Monatsarchiv für Juli 2013

 
 

Die Schweiz 2.0

Die Menge des hier
in der Freiburger Kaiser-Joseph-Straße
aufgehäuften Schweizer Einkaufsgeldes
hat eine kritische Grenze überschritten –
es kommt…
zu spontanen seelischen Vereisungen…
ein Vorgang nicht unähnlich dem
bei einer nuklearen: Kettenreaktion –

Seien wir doch ehrlich –
Wer glaubt heute noch an die Schweiz?
Die Schweiz, die Schweiz, die gibt es nicht
Es gibt keine Schweiz, da ist keine Schweiz
Die Schweiz, ein virtuelles Land
Niemand glaubt doch heut noch an die Schweiz
Die Schweiz hat keine Gläubigen…
Die Schweiz hat vielleicht Gläubiger, hahahaha

Wir zieh’n nach Süden –
Es kommt keine Schweiz
Es kommt Italien – das Meer – Algerien –
Die Pyramiden – Wüsten – Oasen
Der Frühling…

Nach dem Rheinfall kommt der Reinfall
Da kommt keine Schweiz
Es kommt keine Schweiz
Die Schweiz ist ein schwarzes Loch
Im Käse der Raum-Zeit
Die Schweiz: Zahlen auf toten Briefkästen
Die Schweiz: Nummernfolgen auf Bankschließfächern
Die Schweiz: verschlüsselte Überweisungen

Wir zieh’n nach Süden –
Es kommt keine Schweiz
Es kommt Italien – das Meer – Algerien –
Die Pyramiden – Wüsten – Oasen

Wüstenzürich!
Totengotthard…

Wir grooven auf den Sound der Steuer-CDs
Es kommt der heiße Sound der Steuer-CDs
Ein Tänzchen auf den Sound der Steuer-CDs
Wir grooven zum Sound der Steuer-CDs
Wir grooven zum Franken
Sklaven für den Schweizer Franken

Die Schweiz ist eine Gefahr,
denn sie ist nicht da
Die Schweiz ist durchsichtig und getüpfelt
Die Schweiz läßt uns auf den Franken tanzen
Tanz’ den Frankenpogo! Tanz’ den Frankenpogo!
Sklaven für den Schweizer Franken…

Die Schweiz: Nummern auf toten Briefkästen
Zahlen auf Überweisungsformularen
Codes auf Bankschließfächern
Wir sind die Stehler
Die Schweiz ist der Hehler
Wir sind die Stehler
Die Schweiz ist der Hehler
Die Schweiz – Welthehler

Wir zieh’n nach Süden –
Es kommt keine Schweiz
Es kommt Italien – das Meer – Algerien –
Die Pyramiden – Wüsten – Oasen

Wüsten – Franken – kein Franken mehr

(Die Schweiz 2.0 ist die A-Seite der brandneuen Fleischlego-Single, und bietet krautigen Neopunkrock zu Bdolfs, des dunkelsten Denkers, hegelianischen Lyrics (s.o.). Mit der Schweiz ist der guten alten Welt ihr bewährtes Zentrum abhanden gekommen, die B-Seite lautet somit währschaft-kontrapunktisch-logisch (nach dem alten und neuen Weltenzentrum) Berlin: “Du bist ja verrückt mein Kind, geh doch nach Berlin” variiert die Schlüsselzeile einen alten Volksmund-Gassenhauer um 1900. Nun, um 2000, die Refrainzeile hat ihre Gültigkeit inzwischen mittels zahlreicher epochaler Beglaubigungen verstärkt, regiert Voodoo-Angela im Hosenanzug die chancenlosen Zombie-Hipster, welche mit irrer Dabeiseinsfreude die Revolution der Klolüftung beglotzen.

Informationen und Bestellmöglichkeit über Flight 13 Records. rheinsein dankt Fleischlego fürs Überlassen der Lyrics!)

