Manfred Schmidt in der Drosselgass

Manfred Schmidt, Autor und Zeichner der Nick Knatterton-Strips, wäre dieser Tage 100 Jahre alt geworden. Die Zeit bringt in ihrer aktuellen Ausgabe Schmidt zu Ehren einen längeren Auszug aus seinen Reisereportagen, die dieses Jahr im Lappan-Verlag neu aufgelegt wurden. Schmidt beschreibt seine Teilnahme an einer typischen Schiffstour in den 60er Jahren, mit Abstecher ins Zentrum der kulissierten Rundumdieuhrrheinromantik: in die Drosselgass. Von Damen- und Herrenkegelvereinen ist die Rede und von Japanern, die ihrer rheinischen Freude mit „Deutschland über alles“ Ausdruck geben. Schmidt läßt sich auf seiner in Rüdesheim absolut sinnlosen Flucht vor den großen Rheinklischees von ausländischen Touristen den Gemütlichkeitsbegriff erklären, gerät von einem Massenbesäufnis ins nächste und landet schließlich, um darüber zu meditieren, warum die Rheintöchter ausgerechnet „Wigalaweia“ singen, mit einer persönlichen Bouteille oberhalb Rüdesheims in den von spontanen Sangestruppen durchzogenen Weinbergen, die nach Fisch riechen, weil die Winzer zwischen den Reben Heringe aufgehängt haben, um die Stare zu vertreiben.

“Als wir am Schloss Johannisberg vorbeifuhren, der Heimstätte eines der berühmtesten deutschen Weine, rief uns der Gong in den Salon. Dort gab es nicht etwa, wie ich im Stillen gehofft hatte, einen erlesenen Tropfen, sondern Tee und Kaffee. Ein diskret zuschlagender Pianist servierte Lieder, in denen »Rhein« sich immer wieder so glücklich auf »Wein« und »Mägdelein« reimt. Wie froh können wir sein, dass bei der Namensgebung der Wasserwege die Bezeichnung »Neiße« auf einen weiter östlich liegenden Fluss fiel und nicht auf Deutschlands rebenumsäumten Renommier-Strom.“

Manfred Schmidt: Reisereportagen, Lappan Verlag, Oldenburg 2013
346 Seiten, 19,95 Euro.


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