Assing: Fahrt auf dem Rhein (3)

3.

Finster blicken jene öden Mauern, 
Drin ein wilder Ritter einst gehaust; 
In den Räumen, die mit Regenschauern 
Nun der Wind so ungestört durchsaust, 
Saß der Räuber, sicher wie der Aar 
Auf dem Fels, mit seiner wilden Schaar.

Aus dem Hinterhalt zu überfallen 
Wüßt’ er schlau den reichen Handelsmann; 
Edle Jungfrau’n, die ihm baß gefallen, 
Schleppt’ er mit dem Raub den Berg hinan; 
Niemand konnte sicher auf dem Rhein, 
Auf den Straßen, in der Hütte seyn.

Endlich kam’s dem Sünder ein zu freien, 
Er erwählt’ das allerschönste Kind; 
Lieblich wie die Rose glänzt im Maien, 
Edlen Stammes auch und zart gesinnt 
War die Jungfrau, die er sich erkor, 
Sie die Schönste von dem Mädchenflor.

Also ward in ihren Blüthentagen 
Diese Maid des wilden Ritters Braut; 
Schwer, ach, wurd’s der Armen Ja zu sagen, 
Ihr im Herzen sprach es Nein so laut, 
Doch des harten Ohmes schnöder Sinn 
Sah in Macht und Reichthum nur Gewinn.

Reich geschmückt war schon zum Hochzeitsfeste 
In der Burg der weite Rittersaal, 
Und geladen reich an Zahl die Gäste, 
Und bestellt ein festlich glänzend Mahl. 
Wo allnächtlich nun das Käuzchen schreit, 
War man nur zu Lust und Tanz bereit.

Um die schöne Braut sich heimzuholen, 
Fuhr er ihr entgegen auf dem Rhein; 
Ach, sie bebte! bange und verstohlen 
Rannen Thränen in den Strom hinein, 
Als sie sah sich den Verhaßten nahn 
Auf des Rheines Heller Wasserbahn.

Mit dem Oheim stieg zum Bräutigame 
In den Kahn sie ein in wehem Muth, 
Stille saß sie und in trübem Grame 
Blickt sie in die sanft bewegte Fluth,
Taucht die Hand mit dem Verlobungsring 
In den Strom, der spielend sie umfing.

„Hätt’ ich doch,” — so spricht sie leis’ und trübe 
In den klaren, tiefen Strom hinein — 
Hätt’ ich deine Gunst und deine Liebe, 
Schöner Herrscher, rebumkränzter Rhein! 
O wie wohl, statt im verhaßten Bund, 
Wäre mir auf deiner Fluthen Grund!”

“Du, ein Gott, du könntest mich erretten, 
Bist du nicht an Macht und Stärke reich? 
Komm, o Rhein, und löse meine Ketten, 
Nimm mich auf in deinem Wasserreich! 
Nimm von meiner Hand den Ring dahin 
Dir zum Pfand, daß ich dein eigen bin!”

Zwischen weiß und gelben Blumenglocken, 
Zwischen Kalmus, Schilf und hohem Rohr 
Hebt, geschmückt mit Weinlaub in den Locken, 
Schnell der Wassergott sein Haupt empor; 
Voll Entzücken er die Jungfrau schaut, 
Die ihm angelobet sich zur Braut.

Leicht durch seiner Wellen leises Walten 
Streift er ab den Ring von ihrer Hand, 
Und, umspielt von lieblichen Gewalten, 
Ahnt sie frei sich vom verhaßten Band. 
Eine Hand taucht aus der Tiefe, preßt 
Ihre sanft und hält sie kosend fest.

Plötzlich wird ein Tönen und ein Klingen, 
Ueberirdisch, auf den Wellen wach,
Unsichtbar die Silberstimmen singen, 
Ziehn dem Kahne als Begleiter nach; 
Süß befangend tönt der Zaubersang, 
Daß ihr Herz erbebt so liebebang.

Nieder senken sich die Dämmerungen, 
Und der Fährmann lenkt den Kahn an’s Land; 
Unsichtbar fühlt sich die Maid umschlungen, 
Nieder zieht es sie mit starker Hand. 
Bebend sinkt sie, kaum sich mehr bewußt, 
In die Fluthen an des Gottes Brust.

Daß er die Entschwindende erreiche, 
Springt der Ritter von dem Uferrand, 
Ringt umsonst nach ihr, denn seine Leiche 
Warf der Gott entrüstet an das Land, 
Der die Jungfrau hält in sichrer Hut, 
Die mit ihm verschwindet in der Fluth.

Wo noch jetzt die Reisenden erbeben, 
Wo der Strudel schreckt den Schiffersmann, 
Hart bei Bingen hat sich dies begeben, 
Wie man’s euch dort noch erzählen kann. 
Wo die Woge ihr stets wirbelnd schaut, 
Dort verschwand die schöne Rheinesbraut.

(Rosa Maria Assing, 1828)


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