Presserückschau (Juli 2013)

Das Sommerloch hat fast alle nennenswerten rheinischen Nachrichten verschluckt. Neben der üblichen Sommerberichterstattung über die zahlreichen Rhein in Flammen-Veranstaltungen, einem auf Grund gelaufenen Tanker (ein gutes Stückchen oberhalb der Loreley, somit außerhalb jeden Mythoseinreihungsverdachts) und dem traurigen saisonalen Anstieg der Badeunfälle (“Schwimmen im Rhein ist wie Joggen auf der Autobahn”) zischte so gut wie nichts an rheinischen Meldungen durchs Netz:

1
Der mißlichen Faktenlage widmete sich schließlich das Satire-Magazin Der Postillon und bescherte am 23. Juli die lange ersehnte verwertbare Meldung: “Wie die Regierung heute bekanntgab, haben deutsche Behörden am Wochenende ein Krokodil in den bei Badegästen beliebten Nebenarmen des Rheins ausgesetzt. Ziel sei es, das drei Meter lange Tier für die nächsten vier bis sechs Wochen zum Nachrichtenthema des Sommers zu machen und so unliebsame Skandale aus den Schlagzeilen zu verdrängen. ”Noch können Sie so viele kritische Fragen stellen, wie Sie wollen”, verkündete Regierungssprecher Steffen Seibert vor versammelten Journalisten. “Aber schon bald werden Kinder beim Spielen das Krokodil sichten und Deutschland ins Sommerloch stürzen. Wir alle wissen doch, womit Sie dann ihre Titelseiten füllen werden.”"

2
Daß Grills längst nicht immer ok sind, ist bekannt. Der oder die Verursacher der folgenden Meldung sind weiterhin unbekannt: “Entlang des Rheinufers zwischen der Insel Grafenwerth bis Königswinter wurden große Mengen altes Frittierfett angeschwemmt. Offensichtlich wurde das Fett in großem Stil illegal in den Rhein entsorgt. Das teilte (…) die Stadt Bad Honnef mit. Die Wasserschutzpolizei Köln nahm Proben des angeschwemmten Unrats und hat (…) die Ermittlungen aufgenommen. Infolge der hohen Temperaturen hatten sich die Anschwemmungen zwischenzeitlich aufgelöst, so dass die Uferbereiche wieder uneingeschränkt nutzbar sind.” (General-Anzeiger)

Damit hatte es sich dann auch mit Juli-Meldungen. Neben den Meldungen gab es allerdings noch einen sehr lesenswerten, weil detailreichen und somit vorbildlich sommerlochstopfenden Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger über die Pflanzenpopulation auf dem Kölner Dom: “Dass er heute dunkelbraun bis schwarz gefärbt ist und nicht mehr hellbeige, wie er es ursprünglich war, hat (…) weniger mit dem Schmutz und Staub der Stadt zu tun, als mit der rund 1000 Tonnen schweren Biomasse, die auf ihm lebt – ihr Gewicht entspricht etwa dem von 200 afrikanischen Elefantenbullen.”

Rheincore

rheincore

Bei Rheincore im abgebildeten Sinne handelt es sich um eine musikalische Stilrichtung, welche die inzwischen aufgelöste Düsseldorfer Band painwords für sich in Anspruch nimmt. Nicht zu velwechsern mit Rheincore als Lebensstil, der auf Gorrh zurückgeht.

Theodor Fontane sinniert am Rheinfall u. a. über eine höhere Rasse

“Liebe Frau.

