Monatsarchiv für Mai 2013

 
 

Presserückschau (Mai 2013)

Erneut nimmt die Konfrontation von Mensch und Tier (aber auch von Mensch und Mensch) einen beträchtlichen Teil der Schwerpunkte in der Presseberichterstattung entlang der Rheinschiene ein. Hier in kurzen Zusammenfassungen die wichtigsten Meldungen des diesjährigen Wonnemonats:

1
Zu einem kalkulierten Skandal geriet die Tannhäuser-Premiere im Wagner-Jahr in Düsseldorf. Die WZ schreibt vom Aufstand des Opernpublikums: “„Geh in Therapie!“, „Aufhören!“ „Das ist keine Kunst!“ und immer wieder „Sch…!“ – lautstark haben Zuschauer in der Rheinoper ihrem Ärger und Entsetzen Luft gemacht. Provoziert von einem Bühnenbild, das Kammern zeigt, in denen nackte Frauen und Männer mit Nebel scheinbar vergast werden, einem Tannhäuser, der mit Nazibinde am Arm seine Familie exekutiert. Für einige gab es schon in der ersten halben Stunde kein Halten mehr. Türenknallend verließen sie die Oper. Der überwiegende Teil blieb. Nicht zuletzt, um Regisseur Burkhard C. Kosminski beim Schlussapplaus auf der Bühne niederzubuhen. Einige pöbelten ihn bei der anschließenden Premierenfeier rüde an.” Das Thema hielt sich schließlich den gesamten Monat in der Presse, nachdem die theatrale Aufführung von Intendant Christoph Meyer zugunsten einer rein konzertanten abgesetzt wurde, um das Gesundheitsrisiko des Publikums zu mindern, nachdem zahlreiche Premierenbesucher ärztliche Hilfe benötigt hätten.

2
Warum es am Rhein so schön ist, ist eine häufig beantwortete Frage. Die Frankfurter Rundschau reiht sich mit einem Bericht über die Ausstellung “Еrhabene Natur, vaterländischer Strom, romantischer Rhein” im Flörsheimer Heimatmuseum in den Reigen ein: “Sanft geschwungene Hügel, in Abendrot getauchte Burgen und Fischer, die sich vergnügt am Ufer unterhalten – in den Bildern des in Flörsheim geborenen Malers Christian Georg Schütz dem Älteren zeigt sich eine Idealvorstellung der Rheinlandschaften, in dessen Mittelpunkt stets der mächtige Fluss steht. Zusammen mit seinem Neffen und Patenkind Christian Georg Schütz dem Jüngeren prägte er Mitte des 18. bis ins erste Viertel des 19. Jahrhunderts die Idee der Rheinromantik und war daran beteiligt, den Rhein vom schnöden Transportweg zum Reiseziel für gut Betuchte zu stilisieren.”

3
Auf dem Koblenzer Bahnhofsvorplatz vor dem McDonalds-Restaurant hat ein Mann am Pfingstsonntag eine Ratte gehäutet und verspeist, berichtet die Rhein-Zeitung: „Anschließend sei er mit der Haut auf seinem Gesicht auf dem Bahnhofsvorplatz umhergelaufen.“

4
Am Pfingstmontag spielte ein Reh mit der Basler Bevölkerung Katz und Maus. An verschiedenen Stellen der Stadt, darunter im Rhein, sei das Tier auf- und abgetaucht wie die Basler Zeitung berichtet: „Es wurde schliesslich unter dem Applaus von Passantinnen und Passanten von Mitarbeitenden der Polizei aus dem Rhein gefischt und später im Wald bei Bettingen wieder ausgewildert, wie das Justiz- und Sicherheitsdepartement Basel-Stadt mitteilte.“

5
Bei Hinterrhein hat ein Wolf zunächst ein Reh und einige Tage später ein Schaf gerissen. Mit Hilfe seines Fernrohrs schoß ein Wildhüter Handyfotos des Räubers über seiner Wildbeute, von denen eines auf der Webpräsenz der Südostschweiz publiziert wurde. Die seit Generationen von Schafzucht lebenden Bewohner Hinterrheins befürchten unterdessen, daß die Obrigkeit den Wolf schützt, sodaß er nach und nach ihre Herden auffressen werde.

6
“Drogen, Waffen, Geldverschiebung – der deutsch-schweizerische Grenzübergang auf der A5 in Weil am Rhein ist das Tor zur EU und die Reuse für Schmuggelgut jeder Art”, konstatiert auto motor und sport und informiert seine Leserschaft über Arbeitsmethoden der Grenzwächter: “Sieben oder acht Mal hat der Zollbetriebsinspektor schon die Geldzählmaschine vor sich gefüttert, doch sie gibt immer wieder mit vernehmlichem Piepsen Fehlermeldungen von sich. Schließlich nimmt der Apparat doch noch die Arbeit auf und quittiert artig den Durchlauf der beiden Bündel mit 500-Euro-Scheinen: 100.000 Euro, die ein Mann aus Belgien bei sich trug, als er aus der Schweiz nach Deutschland einreisen wollte.”

