40 Tage nach „Y“

Hinten in der S-Bahn eine Frauenstimme,
laut, erregt und mit stämmig-tomatigem Klang:
“Ich bin sauer…vor Jahren…ganze Schweinerei…”
offenbar in ein Mobiltelephon
(da nur ihr Monologanteil vernehmbar).

Himmel eisheilig,
sein Grau frischer als die matten
Stahl- und Glasfassaden der Bürotürme.

Ansonsten das seit zwei, drei Jahren
üblich gewordene Bild:
acht von zehn Passagieren tippen
beidhändig in ihre
handtellergroßen Kommunikationsgeräteplatten
mit Glattberührungsoberfläche.

Weiter mit der Straßenbahn.
Worringer Platz; ein Hochglanzaufkleber
auf dem Müllbehälter: “Pfand gehört daneben”.
Kölner Ecke Börnestr.; ein Daimler Benz Coupe
wie Bobby Ewing vor 30 Jahren eines in Dallas fuhr,
statt rot allerdings in silbergrau.

Pempelforter Ecke Wehrhahn.
Gelbe Kunststoffzäune mit warnblinkfähigem Gelämp,
dahinter drahtige Baustellenzäune übermannhoch,
Betonwände metertief in die Straßengrube eingegossen,
LKWs und Kräne.

Unweit des nahen Brauereiausschanks
ein Ladenlokal mit Bistro oder ähnlichem darin.
“Das war früher eine feine Kneipe“, lässt sie wissen,
“da saßen wir mittags in Anzug und Kostüm zum
Pausenbier.”
(Im Wochenblatt steht, dass in Alt-Erkrath, dem Nachbarstädtchen,
die nach der Post benannte Wirtschaft endgültig geschlossen habe –
Traditionslokal seit Jahrzehnten.
Das strenggestrenge über alle Stränge allzu enge Totalrauchverbot
In Räumen mag der vorletzte Sargnagel gewesen sein, der letzte
wohl die in Kürze beginnende erkennbar überflüssig zu nennende
Erneuerung des Fußgängerzonenpflasters – praktisch das Ende der
Außengastronomie.)

712 Richtung Ratingen.
“Baschelll…” murmelt seine Phonetik…
“gibt’s immer noch”, ergänzt sie;
alteingesessene Düsseldorfer Druckerei an der Grafenberger Allee.

Immer schön, die griechische Fahne in Europa
wehen zu sehen.

Im Erdgeschoss des Konsulatsgebäudes
eine Arztpraxis für Hämatologie.
In deren Empfangsbereich in einer Blumenvase
drei rote Rosen und zwei weiße Nelken –
Symbol vielleicht für das gesunde Mischverhältnis
der Blutkörperchen.
Spontaner Gedanke:
Die Werte der Leber sind nicht immer die der Gesellschaft.

Hier soll nur eine Unterlage für jemanden abgeholt werden.
Stattdessen dauert es, Patientenschlange vorm Anmeldetresen.
Neue PCs werden installiert, ein Computermann starrt emsig auf
einen Bildschirm, ein weiterer Techniker fuhrwerkt am Drucker.
“1969″, sagt hinten in der Schlange
ein Wartender zu einer Wartenden, “war bei den
Banken noch ein menschlicheres Arbeiten. Es wurde miteinander
gesprochen. Heute glotzt jeder nur in sein Gerät.”
Vorne ähnliche Befunde:
“Mit dieser Maus kann ich nicht arbeiten. Diese Maus macht mich rasend“,
lüftet die Sprechstundenhilfe ihre Seele,
angespannt auf einen Flachbildschirm stierend.

Zurück in der Bahn, junge Mutter mit Kinderwagen,
gepflegtes Äußeres, schämt sich beim Lächeln nicht
ihrer Zahnlücke.
So weit sind die Zeiten also schon, mag manch einer denken.
So weit sind die Zeiten schon wieder, denkt vielleicht ein Älterer.

