Assing: Fahrt auf dem Rhein (4)

4.

Wir fuhren dem Strudel vorüber 
Bei Bingen im wiegenden Kahn, 
Er schwankt auf den Wellen, und fester 
Schmiegt’ ich dem Geliebten mich an.

Ich blickte voll Schauer zur Stelle, 
Wo einst jene Jungfrau entschwand, 
Die kühn mit den kräftigen Armen 
Der Rhein in den Fluthen umwand.

Und weiter wir fuhren, und dunkler 
Uns nächtliche Dämmrung umgab; 
Unförmlich, wie Riesengestalten, 
Sahn düster die Felsen herab.

“Was reget denn dort sich am Ufer, 
Wie tanzend im neblichtem Flor? 
Was treffen für seltsame Klänge 
So zaubrisch befangend mein Ohr?”

“Sey ruhig, es singen die Nixen, 
Und tanzen den fröhlichen Reihn; 
Hoch oben herab von dem Felsen 
Stimmt leise die Lurley mit ein.” —

“O weh mir! die Nixen verlocken 
Die Männer durch Tanz und Gesang, 
Es will dich die Lurley gewinnen, 
Drum macht mir ihr Singen so bang.

Sie wollen dich laden zum Tanze, 
Dich ziehn in’s kristallne Gezelt, — 
Es rauschet, es hebt sich die Welle, 
Am Fels unser Schiffchen zerschellt!

Ich Arme! dann liegt meine Leiche 
Frühmorgens am Ufer im Sand, — 
Dir reichet die schönste der Nixen 
Im Wasserpalaste die Hand!”

“O halte mich fest nur umschlossen, 
Und bleibe nur treu du und wahr! 
Dann, Liebchen, dann bringen die Nixen 
Der Lurley uns keine Gefahr!”

Und fester umschlang mit den Armen 
Ich ihn als mein theuerstes Gut: 
O schwankendes Schiffchen, vorüber 
Fahr’ glücklich in schützender Hut!”

Der Nebel zerrann, hinter Bergen 
Erblickten den Mond wir so klar; 
So führet herzinnige Liebe 
Uns glücklich durch alle Gefahr!

(Rosa Maria Assing, 1828)


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