es ist stets herbst in mauenheim

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Vor wenigen Tagen erkundeten wir Mauenheim, Kölns angeblich kleinsten Stadtteil, an den der Rhein allenfalls mit Altarmen einst heranfingerte und von dem es in einem bekannten Gedicht heißt, daß er nur eine einzige Jahreszeit kenne, den Herbst. Doch so klein ist Mauenheim gar nicht. Im Osten, Süden und Westen von mehreren Verkehrsadern, im Norden von einem imposanten Friedhof begrenzt, liegt das in Köln so gut wie unbekannte Viertel “hinter dem Schall”. Vor allem entlang der Schallgrenzen bestehen noch zahlreiche, Wachstum versprechende Baulücken. Markant in Mauenheim wirkt neben dem Nordfriedhof vor allem die Nibelungensiedlung, deren Straßen und Höfe nach den vorzeitlichen Heldinnen und Helden des Nibelungenlieds benannt sind. Zentraler Treffpunkt Mauenheims scheint denn auch der – wunderbares Kompositum: - Siegfriedhof, eine klassische Vorort-Gaststätte, auf deren Speisekarte sich Gerichte wie “Seelachs-Ersatz mit Zwiebeln, Ei und Kartoffelsalat”, “Ölsardinen mit Butter und Brot”, “Restaurationsschnitte” oder “Russen-Ei” finden. Die Menschen auf den Straßen Mauenheims sahen bei unserer Erkundung nicht allzu gesund aus. Viele schleppten Habseligkeiten in Plastiktüten durch die Gegend. Eine Familie sammelte sich um ein Auto älteren Baujahrs, um es langatmig zu besprechen. Die Sonne denunzierte einige trostlose Winkel und klebte Bescheide an Autofenster. Daß sie überhaupt wirkte, gab dem Mauenheimer Dauerherbst einen Anstrich von Frühling. Wohl birgt dieser Herbst in seiner Permanenz saisonale Subkontexte, welche sich in den Vorgärten etwa per verschämtem Blütenschimmer kurz und amateurhaft äußern. Denn: blühte dort bei den Wegplatten wirklich ein Rhododendron? Oder benötigte unser Hirn in der Mauenheimer Trostlosigkeit dringend wenigstens diesen einen Rhododendron, kopierte ihn aus einer entfernten Vororterinnerung und fügte ihn selber ein? Wir können es nicht mit Sicherheit festlegen. Die Straßen Mauenheims jedenfalls strotzen vor Unscheinbarkeit. Sogar die Graffiti bezeugen extreme Einfallslosigkeit. Welche ja nicht unbedingt als herbsttypisch gilt. Typisch für die Hauswände wiederum sind verzweigte Muster, die ehemaliger Efeubewuchs auf ihnen hinterließ: Abgasfrottagen, tief im Rauhputz verankerte Grau-in-grau-Strukturen, die immerhin dem Himmel entgegenstreben. (Wird fortgesetzt.)


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Ein Kommentar zu “es ist stets herbst in mauenheim”

  1. Costa
    6. Juni 2013 um 18:33

    Grauenheim

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