Vermehrt Goldankaufläden.
Bruch- / Zahn- / Alt-gold. Neueröffnung.

Gleichviel, ob Bekleidungsdiscounter oder Markengeschäft,
das Etikett in den Stoffen schreibt überwiegend „Made in Bang!!! La Desh“.

Vor rund 40 Tagen schrieb der Dichter GrIngo Lahr:
“Y-Stelen.
Einst 1000 Füße. Wie einsame Zahnruinen in einem zahnlosen Kiefer, umgeben von
Schutthügeln aus Beton und verbogenem Stahl,
dahinter emblemloses Dreischeibenhaus & blauer Himmel
TOCK-TOCK-TOCK-TOCK-TOCK-TOCK-TOCK…
Gewaltiger Kran mit fünfgliedrigem Langarm. Abbruch/Hauer/Hammer,
im ganzen Viertel hör- & spürbar, zerstückelt die Leiche der Autobrücke.
Ein zweiter Aasfresser von der anderen Seite, Großkran, vier- oder fünfgliedriger Arm
Mit schlangenartigem Greifgebiss: „RRRffRRRffRRRff“. Plopp plopp Staub.
Hämmern und Fräsen um die Wette an beiden Seiten des Torso.” [***]

Knapp 40 Tage später statt Schuttbergen nun ein Saugbagger.
Ein Fahrzeug, ähnlich der Form von Wasserwerfern der Polizei bei Krawallen,
statt grün (künftig blau) hier jedoch in orange und mit umgekehrter Funktion.

Kräne von Bill Finger, lieber Herr und Woll! Wo?
Motto der Abbruchfirma, sie schaffe Platz für Neues.
Bahnschwellen, älter wohl als die 1960er/70er Jahre
aus dem Erdreich geborgen und sorgsam aufgestapelt.
Ein Kranbohrgerät bearbeitet einen neuen Kanaleingang:
!wie-wieCH wie-wieCH wie-wieCHCH…”

Vor Schaufenstern zigarettenrauchende Damen.
Bis vor zwei Wochen durften sie das noch im Cafe
auf Stühlen an Tischen sitzend,
hinter Glas zwar, wie im Terrarium
(aber damit waren Raucher wie Nichtraucher einverstanden gewesen).
Seit 14 Tagen würden die Damen sich illegal verhalten,
folgten sie weiterhin ihren bürgerlichen Gewohnheiten,
zum Kaffee zu rauchen.
Ihr Menschlich-Sein wurde quasi über Nacht kriminalisiert.

Historische oder apokalyptische Vergleiche seien hier,
die political correctness zweckhalber zum Stilmittel umbiegend,
schlicht verschwiegen, aber ist es nicht George Orwell,
der da aus dem Jenseits murmelt:
“Kommt`s noch so weit, dass Steuern auf die Atemluft erhoben werden?”

© GrIngo Lahr 15.05.2013

[***] Quelle: Literatur-Flyer „Lit-Single“, © GrIngo Lahr, vom 07.04.2013 (Titel „Y“), Wuppertal 2013

Seit 1993, seit nunmehr 20 Jahren bringt GrIngo Lahr seine Lit-Singles betitelten Literatur-Flyer “zur privaten Zirkulation im Freundeskreis und in der literarischen Fachöffentlichkeit” unter die Leute. 40 Tage nach Y ist ein literarischer Streifzug durch Düsseldorf, der an Lahrs im Text zitierte Lit-Single “Y” anschließt und exklusiv für rheinsein entstand. Die Y-Stelen meinen die Träger des vor wenigen Monaten abgerissenen “Tausendfüßlers”, einer ehemaligen Hochtrasse, seinerzeit eines der architektonischen Wahrzeichen der Stadt. rheinsein dankt GrIngo Lahr für den Text und für seine Meldung nach all den Jahren!


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