Ich blieb im „Storch“ drei Stunden länger als ich berechnet hatte. Schönheit und Liebenswürdigkeit der Wirtin waren nicht schuld daran; sie sah aus, als habe sie der Storch zu viel oder zu wenig gebissen. Ihr Antlitz klärte sich auch nicht auf, wohl aber das Wetter. Dies bestimmte mich, nicht direkt nach Konstanz, sondern nur bis Neuhausen (Station in Nähe von Schaffhausen) zu gehen. Man bleibt jetzt in der Regel an diesem Ort, weil man den Rheinfall von hier aus am schönsten sieht. Auch das Gasthaus ist hier am besten; echt englisches Hotel, in dem man wieder Mensch wird. Viel tragen zu dieser wohltuenden Erscheinung allerdings die Engländer selbst bei; richtiger die Engländerinnen. Ich will dies alte Streitthema nicht zum hundertsten Male behandeln, aber es ist so, wie ich es sage. Durch Abstammung, Erziehung, Pflege, Freiheit und allerglücklichste Lebensverhältnisse repräsentieren sie schließlich eine höhere Rasse. Das ganze Volk trägt einen aristokratischen Stempel. Was bei uns in Exemplaren vorkommt, kommt bei ihnen massenhaft vor. Auch bei uns gibt es Rosen, aber im Rosental zu Kaschmir wachsen sie wild.
Die ganze Rheinfall-Szenerie übertrifft weitaus meine Erwartungen, so das ganze Rheintal überhaupt, in dem wir gestern hierher fuhren. Rheinfelden, Säckingen und vor allem Laufenburg sind sehr schön. Schon vor zehn Jahren, als ich von Interlaken und Zürich aus heimkehrte, bin ich daran vorüber gefahren, aber ohne das Geringste zu sehen. So reist man jetzt. Wahrscheinlich war ich müde und streckte auch nicht ein einziges Mal den Kopf zum Fenster hinaus. Der Rheinfall wirkt wie die Jungfrau. Was der Schnee dort tut, tut hier der Wasserschaum. Man steht hier wie dort einem Etwas gegenüber, das Einen durch Reinheit beglückt. Dazu verwandte Farbenwunder. Inmitten dieser Schaummasse, die völlig wie ein Schneesturz niederdonnert, werden smaragdene Töne sichtbar, die an Schönheit mit dem Alpenglühen wetteifern können. Dies hier ist ein Punkt für Hochzeitsreisende! Von Hotel zu Hotel traben, oder Galerien absuchen, kann dem tapfersten Recken den honey-moon verleiden, aber in diesem Schweizer-Hof 14 Tage leben und das Dasein in Liebe, Rheinfall und substantial breakfast`s gipfeln zu sehen, muß für einen 25jährigen himmlisch sein. Selbst die Langeweile verliert hier ihren Charakter. Es braucht hier nichts gesagt zu werden, ja es soll hier nichts gesagt werden. Die Natur ist in einem steten Donner, und wenn es donnert, schweigt der Mensch. So wird hier auf natürlichem Wege, und fast von Schicklichkeits wegen, die Klippe vermieden, an der fast alle Liebespaare scheitern: die Unterhaltungsnot. Gesagt ist alles, und immer küssen geht über die menschliche Kraft. Deshalb gehe denn heute auch nur ein Kuß in die Heimat; über die Adresse schweig ich verschämt. Wie immer

Dein alter Th. F.”

(Theodor an Emilie Fontane, Neuhausen, 6. August 1875. Aus: Theodor Fontane – Werke, Schriften, Briefe; Teil 4, Band 2)

Rotterdam (5)

rdam_fußgängerzone_3

rdam_lijnbaan_wikifritsNicht nur der Erfindung des Autoverkehrs, auch der beinahe kompletten Zerstörung der Stadt durch die deutsche Luftwaffe im Mai 1940 verdankt sich die Rotterdamer Fußgängerzone Lijnbaan, die erste ihrer Art in den Niederlanden. Das obere Bild (von Lothar Mittler) stammt aus den frühen 60ern. Die Wienerwald-Filiale konnten wir heuer nicht mehr entdecken. Das untere Bild (von Wikifrits) stammt aus dem Jahr 2008.

Delft

In Delft hielten wir uns eine geschlagene Stunde (längere Aufenthalte sind für Touristen offenbar nicht möglich) auf und wähnten uns dabei im Puppenstuben- bzw Märklinparadies. Womöglich diente Delft dereinst Schiedam, der ehemaligen holländischen Hölle, als nachbarschaftlich-antithetisches Vorbild. (Weil wir Schiedam nur perifer über die Literatur und von der Autobahn her kennen, muß es bei Mutmaßung bleiben.)