7
Der Sonntag aus Freiburg berichtet von einer vertrackten Situation: nach EU-Richtlinien sei vom Baden an Hoch- und Oberrhein abzuraten, weil es insbesondere bei empfindlicheren Personen zu Haut- und Schleimhautreizungen oder Magen-Darm-Beschwerden führen könne, dieweil die Schweizer Behörden das Baden an genau denselben Stellen der Entscheidung des Bürgers überlassen. Immerhin: „Der Rhein ist so sauber, daß sich sogar der Lachs wieder darin wohlfühlt.“

8
Die “Rheinwoche” gilt als “längste Fluss-Segelregatta Europas”, klärt die Rheinische Post auf. Sie führt in drei Tagesetappen von Hitdorf über Krefeld und Rees nach Emmerich. Die Teilnehmer segeln um das “Blaue Band vom Rhein” und dürfen sogar auf Sensationen entlang der Rennstrecke hoffen: “Bei gutem Wetter bereitet auch die Jugendfeuerwehr der Stadt Rees im Rahmen ihres Pfingstzeltlagers den Seglern einen unvergesslichen Empfang. Denn in Höhe des Pegelturmes wollen die jungen Feuerwehrleute die vorbeifahrenden Schiffe mit einer spektakulären Wasserwand begrüßen.”

Es gibt keine Singles in Köln

Im vorangegangenen Beitrag erwähnten wir einen Artikel für die Welt von Michael Lentz. Er beschreibt darin u.a. das fangemeinschaftliche Schöntrinken einer Niederlage des 1. FC Köln in einer Kneipe, um das Gefühl, einen “Schlaach mit de Pann” erhalten zu haben, während unter der Gaststubendecke ein Gewitter dräut, von innen zu kurieren. Im Folgenden fallen im Stakkato einige gültige, zitierfähige Statements über den Rheinländer-an-sisch und sein Jeschwaad:

“Rheinländer ist der, der den anderen nicht zu Wort kommen lässt.”

“Rheinländer, die als Rheinländer immer recht haben und das nicht nur im Rheinland, kennen keine Geheimnisse. Sie erbrechen ihre Geheimnisse in Ehren. Sie erwecken oft den Eindruck, etwas mitzuteilen. Es ist ihnen schlechterdings nur eben, als wenn sie einmal laut mit sich selber sprechen könnten. Geselliger Zufall, dabei anwesend zu sein.”

“Zwei Naturgesetze: Der Dom gehört dem Dom, das Wort ist beim Rheinländer.”

Und am Schönsten wohl dieses über die “Single-Hauptstadt” Köln:

“Es gibt keine Singles in Köln. Das Reden eines Kölners ist eine ganze Familie.”

Doch leichter wird der Rhein verbrennen

Den Neid der Dichter untereinander berührt Daniel Trillers kräftiges Sinnbild, das nach seinem Eingang ins Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm mit etwas Verspätung nun über den am Ende abrupt verschlungenen Umweg eines fast schon abgestandenen Artikels von Michael Lentz über den 1. FC Köln in der Welt, welchen die Lyrikzeitung heute anteaserte, zu rheinsein, wo es jedenfalls hingehört, fand:

(…)
Ob ich ein großer Dichter wär,
Ob keiner, dieser eitlen Ehr
Wollt ich mich gern verlustig schätzen.
Ich suchte noch, so viel an mir,
Dem edlen Brockes nachzuahmen,
Und zöge seinen großen Namen
Noch ferner andern Dichtern für.
Wer könnte mich daran verhindern?
Die Armen geben sich zu bloß!
Sie wären gern alleine groß,
Und wollten andrer Ruhm vermindern.
Doch leichter wird der Rhein verbrennen,
Als ihr verwünschter Wunsch geschehn:
Sie werden die Erfüllung sehen,
Wenn sich die Elementen trennen.
(…)

(aus: Daniel Triller – Poetische Betrachtungen über verschiedene aus der Natur- und Sittenlehre hergenommene Materien, Band 2, Seite 26, Hamburg 1746)

Schiffsmühle

„Bei Neuenburg am Rhein, im Großherzogtum Baden ist eine dort im Strom angebrachte, erst am Rhein Anno 1829 ganz neu erbaute, auf zwei authentischen Fahrzeugen stehende, 80 französische Schuh lange und 36 breite, Schiffmühle, welche sich im besten Gange befindet, aus freier Hand zu verkaufen. Dieselbe besteht aus zwei Mahlgängen und einer Rennlen, ist mit extra guten Steinen, so wie allem Zubehöre, alles in brauchbarem Zustande, aufs Zweckmäßigste eingerichtet und könnte bis Ende nächsten Märzmonat, oder je nachdem sich Liebhaber zeigten, noch früher abgetreten werden. Ihre dermaligen Eigentümer würden solche ohne anders behalten, wenn sie nicht durch die Unbeständigkeit des Flussbetts im Neuenburger Bann, gar zu öftern kostspielige Veränderungen damit ausgesetzt und die anfänglich benutzte feste Stelle durchaus verloren gegangen wäre. Damit aber ein künftiger Inhaber diesem enthoben sein möge, wollten die jetzigen Besitzer gerne um die Erlaubnis von der resp. Landesobrigkeit anhalten, dieses Werk, welches stromauf- und stromabwärts bewegt werden kann, an jeden wünschbaren andern und bessern Uferplatz der Großherzoglich-Badischen Staaten verlegen zu dürfen, wo man dann versichert ist, daß es weit mehr als jede Landmühle mahlen würde, auch machen sie sich verbindlich die Mühe bei geeigneter Wasserhöhe auf eigene Kosten dahin zu befördern. Der Anschlagpreis sowohl als die übrigen Bedingnisse werden möglichst billig sein und ist sich für die Beaugenscheinung sowohl als das Weitere hierüber in besagtem Neuenburg an Schiffermeister Ignaz Studer, oder auch in Nr. 111 in Kleinbasel anzumelden.“ (Aus einem Inserat in der Baseler Zeitung vom 11. Februar 1832, zitiert nach dem Amtsblatt der Stadt Neuenburg am Rhein vom 05. April 2013)

***

Kölner Schiffmühlen

Die in Holz geschnittenen Kölner Schiffsmühlen von Anton Woensam aus dem Jahre 1531 entnehmen wir dem (Stand: heute:) knappen, aber lesenswerten Wikipedia-Artikel über die Kölner Rheinmühlen, der Betriebstechnik sowie Vorkommen dieser speziellen Mühlenart erläutert und weitere Schiffsmühlendarstellungen bietet. Die Bilder der aneinandergekoppelten Mühleneinheiten vermitteln einen kräftigen Eindruck von den Unterschieden menschlicher Nutzung des Rheins im Laufe der Jahrhunderte. Eine reine gewaltsame Naturszene wie von anno Null, als der Rhein gebrannt hat, ist hingegen heuer praktisch kaum mehr vorstellbar.

