Monatsarchiv für März 2013

 
 

Presserückschau (März 2013)

Der März war arm an rheinspezifischen Meldungen. Die aufregendste Nachricht, nämlich daß Google Maps den Rhein gegen die Ruhr vertauschte, haben wir an anderer Stelle bereits dokumentiert. Schließlich tauschte Google den neuen Ruhrverlauf so zügig wieder zurück gegen den des alten Rheins, daß vielen Zeitungen, die darüber berichteten, nicht einmal mehr der  Screenshot-Beweis gelang. Hier die restliche Auswahl unserer Pressedurchsicht:

1
Von rheinischen Hauptbaumarten und Ahorn-Sechsern im Waldlotto kündet der Bonner General-Anzeiger: „(…) Das Holz aus den Wäldern zwischen Siebengebirge und Kottenforst hat bundesweit einen sehr guten Ruf. Die sogenannte Wertholzversteigerung Rheinland war in diesem Jahr geprägt durch eine gute Nachfrage und stabile Preise. 23 Bieter gaben Angebote für 508 Stämme von 19 verschiedenen Baumarten (insgesamt 713 Festmeter Holz) ab. (…) Die Eiche war die Hauptbaumart, die zur Versteigerung kam. (…) Dieses Mal gab es allerdings keinen Stamm, der sich preislich von der Masse absetzen konnte. Im Vorjahr hatte ein Ahorn bei der Versteigerung 7650 Euro erzielt.“

2
Über die Wittelsbacher-Ausstellung in Speyer befindet der Deutschlandfunk: „Die berühmtesten Pfälzer der näheren Zeitgeschichte sind Fritz Walter und Helmut Kohl. Sie finden sich, allerdings nur als Pappmaschee, in einer Art Walhalla großer Söhne (und einiger Töchter) der Pfalz am Ende der Ausstellung. Dort sieht man auch Max Slevogt und Ernst Bloch, den BASF-Gründer Friedrich Engelhorn und Henry John Heinz, der als Kind pfälzischer Einwanderer in den USA die segensreiche Ketchupsoße erfand. Diese doch eher virtuelle Versammlung pfälzischer Persönlichkeiten macht auch schon das Grundproblem der Ausstellung deutlich: Es war unheimlich schwer, Exponate zu finden. Eigentlich soll die Zeit der Wittelsbacher bebildert werden, also jenes Jahrhundert zwischen 1816 und 1918, in dem die linksrheinische Pfalz von Bayern aus regiert wurde.“

3
Warum der Rhein auf dem Landeswappen von Nordrhein-Westfalen seit Jahrzehnten in die falsche Richtung fließt erklärt die Rheinische Post: „Die Landesflagge von Nordrhein-Westfalen hat (…) grün-weiß-rote Querstreifen. Das wurde (…) so in einem Gesetz festgelegt. Es ist vor 60 Jahren, am 10. März 1953, in Kraft getreten. Die FDP wollte damals Schwarz-Rot-Gold auch für NRW, konnte sich damit aber nicht durchsetzen. Das Grün, so wurde im Landtag erläutert, stehe für das Rheinland und das Rot für die rote Erde Westfalens. Das Gesetz von 1953 bestätigt zugleich die Gestaltung des Landeswappens: Es zeigt im linken Feld einen “linksschrägen” silbernen Wellenbalken, der den Rhein symbolisiert. Dass der Flusslauf in die falsche Richtung weist, nämlich von Südwest nach Nordost, ist keine Schludrigkeit des Wappengestalters, sondern den Regeln der Heraldik geschuldet. Im rechten Feld ist das traditionelle westfälische Ross zu sehen und unten im Wappenschild die lippische Rose.“

4
„Der Kies im Rhein soll wieder rollen“ titelt die Badische Zeitung in Anlehnung an einen berühmten Bob Dylan-Song. Der „Masterplan Geschiebe“ soll dafür sorgen, das Geschiebe am Hochrhein wieder in Gang zu bringen und damit die Lebensgrundlagen für Fische und Kleintiere im Rhein zu erhalten: „Mit dem Bau der insgesamt elf Kraftwerke am Hochrhein habe der Rhein einen großen Teil seiner Selbstreinigungskraft verloren, nur noch bei den kleineren Kraftwerken funktioniere sie einigermaßen. Vor dem Stau sei durch die natürliche Strömung das sogenannte Geschiebe – Kies – ständig über den Flussboden gerollt und habe dabei die Sedimente aufgewirbelt. Nach dem Stau sei es damit insbesondere bei den großen Kraftwerken vorbei gewesen, Kies und Sedimente verbacken, den Fischen fehlen Laichmöglichkeiten. Das Kraftwerk Ryburg-Schwörstadt etwa sei eine regelrechte Geschiebefalle. Dort liege eine regelrechte Schlammwand. Es könne nur helfen, wenn jetzt an geeigneten Stellen Kies ans Ufer geschüttet und bei Hochwasser immer wieder etwas davon mitgeschwemmt werde.“

5
Tierische Sensation am Hochrhein: „Die Welt der Romane hat Moby Dick, den weißen Wal; Freunden des Katastrophenfilms bleibt der weiße Hai auf ewig unvergessen. Weil am Rhein hat nun sein weißes Reh.“ Der sportliche Leiter, Platzwart und Jugendtrainer des FV Haltingen hat es auf einem Bolzplaz entdeckt und gefilmt, schreibt die Badische Zeitung und erklärt: „Nach Ansicht der Fachzeitschrift “pm”, die sich dem Thema “Albinos” ausführlich gewidmet hat, ist es wahrscheinlicher vom Blitz getroffen zu werden, als ein solches Tier zu Gesicht zu bekommen.“

Daß Papst Franziskus einst als Jorge Mario Bergoglio in Boppard die deutsche Sprache erlernte und daß auf der Rheinfähre Kaiseraugst-Herten nun Käsefondue angeboten wird, beschließt die Meldungen für diesen Monat.

Sie kämmt ihr goldenes Haar

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Unverkennbar: die Loreley. Die Screenshots entstammen einem Trickfilm aus einem Schulworkshop an der rheinfernen Gesamtschule Busecker Tal.

