Assing: Fahrt auf dem Rhein

1.

Wir fuhren selbander
Im schaukelnden Kahn,
Vom Ruderschlag tönte
Die fluchende Bahn.

Ward etwa beim Schwanken
Des Kahnes mir bang,
Der Liebste mit Zuspruch
Mich fester umschlang.

Es kräuselten Wellen
Um’s Schiffchen sich her,
Die Sonne sank nieder
So ruhig, so hehr.

Die Furcht war vorüber,
Doch hielt er mich fest,
Und stärker und fester
Ans Herz er mich preßt.

“Nun laß mich, es gleitet
Nun ruhig der Kahn,
O Liebster, es sehn ja
Die Schiffer uns an! — ”

“Die Schiffer, das sind ja
Verständige Leut’,
Die haben auch einmal
Um’s Liebchen gefreit.

Der junge hat auf uns
So munter geschaut,
Gewißlich erwartet
Daheim ihn die Braut.

Der alte am Ruder
Sieht still vor sich hin,
Vergangenes ziehet
Wohl dem durch den Sinn.

Nun sieht er auf uns her,
Nun hin auf den Rhein, —
Sein Silberhaupt röthet
Des Abendlichts Schein.” —

Ein zwiefaches Glänzen
Verklärt sein Gesicht. —
O Sonne, o liebe,
Wie strahlst du so licht!

(Rosa Maria Assing, 1828)


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