Bereits bei der Anfahrt auf Delft konfrontiert den Besucher ein unübersehbares Fänomen: über der Stadt schwang eine Himmelsglocke gefertigt aus delftschem Blau, einer nicht nur in Holland hochberühmten Farbe, die ihre euforisierende Substanz ausschüttete und sich dadurch von den trüben, wenn nicht gar falschen Himmelsfarben des restlichen Rheindeltas wohltuend abhob. Nicht nur das: bald hatte die Glocke uns ganz und gar absorbiert. Wie genau wir hineingeraten waren, wo wir parkten, was wir eigentlich vorhatten: all das ist uns nicht mehr erinnerlich. Dafür jedoch all jenes, was innerhalb der Glocke sich abspielte: kaum waren wir unter diese Glocke geraten, trafen wir, als sei ein Vorhang gefallen, auf ein grachtenliniertes Schmuckkästchen, das alte Delfter Zentrum, das zu betreten wir uns beinahe schämten, weil unsere Schritte sicherlich Abnutzungsspuren hinterlassen würden, dieweil das neuere und/oder zu erneuernde Delft, wo es sich an die Altstadt schmiegte, wirkte, und das sagen wir als Deutscher nun wirklich mit Beschämung, als sei es vor kurzem flächenbombardiert worden: eine klangintensive Großbaustelle mit relativ geringem Touristenaufkommen. Erstaunlicherweise rasten Tuk-Tuks durch diese Szenerie. Zuletzt hatten wir solche Vehikel in Thailand gesehen. Diese stammten jedoch aus Den Haag.

Doch zurück zur Delfter Altstadt: entlang der von Wasservögeln bevölkerten und wohl aus dem Rhein-Schie-Kanal zumindest teilweise gespeisten Grachten beschied sich ein Leben, das ausschließlich aus gesundem, wohldosierten Fahrradfahren, Caféterrassenbevölkern und beiläufigem Shopping zu bestehen schien. Trotz allen locker-flockigen Müßiggangs arbeiteten an diesem ewigen Sommersamstagnachmittag durchaus Menschen, die Servicekräfte nämlich, aber vielleicht, ein Fremder, zumal unter massivem Einfluß delftschen Blaus, muß nicht gleich sämtliche lokalen Bräuche auf Anhieb verstehen, waren das doch nur mit einem fantastischen Trick animierte Märklinfiguren, denn sie arbeiteten auf eine unglaublich entspannte Art und Weise, so, als könnten sie jederzeit mit ihren Gästen/Kunden die Rollen tauschen. Eine weitere angenehme Eigenart der Delfter Altstadt stellte das öffentliche Schlendern dar. Denn das Delfter Pflaster rollt unmerklich unter den Schuhsohlen der Touristen und Einwohner(darsteller?) ab und verkürzt auf diese Weise die Distanzen zwischen den Sehenswürdigkeiten. Und wer garnicht schlendern will, wird ganz sachte und langsam an der ganzen Pracht vorübergeschoben! Damit aber noch lange nicht genug der kommoden kleinen Wunder! Fantasieblättrige Bäume warfen federleichte Schatten über die teichrosenbedeckten Wasserflächen. Mindestens die Hälfte der angestammten Holländerinnen(darstellerinnen?) erfüllte das Weizenblondheitsgebot, überhaupt waren die zahlreichen Friseurläden gut besucht und von scherzhafter Atmosfäre erfüllt, als gäbe es zu der allenthalben gewählten, weil staatlich geförderten Blondierung die entsprechenden Witze gratis dazu. Gute Laune überall. Mit irren Details riefen selbst schlichte Wohnhausfassaden Frohsinn hervor. Alles schien zu quaken und zu sirren, mitten in der Stadt. Gerade hatte es noch gefehlt, da erklang Glockenspiel. Ein gepflasterter Markt, umstanden von mittelalterlichen Gebäuden, Schwindel beim Anblick der Oude Kerk: steht sie schief oder der Betrachter? Ist der Betrachter echt oder selber eine animierte Märklinfigur „Tourist“? Müßte er sich dann nicht leicht von uns beobachten lassen, von oberhalb der Tischhimmelsglocke aus delftschem Blau? Verstörende Fragen im Grunde, die wir angesichts der hübschen, ja beinahe schon niedlichen Umgebung keineswegs als lästig empfanden. Vielmehr luden sie ein, sie in einem der zahlreichen Cafés zu überdenken. Mechanisch genossen wir ein niederländisches Bier, lasen ein niederländisches Blatt, verspürten einen inneren Ruck, sprangen von der Caféterrasse auf ein Boot, das in Augenhöhe die Gracht durchmaß und würden wohl heute noch über Delfts Wasserwege tuckern, wären wir nicht plötzlich auf der Autobahn wieder zu uns gekommen. Eine denkwürdige Visite, während der unsere Kamera merkwürdigerweise komplett ausfiel. (Die Bilder, die zu Delft im Internet zu finden sind, stimmen jedoch hundertprozentig mit unseren Erinnerungen überein.)