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Die charmante Verfilmung von Heines Versen bietet einen singenden rheinischen Oktopus im Wellengewoge, einen funkelnden Bergesgipfel, freien sehnsüchtig-schwanken Möwenflug im goldnen Abendsonnenschein und nicht zuletzt die lang vermißte Männer-Streichliste der traurigen Schönheit.

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Das Video dauert etwa dreieinhalb Minuten und ist anzuschauen bei Youtube.

Paul Linckes Rhein

Als kleine Reminiszenz an unsere gegenwärtige Residenz am Paul-Lincke-Ufer spielen wir Paul Linckes Festmarsch Vater Rhein aus seiner Operette Fräulein Loreley aus dem Jahre 1900 in einer grammafonischen Youtube-Version.

Mit dem Faltboot von Karlsruhe nach Köln (3)

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Einen der schärfsten Schiffsnamen auf dem Rhein führt die Bilgenentöler 8. Selbstbewußt dringt sie voran in die…

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Unaufhaltsamkeit der Geschichte: auf Höhe der Loreley blättert ein noch relativ frischer Tag ab…

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dieweil sich per Flashlight ein etwas weniger frischer heraufbeschwören und hübsch fahrlässig ins Raum-Zeit-Kontinuum reintegrieren läßt. Der Rhein als romantischer Einheitsbrei…

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In Brey selbst werden blaulichterne Vorbereitungen für das “Rhein in Flammen”-Spektakel getroffen. Milchweiß strömet bis auf Weiteres der Rhein unter Deutschlands berühmt-farbfreiem Himmel dahin.

Rätsel

Vor vierzig Jahren
brach der Rhein ins Land.
Fünf Jahre danach
wurde mit dem Bau
des Kanals begonnen.
Unsere Großväter
hoben ihn aus
als die Arbeitslosigkeit
groß war.
Der Bau sollte
elf Jahre dauern
wurde also fertiggestellt
vor vierundzwanzig Jahren
drei Jahre vor meiner Geburt
da war der Krieg
vier Jahre alt.

(aus: Hans-Jörg Rheinberger – Stundenhaufen, Edition Isele, Eggingen 1993.
Der Text datiert von 1967, also 46 Jahre zurück, eine für das Rätsel womöglich relevante Zusatzinformation. rheinsein dankt dem Autor ganz herzlich für die Publikationsgenehmigung.)

Köln an der Ruhr

köln an der ruhrSo wie der Chaos-Theorie zufolge der Flügelschlag eines Schmetterlings angeblich eine Naturkatastrofe auslösen kann, so mag rheinseins kürzlich erfolgter Aufruf an die Topografie-Guerilla, die fiktive Ortschaft Grund ins Netzkartenwerk des Oberrheins zu schmuggeln, die Verlegung Kölns an die Ruhr bewirkt haben.

köln an der ruhr_2(Screenshots: Google Maps, 22. März 2013)

Le Rhin c`est moi

Gestern gemeinschaftliche Lesung mit Richard Pietraß zu neuen Papier- und Steinarbeiten Helena Beckers in der Residenz des liechtensteinischen Botschafters zu Berlin. Auf Grunewalds Straßen kam uns auf dem Hinweg Jack White, ein ziemlicher Rheinländer, entgegen, und grüßte, ganz seinem Namen zu Ehren, mit schlagerpoppigem Schneegeriesel. Soviel und nicht mehr zum Frühlingsanfang, zugleich Welttag des Glücks, wie Deutschlandradio die Tageslosung für alle, denen es an sonstigen Konversationsstichworten mangeln würde, am Morgen höchst hilfreich verkündet hatte. Pietraß las, mit dem Schnee war inzwischen auch ein weniges an Nacht über die Hauptstadt gefallen, u.a. sein Gedicht über den jungen Rhein und erzählte die Anekdote, wie er dasselbe Gedicht vor einigen Jahren dem leibhaftigen Fürsten von Liechtenstein vorgetragen hätte, der sich daraufhin in Pietraß` Text wiedergefunden und in etwa gesagt haben solle, dieser junge, kraftvoll drängende, doch von Deichen gebändigte Pietraßsche Jung- und Alpenrhein, das sei er selbst, also der Fürst, also sein Leben, also eine Metafer dafür, zumindest. „Le Rhin c`est moi“ entfuhr es uns spontan und im ausschließlich geladenen Publikum, das teils die nicht unerhebliche Anreisedistanz aus der raren kleinen Alpenmonarchie in Kauf genommen hatte, erhob sich ob unserer an europäisch-monarchische Historie knüpfenden Anwandlung kurzfristig flackerndes Gelächter. Direkt anschließend befragte uns der kunstsinnige Botschafter überraschenderweise zu den Verdächtigkeitsgraden liechtensteinischer Kühe, so wie in Das Lachen der Hühner bedichtet und Wolfgang Heyder, der sich ebenfalls die liechtensteinische Kuh lyrisch zur Brust genommen hatte, drückte uns seinen  druckfrisch duftenden Achill in Vaduz in die Hand, von dem auf rheinsein noch zu reden sein wird. Berlinerisch-liechtensteinisch korrekt mit Fürstenwein und Currywurst unterfüttert tänzelte der Abend unter anhaltendem white und zahlreichen Stehgesprächen schließlich in zunehmender Bewußtheit dem heutigen, den Welttag des Glücks ablösenden, vom Lachen der Hühner als Basisbeat durch die Schneenacht vorangetriebenen, schliddernd Fahrt aufnehmenden, “offiziellen” Welttag der Poesie entgegen. Und so empfiehlt rheinsein für heut, gestern und morgen (und bei Bedarf weit über diese ca. drei Tage hinaus): poetisiert euch!