R(h)eine Träume

R(h)eine Träume ist der etwas unbeholfene Titel einer durchaus sehenswerten, bei blurb komplett elektronisch durchblätterbaren und natürlich auch bestellbaren Foto-Dokumentation des Rheinlands, eine Gemeinschaftspublikation der rheinischen Sektion des Fotografenverbandes FREELENS. Land und Leute, festgehalten von über 30 FotografInnen, die ihre Aufnahmen mit knappen Sätzen kommentieren. Wir sehen einzwängende Arbeitsplätze wie etwa Kirmes-Ticketbüdchen. Ihnen gegenüber stehen die Kölner Messehallen, in denen TrägerInnen schicker Anzüge und Roben gleichfalls von der Architektur beherrscht wirken. Das inzwischen verschwundene Dorf Otzenrath grüßt mit seiner letzten Fleischertheke. Ein Mann paddelt auf einem Surfbrett den Rhein von Konstanz bis Duisburg ab. Am Ufer bauen sich Passanten auf. Die Frauen eines Boxclubs schleudern ihre Fäuste Richtung Kamera. Im Rheinland lebende Afrikaner präsentieren ihre Hobbies. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ist zu sehen: angeblich arbeitet sie einen Tag pro Monat in einer sozialen Einrichtung oder Vergleichbarem, um nicht die Bodenhaftung zu verlieren. Unsere
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Screenshots zeigen den Braunkohletagebau, der Otzenrath fraß und drei screenshot_rheine-träumeAufnahmen verschiedener Schiffe, die eine Rheinbrücke unterqueren und dabei Merkmale abstrakter Kunstwerke zur Schau stellen.

Ustrinkata am Vorderrhein

“Jetzt lass ihn, sagt die Tante, muss ja nur Wasser lassen, nicht dass er mir in die Hosen macht wie der Georg, ist auch schon Jahre tot, wer ist gestorben, fragt die Grossmutter, niemand, sagt die Tante und steckt sich eine neue Mary Long zwischen die Lippen, ich habe geträumt, sagt die Grossmutter, das Ross sei im grünen Gras am jungen Rhein gestorben, es lag da ganz müde und tot, die Tante bläst den Rauch aus, der Georg also, sagt die Tante, der sass jeweils da auf dem Bänkli, immer auf dem gleichen Platz, ganze Nachmittage sass er da und sagte nichts, und wenn er genug intus hatte, zog er den Kopf in die Schultern, und gestorben ist er auf der Toilette, sagt die Silvia und hält das brennende Zündhölzchen der Tante hin, hatten ja auch alle gestaunt, dass er plötzlich auf die Toilette wollte, wo er doch nie ging, sie zündet ihre Select an, nur dass er nicht mehr zurückkam.”

Arno Camenischs Sprache ist hochrhythmisch. Sie besteht aus kurzen, kommagetrennten Einheiten, die sich zu langen Sätzen, zu einem schnaufenden Sermon dehnen, der nicht nur einen Sprecher zu besitzen scheint, bzw falls doch nur einen, dann einen, der aus verschiedenen Raumecken mit Ideen gefüttert wird, die abzumischen er gezwungen wirkt, als Kleister benutzt er Capunsmasse. Denn auch eine Mischung aus Hochsprache, Bündner Dialekt und dem sursilvanischen Romanisch ist diese Sprache, die plätschert und anzieht wie der Vorderrhein, den sie häufig beschreibt. Eine rauhe Mischung, kantig, Berglerbeat, langsam, bald schwer, bald unberechenbar bis luzid, von exzellenter Qualität. Ob eine solche Sprache in 200 Jahren noch verstanden wird fragen wir uns, wie wir uns das sonst nur bei zeitgenössischen Gedichten, unsere eigenen eingeschlossen, fragen. Und verwerfen die Frage sogleich, weil es fürs erste ausreicht, daß uns diese Sprache ganz ausgezeichnet gefällt, auch weil sie bei allem Flow beinahe stets vom Wesentlichen spricht, Leben und Tod. Die Wirtshausszenen aus der “Helvezia” in Tavanasa erinnern uns an jene, die wir einen Monat lang in Linas “Calanda”-Gaststube in Haldenstein, am bereits zusammengeflossenen Alpenrhein erlebten. Urchiges Stammpersonal mit markigen, auf den winzigen Provinzflecken Welt ihres Daseins bezogenen Erzählungen, ein Personal, dem jederzeit zuzutrauen ist, daß es die Gläser nach dem Leeren gleich noch auffrißt, das als verborgener Gegenbeweis für die im Literaturbetrieb kursierende These vom Ende der Zeit der großen Geschichten hinter Nikotinnebeln vor sich hin existiert, wenngleich es seine Geschichten recht einsilbig erzählt. Groß sind sie allemal. Und: Arno Camenisch liefert die literarisch stärksten Beschreibungen der Macht des Vorderrheins, die uns bisher bekannt sind.