Schiedam

schiedamDas prachtgebäudehohe Schnapsglas deutet Schiedams Erbe an. Die wie ein Vorort westlich an Rotterdam und seine rheindurchflossenen Häfen anschließende Stadt ist die Zentrale der niederländischen Genever-Produktion. Einst galt Schiedam, zumindest im Englischen und Französischen (so z. B. bei Erckmann-Chatrian und Thomas Hood), als gebräuchliches Synonym für Genever, einen Ginvorläufer und kontinentalen Wacholderschnaps mit diversen Gewürznoten, die ursprünglich zum Überdecken des Fuselgeschmacks beigefügt worden sein sollen. Herstellung und Vernichtung des Getränks bestimmten die Geschicke der Stadt auf Jahrhunderte, besonders aber zu Zeiten der Industrialisierung und brachten ihr den Spitznamen Zwart Nazareth (Schwarzes Nazareth) ein. Die BNG-Bank zeichnete Schiedams Erbe gerade aus, als wir auf der Autobahn den sagenhaften Ort passierten, und verhinderte mit ihrer potemkinsch-piktografischen Stellwand das Durchdringen der Oberfläche. Zwar schien der Himmel meerisch zu schwelen, von höllenrosenbekränzten schwarzen Vulkanausbrüchen, mit denen Ferdinand Bordewijk 1944 den Zustand Schiedams beschrieb, war an diesem Sommertag jedoch nichts mehr zu erblicken: “Des zomers lag zij te midden van het sappigst Hollands weidelandschap te braken als een zwarte vulkaan. De felle vuren der glasblazerijen omkringden haar in een krans helse rozen.”

Rotterdam (4)

rdam_hafen_4Der Rotterdamer Hafen Anfang der 60er Jahre. Die Containerschifffahrt befand sich in ihren Anfängen.

rdam_euromastÜber dem Hafen wacht, noch ohne die aufgesetzte Turmspitze, gleich einem halbberingten Pilz, der Euromast.

rdam_hafen_6Eine dritte Hafenansicht in Kodachrome, den großartigen, einmaligen, (nicht nur) die 60er Jahre prägenden Farben. (Bilder: Lothar Mittler)

Die Düsseldorfer Loreley-Handschrift (2)