Die Ortschaft Grund am Oberrhein

„Er ist der Briefträger, das ist, was er tut. Er trägt Briefe zu den Bewohnern von Grund. Er kennt Grund. Jeden Briefkasten, jede Straße, jeden Namen, jedes Haus, jeden Mann und jede Frau. Er weiß, welches Kind zu welchem Hund gehört, welcher Vater zu welchem Kind und welcher nicht. Er kennt jede Straßenlaterne, jede Ampel, jeden von funkelndem Scherbenstaub bedeckten Altglascontainer-Abstellplatz.
Jede Fahrradrampe an jedem Bordstein, jede Baustelle, jeden Kinderhandschuh, der auf einer Zaunlatte steckt, jede Zaunlatte, jede Treppe, jede Straße, Sackgasse, Einfahrt, jeden Feldweg, Schleichweg, Trampelpfad.
Den gesamten Straßenplan von Grund hat er sich einverleibt, und wenn er seine Runde macht, sieht er den krakeligen Verlauf seines Weges so vor sich, als verzeichne er ihn mit den Füßen auf einer Karte.
Er kennt das Dorf und das Neubaugebiet ebenso wie das Tiefgestade mit den Rheinauen, den Gemeinde-Kirschbäumen, dem Klärwerk, dem Recyclinghof und der alten Mülldeponie, die jetzt ein Wald ist, aber der Müll ist immer noch dort. Er kennt den Baggersee, das Kieswerk, das man nicht betreten darf, aber er kennt es trotzdem. Er kennt die Sandberge auf dem Gelände des Kieswerks, die demnächst abgetragen werden sollen. Er kennt die Altrheinarme und das Rheinufer, er weiß, wo die Fische sind, wo die Graureiher nisten, wo die Hirschkäfer kämpfen. Er weiß, dass aus dem See Ochsenfrösche steigen. Von Jahr zu Jahr werden es mehr. Er kennt jedes verrostete Ding, das irgendwer in den Wald gekippt hat, und er weiß auch, wem es gehört.“

(aus: Katharina Hagena – Vom Schlafen und Verschwinden, Köln 2012)

Noch bevor die Gegend näher spezifiziert wird, ist uns bei der Lektüre klar, daß bei Grund von einer badischen Ortschaft in der Nähe Karlsruhes die Rede ist. Denn die Autorin stammt aus Karlsruhe und was sie beschreibt, ist uns kindheitsvertraut. Später im Text wird Grunds Lage näher eingegrenzt: am Ende einer der Stichstraßen Richtung Norden, die vom Karlsruher Schloß aus schnurgerade durch den Hardtwald verlaufen, sei dieses Grund gelegen. Hinterm Rheindeich, halb in den Auen. Eine Ortschaft namens Grund am Rhein existiert auf keiner Karte, das literarische Grund dürfte sich jedoch aus den realen und als Romankulisse noch recht unverbrauchten Käffern Linkenheim, Dettenheim, Rußheim sowie ihren Gegenparts auf der pfälzischen Seite zusammensetzen und wir möchten hiermit alle findigen, von literarischen Beschreibungen des Oberrheins begeisterten Topografieschaffenden anstupsen und darauf hinweisen, daß ein Dorf namens Grund auf fast ganz natürliche Weise künftig in den Kartenwerken des Internets aufscheinen könnte und sollte.

Je mehr Prachtwerke alljährlich auf den Büchermarkt gebracht werden

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„Weinlese am Rhein. Aus dem Werke „Für`s Haus“ von Ludwig Richter.

Je mehr Prachtwerke alljährlich auf den Büchermarkt gebracht werden – und ihre Zahl ist nachgerade Legion geworden – desto schwieriger wird die Auswahl für den Kaufenden. Man findet sich in diesen Hunderten von goldgepreßten Einbänden, Mappen und Cartonagen gar nicht mehr zurecht – jede „Wahl täte mir weh“, sagt der Dichter. Heute sind wir nun in der Lage, unseren Lesern ein ganz vortreffliches Prachtwerk zu empfehlen, ein Werk, dessen vornehme äußere Ausstattung es als eine Zierde für den Salontisch erscheinen läßt und dessen künstlerischer Wert für das Haus, das diesen Schatz bei sich aufnimmt, dabei ein großer und bleibender ist. In dritter Auflage wurde unlängst von Alfons Dürr in Leipzig die Bildersammlung „Für`s Haus“ von Ludwig Richter verausgabt. Bekanntlich gilt dieser Cyclus unter all` den liebenswürdigen Schöpfungen, mit welchen der im Jahre 1883 heimgegangene Künstler uns beschenkte, mit Fug und Recht als das Hauptwerk. (…)“

(aus: Familien=Kalender für Haushalt und Küche 1887. Bilddank an Karin Lehner!)

Niederrhein

Ich will dir
kein verlogenes Loblied mehr singen.
Dein geborgtes Sonnenlicht
soll mich nicht mehr blenden,
dein Reichtümer schleppender Buckel
mich nicht mehr bestechen.

Du bist weit gekommen. Du bist tief gesunken.
Du kamst von heiteren Weinhöhen
und sankst in dumpfe Niederungen.
Die Dome und Burgen sind längst
entsetzt stehengeblieben.
Schwefelrauchend, rußrülpsend und ölkotzend
drängen sich Kamine, Waschtürme
und mannsdicke Rohre
an deinen betäubten Strand.

Den toten Fischen will ich einen Nachruf spenden,
die verreckten an dem Gebräu,
das du rechts und links deiner Straße
aus zahllosen Abwässerkanälen säufst.
Deine letzten Töchter,
Ruhr, Emscher und Lippe, kriechen,
von dauernder Schändung ermüdet,
in dein schmutziges Altenbett.

Du wehrst dich nicht mehr,
Gewaltiger, Vergewaltigter, Vergifteter.
Deine Sommer stinken zum Himmel.
Deine Winter sind ätzend traurig.
Du benimmst mir den Atem.
Das Meer sträubt sich, dich zu empfangen.
Sogar in Selbstmörderkreisen
verlierst du jeden Kredit:
Wer – wenn er schon sterben will -
will in einer Kloake ersaufen…

(Willy Bartock)

Den “verheizten Kohlen-Goethe” nennt Jörg Albrecht den 1995 von uns gegangenen Dichter Willy Bartock in einem WAZ-Artikel. Heute ist in Walsum eine Straße nach Bartock benannt. Es verrecken keine Fische mehr “an dem Gebräu”, lediglich wird der Dioxin-Gehalt der Aale notiert und sicherheitshalber vor ihrem Verzehr gewarnt. Die Umweltsünden sind eingedämmt, die starken Kontrastbegriffe aus der Welt hinaus modernisiert. Bartocks Niederrhein wirkt wie eine kräftig überzeichnete, apokalyptische Skizze aus einer verschwundenen Zeit, die jedenfalls kaum taugt, für “die gute alte” herzuhalten.