Arno Camenisch: Ustrinkata, Engeler 2012
ISBN 978-3-033-03028-2, Gebunden, Schutzumschlag, 18,5 x 12 cm, 100 Seiten, Euro 17.- / CHF 25.-

Kölner Dom (2)

“Und der Kölner Dom, da kann ich mich auch drüber aufregen. Sonn Hals hab ich über den. Sonn Hals, sonn Hals, sonn Hals. Dada dadada dadadadada.” (PeterLicht, Lied gegen die Schwerkraft)

Der Rhein im zeitgenössischen Kölschrock

Kölschrock wird in den nächsten hundert Jahren vermutlich nicht aussterben. Noch bevor der Gedanke, das Genre habe sich nun mittlerweile doch reichlich überlebt, überhaupt zu Ende gedacht ist, taucht eine neue Band aus den Kellern der Veedel, und noch eine und noch eine, die städtische Rocktradition mit modernen Frisuren und klassisch angerauhten Stimmbändern fortzusetzen. Eine dieser ungezählten jungen Bands ist Kasalla, und wie es sich für Kölschrocker gehört, haben sie einen Song über den Rhein gemacht: „Der Fluss“.
Der Liedtext ist in drei Versionen (kasallakölsch, akademiekölsch, hochdeutsch) auf der Website der Akademie för uns kölsche Sproch zu finden und spricht von der Sicht des Kölners auf sich und seinen Rhein. Gedenkt die erste Halbzeile „der Quelle“ (einem von rheinsein häufiger diskutierten, fragwürdigen Ursprungsbegriff), schweift der Gedanke mit großzügigem Schwung, jedoch stante pede ins Zentrum der Welt und gibt wie nebenbei einen Hinweis auf das Alter des Stroms, das sich nicht nur des Reimes wegen mit kaum etwas besser vergleichen ließe als mit demjenigen des größten Bauwerks von Menschenhand, das in der ewigen Stadt am Niederrhein je errichtet wurde. Legen wir den Baubeginn des neuen Doms im Sommer 1248 zugrunde, kommen wir auf ein Rheinalter von rund 765.000 Jahren:

„an d`r Quell ne Baach, bei uns ene Strom
un dausendmol älder wie dä Dom
du deilst ming Stadt in jot un schääl
un jiss ene Driss op unsere Pegel
weed et dir zo eng küss du an Land
und brings uns Möwe met vum Strand“

Den rheinischen Fatalismus, eine typisch kölsche Spezialität, finden wir von Kasalla in bisweilen knarzig endgereimten Spiegelungen vom Menschen zurück übertragen auf den eigens personifizierten, wie einen mehr oder minder bekannten Tresennachbarn selbstverständlich geduzten Fluß, der „ene Driss“ auf „unsere“ Pegelstände gebe. Das anschließende Möwenmotiv hat uns sehr gefreut, denn die kölsche Möwe ist, im Gegensatz zu Dom und Strom, im lokalen Liedgut bisher, unfaßbarerweise, sträflich unterrepräsentiert. Der Rest des Textes ergeht sich in Hymnen auf die Unbändigkeit und trotzig-bewundernden Zeilen auf die Gleichgültigkeit des Rheins, dem wir Kölner, die sich mit ihm zu vergleichen trachten, eigentlich „scheissejal“ seien, eine starke Wortwahl, wegen des Halbeinsatzes von Hochdeutsch stärker noch als der oben zitierte „Driss“, entsprungen einem in Großstädten nicht überall anzutreffenden Bewußtsein für die im Vergleich zu einem Menschenleben ungleich übermächtigen Kräfte der Natur.

Bayerischer Rhein

“100. Fr. Welches sind die Hauptflüsse Deutschlands?
Antw. Es sind folgende: 1. der Rhein; 2. die Donau; 3. die Weser; 4. die Elbe; 5. die Oder.

101. Fr. Woher kömmt der Rhein?
Antw. Er kömmt aus der Schweiz vom St. Gotthards-Berge, hat 3 Quellen, fließt durch den Bodensee und ergießt sich theilweise in den Niederlanden in die Nordsee.

102. Fr. Wo entspringt die Donau?
Antw. Sie entspringt im Großherzogthum Baden im Schwarzwalde, fließt durch Würtemberg, Bayern, Oesterreich, Ungarn, die Türkei, und ergießt sich in das schwarze Meer.

(…)

117. Fr. Wie heißen die Hauptflüsse in Bayern?
Antw. Sie heißen: 1. der Rhein 2. die Donau, 3. der Main.

118. Fr. Woher kömmt der Rhein und wohin ergießt er sich?
Antw. Er kömmt aus der Schweiz vom St. Gotthards-Berge, fließt durch den Bodensee, und ergießt sich in den Niederlanden in mehreren Armen in die Nordsee.

119. Fr.  Inwiefern gehört der Rhein zu Bayern?
Antw. So lange er die Pfalz bespült.

120. Fr. Was für bayerische Städte liegen am Rhein?
Antw. Am Rhein liegen: Germersheim und die Hauptstadt Speyer.

121. Fr. Wo entspringt der Main?
Antw. Er entspringt in Oberfranken auf dem Fichtelgebirge, fließt durch Ober- und Unterfranken, und ergießt sich bei Mainz in den Rhein.”

(aus: J. Offner, Fragen aus der vaterländischen (bayerischen) Geschichte und Geographie: Mit beigefügten Antworten: zum Gebrauche für die Schuljugend in den höhern Klassen der deutschen Werk- und Sonntagsschulen (1840))

Rijn en Zon

A° 1745
DE.RYN.EN.SON.EEN SUYVERE.BRON
MET.WARME.STRAALEE
TOT.UTREGHTS.PRONCK,BELOFTE.SCHONCK
OM.WEL.TE.MAALLEE
GESTIGHT.DOOR.BN SONNEN.BERGH
EN.GV VAN.REYN. C.E.B.

