Der Rhein im zeitgenössischen Kölschrock

Kölschrock wird in den nächsten hundert Jahren vermutlich nicht aussterben. Noch bevor der Gedanke, das Genre habe sich nun mittlerweile doch reichlich überlebt, überhaupt zu Ende gedacht ist, taucht eine neue Band aus den Kellern der Veedel, und noch eine und noch eine, die städtische Rocktradition mit modernen Frisuren und klassisch angerauhten Stimmbändern fortzusetzen. Eine dieser ungezählten jungen Bands ist Kasalla, und wie es sich für Kölschrocker gehört, haben sie einen Song über den Rhein gemacht: „Der Fluss“.
Der Liedtext ist in drei Versionen (kasallakölsch, akademiekölsch, hochdeutsch) auf der Website der Akademie för uns kölsche Sproch zu finden und spricht von der Sicht des Kölners auf sich und seinen Rhein. Gedenkt die erste Halbzeile „der Quelle“ (einem von rheinsein häufiger diskutierten, fragwürdigen Ursprungsbegriff), schweift der Gedanke mit großzügigem Schwung, jedoch stante pede ins Zentrum der Welt und gibt wie nebenbei einen Hinweis auf das Alter des Stroms, das sich nicht nur des Reimes wegen mit kaum etwas besser vergleichen ließe als mit demjenigen des größten Bauwerks von Menschenhand, das in der ewigen Stadt am Niederrhein je errichtet wurde. Legen wir den Baubeginn des neuen Doms im Sommer 1248 zugrunde, kommen wir auf ein Rheinalter von rund 765.000 Jahren:

„an d`r Quell ne Baach, bei uns ene Strom
un dausendmol älder wie dä Dom
du deilst ming Stadt in jot un schääl
un jiss ene Driss op unsere Pegel
weed et dir zo eng küss du an Land
und brings uns Möwe met vum Strand“

Den rheinischen Fatalismus, eine typisch kölsche Spezialität, finden wir von Kasalla in bisweilen knarzig endgereimten Spiegelungen vom Menschen zurück übertragen auf den eigens personifizierten, wie einen mehr oder minder bekannten Tresennachbarn selbstverständlich geduzten Fluß, der „ene Driss“ auf „unsere“ Pegelstände gebe. Das anschließende Möwenmotiv hat uns sehr gefreut, denn die kölsche Möwe ist, im Gegensatz zu Dom und Strom, im lokalen Liedgut bisher, unfaßbarerweise, sträflich unterrepräsentiert. Der Rest des Textes ergeht sich in Hymnen auf die Unbändigkeit und trotzig-bewundernden Zeilen auf die Gleichgültigkeit des Rheins, dem wir Kölner, die sich mit ihm zu vergleichen trachten, eigentlich „scheissejal“ seien, eine starke Wortwahl, wegen des Halbeinsatzes von Hochdeutsch stärker noch als der oben zitierte „Driss“, entsprungen einem in Großstädten nicht überall anzutreffenden Bewußtsein für die im Vergleich zu einem Menschenleben ungleich übermächtigen Kräfte der Natur.


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