Martials Rhein-Epigramm

Nympharum pater amniumque, Rhene,
Quicumque Odrysias bibunt pruinas,
Sic semper liquidis fruaris undis,
Nec te barbara contumeliosi
Calcatum rota conterat bubulci;
Sic et cornibus aureis receptis
Et Romanus eas utraque ripa:
Traianum populis suis et urbi,
Thybris te dominus rogat, remittas.

(Marcus Valerius Martialis: Epigrammaton Liber X; VII)

Gelegentlich wird in Rhein-Publikationen die Eingangszeile dieses Epigramms erwähnt, nie aber stießen wir in solchem Kontext auf den unmittelbar darauffolgenden Humbug, wohl sollte das schöne Lateinzitat “nympharum pater amniumque, Rhene” nicht durch die zweifelhafte geografische Angabe in Zeile 2 beschädigt werden. Der Text stammt von Martial und darf im ersten Jahrhundert n. Chr. verortet werden. Rheinische Neuigkeiten drangen zu dieser Zeit womöglich nach dem Stille Post-Prinzip nach Rom und dürften in der Hauptstadt des Abendlandes, deren Reich unter Trajan gerade seine größte Ausdehnung erreichte, unter “ferner liefen” abgebucht worden sein. Auf das Rhein-Epigramm folgt bei Martial ein wesentlich bekannteres, zweizeiliges Spottgedicht auf eine ältere Dame. Seit unserer Schulzeit bedauern wir, daß deutsche Übersetzungen lateinischer Dichtungen meist hoffnungslos überdreht und mit veraltetem Vokabular gesalbt daherkommen. So fanden wir auch für dieses durchaus knackige Epigramm Martials lediglich eine unnötig pathetisierte, Tonfall und Versmaß überdehnende deutsche Version. Deutlich besser gefiel uns die gereimte Annäherung von Olive Pitt-Kethley (what a name!), auch wenn sie sich leicht ins Abseits der Worttreue begibt:

Father of nymphs, and all the springs
That drink the Thracian snow,
Old Rhine, in all your wanderings
Forever freely flow.

No boorish peasant with his team
Shall drive the lumbering wain,
Defaming thus your noble stream -
Now honour`s come again.

The golden horns of victory raise,
On either bank be Rome!
And now your ruler, Tiber, prays,
Return our Trajan home!


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