Theodor Fontane sinniert am Rheinfall u. a. über eine höhere Rasse

“Liebe Frau.

Ich blieb im „Storch“ drei Stunden länger als ich berechnet hatte. Schönheit und Liebenswürdigkeit der Wirtin waren nicht schuld daran; sie sah aus, als habe sie der Storch zu viel oder zu wenig gebissen. Ihr Antlitz klärte sich auch nicht auf, wohl aber das Wetter. Dies bestimmte mich, nicht direkt nach Konstanz, sondern nur bis Neuhausen (Station in Nähe von Schaffhausen) zu gehen. Man bleibt jetzt in der Regel an diesem Ort, weil man den Rheinfall von hier aus am schönsten sieht. Auch das Gasthaus ist hier am besten; echt englisches Hotel, in dem man wieder Mensch wird. Viel tragen zu dieser wohltuenden Erscheinung allerdings die Engländer selbst bei; richtiger die Engländerinnen. Ich will dies alte Streitthema nicht zum hundertsten Male behandeln, aber es ist so, wie ich es sage. Durch Abstammung, Erziehung, Pflege, Freiheit und allerglücklichste Lebensverhältnisse repräsentieren sie schließlich eine höhere Rasse. Das ganze Volk trägt einen aristokratischen Stempel. Was bei uns in Exemplaren vorkommt, kommt bei ihnen massenhaft vor. Auch bei uns gibt es Rosen, aber im Rosental zu Kaschmir wachsen sie wild.
Die ganze Rheinfall-Szenerie übertrifft weitaus meine Erwartungen, so das ganze Rheintal überhaupt, in dem wir gestern hierher fuhren. Rheinfelden, Säckingen und vor allem Laufenburg sind sehr schön. Schon vor zehn Jahren, als ich von Interlaken und Zürich aus heimkehrte, bin ich daran vorüber gefahren, aber ohne das Geringste zu sehen. So reist man jetzt. Wahrscheinlich war ich müde und streckte auch nicht ein einziges Mal den Kopf zum Fenster hinaus. Der Rheinfall wirkt wie die Jungfrau. Was der Schnee dort tut, tut hier der Wasserschaum. Man steht hier wie dort einem Etwas gegenüber, das Einen durch Reinheit beglückt. Dazu verwandte Farbenwunder. Inmitten dieser Schaummasse, die völlig wie ein Schneesturz niederdonnert, werden smaragdene Töne sichtbar, die an Schönheit mit dem Alpenglühen wetteifern können. Dies hier ist ein Punkt für Hochzeitsreisende! Von Hotel zu Hotel traben, oder Galerien absuchen, kann dem tapfersten Recken den honey-moon verleiden, aber in diesem Schweizer-Hof 14 Tage leben und das Dasein in Liebe, Rheinfall und substantial breakfast`s gipfeln zu sehen, muß für einen 25jährigen himmlisch sein. Selbst die Langeweile verliert hier ihren Charakter. Es braucht hier nichts gesagt zu werden, ja es soll hier nichts gesagt werden. Die Natur ist in einem steten Donner, und wenn es donnert, schweigt der Mensch. So wird hier auf natürlichem Wege, und fast von Schicklichkeits wegen, die Klippe vermieden, an der fast alle Liebespaare scheitern: die Unterhaltungsnot. Gesagt ist alles, und immer küssen geht über die menschliche Kraft. Deshalb gehe denn heute auch nur ein Kuß in die Heimat; über die Adresse schweig ich verschämt. Wie immer

Dein alter Th. F.”

(Theodor an Emilie Fontane, Neuhausen, 6. August 1875. Aus: Theodor Fontane – Werke, Schriften, Briefe; Teil 4, Band 2)


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