Eingeborne zuerst

“Der Chef sprach Elsässisch, trug ein Hitlerbärtchen und einen Hut mit einer Banderole in den Farben Frankreichs auf dem Kopf. Die Art, in der er mich musterte, sagte mir, dass die Würfel schon gefallen waren. Monsieur mochte offensichtlich keine wandelnde Schokolade. Ich rang mich zu einem Lächeln durch und sagte zu ihm:
“Guten Tag, ich komme wegen der Stellenanzeige.” (…)
“Jo, jo, schwätzt du denn’s bizzeli El-säs-sisch?”
In der Anzeige stand ja tatsächlich: “Dialekt erwünscht”. Den konnte ich auch vorweisen, allerdings meinen, nicht seinen. Ich hatte geglaubt, Franzosen würden mindestens so gut Französisch sprechen wie diejenigen, die einst von ihnen kolonisiert worden waren. Doch in sprachlicher Hinsicht war ich französischer als ein Landsmann von Victor Hugo. Als wäre das nicht genug, verlangte der Bäcker von mir, ich solle zwischen Kunden und Geschäft eine elsässische Brücke bauen. Da gab ich ihm die Antwort, die er erwartete und erhoffte:
“Nein, Monsieur.”
Obwohl ich erst seit zwei Jahren Gugelhupf aß, forderte er doch tatsächlich von mir, ich solle schon dieselbe Sprache sprechen wie er. (…) Als wollte er im selben Atemzug seine Absage rechtfertigen und mich demütigen, fragte er mich:
“Àwer warum schaffe Sie denn nit dahem?”
Dieses “Sie” hatte nichts mit Höflichkeit zu tun, denn zuvor hatte er mich ja geduzt, eher mit einer Tüte, genauer gesagt einer Mülltüte. In die stopfte er alle Ausländer rein, die er noch lieber in den Rhein geschmissen hätte. Deswegen hatte ich das Recht, ja die Pflicht, unhöflich zu werden. Ich explodierte innerlich:
“Du solltest mich fragen, wie es so weit kommen konnte, dass ich sogar nach deinem Drecksjob lechze. Zwei Jahre hat meine Vagina einem Schwanz wie deinem die Ehre erwiesen, einem französischen Glied mit Gummiüberzug, das mir nichts als Schamläuse hinterlassen hat. Hätte sich auch nur ein einziges seiner Spermien in meine Gebärmutter verirrt, die Familienkasse hätte einen Grund gehabt, um für meinen Lebensunterhalt zu sorgen, oder vielmehr um ein Kind mit französischen Genen zu ernähren. Für mich wären da schon noch ein paar Überlebenskrümel übrig geblieben. Doch es ist anders gekommen. Meine Gefühle haben mich ins Exil getrieben, und das Prinzip “Eingeborne zuerst!”, dem auch meine Schwiegereltern frönten, hat über meine Freiheitsträume die Oberhand gewonnen. Wiedersehen Monsieur. Ihr habt unsere Böden ausgelaugt. Ihr habt uns aus Eigennutz Erdnüsse und Zuckerrohr anbauen lassen. Ihr habt unsere Phosphat- und Aluminium- und Goldvorräte geplündert. Ihr habt euch auf unsere Kosten bereichert. Zur Krönung des Ganzen habt ihr meine Landsleute zu senegalesischen Infanteristen gemacht, zu Kanonenfutter für einen Krieg, der nicht der ihrige war. Ihr habt sie töten lassen. Im Namen der Freiheit! Auf ihrem eigenen Boden habt ihr sie ihnen verweigert, die Freiheit. Der Krieg hat auf weißem Boden gewütet. Dort ruht das Auge meines Großvaters. Ein Granatsplitter hat es ihm geraubt. Dieses Auge, Monsieur, es ist immer noch da. Es sieht euch an, spiegelt eure damaligen Scheußlichkeiten, schaut, was ihr mit den Unsrigen macht, die gekommen sind, es zu holen. Was mich hergeführt hat, war der Blutgeruch der Meinen. Diese hatten ihre fruchtbaren Frauen zurückgelassen und wurden trotz ihrer Tapferkeit in Dünger für eure hochmütige Erde verwandelt. Ich bin gekommen, weil ich die Melodien des Kriegs hören konnte, die den vielen Kreuzen Verduns entströmen und bis nach Afrika dringen. Ich bin gekommen, der Wahrheit genüge zu tun. Ihr habt mir das Lied “Unsere Vorfahren, die Gallier” beigebracht. Doch ich begriff, dass die Wahrheit anders klingt. Ich will Ihren Kindern das Lied “Unsere Stützen, die senegalesischen Infanteristen” beibringen. Frankreich gleicht einem Kornspeicher auf Pfählen und manche von ihnen sind afrikanischen Ursprungs.”

(aus: Fatou Diome, Eingeborne zuerst, Sujet Verlag, Bremen 2012. Aus dem Französischen von András Dörner)


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