Denn die alten Deutschen tranken ja auch

Sitz` ich in froher Zecher Kreise
Und nehm das volle Glas zur Hand,
Trink` ich nach alter deutscher Weise
Und nippe nicht nur von dem Rand!
Die Väter haben uns gelehrt,
Wie man den vollen Humpen leert.

Denn die alten Deutschen tranken ja auch,
Sie wohnten an dem Ufer des Rheins;
Sie lagen auf der Bärenhaut
Und tranken immer noch eins, noch eins,
Sie tranken immer noch eins.

Wer Bacchus und Gambrinus ehret,
Der lebt gar herrlich in der Welt,
Dieweil uns die Geschichte lehret,
Daß beide waren hochgestellt.
Der eine wohl ein König war,
Der andere ein Gott sogar.

Denn die alten Deutschen…

Drum lasset uns die Becher heben
Und stimmet fröhlich mit mir ein;
Laß Bacchus und Gambrinus leben,
Sie solle hoch gepriesen sein.
Doch auch der Väter sei gedacht,
Auch ihnen sei dies Glas gebracht.

Denn die alten Deutschen…

(Text und Melodie: Ludolf Waldmann, 1880)

Kurt Tucholsky über rheinisches Liedgut

“Schon Gneisenau, Regierungsrat bei der Filmzensur, hat in seinem ziemlich unsterblichen »Wolfgang von Goetz« darauf hingewiesen, daß das deutsche Volk als das sangesfreudigste der Welt mit Fug angesehen werden kann. Der wahre Gesang ist der Männergesang. Sagt doch bereits die deutsche Bibel für das Wochenende, das Strafgesetzbuch, über die Männergesangvereine so schön: »Wenn sich eine Menschenmenge öffentlich zusammenrottet und mit vereinten Kräften gegen Personen oder Sachen Gewalttätigkeiten begeht …«, und auch der Ausdruck »Rädelsführer« deutet ja klar auf den Dirigenten solchen musikalischen Tuns hin. Aber ach! nicht jeder gehört einem Männergesangverein an; ja, es gibt unter den Deutschen sogar einige, wenn auch wenige verworfene Wesen, die überhaupt keinem Verein angehören. Aber das soll mit Rücksicht auf die zarter Besaiteten unter unsern Hörerinnen hier nicht erörtert werden; diese Menschen gehören in das Gebiet der Psychopathia sexualis. Genug davon. Wenden wir uns von den Verirrungen des Geschlechtslebens mehr heitern Gegenständen zu.

Was zum Beispiel Gertrud Bäumer betrifft, so hat sie, eine gebildete Mitteleuropäerin, das Singen von sogenannten »Hausgesängen«, die vorher einen Zensurwolf passiert haben, gestattet- auch ist das Mitsingen dieser Lieder an öffentlichen Orten, Rundfunk-Zapfstellen und andern Bedürfnisanstalten zunächst nicht strafbar. Es ist gewiß von allgemeinem Interesse (…), solche Gesänge an Hand eines kleinen, uns heute vorliegenden Liederbuches einmal wissenschaftlich zu betrachten. (…)

Wir kommen nunmehr zu den mild-romantischen Liedern. Da wird uns warm ums deutsche Herz. Deutsche Weise und deutsches Land sprechen uns hier an, und jedes Gemüt schlägt Wellen, wenn es hört:

»Am Rüdesheimer Schloß steht eine Linde!
Der Frühlingswind zieht durch der Blätter Grün,
ein Herz ist eingeschnitzt in ihre Rinde,
und in dem Herzen steht ein Name drün.«

Da ist nichts vom nervenpeitschenden Rhythmus der Großstadt, ewiger Gehalt klingt uns hier an und zeigt so recht, daß das Erbe der Birch-Pfeiffer und Courths-Clauren in guten Händen liegt. Der Text des Rüdesheim-Liedes stammt von einem Wiener Juden.

Was aber sind alle diese schönen Lieder, wie: (…)

»Am Rhein, da hab ich das Licht erblickt,
am Rhein, da wuchs ich heran,
am Rhein, da ist mir manch Streich geglückt –«

woraus also zu ersehen, daß dieser Streich hier jedenfalls nicht am Rhein entstanden ist – was ist dies alles, sage ich, gegen das unsterbliche Lied:

»Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren,
in einer lauen Sommernacht –«?

Da mögen Welsche und Polen, Tschechen und blatternasige Kosaken dräun: solange wir solche Lieder haben, kann Deutschland nicht untergehn. Der Text stammt von zwei Wiener Juden.

Die dritte Abteilung endlich möge die der schlichtweg idiotischen Texte genannt werden, wie etwa:

»Wer hat die liebe Großmama
verkehrt rum aufs Klosett gesetzt?«

und:

»Das war bei Tante Trullala
in Düsseldorf am Rhein,
da haben wir die Nacht verbracht
voll Seligkeit beim Wein –«

Noch zahllose Lieder gibt es, schlichte Äußerungen des Volksgemütes, geeignet, am deutschen Herd, im deutschen Haus, im deutschen Hof gesungen zu werden, wofern nicht dort Teppichklopfen und Musizieren verboten ist. Wo man singt, da komme ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder. (…)

In diesem Sinne auf Wiederhören in fünf Minuten zum Vortrag des Herrn Geheimrats Professor Doktor Fritz Haber, Mitglied der republikanischen Kaiser-Wilhelms- Akademie: »Der Harn im Familienleben sowie die Konservierung älteren Büchsenfleisches.«

Auf Wiederhören in fünnef Minuten –!”