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Was Vitrinenausstellungen zumeist unterschlagen: die Rückseiten ihrer Schaustücke. Heine übertrug die letzte Strofe in der einzig erhaltenen Loreley-Handschrift auf exakt eine solche Rückseite, unter dem Gedichtabschluß stehen seine Briefzeilen “An Herrn Alexander”, welche mit dem heute kaum mehr gebräuchlichen Gruß “Ihr gehorsamer Diener” schließen. Ob Vorderseite (siehe letzter Eintrag inklusive Ausstellungsdaten) oder Rückseite: diese Frage stellt sich rheinsein glücklicherweise nicht. Bei Herrn Alexander handelt es sich um Alexandre Vattemare, einen französischen Bauchredner, Autografensammler und Filanthropen, sowie Betreiber des Album cosmopolite : ou, choix des collections, der mit vielen bekannten Autoren seiner Zeit befreundet war und sich u.a. für kostenlos zugängliche Bibliotheken und internationalen Kulturaustausch einsetzte.

Die Düsseldorfer Loreley-Handschrift

heine_loreley

Noch bis zum 31. Juli ist diese Reinschrift der Loreley aus Heinrich Heines Hand im Düsseldorfer Heine-Institut zu sehen. Der von rheinsein bearbeitete Scan, den uns Institutsleiterin Sabine Brenner-Wilczek freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, läßt die Rückseite, die wir nachfolgend präsentieren werden, durchschimmern. Die Handschrift ist aufgrund ihrer Lichtempfindlichkeit nur alle paar Jahre der Öffentlichkeit zugänglich.

Zur Ausstellung zitieren wir die Website des Instituts:

Loreley und andere Lieder – musikalischer Heine-Sommer 2013
Ausstellungsdauer: 6. Juli bis 31. Juli 2013
Öffnungszeiten: Di-So 11-17 Uhr, Sa 13-17 Uhr
Eintrittspreise: Erwachsene 4 Euro, ermäßigt 2 Euro; Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei

Zweifelsohne zählt Heinrich Heine zu den Dichtern, die bei Komponistinnen und Komponisten stets in besonderem Maße beliebt waren und noch immer beliebt sind. Bereits zu Lebzeiten Heines inspirierte sein literarisches OEuvre zu zahlreichen Vertonungen, darunter so bedeutende Komponistennamen wie Robert und Clara Schumann, Franz Liszt, Franz Schubert, Johannes Brahms, Felix Mendelssohn Bartholdy, Richard Wagner und Fanny Hensel. Heute sind mehr als 10.000 Heine-Lieder bekannt. Das beliebte Gedicht “Du bist wie eine Blume” wurde beispielsweise um die 400 mal musikalisch interpretiert.
Die Ausstellung widmet sich ausgewählten Gedichten, die eine besonders vielfältige Vertonungsgeschichte vorzuweisen haben. Die thematische Bandbreite reicht von Texten mit romantischer Prägung bis hin zu Gedichten mit sozialer und politischer Relevanz. Präsentiert werden sowohl originale Handschriften des Dichters als auch Manuskripte und Briefe der vertonenden Komponisten. Klangbeispiele belegen zudem die Vielgestaltigkeit jener musikalischen Interpretationen. Sowohl die Ausstellung als auch das dazugehörige Rahmenprogramm stehen somit ganz im Zeichen eines musikalischen Heine-Sommers 2013.

Rotterdam (3)

ring rotterdam

Am Rotterdamer Autobahnring sind die Häfen 100 – 1000, sowie 1200 – 9900 beschildert, Ziffern, die weniger der realen Hafenbeckenanzahl entprechen dürften, als vielmehr dem Plan, die Becken systematisch zu numerieren. Die Hafenanlagen strecken sich (grob fahrlässig geschätzt) über 30 Kilometer von Rotterdam bis zur Nordsee, ein superlativisches Ausmaß für Europa, dieweil in Asien, vor allem in China, mittlerweile noch größere Häfen existieren.

rdam_containerrobotAchtung, Roboter! Vom Wegrand grüßt ein unbemannter Container-Ladekran. Die Container werden auf ebenfalls unbemannte Fahrzeugautomaten gehievt, die mithilfe von Magnetgittern im Bodenbelag durch die Geisterterminals zockeln.

speed

Überwuchert von Pfeilern und Gestängen verlieren wir die Orientierung und folgen doch strikt unserer Spur.

verstegen-kruiden

Ein gute Orientierungsmarke: der Riesen-Hühnerkräuter-Gewürzstreuer des Verstegen-Gebäudes an der Ringautobahn.