Die Rhein und Sonne, ein sauberer Brunnen mit warmen Strahlen, zu Utrechts Glanz, um gut mahlen. Nicht nach dem Fluß (dessen Wasser in Utrecht unter verschiedenen Pseudonymen auftreten) und dem Zentralgestirn ist die stattliche und wohl auch berühmte Windmühle benannt, sondern nach ihren Ersterbauern, den Herren Sonnenbergh und van Reyn. Ihre genauen Daten finden sich in der Nederlandse Molendatabase und bei der Vereniging de Hollandsche Molen, das Centraal Museum zu Utrecht hält alte Schwarz-Weiß-Ansichten parat, Het Utrechts Archief die hier gezeigte Druckgrafik von J. C. Philips aus dem Jahre 1756 nach einer Zeichnung von Jan de Beijer aus dem Jahr 1745 und noch taufrisch ist der deutschsprachige Wikipedia-Eintrag.

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Das Bild zeigt eine Ansicht Utrechts vom Paardenveld her, links die im Bau befindliche Mühle De Meiboom, in der Mitte das Schafott mit Galgen, dahinter die Jakobikerk und rechts die soeben in Stein errichtete Mühle Rijn en Zon. Zur Blütezeit der Windmühlen gab es in Utrecht um die 60 Exemplare, bevorzugt in den Verteidigungsanlagen. Im Sommer 1674 zerstörte ein schwerer Sturm zahlreiche Gebäude der Stadt, nur zwei Mühlen standen nach dem Sturm noch auf den Wällen.

Vokabular: Basisaußenweite, Galerieturmwindmühle, gepolychromeerd (niederländisch für farbig), Hapel, Kammrad, krühen, Mahlgang, Obenkrüher, Schorenpaar, Spreetbalken, Steert

Keltische Kulte

Der Oberrheingraben, vormals Bett eines “bis zu acht Kilometer breiten”, sozusagen amazonischen Flußlaufs, spuckt bis heute historische Fundstücke aus, darunter keltische Schwerter, Beile und Nadeln, die einst dem Fluß im Rahmen kultischer Handlungen übergeben worden sein sollen: eine für den Rhein, im Gegensatz zur Saône, angeblich neue Erkenntnis, die rheinsein dem Freiburger Gratisblatt Der Sonntag entnehmen durfte und hiermit den seit Pfingstsonntag neuesten allgemein publiken Stand der Forschung freihändig weitergibt, die über die Kelten im Allgemeinen weiterhin hauptsächlich rätselt: woher sie kamen, wie ihre Kulte aussahen und wohin sie verschwanden. Zusammenfassend ließe sich sagen: ob die Kelten (alle) Kelten waren, bleibt vorerst ungeklärt. Immerhin gibt es längs des Rheins zahlreiche Fundstätten, welche die Forschung ihnen zurechnet, zwischen Basel und Bingen kommt die aktuelle Zählung auf satte 800 “präurbane Siedlungen” aus der Eisen- und Bronzezeit. Daß die vonehmlich aus Museen und Landesdenkmalämtern sowie aus Kiesgruben stammenden, wissenschaftlich untersuchten Schwerter, Beile und Nadeln flußkultischen Zwecken dienten und nicht etwa zufällig in der Landschaft überlebten, schreibt die Forschung laut Zeitung am Sonntag “der Fundhäufung an manchen Stellen” zu, an denen sich bisweilen auch Münzen aus der Römerzeit fänden. rheinsein erinnert sich bei dieser Gelegenheit an den sogenannten Römeracker bei Karlsruhe. Dabei handelte es sich um ein meist brachliegendes Feld, von dem es in den 70er Jahren hieß, es seien dort römische Münzen und Scherben auszugraben – für uns als Latein-Sextaner eine abenteuerliche Vorstellung, vor allem was mögliche Sesterzen- und Golddenarschätze betraf. Gefunden haben wir dort nie etwas. Daß dieser Römeracker einst im Rhein lag, ist denkbar, es soll jedoch auch eine römische Villa darauf gestanden haben. Nun befindet die neueste Forschung, daß Römermünzen- und Keltennadelfunde an denselben Stellen aufträten: die Römer könnten dem Fluß(gott) Münzen für gelungene Bootspassagen geopfert oder die soeben theoretisch festgestellten kultischen Handlungen der Kelten übernommen haben. “Wir könnten, aber…” geht uns eine in rauschende Unschärfe mündende Songzeile der Einstürzenden Neubauten durch den Sinn, sowie das begleitende Bild eines vorzeitlichen Jungen, der an einer Rheinbucht flache Kiesel übers Wasser hüpfen läßt. Denn genau solch ein möglicherweise in komplexen Prozeduren auserwählter, kultisch verwendeter Kiesel liegt als Trofäe auf rheinseins vor lauter massiertem Papier schon ganz durchbogenen Bücherbord.

