Föhn heizt Ende Oktober durchs Alpenrheintal und löst Sandwehen von den Kiesbänken. Die Tages-, sogar die Nachttemperaturen betragen bis zu 26° Celsius. (Bilder: Heidi Starck)

Kölner: Gerald und Metin

Heute lernte ich Gerald (*) kennen, einen äußerst beleibten Mann in seinen besten Jahren. „Tach“, sagte Gerald, als wir an der Ampel warteten, „weißt du was es kostet, wenn man die Feuerwehr verarscht?“ Auch wenn äußere Merkmale oft täuschen, dachte ich, ist Gerald bestimmt nicht bei der Feuerwehr: die schlaffe Haltung, die äußerst nachlässige Kleidung, der imposante Plüschteddy unterm Arm. „Nein, ich hab es ehrlich gesagt noch nicht ausprobiert.“ „Das wird teuer, das sag ich dir. Darf ich du sagen?“ „Klar.“ „Das wird richtig teuer, das weiß ich, und das ist auch richtig so. Das macht alles Sinn. Wenn die Feuerwehr nämlich nicht zu einem Notfall kommen kann, wegen so jemandem, können Menschen sterben. Darum darf man die Feuerwehr nicht verarschen. Ich heiße Gerald, wie heißt du, woher kommst du, was machst du so, was sind deine Anliegen?“ „Ich wollte da im Kiosk was kaufen.“ „Ja klar. Ich bin nämlich verrückt.“ Gerald wartete an der Kioskschwelle, wie es schien, meinen Einkauf ab. Metin (*) vom Kiosk hatte uns bereits beobachtet und steckte Gerald irgendeinen Schokoriegel zu, mit dem der zuvor so kommunikative Mann umgehend verschwand.
„Paß auf, Gerald ist harmlos, aber er merkt sich schon beim ersten Mal alles, was du ihm sagst. Jedes Geburtsdatum meiner Familie weiß er auswendig, besser als ich. Nach einem Jahr kommt er an und gratuliert dir zum Geburtstag. Ich weiß nicht, was er früher gemacht hat, bestimmt was mit Computern. Die Pfleger sollten ihn nicht so rumlaufen lassen. Die sollten darauf achten, daß er sich besser kleidet. Ich gebe ihm mal ein Snickers, mal ein Stück Kuchen, du siehst ja, der Mann braucht ständig Energienachschub“, sagte Metin und lachte: „Verrückt, der ist jetzt verrückt.“

(*) Alle Namen geändert.

Ein Gastbeitrag von Clemens Hofgärtner, der bereits auf allen sechs Kontinenten unterwegs war und vorerst in Köln hängen geblieben ist.

Straßburg ist eine virile Stadt

“Straßburg ist eine virile Stadt, deren Kathedralenturm sich steil zum Himmel reckt. Dort überwinterte ich von Januar bis Mai. Aus dem Haus ging ich nur dann, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Draußen war alles eintönig.
Zu dieser Jahreszeit machte die Gleichheit ihrem Namen alle Ehre. Niemand entging der winterlichen Verpackung. Mäntel, Handschuhe, Schals und Stiefel schufen während des Winters die künstliche Gattung der Eingemummelten. Die Menschen waren bloß noch Wollknäuel in Industriefarben. Die Hautfarben waren verschleiert. Eines Tages, als ich auf dem Weg zur Universität war, ging eine alte Frau vor mir her, die meiner Großmutter überaus ähnlich sah, wie ich fand. (…)
Anmutig ging sie in kurzen, schnellen Schritten den Weg entlang. Während ich ihr folgte, lächelte ich innerlich beim Gedanken daran, meiner Großmutter zu erzählen, ich sei einer Weißen begegnet, die aussah wie sie, oder dieser Elsässerin zu eröffnen, sie gleiche meiner Großmutter, die so schwarz war wie Ebenholz.”

(aus: Fatou Diome, Eingeborne zuerst, Sujet Verlag, Bremen 2012. Aus dem Französischen von András Dörner)

Vaduzer Gleichung

vertrauen-durch-sicherheit_2sicherheit-durch-vertrauenDie sogenannte “Vaduzer Gleichung” (auch “Vaduzer Doppelgleichung”) ist eine Formel, die ursprünglich aus der Kundenwerbung im Bankenwesen stammt. Ende der 80er Jahre entdeckt, konnte die hypnotische Beruhigungswirkung der Gleichung 1991 erstmals wissenschaftlich nachgewiesen werden. Seither wird sie verstärkt auch in anderen Branchen eingesetzt, etwa in der dem Bankenwesen untergeordneten Politik, insbesondere zu Wahlkampfzeiten. Auch wenn die Wirkung der Formel nachweisbar ist, bleiben die Gründe dafür umstritten. Schwuttkes These, die Wirkweise der Formel begründe sich in ihrer inhaltlichen Selbstannullierung, welche auf die Menschen eine gleichsam mystisch manifestierte Anziehung ausübe, widerspricht Strondtner, der dem wörtlichen Inhalt der Formel keinerlei Bedeutung zumißt, sondern allein in der formalen Existenz der Doppelgleichung und ihrer zufälligen Bestückung mit den “richtigen” Buchstaben ihre Wirkweise sieht, was zugleich bedeute, daß die Formel ebensogut mit anderen Buchstaben bestückt werden könne, die dann eine ähnliche Wirkung entfalten. Insgesamt sei die ursprüngliche Gleichung, so Strondtner, bereits sehr gelungen, schlage sie doch bei 80 Prozent der Betrachter sofort an und erziele nachhaltige Wirkung bei immerhin jedem zweiten Probanden.