Assing: Fahrt auf dem Rhein (2)

2.

Sanft gleitet zwischen grünem Ufer
Von lauer Luft umweht der Kahn,
Mit Bildern reich an Licht und Farbe
Erscheint geschmückt die Silberbahn.
Es wirft auf Strom, auf Thal und Hügel
Die Sonne ihren letzten Schein,
Der grünen Berge kühne Häupter
Bespiegeln ihren Glanz im Rhein.

Hell von dem Thurm der Klosterkirche
Erschallt der Vesperglocke Klang,
Und unten in dem Thal ertönet
Der fleiß’gen Winzer Abendsang.
Wie traut und heimathlich erscheinet
Das Dörfchen an des Berges Fuß! —
Die Winzerin im Scheibenhute
Nickt freundlich zu den Abendgruß.

Die alte Burg dort aus der Höhe,
Ein kühnes Bild vergangner Zeit,
Blickt ernst und schroff auf uns hernieder,
Und träumt von alter Herrlichkeit.
Wir grüßen dich, du alter Riese!
Voll Ehrfurcht zu dir auf wir sehn,
Du kennst uns nicht, kannst unsre Zeiten
Und ihre Thaten nicht verstehn.

Es ist der Geist vergangner Größe,
Der trüb aus diesen Mauern bricht,
Es klingt wie Mährchen fast und Lieder,
Was dumpf und leis im Traum er spricht.
Die alten Augen sind geblendet
Vom hellern Lichte unsrer Zeit, —
O schlaf und träume ruhig weiter
Von deiner alten Herrlichkeit!

Dort zwischen grünen Rebenhügeln
Steht hell das Kreuz im Abendlicht. —
Wie um des Heilands Dornenkrone
Sich schön die junge Ranke sticht!
Von diesem Haupt wird ewig strahlen
Ein immer frischer Hoffnungsschein. —
Andächt’ge, die am Fuße kniest,
Schließ uns in dein Gebet mit ein!

(Rosa Maria Assing, 1828)


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