(Kurt Tucholsky: Des deutschen Volkes Liederschatz. Ein Rundfunkvortrag, 1927. Gefunden im Projekt Gutenberg.)

Bernd Imgrunds Köln-Kolumne

Thekentänzer, Straßenkämpfer & andere Kölner Gestalten: jeden Mittwoch erscheint die Kolumne von Bernd Imgrund auf den Seiten des Emons-Verlags. Die Marschrichtung spricht aus dem Titel: der Autor wühlt in den Eingeweiden der Stadt, gräbt bedeutungsschwere Trouvaillen aus, erzählt aus der Sicht seines Buchhelden Fränki, dessen Kopf meist in der Hand eines tresengestützten Armes sich wiegen dürfte, führt Interviews und plaziert sogar einen Fotoroman: die kölsche Seele und Leber finden sich nirgendwo besser erklärt. Und daß das kölsche System auf einer wuchtigen historischen Drift fußt, deren Außen- und Innenperspektive seit jeher leicht inkongruent verlaufen, erfahren wir unter anderem in der heutigen Kolumne, z.B. in diesem diesem schönen Auszug:

“„In den zahllosen Klöstern und Stiften hausen tausende von Geistlichen, grobe ungehobelte Klötze, über und über mit Tabak und Rotz beschmiert, die in Bierhäusern mit den Bauern um einiger Pfennige willen Karten spielen,“

notierte ein französischer Tourist anlässlich eines Köln-Aufenthalts 1784 in sein Reisebuch.

Wer mehr davon möchte, aber noch nicht weiß, wo ihm/ihr der Kopf am kommenden Mittwoch steht, kann die Kolumne auch per Mail abonnieren.

Der Rhein von oben (2)

Auf Arte läuft seit gestern und noch bis Freitag um jeweils 19.30 Uhr eine fünfteilige, jeweils dreiviertelstündige neue Rheindoku: Der Rhein von oben. Der Sender verspricht „das wohl ausführlichste Bild des europäischen Stroms, das je gezeigt wurde“. (Aus der Luft mit der Cineflex-Kamera gefilmt mag das sogar zutreffen – Ausführlichkeits-Interessenten empfehlen wir nichtsdestotrotz das Vergleichsstöbern in mittlerweile deutlich über 1200 rheinsein-Einträgen.)

Die erste Teilfolge, Der Alpenrhein, widmet sich, logisch, den Quellen des Vorder- und Hinterrheins und endet beim Einfluß in den Bodensee. Die Macher (Regie: Luzia Schmid) verfahren nach zuletzt bei Rheindokumentationen bewährtem Strickmuster: beeindruckende Luftaufnahmen zu seicht-pathetischer Musik wechseln mit Kurzportraits bzw -interviews von/mit Anwohnern.

„Den Rhein möcht ich noch einmal machen“ hören wir zu Beginn Ernst Bromeis, der im und vor dem Tomasee posiert und dessen gescheiterter Versuch den Fluß der Länge nach zu durchschwimmen vergangenen Mai für öffentliches Aufsehen (und ein paar rheinsein-Notizen) sorgte. Sogleich beschleicht uns Furcht, daß wir den x-ten Aufguß allzu bekannter Anekdötchen aufs Auge gedrückt bekommen sollen. Eine unnötige Furcht, wie wir erfreut feststellen dürfen. Die Bodenbeiträge erweisen sich als wohlgewählt, erfrischend und kompetent und das Team scheut bei seinen alpinen Erkundungen keine Seitenpfade in selten geschaute Nebentäler, die doch von elementarer Bedeutung für das Verständnis des Alpenrheins und somit des gesamten Rheinsystems sind und bei vergleichbaren Gelegenheiten gerne übersehen werden.

Zwischen dem energiewerkenden Ex-Abt von Disentis und der tauchenden Archäologin in Sipplingen findet sich Platz für kleine Erkenntnisse über hunderte Schmelzwässer, den italienischen Rheinanteil, historisch bedingte Kuriositäten und den unterseeischen Wasserfall der Bodenseeeinmündung, in deren Hintergrund wir für einen Augenblick sogar Paradise Island zu entdecken glaubten, wenngleich die kontroverse Insel in Der Rhein von oben (noch) keine Rolle spielte.

der rhein von oben_rheinalpen_04(Pressebild: © WDR/Vidicom)

Der vergleichsweise gediegene Zeitrahmen jedenfalls scheint dieser Dokumentation zu bekommen wie auch der allenthalben eingefangene Respekt und das Staunen vor der Kraft des Wassers. Einziger Wermutstropfen bleibt die musikalische Untermalung. Die gestern ausgestrahlte und die kommenden Folgen sind rheinsein eine Empfehlung wert.

Die erste Folge ist derzeit in der Arte-Videothek verfügbar.

Wiederholungen der ersten Folge auf Arte:
Montag, 18.03.2013 um 12:05 Uhr
Samstag, 30.03.2013 um 12:30 Uhr

Die Lesung in Montabaur

„In Koblenz stieg ich aus dem Zug. Wolkenloser Himmel über dem Deutschen Eck. Bundeswehrreservisten mit Strohhüten und Bierfahnen. Ja, und der Rhein und die Dampfer, und die MS Vaterland auf dem Weg nach Bonn, Bordkapelle, deutscher Wein und Ausflügler. Ich machte allerdings keinen Ausflug. Ich war unterwegs zu meiner ersten Lesung.“

Während der Lektüre von Jörg Fausers Roman Rohstoff, der in Istanbul, Berlin, Göttingen und Frankfurt spielt und in dem Fauser in einer Szene, wenn auch nicht detailgetreu, so doch verblüffend profetisch seinen eigenen Tod beschreibt, indem er feststellt, daß auf die beschriebene Weise immer nur die anderen stürben, während dieser rasanten Lektüre, die ein Deutschlandbild eröffnete, wie es „echter“ in Romanen selten zu finden sein dürfte, hofften wir gelegentlich, daß es den Protagonisten an den Rhein verschlagen würde, um einen Grund zu haben, das Buch in unseren gesamtrheinischen Kanon aufzunehmen – was dann tatsächlich im oben zitierten 43. und letzten Kapitel geschieht: Seine erste Lesung führt Harry Gelb, Fausers Alter Ego, über Koblenz nach Montabaur. In Koblenz wartet Gerda vom Jugendbildungsklub Montabaur, um Gelb an die Stätte seiner Lesung zu geleiten:

