Johanna Schopenhauer stellt mitten auf dem Rhein fest, daß die Welt immer näher zusammenrückt

„(…) Da lag es nun vor uns, im hellsten Sonnenschein, auf dem prächtig wogenden Strome, das zierlich schlanke Ungeheuer, das ohne Mast und Segel, wie von Zauberkraft getrieben, mit Vogelschnelle, tosend und dampfend über die Fluten hinläuft, die, in ihren tiefsten Tiefen aufgeregt, schäumend und brausend es noch lange scheltend verfolgen. Wohl ist es ein Schiff, aber nicht allein durch den dampfenden hohen Schornstein, sondern auch in der ganzen Bauart und allen seinen Verhältnissen von allen andern Schiffen sehr verschieden. Regungslos lag er da, der Friedrich Wilhelm, so heißt das Schiff, während drei bis vier Reisewagen hinaufgeschoben wurden, die man auf dem Verdeck kaum bemerkt, denn es ist weit größer, als es vom Lande aus gesehen erscheint; ein Gang von einem Ende desselben bis zum andern ist wirklich eine kleine Promenade, auf welcher es an unterhaltender Abwechslung nicht leicht fehlt. Ein Paar unglückliche Pferde standen schon neben den Wagen, in einem für sie eingerichteten Käfig eingesperrt, denen man es deutlich ansehen konnte, daß sie den Weg weit lieber zu Fuße zurückgelegt hätten. Das heulende Gerassel, mit welchem der Dampf aufsteigt, so lange das Schiff stille liegt, schien die armen Thiere zu beängstigen; auch hat dieser unangenehme Lärm etwas Betäubendes, der sich allemal wiederholt, so oft das Schiff anlegt; wenn es im Gange ist, merkt man weit weniger davon.

Wer nicht sehr krank, oder sehr vornehm, oder ein leutescheuer Engländer ist, lasse doch ja nicht durch das Wort »erster Platz« sich verleiten, Billets für den Pavillon zu nehmen. Mit dem theuerern Preise erkauft er nur das Vorrecht, sich einsam in einem etwas eleganteren Zimmer im Vordertheile des Schiffes zu langweilen, während die übrige Gesellschaft sich in der sogenannten zweiten Kajüte versammelt. Für anspruchslosere Reisende gibt es eine dritte Kajüte, in welcher ebenfalls recht anständig für sie gesorgt ist. Auch gibt es noch einen vierten, sehr wohlfeilen Platz, vermuthlich ganz unten im Schiffsraum, wo die Waarenballen liegen, deren Transport, wie man mir sagte, dem Unternehmer den größten Vortheil bringt. (…)

Ein einziger Mann, dem die Leitung des Schiffes anvertraut ist, steht hoch am Steuer und dreht mit fester, sicherer Hand, bald kaum bemerkbar, bald sehr schnell, mit sichtbarer Anstrengung das Rad, welches auf der rechten Bahn es erhält. Der schweigende Ernst, mit dem er sein wichtiges Geschäft betreibt, hat etwas wundersam Feierliches, er wendet nie den Blick, er beantwortet keine an ihn gerichtete Frage, und ein neben ihm angebrachter Anschlagezettel bittet die Reisenden, auf keine Weise, durch Sprechen mit ihm, in der Ausführung seines Amtes ihn zu stören. Unten im Raum wird mit gleicher Aufmerksamkeit über die Verwaltung des Feuers und des Dampfkessels gewacht, und der Anblick der großen Ordnung, die überall vorherrschend sich zeigt, muß auch den Furchtsamsten ermuthigen und jeden Gedanken an mögliche Gefahr verbannen.
So glitten wir denn an dem unsäglich lieblichen Rheingau vorüber; die Thürme von Mainz verschwanden hinter uns; durch das frische Grün seiner Linden leuchtete im Morgenstrahl das schöne Schloß von Biebrich über den hier sehr breiten Rhein uns aus der Ferne entgegen. Dann kommen Walluf, Eltville mit seinem ehrwürdigen alten Thurme, die blühende Petersaue, alle die schönen merkwürdigen Punkte, die Jeder, auch der sie nicht gesehen, aus zahllosen Abbildungen und Beschreibungen zu kennen glaubt, und von denen doch weder Pinsel noch Feder ein ganz getreues, genügendes Bild zu geben vermögen. Im bezauberndsten Wechsel drängten sie sich uns entgegen, kaum sahen wir sie aus der Ferne auftauchen, so befanden wir uns auch schon ihnen gegenüber, und dennoch geht die Fahrt nicht so schnell, daß man nicht Zeit behielte, die Rheinufer in aller ihrer malerischen Schönheit aufzufassen. Das große Bilderbuch der Natur liegt gleichsam aufgeschlagen vor uns da, und langsam schonend wendet eine unsichtbare Hand ein Blatt desselben nach dem andern vor unsern Augen um, bis diese, geblendet von all’ der Herrlichkeit, sich ermüdet auf einige Zeit abwenden müssen.

Das indessen recht lebendig sich gestaltende Treiben auf dem Verdecke bot zur Erholung ein recht angenehmes Zwischenspiel; kleine gesellige Gruppen hatten überall sich zusammengefunden, denn nirgends knüpft eine augenblickliche Bekanntschaft sich leichter an als hier, wo man sicher sein kann, sie im schlimmsten Fall in wenigen Stunden wieder aufgelöst zu sehen. Um einem der Tische hatte eine Gesellschaft stickender und strickender Damen sich niedergelassen, die, ohne sich um das Bilderbuch der Natur viel zu bekümmern, so unbefangen ihr häusliches Wesen trieben, als wären sie zu Hause. Einige Engländerinnen hatten auf dem Dache der zur Kajüte hinabführenden Treppe sich etablirt, wurden aber, ihrer aufgespannten Parasols und ihrer großen Hüte wegen, sehr bald gebeten, sich wieder hinunterzubegeben, indem sie dem Steuermann die Aussicht benahmen. Nahe dabei lag ein wenige Wochen altes Kind, auf einem Koffer weich gebettet, und neben demselben saßen die Aeltern Hand in Hand, den kleinen Schläfer zu bewachen. Wer dieser Gruppe sich nahte, trat leiser auf und konnte nicht unterlassen, sie theilnehmend zu betrachten. Der Vater, ein junger, rüstiger Mann, war ein Kaufmann aus dem nördlichen Deutschland und jetzt mit seiner Frau und ihrem Erstgeborenen auf dem Wege nach London begriffen, von wo er nach Amerika überschiffen wollte, um in jenem fernen Welttheil sich niederzulassen. Freilich ist dieser uns wenigstens um die Hälfte näher gerückt als er unsern Vätern es war, denn die Welt wird in unserer erfindungsreichen Zeit immer enger. (…)”

(aus: Johanna Schopenhauer – Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828, Kapitel 4: Das Dampfschiff)


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