Eine französische Hyperfee

Eine zwischen recht verschiedenen Polen schillernde, vielschreibende und nicht wenig visionäre Persönlichkeit war laut deutschem Wikipedia-Artikel der uns bis dato weitgehend unbekannte französische Utopist und Gesellschaftstheoretiker Charles Fourier. Seine Aufnahme in die katalogischen Tiefen rheinseins verdankt sich, auch wenn er sie ganz rheinunabhängig dafür verdient hätte, nicht seiner frühen Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, sondern den angeblich nichtexistenten Basler Rheindämpfen in seinem Werk La médecine positive harmonique und seiner Vorstellung einer Hyperfee der französischen Rheinarmee in Le nouveau monde industriel et sociétaire (Die neue industrielle und sozietäre Welt, oder die Erfindung eines anziehenden und natürlichen Industrieverfahrens, das die Arbeit in leidenschaftliche Serien aufteilt) von 1829, in dem er sich, leicht verändert, hier wiedergegeben, aus seiner Théorie de l’unité universelle I von 1822 selbst zitiert:

„Quant aux familles bourgeoises qui ne s’occupent qu’à gagner de l’argent, elles ne donnent aucun soin aux dents des enfants ; et ce qui le prouve, c’est que plusieurs villes situées en pays très-salubre, comme Genève et Bâle, fourmillent de gens qui ont des râteliers gâtés à l’âge de 30 ans.
Si on veut écouter les Bâlois et Genevois, ils accuseront les brouillards du Rhin, les brouillards du lac : pitoyable excuse ! un fleuve rapide et encaissé comme le Rhin l’est à Bâle, n’engendre pas de vapeurs nuisibles : il en est de même des rapides ruisseaux qui arrosent la campagne de Bâle.” (Charles Fourier, La médecine positive harmonique, Théorie de l’unité universelle II (1822))

„F. 4°. Valère souhaiterait fort d’être admis d’une superbe armée industrielle de 9e degré (environ 200,000 hommes et 200,000 femmes), qui va tenir campagne sur le Rhin, y construire, dans le courant de la belle saison, des ponts de pierre, des encaissements, et y donner chaque soir des fêtes magnifiques. Pour s’y faire admettre, il faudrait que Valère eut fait huit campagnes ; il n’en compte que 2 : il est inadmissible à une année de 9e degré, hors les cas d’exception. Urgèle occupe le poste de haute matrone ou hyper-fée de l’armée du Rhin, tenant le ministère des sympathies accidentelles pour les 400,000 hommes et femmes. Elle déclare que Valère lui sera utile dans telle branche de travail ; c’est cas d’exception pour lui ; il sera admis si cette belle armée, quoiqu’il manque de titres ; mais il part comme attaché aux bureaux de l’hyper-fée.“ (Charles Fourier, Théorie de l’unité universelle I (1822))

„F. 4° Valère désire d’être admis à une armée industrielle de 9e degré (environ 300 000 âmes dont 100 000 femmes) qui va faire campagne sur le Rhin, y construire, dans le courant de la belle saison, des ponts, des encaissements, et y donner chaque soir des fêtes magnifiques. Pour s’y faire admettre, il faudrait que Valère eût fait 8 campagnes, il n’en compte que 2 ; il est inadmissible à une armée de 9e degré hors les cas d’exception.”
„Urgèle occupe le poste de Haute Matrone, ou Hyperfée de l’armée du Rhin, exerçant le ministère des sympathies accidentelles pour les 300 000 hommes et femmes. Elle déclare que Valère lui sera utile dans telle branche de travail; c’est cas d’exception pour lui, il sera admis à cette belle armée quoiqu’il manque de titres; il part, comme attaché aux bureaux de l’Hyper-fée.“ (Charles Fourier, Le nouveau monde industriel et sociétaire  (1829), Sections IV, V, VI et VII. Postface)

Marie Antoinette auf dem Rhein

„Während die riesige Kavalkade – dreihundertvierzig Pferde, die an jeder Poststation gewechselt werden müssen – langsam durch Oberösterreich, Bayern zieht und sich nach zahllosen Festen und Empfängen der Grenze nähert, hämmern Zimmerleute und Tapezierer auf der Rheininsel zwischen Kehl und Straßburg an einem sonderbaren Bau. Hier haben die Obersthofmeister von Versailles und Schönbrunn ihren großen Trumpf ausgespielt; nach endlosem Beraten, ob die feierliche Übergabe der Braut noch auf österreichischem Hoheitsgebiet oder erst auf französischem erfolgen solle, erfand ein Schlaukopf unter ihnen die salomonische Lösung, auf einer der kleinen unbewohnten Sandinseln im Rhein, zwischen Frankreich und Deutschland, in Niemandsland also, einen eigenen Holzpavillon für die festliche Übergabe zu erbauen, ein Wunder der Neutralität, zwei Vorzimmer auf der rechtsrheinischen Seite, die Marie Antoinette noch als Erzherzogin betritt, zwei Vorzimmer auf der linksrheinischen Seite, die sie nach der Zeremonie als Dauphine von Frankreich verläßt, und in der Mitte den großen Saal der feierlichen Übergabe, in dem sich die Erzherzogin endgültig in die Thronfolgerin Frankreichs verwandelt. Kostbare Tapisserieen aus dem erzbischöflichen Palais verdecken die rasch aufgezimmerten hölzernen Wände, die Universität von Straßburg leiht einen Baldachin, die reiche Straßburger Bürgerschaft ihr schönstes Mobiliar. In dieses Heiligtum fürstlicher Pracht einzudringen, ist bürgerlichem Blick selbstverständlich verwehrt; ein paar Silberstücke jedoch machen Wächter allorts nachsichtig, und so schleichen einige Tage vor Marie Antoinettes Ankunft einige junge deutsche Studenten in die halbfertigen Räume, um ihrer Neugier Genüge zu tun. Und einer besonders, hochgewachsen, freien leidenschaftlichen Blicks, die Aura des Genius über der männlichen Stirn, kann sich nicht sattsehen an den köstlichen Gobelins, die nach Raffaels Kartons gefertigt sind; sie erregen in dem Jüngling, dem sich eben erst am Straßburger Münster der Geist der Gotik offenbart hatte, stürmische Lust, mit gleicher Liebe klassische Kunst zu begreifen. Begeistert erklärt er den weniger beredten Kameraden diese ihm unvermutet erschlossene Schönheitswelt italienischer Meister, aber plötzlich hält er inne, wird unmutig, die starke dunkle Braue wölkt sich fast zornig über dem eben noch befeuerten Blick. Denn jetzt erst ist er gewahr geworden, was diese Wandteppiche darstellen, in der Tat eine für ein Hochzeitsfest denkbar unpassende Legende, die Geschichte von Jason, Medea und Kreusa, das Erzbeispiel einer verhängnisvollen Eheschließung. »Was,« ruft der genialische Jüngling, ohne auf das Erstaunen der Umstehenden achtzuhaben, mit lauter Stimme aus, »ist es erlaubt, einer jungen Königin das Beispiel der gräßlichsten Hochzeit, die vielleicht jemals vollzogen wurde, bei ihrem ersten Eintritt so unbesonnen vor Augen zu führen? Gibt es denn unter den französischen Architekten, Dekorateuren und Tapezierern gar keinen Menschen, der begreift, daß Bilder etwas vorstellen, daß Bilder auf Sinn und Gefühl wirken, daß sie Eindrücke machen, daß sie Ahnungen erregen? Ist es doch nicht anders, als hätte man dieser schönen und, wie man hört, lebenslustigen Dame das abscheulichste Gespenst bis an die Grenze entgegengeschickt.« Mit Mühe gelingt es den Freunden, den Leidenschaftlichen zu beschwichtigen, beinahe mit Gewalt führen sie Goethe – denn kein anderer ist dieser junge Student – aus dem bretternen Haus. Bald aber naht jener »gewaltige Hof- und Prachtstrom« des Hochzeitszuges und überschwemmt mit heiterm Gespräch und froher Gesinnung den geschmückten Raum, nicht ahnend, daß wenige Stunden zuvor das seherische Auge eines Dichters in diesem bunten Gewebe schon den schwarzen Faden des Verhängnisses erblickt.

