Johanna Schopenhauer wagt sich, obschon früher vieles besser war, auf einen Rheindampfer

“Die Luft mit ihren Stürmen ungerechnet, mit Wasser und Feuer zugleich es aufnehmen? mit den beiden in ihrer Zerstörungskraft furchtbarsten Elementen? Nimmermehr! Das wäre ein Wagstück ohne Noth, während die schönste Chaussee in Deutschland auf die sicherste und angenehmste Art mich zum Ziel meiner Reise bringen kann. So sprach ich oft, und die mehresten meiner Freunde, die, wie ich eben auch, noch kein Dampfschiff gesehen, stimmten mit mir ein.

Sind doch alle Augenblicke die Zeitungen mit Nachrichten von Unglücksfällen angefüllt, die bei der Dampfschifffahrt sich zugetragen. Ja, wäre es noch die alte ehrliche Wasserdiligence von Mainz, die freilich ein wenig langsam geht; aber sie ist jetzt aus der Mode gekommen, von der Neuheit verdrängt, wie vieles an und für sich gute Alte. Sie setzt zwar ihren gewohnten Lauf noch immer rüstig genug fort, doch die Gesellschaft, die man auf ihr antrifft, ist jetzt anderer Art, als wol früher; auch soll sie, wenigstens im Aeußern, etwas gebrechlich geworden sein. (…)

In Frankfurt kam es aber Niemand in den Sinn, daß man anders als mit dem Dampfschiff den Rhein hinunterreisen wollen könne, und es fehlte nicht viel, so hätten meine dortigen Freunde über meine von der Zerstörungskraft der beiden mächtigsten Elemente hergenommenen Gründe gegen diese Art zu reisen geradezu gelacht. Auslachen ist eine der kräftigsten Waffen gegen Vorurtheil, und Beispiel übt über Jung und Alt eine unwiderstehliche Gewalt. Täglich sah ich Freunde und Bekannte, die mehreremale blos zum Vergnügen das große Wagniß mit dem Dampfschiffe zu gehen ganz ungefährdet überstanden hatten; kommen so Viele glücklich davon, dachte ich endlich, nun so werde ich allein doch nicht bestimmt sein, mit der Geschichte meines traurigen Unterganges einen Zeitungsartikel füllen helfen zu müssen.

Das kleine frankfurter Dampfschiff, welches nach Mainz führt, war eben einer nothwendigen Reparatur wegen nicht im Gange, doch habe ich späterhin die Fahrt mit demselben versucht. Ich fand es höchst zierlich und bequem, zu einer Lustfahrt trefflich geeignet; aber schneller als zu Wagen gelangt man mit demselben nicht nach Mainz, und fällt dann sogleich beim Aussteigen, gewöhnlich in der Abenddämmerung, der Mauth in die unbarmherzigen Hände, muß halb im Dunkeln, unter freiem Himmel, von der Straßenjugend und andern zudringlichen Zuschauern auf das unverschämteste umdrängt, Koffer und Kisten öffnen lassen und läuft Gefahr, mit sinkender Nacht die halbe Stadt durchwandern zu müssen, ehe man in einem der vom Strom nicht zu weit entfernten Gasthöfe ein erträgliches Unterkommen findet, denn diese sind gewöhnlich alle von den das Dampfschiff erwartenden Reisenden überfüllt. Ich legte diesesmal den wirklich sehr angenehmen Weg von Frankfurt nach Mainz mit einem Miethwagen in kaum vier Stunden zurück. Der unbeschreiblich prächtige Anblick des Zusammenflusses der beiden mächtigen Ströme und der in der Abendsonne wunderbar leuchtenden Thürme von Mainz entzückte mich von Neuem, so oft ich ihn auch schon genossen. Die lustige Ceremonie am Mauthhause, der man nun einmal nicht entgehen kann, läßt sich im Wagen weit bequemer und ruhiger abmachen; man ist dabei wenigstens des unangenehmen Gefühls überhoben, dem neugierigen Pöbel ein Schauspiel geben zu müssen, und braucht nicht auf dem schlechten Steinpflaster von Mainz sich müde zu laufen, wenn man nicht sogleich in einem guten Gasthofe Platz finden sollte. (…)”

(aus: Johanna Schopenhauer – Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828, Kapitel 4: Das Dampfschiff)


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