„“Wir müssen jetzt einen Bus nehmen“, sagte Gerda, die auch nicht gerade besonders angetan schien von mir. Dabei hatte ich mein bestes weißes Nyltesthemd an, meine Trevirahose war frisch gebügelt, und ich war nach der Schicht auch brav nach Hause gegangen und hatte noch ein paar Stunden gepennt. Aber wahrscheinlich hatte Gerda einen wuschelhaarigen Hippie mit Ohrring, dreckigen Fingernägeln und geflickten Jeans erwartet, der ihr gleich einen Joint anbot und vom Paradiso in Amsterdam schwärmte.
„Ich würde ganz gern noch ein Bier trinken“, sagte ich.
Sie warf mir einen mißtrauischen Blick zu, steuerte uns aber über den Bahnhofsplatz in die Cafeteria von Hertie. Sie schleckte ein Eis, ich trank eine Halbe. Natürlich trat mir prompt der Schweiß auf die Stirn, und das Hemd wurde feucht auf der Brust. Gerda sah aus, als würde sie schon überlegen, wie sie mich am besten loswerden konnte. Ich bot ihr eine Camel ohne an, aber rauchen tat sie auch nicht. Ich zahlte. Wir gingen. Es war erst vier Uhr nachmittags. Die Lesung war für acht angesetzt.“

Sollte Gerda ein reales Vorbild haben, wird diese Dame Fauser wahrscheinlich überlebt haben. Nun fahren Gerda und Harry Gelb im überfüllten Postbus nach Montabaur:

„In dieser Gegend war ich als Halbwüchsiger schon gewandert, sie hatte sich seitdem entschieden bevölkert – ganze Wüstenrot-Siedlungen im schlichten Fertighausverfahren, dann die Bungalows an den Hängen, die Zubringerstraßen, die Autobahntrassen, Grossomärkte, Einkaufszentren, Möbellager, und die Bundeswehr hatte sich ausgebreitet mit allem, was dazugehörte, von der Raketenstellung bis zur Bundeskegelbahn. (…) Ich hätte dringend ein Bier gebraucht, ein Bier und etwas Stärkeres. Eine Lesung bei der Jungen Union, das war es also. Vom Aushilfsanarchisten zum katholischen Cut-up. Wir näherten uns Montabaur. Die Stadt sah auch entschieden mißtrauisch aus.“

Jörg Fauser: Rohstoff, Zürich 2009

Groppenfasnacht, Groppen allgemein und eine spezielle Groppe

Mit Fischknusperli ging, wie die Thurgauer Zeitung berichtet, am gestrigen Sonntag der „Große Groppenumzug“ im bodensee-schweizerischen Ermatingen über die Bühne. Die Gemeinde Ermatingen erklärt dieses Lokalereignis wie folgt: „Mitten in der Fastenzeit, wenn das Narrentreiben anderswo längst abgeklungen ist, rüstet sich Ermatingen alljährlich “zur letzten Fasnacht der Welt”. Diese erlebt alle drei Jahre mit dem Grossen Groppenumzug ihren Höhepunkt. Rund 20’000 Besucher wohnen jeweils dem in seiner Form einzigartigen Fischer-, Frühlings- und Fasnachtsumzug bei. Ihren Namen hat die Ermatinger Fasnacht von der Groppe, einem kleinen Fisch, der heute kaum mehr vorkommt. Noch vor 100 Jahren wurden Groppen aber mit dem Schleppnetz zu Tausenden auf einen Zug gefangen. Mit Salz bestreut und in der Pfanne gebraten galten sie als besondere Delikatesse.“ Die Knusperli dürften somit kaum aus Groppe bestanden haben. Weiterführende Informationen über die Spätfasnacht finden sich auf deren eigener Website. Nebst Informationen zur uneindeutigen Herkunft des Brauchs, der mindestens aufs Konzil von Konstanz zurückreichen soll, lesen wir dort über die Groppe: „Der Gropp gehört zur Familie der Knochenfische und ist auf der nördlichen Halbkugel in rund 300 verschiedenen Arten bekannt, die meisten davon sind typische Meeresbewohner. Die verbreitetste Süsswasserart, die Groppe (auch Koppe, Dolm, Cottus gobio) wird bis etwa 15 cm lang. Es sind oberseits grau bis bräunliche Fische mit dunkler Marmorierung. Nachdem der Gropp (oder eben die Groppe) im Bodensee jahrzehntelang als Folge der Gewässerverschmutzung als ausgestorben galt, ist der kleine Raubfisch heute wieder vereinzelt im See zu finden. Seine frühere Population wird er aber kaum jemals wieder erreichen. Das Gleiche gilt für seine kulinarische Bedeutung. Der kleine Fisch, dessen Fleisch von Knochen und Gräten durchsetzt ist, entspricht nicht mehr den Ansprüchen der heutigen Fischliebhaber.“ Über die Dickköpfigkeit der Groppe stand nichts zu lesen. rheinsein geht, ohne der Groppenfasnacht je beigewohnt zu haben, davon aus, daß diese spezielle Eigenschaft des Fischs in die Fasnachtsriten eingebunden sein dürfte und ist jedenfalls angetan von der groppigen Tradition am Schweizer Seeufer. Denn bei einer Wanderung durch die Ruinaulta, den „Schweizer Grand Canyon“, hatten wir einst Gelegenheit, uns mit einem leibhaftigen Exemplar dieser aktuell so seltenen Spezies zu unterhalten. Es handelte sich um eine gestrandete Groppe namens Ueli, die wir nach einigem unerquicklichen verbalen Hin und Her (vulgo: sinnlosen Diskussionen) aus ihrer mißlichen Lage, dem Eingeklemmtsein zwischen größeren rundgeschliffenen Alpenrheinkieseln, per Fingerschnips befreiten (die Groppe flog für einen Moment und das sah teuflisch elegant aus; „Groppendynamik“ flirrte uns ein beschreibendes Kompositum für ihr Flugverhalten durch den Schädel), woraufhin der geschnipste Fisch, dem all das offensichtlich peinlich war, grummelnd davonflösselnd, und auf eine Art und Weise vernuschelt, damit nur jeder wüßte, wie schwer ihm die Sache fiel, uns drei von ihm zu erfüllende Wünsche zugestand, eine fortgesetzt unangenehme Situation also, die wir seinerzeit nicht zuletzt wegen akuter Wunschlosigkeit mit lediglich dem Wunsch eines „Guten Tages“ quittierten, welcher auf die Groppe zurückfallen sollte. Wir haben nie wieder von ihm/ihr gehört.

