Die Brennnesselschlacht von Lank-Latum – ein Zeugnis des spätantiken Attis- und Kybelekults am mittleren Niederrhein

Die wenigsten wissen, doch viele ahnen, dass neben der offiziellen Geschichtsschreibung und dem, was wir als die Grundlagen unserer Gegenwart anerkennen, auch eine sozusagen untermeerische Strömung existiert, machtvoll, aber unbemerkt, welche die Bahnen unseres Handelns bis auf den heutigen Tag prägt und gestaltet. Hierzu zählt auch der Attis- und Kybelekult, ein vorderasiatischer Mysterienkult, der alljährlich die Fruchtbarkeit der Natur feiert, indem er dem Tod des Attis gedenkt, welcher aus den abgetrennten Geschlechtsteilen des Agdistis entstand. Agdistis selbst, welcher aus dem zu Boden getropften Samen des Zeus geboren war, verwandelte sich nach der Kastration in Kybele, die ‘Magna Mater’, wie sie bereits zur Bronzezeit auf dem Gebiet des heutigen Anatolien verehrt wurde. Kybele, auf der Suche nach ihrer verlorenen Geschlechtlichkeit, erstrebte die Vereinigung mit ihrem Sohn und Geliebten Attis (der ursprünglich ihr eigener Penis war), diese Liebe erregte aber die Eifersucht der Götter, so dass Dionysos, der Gott des Rausches, den Attis mit Raserei schlug. Attis entmannte sich und verblutete darüber. Die untröstliche Kybele bekam von Zeus zugestanden, dass der Leichnam des Attis niemals verwese, und so bestattete sie ihn in einer Höhle, wo sie bis auf den heutigen Tag um ihn trauert.

Ein Kult der Zweigeschlechtlichkeit und der Fruchtbarkeit der Natur, vergleichbar den Mithras- oder Isismysterien, der, so liegt die Vermutung nahe, zusammen mit der römisch-antikischen Götterverehrung ab dem 4. nachchristlichen Jahrhundert durch die Verehrung des Christus, einer graecojudäischen Gottheit von nie gekannter Virulenz, verdrängt und schließlich ausgelöscht wurde. Doch lassen sich im Einzugsgebiet des früheren römischen Reiches noch unzählige Gebräuche und Gepflogenheiten aufzeigen, welche nach wie vor die alten Riten und Ideen in wenngleich gewissermaßen getarnter Form fortführen. Eines der machtvollsten Beispiele im deutsch-holländischen Grenzgebiet ist die Brennesselschlacht von Latum, das heute mit dem benachbarten Lank das Doppeldorf Lank-Latum bildet. Wie das unweit gelegene Oppum deutet schon der Name auf die römischen Ursprünge dieser Siedlung. Reiche Funde von Votivgaben deuten darauf hin, dass diese Region bis etwa 380 nach unserer Zeitrechnung eines der zentralen Heiligtümer des Kybelekults beherbergte. Und dessen machtvolles Fortleben lässt sich alle zwei Jahre im Juni in Lank-Latum studieren, bei einem Ereignis, das in seiner archaischen Rohheit einen unverstellten Eindruck der Riten vermittelt, mit denen unsere Ahnen die alljährliche Wiederkehr des dualen Prinzips aller Fruchtbarkeit feierten.

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Neue Besucher, die zum ersten Mal Zeuge dieses Brauchs werden, sind im Regelfalle entsetzt über das Ausmaß an Brutalität, in das ein bis zu diesem Zeitpunkt scheinbar allübliches Schützenfest umschlägt: Die Dorfstraße ist mit Barrikaden verstellt, gegen die die verschiedenen Kompanien des Dorfes anzurennen bemüht sind. Ihr Gegner ist die Freischar, eine weitere Kompanie, der im zeremonialen Rahmen die Rolle des Attis zukommt und deren Niederlage daher eine von vornherein ausgemachte Sache ist. Trotzdem werden die Barrikaden mit einer bis ans Letzte gehenden Brutalität verteidigt, und dies unter anderem mit Brennnesseln, welche eine endemische Subspezies, Urtica latumensis, darstellen: Obwohl sie in Länge und Bau der Großen Brennessel, Urtica dioica gleicht, ist es eine hybridisierte Form, die auch genetische Anteile der kleinen Brennnessel, Urtica urens, in sich trägt, nicht zuletzt den ungleich höheren Anteil an Histamin und Acetylcholin, der bei Urtica latumensis noch einmal um mehr als das Doppelte erhöht ist. Folgen eines Kontakts sind extreme Verquaddelungen der Haut, die je nach Dauer und Intensität des Kontakts schwere, ja letale anaphylaktische Schocks auslösen können.