Die Übergabe Marie Antoinettes soll Abschied von allen und allem veranschaulichen, was sie mit dem Hause Österreich verbindet; auch hierfür haben die Zeremonienmeister ein besonderes Symbol ersonnen: nicht nur darf niemand ihres heimatlichen Gefolges sie über die unsichtbare Grenzlinie begleiten, die Etikette heischt sogar, daß sie keinen Faden heimatlicher Erzeugung, keinen Schuh, keinen Strumpf, kein Hemd, kein Band auf dem nackten Leibe behalten dürfe. Von dem Augenblicke an, da Marie Antoinette Dauphine von Frankreich wird, darf nur Stoff französischer Herkunft sie umhüllen. So muß sich im österreichischen Vorzimmer die Vierzehnjährige vor dem ganzen österreichischen Gefolge bis auf die Haut entkleiden; splitternackt leuchtet für einen Augenblick der zarte, noch unaufgeblühte Mädchenleib in dem dunklen Raum; dann wird ihr ein Hemd aus französischer Seide übergeworfen, Jupons aus Paris, Strümpfe aus Lyon, Schuhe des Hofkordonniers, Spitzen und Maschen; nichts darf sie als liebes Andenken zurückbehalten, nicht einen Ring, nicht ein Kreuz – würde die Welt der Etikette denn nicht einstürzen, bewahrte sie eine einzige Spange oder ein vertrautes Band? – nicht ein einziges von den seit Jahren gewohnten Gesichtern darf sie von jetzt an um sich sehen. Ist es ein Wunder, wenn in diesem Gefühl so jäh ins Fremde-gestoßen-Seins das kleine, von all diesem Pomp und Getue erschreckte Mädchen ganz kindhaft in Tränen ausbricht? Aber sofort heißt es wieder Haltung bewahren, denn Aufwallungen des Gefühls sind bei einer politischen Hochzeit nicht statthaft; drüben im andern Zimmer wartet schon die französische Suite, und es wäre beschämend, mit feuchten Augen, verweint und furchtsam diesem neuen Gefolge entgegenzutreten. Der Brautführer, Graf Starhemberg, reicht ihr zum entscheidenden Gange die Hand, und französisch gekleidet, zum letztenmal gefolgt von ihrer österreichischen Suite, betritt sie, zwei letzte Minuten noch Österreicherin, den Saal der Übergabe, wo in hohem Staat und Prunk die bourbonische Abordnung sie erwartet. Der Brautwerber Ludwigs XV. hält eine feierliche Ansprache, das Protokoll wird verlesen, dann kommt – alle halten den Atem an – die große Zeremonie. Sie ist Schritt für Schritt errechnet wie ein Menuett, voraus geprobt und eingelernt. Der Tisch in der Mitte des Raumes stellt symbolisch die Grenze dar. Vor ihm stehen die Österreicher, hinter ihm die Franzosen. Zuerst läßt der österreichische Brautführer, Graf Starhemberg, die Hand Marie Antoinettes los; statt seiner ergreift sie der französische Brautführer und geleitet langsam, mit feierlichem Schritt das zitternde Mädchen um die Flanke des Tisches herum. Während dieser genau ausgesparten Minuten zieht sich, langsam nach rückwärts gehend, im selben Takt, wie die französische Suite der künftigen Königin entgegenschreitet, die österreichische Begleitung gegen die Eingangstür zurück, so daß genau in demselben Augenblick, da Marie Antoinette inmitten ihres neuen französischen Hofstaates steht, der österreichische bereits den Raum verlassen hat. Lautlos, musterhaft, gespenstig-großartig vollzieht sich diese Orgie der Etikette; nur im letzten Augenblick hält das kleine verschüchterte Mädchen dieser kalten Feierlichkeit nicht mehr stand. Und statt kühl gelassen den devoten Hof knicks ihrer neuen Gesellschaftsdame, der Komtesse de Noailles, entgegenzunehmen, wirft sie sich ihr schluchzend und wie hilfesuchend in die Arme, eine schöne und rührende Geste der Verlassenheit, die vorzuschreiben alle Großkophtas der Repräsentation hüben und drüben vergaßen. Aber Gefühl ist nicht eingerechnet in die Logarithmen der höfischen Regeln, schon wartet draußen die gläserne Karosse, schon dröhnen vom Straßburger Münster die Glocken, schon donnern die Artilleriesalven, und, von Jubel umbrandet, verläßt Marie Antoinette für immer die sorglosen Gestade der Kindheit: ihr Frauenschicksal beginnt.“