Wildes Köln

Rheinische Tierwelt im Bewegtbildformat: aktuelle Tierarten des Kölner Großstadtdschungels präsentiert eine bieder-niedliche, perfekt den Alltag abbildende, derzeit bei Arte auffindbare dreiviertelstündige Doku von Herbert Ostwald aus dem Jahr 2012.
Die Hauptparagrafen des Kölschen Grundgesetzes bilden die Leitlinien des Off-Kommentars zum Mit- und Gegeneinander von Nilgans, Schwan und Schmuckschildkröte im Mediapark. Der städtische Autoverkehr unterdessen zwingt Amseln und Meisen zu immer früherem und lauterem Gesang. (An die Anfangssequenzen aus Koyaanisqatsi gemahnende Aufnahmen beweisen die kölsche Jroßstädtischkeit.) Doch auch der Vogelfreund rüstet hoch: wir beobachten eine ältere Dame beim Abspielen einer Mauerseglerrufe-CD über die Außenlautsprecher an ihrer Hauswand.
Unterdessen bewohnen Füchse die Friedhöfe und Grünoasen. Erpel ertränken bei der Balz ihre Enten. Kaninchen allenthalben. Die Idee einer innenstädtischen Hoteldachimkerei findet Nachahmer. Eine Blaumeise nistet in einer Verkehrsampel. Seit wenigen Jahren ist der Mäusebussard zugewandert, auch gibt es nach geraumer Abwesenheit wieder eine Handvoll Wanderfalkenpaare in der Stadt. Nicht jedoch am Dom, der nurmehr Tauben und Krähen als Wohn- und Brutfels dient und dessen Schwarztönung von Blaualgenbewuchs rühren soll, falls wir diese Aussage des Sprechers nicht halluzinierten, denn bisher gingen wir fest davon aus, daß die Domschwärze eine Folge der megalopolen Luftverschmutzung sei. Nicht fehlen dürfen natürlich die Alexander- und Halsbandsittiche, die berühmten “kölschen Papageien”. Mittlerweile wird deren Leben sogar im Stile der „Fußbroichs“ als Realdoku an die Wände der U-Bahnhaltestelle Breslauer Platz projiziert.
Die Rothirsche aus dem Königsforst, die „größten Tieren Deutschlands“, sollen über eine Hirschbrücke über die Autobahn näher Richtung Stadtzentrum gelockt werden. Wir sehen Wollhandkrabben beim Dreikantmuschelnknacken im Rhein. Natürlich darf die beliebte, hier gelegentlich wiedergekaute Anekdote, daß diese eingeschleppten Krabben mit ihren Scheren Fischernetze durchzuschneiden in der Lage seien, nicht fehlen. Schließlich der Höhepunkt: ein nächtlicher Waschbär beim Kölschschlürfen in den Resten einer Thomas Klingschen Schrebergartenparty.

Frühling am Rhein

Bimmelnde Schneeglöckchen, die Sonne knallte. Gelbe und violette Krokusse hatten ihre Rachen gen Himmel geöffnet. Was sollte das? Es fehlten die Insekten, die Sounds fehlten. Die Krokusse schrien stumm, die Schneeglöckchen so leise, so leise am Bimmeln, die Krokusse, als wollten sie schlucken, schlucken. Am Himmel, war das Smog? Schwarzer Matsch war das im Park, der quartschte, quartschte da an den Sohlen, die den Matsch ansaugten. Quartsch, quartsch, quartsch, so stappten meine Schritte quer über den Rasen, kickten Kroken, die krakig taten und krachten, ihrer Hälse und Näcken mittels Kicks beknickt. Das war der Frühling. So ging das los.
Am Fluß unten war das ein andres Panel. Das floß so von Bild zu Bild, der Fluß. Der kippte da von einem Panel zum nächsten, floß auch mal falschrum, brauchte man bloß kurz wegschauen, hastenichgesehenmäßig, floß dann wieder richtig rum, Frachter in die eine Richtung, Frachter in die andre Richtung, fast schon philosophisch, und dann floß das ganze unten oder oben auf der Seite ab, eschermäßig, großartig, mußte man nur umblättern, floß es wieder, majestätisch wie das ja so heißt, von vorn, war aber mittendrin beim Fließen, ich kannte mich kaum noch aus, der Fluß, das war ein Heft ohne Begrenzung und ich blätterte und blätterte, bis mir die Finger wässrig wurden.
Dann schnallte ich, daß es real war. Auf der Grenze vom Wasser und dem Ufermatsch schwabberte, gurkte, erpelte so ein Tier, weißnicht, Tier das aus einem Weblog entflohen sein mußte. Sah komisch aus. Komisch nicht. Sah aus wie was, was es nicht gibt, also fast noch nicht gibt. Aber, wenn es doch so aussieht, daß mans beschreiben kann, dachte ich, gibt es das schon, muß es das geben. Was denn sonst? Ich kanns aber nicht korrekt beschreiben, merkte ich, weswegen es das Tier vielleicht nicht gibt. Es war jedenfalls da. Es schwabberte auch nicht, lief vielmehr als hätte es sechs Beine, mit denen man schon laufen kann, als so ein Tier, notfalls in mehrere Richtungen gleichzeitig. Drüber zottete massives Dreckfell, vielleicht auch Stacheln, ich glaub mit kleinen weißen Blüten drin, Jasmin. Das alles halb im Wasser, halb im Matsch. Eine kiemende Ufersau, halber Luftvogel. Wie auch immer. Das Tier hatte völlig undefinierbare Form. Sackte nach oben hin aus vielleicht. Waberte und wabbelte aber auch ständig und wo es eben noch war, war auf einmal Leerstelle. Es gab Schleifspuren im Matsch von dem Tier. Die hätten auch von sonstwas sein können. Ich habe so ein Tier noch nie gesehen und es war definitiv so ein Tier. Warum mich das beschäftigte: weil ich die Tiere normalerweise kenne.
Aber dann war es weg und man weiß nicht, was man gesehen hat und da dachte ich: verdammt! Was glaubst du denn? Ist es so nicht immer? Du redest mit wem, dann ist alles weg. Und man ist ein paar Sekunden oder so näher dran am Tod. Das läßt sich ja rückwärts zählen. Das driftet nicht mal da hin, mal da hin. Das läuft ganz unerbittlich und linear. Den Scheiß mit den früheren Leben mal ausgenommen. Über den Fluß kam von drüben aus Sonnenstrahlen ein goldparmäniger Störstreifen. Das ging auf mich zu und durch mich durch. Es war wie eine zwokommafünf Kilo schwere Metallkugel im Hals, ich schluckte dran wie ein Froschkönig. Wenn wir wiedergeboren werden und wir werden immer mehr, und es gibt doch nur so wenige Buddhas, dann wird es logisch immer enger hier. Und komische Tiere tauchen auf. Weil der Mensch sich ja auch entwickelt, in mancher Hinsicht. Man hat ja jetzt diese Technoköpfe, die sitzen auf normalem Fleisch, haben aber Knopf im Ohr und quatschen in den Orbit. Und wenn sie am Ufer langspazieren geht ihr Gesülze auch bis Holland. Wasser trägt.