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Nach der sogenannten ‘Fehdeansage’ beginnen die Kampfhandlungen, die sich über viele Stunden hinziehen können. Biologische Frauen sind hierbei nicht zugelassen, weshalb als symbolische Vertreter des weiblichen Prinzips jedes Jahr zehn ‘Dorfkibbeln’ gewählt werden, unbeleumdete Dorfbürger, die per Losentscheid verpflichtet wurden, während der Zeremonien in weiblicher Gewandung zu erscheinen. Dies symbolisiert die Entmannung des Agdistis, die Voraussetzung für die Geburt des Attis und der Kybele war. Wenngleich volksetymologische Erklärungen beim Wort ‘Kibbeln’ gerne auf eine Nebenbildung zum Verbum ‘kippe(l)n’ verweisen, was stürzen bedeutet und möglicherweise in Zusammenhang zu den sogenannten ‘Zaunreiterinnen’ steht, althochdeutsch hagazussa, dem Bild einer Hexe, die auf dem Zaun zwischen den Welten reitet, ist es dem historisch Geschulten nachgerade unmöglich, in den Dorfkibbeln nicht das Bild der Kybele zu erkennen. Die im Grün des Attis und der lebendigen Natur gewandete Freischar muss notwendig unterliegen, jedoch wieder auferstehen, so wie die einjährige Kleine und die hybridisierte Latumer Nessel.

Obwohl seit dem frühen Mittelalter bekämpft und als ‘gottlose Raufferey’ gebrandmarkt, hat sich dieses Brauchtum bis in die heutigen Tage gerettet. Zum Glück sind die Zeiten weitgehend vorbei, als noch fast jedes Jahr ein sogenannter ‘Nesselbock’ auf der Strecke blieb: Kämpfer mit Histaminallergie oder solche, die nach den bacchantischen Umtrünken dieser Tage in einem der überall anzutreffenden Brennesselhaufen versuchten, ihren Rausch auszuschlafen, galten doch die empfangenen Quaddeln, die sogenannten ‘Noppen’ als ein ehrenhaftes Zeichen. Die in ihnen enthaltene Wundflüssigkeit wird in vielen Haushalten in sogenannten ‘Noppenkümpkes’ gesammelt, kleine Steingutkrüge, die seit dem 14. Jahrhundert extra zu diesem Zwecke im benachbarten Bösinghoven gefertigt werden. Daher versuchen viele Latumer, die bei den Barrikadenkämpfen nicht genügend ‘genäselt’ wurden, die Zahl der empfangenen Bläschen zu vermehren, oft genug mit fatalen Konsequenzen. Der medizinische Fortschritt und die seit 2009 unweit des Kampfplatzes errichtete Nesselambulanz haben dazu beigetragen, die Zahl der Schwerverletzten auf zuletzt drei zu senken. Im 17. Jahrhundert hatte das Nesselbrauchtum einer alten Chronik zufolge solche Ausmaße angenommen, dass Latum nach der Friedensfeierschlacht von 1649, als zugleich dem Ende des 30jährigen Krieges gedacht wurde, fast ein Fünftel seiner männlichen Einwohnerschaft verloren hatte.

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Woher nun stammt die rätselvolle Verbindung zwischen dem Attiskult und der Brennnessel? Ihre sympathiezauberische und aphrodisierende Wirkung, die ihr in fast allen Kulturen zugeschrieben wird, ist der Schlüssel zur Lösung: Bis ins 6. nachchristliche Jahrhundert wurden die rituellen Kämpfe, welche die Tötung des Attis symbolisieren, unbekleidet ausgeführt. Bedingt durch die Reizungen der Haut verfielen die Teilnehmer in sexuelle Raserei, und die sich anschließenden tagelangen Orgien feierten die Vereinigung der Kybele mit ihrem Sohn und ehemaligen Geschlechtsteil. Erst eine Eingabe Luitgars, des Bischofs von Kleve, unterband diese in nachheidnischen Augen sündhafte Zurschaustellung des Körpers. Zwar wird man heute nur noch selten vollständig entkleidete Kämpfer finden, doch immer noch leeren sich die Straßen Latums nach den Spielen, und die lärmende Fröhlichkeit macht einer verdächtigen Ruhe Platz, durch die ein aufmerksamer Zuhörer aus den Häusern, Ställen und Feldern zuweilen jene unmissverständlichen Geräusche wahrzunehmen vermag, die ihm zeigen, dass der Kreislauf von Werden und Vergehen auch in diesem Jahr in Lank-Latum seinen Bogen geschlossen hat.

Ein Gastbeitrag von Martin Knepper (Text und Bilder). rheinsein dankt!


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3 Kommentare zu “Die Brennnesselschlacht von Lank-Latum – ein Zeugnis des spätantiken Attis- und Kybelekults am mittleren Niederrhein”

  1. SchützeAilG
    25. Juni 2013 um 00:04

    Gut, das es sich erkennbar um Satire handelt …

  2. SchützeAilG
    25. Juni 2013 um 07:52

    die auf einen wahren Sachverhalt aufbaut.
    http://www.bruderschaft-lanklatum.de/chronik/fehde-ansage.html

  3. Capulcu
    25. Juni 2013 um 12:49

    die wahrheit – und nichts als die wahrheit!

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