(aus : Stefan Zweig, Marie Antoinette)

Boatpeople

Ein aufwendiges Fotoprojekt realisierte Bettina Flitner am Rhein: Boatpeople. Von den Intha, den “Menschen vom See”, die auf dem Inle-See auf einem Hochplateau in den Shan-Bergen nahe der chinesischen Grenze in Myanmar in Pfahlbau-Siedlungen leben, kaufte sie eine hölzerne Barke, die im täglichen Gebrauch der Seebewohner als Vehikel zur Bewirtschaftung der schwimmenden Gärten, als Küche, Bett oder als beweglicher Marktstand zum Einsatz kommt. Das Boot erstand Flitner offenbar frisch von der Bergsee-Werft: 5,90 Meter lang, aus Teakholz gesägt und ohne einen einzigen Nagel nur mit Baumharz verarbeitet. Über Rangun, den Hamburger Hafen und den Starnberger See gelangte das Boot schließlich nach Köln an den Rhein. In Rodenkirchen inszenierte Flitner verschiedene Menschengruppen auf der auf dem Rhein schwimmenden Barke: Manager, Travestiestars, Karnevalsprinzen, Nonnen, Obdachlose…

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Die Perspektive dabei ist verwirrend: auf vielen Bildern läßt sich der Fluß nicht ohne weiteres als solcher erkennen, vielmehr wirken die bisweilen recht kuriosen Gruppierungen, als seien sie mitten auf einem großen See oder sogar dem Meer ausgesetzt. Dann wieder zieht ein Containerschiff an der archaischen Barke vorüber (siehe Screenshots) oder im Hintergrund scheint die typische Vegetation der Rodenkirchener Buchten mit ihren Pappeln und Weiden auf. Das gesamte Buch ist in einer Voransicht auf blurb einzusehen und dort in verschiedenen Größen, als Leinencover mit Buchumschlag, als bedrucktes Hardcover, als eBook oder Apple iPad-Format wahlweise mit englischem oder deutschem Text zu bestellen: flexible Formate in sehr unterschiedlichen Preiskategorien als unschlagbarer Vorteil der modernen Buchproduktion!

Österrhein

österrhein

Kurz vor Erreichen des Bodensees verlaufen der Alpenrhein, der Lustenauer Kanal und die Dornbirner Ach von der Rheinregulierung parallel kanalisiert durch Vorarlberger Grund. Von Damm zu Damm lassen sich trockengefallene Stellen queren. Bei entsprechender Körperhaltung ergeben sich Ausblicke auf streifenartige Mondlandschaften unter schwindelerregenden Himmeln. Einmal mehr weist der Rhein weit über sich hinaus. Die Bodenrisse erinnern u.a. an Kartenwerke. Gleich mehrfach zu erkennen ist Spanien, daneben verschiedene afrikanische Länder. Macchie und Savanne sprießen. Bei längerem intensiven Hinniederschauen wölbt sich der Boden dem Betrachter entgegen, rundet sich und fällt an seinen Polen ab wie ein grün behaarter Flickenfußball oder ein im Entstehen begriffener, noch ausführlicher zu wässernder Planet, dessen Bruchkanten seine künftigen Alpentäler markieren.

Bad RagARTz (3)

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Zeitgleich zur Bad Ragartz fand im Alten Rathaus des alpenrheinischen Kurstädtchens vergangenen Sommer die Ausstellung NAIFE KUNST mit Bildern des 1995 verstorbenen Hans Krüsi statt. Zu sehen waren von Krüsi bemalte und besprayte Pappen mit Alpenmotiven: Kühe, Pflanzen, Höfe. Bisweilen imposanter als die Bilder sind die von Krüsi selbst getackerten, verleimten, oft krumm und schief zusammengesetzten Rahmen. Wir fotografierten eine Touristin, die sich mit einem von Krüsis wild gerahmten Kuhbildern ablichtete. Die Ausstellungsräumlichkeiten waren durchzogen von gesetztem Muff, einer langlebigen mittelständischen Atmosfäre, die sich moralisch über die zu sehenden Werke zu erheben schien. Die wenigen Besucher, die knarzenden Treppen, der Wurm im Gebälk vermittelten der Ausstellung den Anschein einer privaten Angelegenheit. Ein Besucherpaar unterhielt sich, unter rein kapitalistischen Aspekten, lautstark über den Wert der Kunst. “Naife Gespräche”, schoß uns durch den Kopf und daß auf dieser Welt noch und nöcher das eine zum andern findet, indem es gegeneinanderprallt oder, meist, vor dem Aufprall in Lauerstellung verharrt, sich dabei spiegelt oder überlagert, am liebsten selber feiert und nach einem Weilchen Aufregung wieder versiegt. Und daß wir uns täuschen möchten. Und auch im Leben einmal richtig gute Kuhbilder fabrizieren.