Rotterdam (2)

pauluskerk

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rdam_moschee

Rotterdamer Gottesgrüße. Oben: die scheppernde Fassade der Pauluskirche. Mitte: Ohne Gott läuft garnichts (Bild: Matthias Kühn). Unten: die nach dem Dichterderwisch Rumi benannte Mevlana-Moschee.

Rotterdam: All you meet on the road salute you

„Never did common fame more grossly vary from the truth than in the English accounts of Holland. They tell us of a dirty, slovenly, unpolished people, without good nature, good manners, or common decency; whereas the very first thing that must strike every one that has eyes, and that before he has gone an hundred yards from Rotterdam Haven, is that this is the cleanest place he ever saw in his life, there being scarce a speck of dirt to be seen either on the doors or steps of any of the houses or on the stones of the street. And all the natives he meets, whether men, women, or children, are of a piece with the place they live in; being so nicely clean from head to foot, both in their persons and clothes, as I have seen very few in my life even of the gentry in England. There is likewise a remarkable mildness and lovingness in their behavior. All you meet on the road salute you. Every one is ready to show the way, or to answer any questions, without anything of the English surliness. And the carriage as well as dress of all the women we have yet seen is exactly modest and altogether natural and unaffected.“ (John Wesley)

Vor bald 300 Jahren schrieb John Wesley über das schmutzige Köln und das geleckte Rotterdam (heute sind beide Städte Partnerstädte), die jeweilige Mentalität der Einwohner. In Rotterdam hatten wir vorwiegend mit allochthonen Bürgern zu tun, Männern ausschließlich, die, sobald sie unser ausländischen Kennzeichen entdeckten, vom Straßenrand oder vom Steuer ihres Wagens auf der Nebenspur, lautstark auf sich aufmerksam machten, uns freundlich nach unseren Absichten fragten, und in der Folge sehr schnell: ob wir „etwas bräuchten?“ Sicher, brauchen läßt sich fast immer „etwas“ – unsere Antworten jedoch bewegten die jungen Männer erstaunlicherweise stets dazu, freundlich lächelnd den rechten Daumen emporzustrecken und zügig das Weite zu suchen, bzw. ostentativ am Straßenrand zurückzubleiben, eine Grußform, die wir schnell übernahmen, die Ehre der zahlreichen Begrüßungskomittees adäquat zu erwidern. Ja, die Rotterdamer sind freundliche Leute, nicht nur die allochthonen, welche in Kürze die Mehrheit stellen dürften, die autochthonen sind es nicht minder, allerdings in zurückhaltenderer Manier: die ohnehin recht hochpreisigen Rotterdamer Parkuhren akzeptieren lange nicht jedes Zahlungsmittel, was uns zu stundenlangem Cruisen bewegte, bis wir schließlich auf einen autochthonen Geschäftsmann trafen, der uns, nachdem wir ihn auf unser Problem angesprochen hatten, großzügig Parkzeit zur Verfügung stellte. Wohl mögen die Rotterdamer das touristische Parkplatzproblem noch locker nehmen – wir sahen bei mehrstündigem Cruisen gerade einmal zwei weitere Wagen mit ausländischen Nummernschildern. Sollten aber die Massen nach Rotterdam einfallen, welche diese Stadt schon aufgrund ihrer wirren Architektur verdient, könnte das allseitige Problem der Parkplatzschnorrerei zügig überhand nehmen. Sauber sind heute nicht nur die Straßen in Rotterdam, sondern in ganz Holland. Bei autochthon wirkenden Kindern und Frauen fällt zudem ein hoher Anteil Weizenblondheit auf, was uns zu Spekulationen über ein partielles Blondheitsgebot verleitete.