(Ein Gastbeitrag von Pernil Gelber. rheinsein dankt!)

Diese Caffeehäuser sind meistens schmutzige Löcher, in denen man es keine Viertelstunde aushalten kann

„(…) Nun eile ich dem Rheine zu. – Ich werde den schönen Fluß wieder sehen, von dem ich acht Jahre entfernt war. Damals waren seine grünen Fluten noch nicht von blutigen Leichnamen gefärbt, damals wogte der prächtige Strom durch paradiesische Gefilde von wohlhabenden und glücklichen Menschen bewohnt; – von seinen Rebenufern schallten die Gesänge der Dörferinnen, die Bacchus Geschenke sammelten. Seit langen Jahren hatte man hier den furchtbaren Ton des Kriegsgeschützes nicht gehört. Nur in der fröhlichen Weinlese brannte man unter Jubel und Gesang die kleinen Böller zur Verherrlichung des Festes los, und ergötzte sich an dem vielfach ertönenden Wiederhall.

Ich werde sehen, wie es ist, und sagen, wie es damals war. Aber der Genius der Menschheit steht neben mir, und zeigt mir traurend in der Ferne die zerstörten Fluren, die Gräber der Erschlagenen und die in Schutt und Asche gelegten Wohnungen.

Des Winzers Hochgesang verstummte längst am Rheine,
Wo schaudernd nun die Sonne steigt;
Und von Erschlagenen rings die dorrenden Gebeine
Auf allen Rebhöh`n bleicht. (Matthißon) (…)

Wer die Befestigungen von Cassel sieht, muß über den Aufwand von Kunst erstaunen, der dabei verschwendet ist. Hier muß die Kraft der tapfersten Heere scheitern. Selbst Suwarow mit seinen stürmenden Grenadieren würde hier vergeblich die Gräber mit Leichnamen füllen, welche die Batterien umgeben. Die Erde würde sich aufthun, die Kühnen zu verschlingen, oder ihre Gebeine in die Luft zu schleudern, die sich diesen Schanzen nahen. Selbst die Eroberung einer Batterie würde ihnen verderblich seyn, weil jede die andere deckt, jede eine eigene Festung ist. Während der ganzen Belagerung von Mainz war es den tapferen Preußen und Sachsen unmöglich, hier nur die geringsten Fortschritte zu machen. Ueberall auf der weiten Ebene ist der Angreifende den feuerspeienden Schlünden ausgesetzt, nirgends gedeckt, überall trift ihn das donnernde Geschütz. (…) Nach der Uebergabe von Mainz an die Alliierten wurde Castel von den Oesterreichern noch stärker befestigt, und die schadhaften Werke ausgebessert.

Dieser ehemals so wohlhabende Flecken ist jetzt arm und öde. Er scheint eine einzige große Caserne zu seyn; überall sieht man nichts als Schmutz und Armseligkeit. Vielen Kaufleuten dient er zur Niederlage ihrer Waaren, die sie dann von da nach und nach heimlich in Mainz einzubringen suchen (…) – Es giebt hier eine Menge Caffeehäuser, die auf das Bedürfniß des französischen Soldaten berechnet sind, der einen Ort haben muß, wo er sich mit seinen Cameraden unterhält, und seinen Sold vertrinkt. Meistens sind sie mit anlockenden Inschriften versehen, wie: Caffée francais, bon vin, bonne bière mousseuse, excellent eau de vie de France – Caffée militaire – Rendés vous des Francais. Caffée republicain u. s. w. Diese Caffeehäuser sind meistens schmutzige Löcher, in denen man es keine Viertelstunde aushalten kann. Indessen ist es für den stillen Beobachter unterhaltend, hier die Gespräche dieser Leute zu belauschen. Man kann sich nicht verhehlen, daß in der Masse dieses Volks eine unendlich größere Menge von dem, was man bon sens, oder gesunden Menschenverstand nennt, vorhanden ist, als in irgend einer anderen Nation. (…)“

Friedrich Albrecht Klebe: Reise auf dem Rhein, durch die teutschen Rheinländer und durch die französischen Departements des Donnersbergs, des Rheins und der Mosel und der Roer; im Sommer und Herbst 1800, Frankfurt 1801