Raum – Zeit – Rhein (4)

(XV)
Wo der Rhein überall auftaucht, ist erstaunlich. Nicht erst das Internet hat die Verbreitung des Rheins gefördert. Sein krampfgeädertes (und entsprechend bekämpftes) Ästuar hat zwar als Sternbild am Himmel noch keine namentliche Entsprechung, auch wird das Weltall meist nicht als Fluß (die Sterne nicht als Fische) dargestellt: die flußistische Denk- und Glaubensfase steht der Menschheit erst noch bevor: ihre maßgeblichen Vordenker werden elektronische Filosofen sein, die der menschlichen Selbstbewichtigung entbehren.
Auf Erden indes verströmt sich der Rhein, indem er über sich hinaus weist, in Pfützen, Städten, Büchern. Wenn Guillaume Lejean in den 1860er Jahren Victor Hugos illustrierten Rhein mit ins abyssinische Hochland schleppt, wovon spricht das? Schafft ein deutscher Dichter unweigerlich einen symbolischen Akt, indem er seine Rheinverse in den Bosporus wirft? Modern wirkende Überlagerungen müssen nicht auf romantischen Sehnsüchten basieren. Sie sind viel länger schon modern als gedacht, bereits die Romantik war zu erheblichen Teilen ein virtuelles Produkt, und nicht zuletzt unterliegt jede Deutung von Moderne und Moden, in deren Kern das Verb modern wirkt, aktuellen Moden.

(XVI)
Wenn bei BASF eine Chemikalie namens Trilon B in den Rhein einläuft, erweckt das eine ganze Mindmap unguter Bezugspunkte. Die Namensnähe zu Zyklon B, die Herstellergenealogie, der rote Rhein bei Basel, die B-Bezüge wie Brunnenvergiftungslegenden. Und sausendes Gift aus tausend Lüften. Gorrhs toter Atem. Intravenöse Leitungen. Trilon B, das könnte auch der Name für einen Klonlurch sein, der gollumsch aus dem Wasser klettert, rasch evolviert und mit paßbildartigen Gesichtszügen die heikle Entwicklungsabteilung eines Farmakonzerns leitet.

(XVII)
Der Ursprung des Rheins liegt jenseits wissenschaftlicher Meßtechniken. Er liegt mitten im System, das er speist, seine Koordinaten sind rhetorisch eingrenzbar, bleiben im Kern mythisch. Anders gesagt, wenngleich hoch gepokert: der Rhein entspringt aus Gott.


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