Schiedam

schiedamDas prachtgebäudehohe Schnapsglas deutet Schiedams Erbe an. Die wie ein Vorort westlich an Rotterdam und seine rheindurchflossenen Häfen anschließende Stadt ist die Zentrale der niederländischen Genever-Produktion. Einst galt Schiedam, zumindest im Englischen und Französischen (so z. B. bei Erckmann-Chatrian und Thomas Hood), als gebräuchliches Synonym für Genever, einen Ginvorläufer und kontinentalen Wacholderschnaps mit diversen Gewürznoten, die ursprünglich zum Überdecken des Fuselgeschmacks beigefügt worden sein sollen. Herstellung und Vernichtung des Getränks bestimmten die Geschicke der Stadt auf Jahrhunderte, besonders aber zu Zeiten der Industrialisierung und brachten ihr den Spitznamen Zwart Nazareth (Schwarzes Nazareth) ein. Die BNG-Bank zeichnete Schiedams Erbe gerade aus, als wir auf der Autobahn den sagenhaften Ort passierten, und verhinderte mit ihrer potemkinsch-piktografischen Stellwand das Durchdringen der Oberfläche. Zwar schien der Himmel meerisch zu schwelen, von höllenrosenbekränzten schwarzen Vulkanausbrüchen, mit denen Ferdinand Bordewijk 1944 den Zustand Schiedams beschrieb, war an diesem Sommertag jedoch nichts mehr zu erblicken: “Des zomers lag zij te midden van het sappigst Hollands weidelandschap te braken als een zwarte vulkaan. De felle vuren der glasblazerijen omkringden haar in een krans helse rozen.”


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Ein Kommentar zu “Schiedam”

  1. Stan Lafleur
    23. Juli 2013 um 10:36

    “Dieser Sommer war erfüllt vom grauen Rauschen der Autobahn, die wir vom Himmel in die Stadt und zurück befuhren, viermal, siebenmal, zehnmal am Tag. Am Horizont wurde der Straßenbelag zu Wind, der uns dorthin zurückblies, wo wir herkamen, und in der Stadt verschlängte sich die Trasse zu einem Moonwalk aus Streben, Pfeilern, Fahrspuren und absolut futuristischen Lärmschutzwänden. Neben der Stadt wuchs eine andere Stadt und neben dieser wieder eine andere und so mögen es vier oder fünf Städte gewesen sein, die sich glichen, indem sie uns über den Kopf wuchsen, sonst aber ihre Gebäude wie individuell designte Orden an der Brust trugen, mit denen sie in das graue Rauschen hineinklimperten, damit jeder wisse, am Ende des Tages würden sie je eine standardisierte Erfolgsmeldung in ihre Annalen eintragen: “Der Tag ging vorüber und wir sind immer noch da.”"
    (Roesje van Mokkel: Die Tage gingen und die Nächte auch, Rotterdam 2012)

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