Der Rhein in Abyssinien

“Nous étions campés sous un arbre, pendant que nos guides allaient prévenir le nagadras (sorte de maire-douanier), et je feuilletais, pour tuer le temps, un  livre illustré, le Rhin, de Victor Hugo, pendant que Dofton esquissait le pic dénudé qui domine Vochnè.”

“Während unsere Führer die Nagadras (eine Art Zöllnerschulzen) benachrichtigen gingen, lagerten wir unter einem Baum, und um die Zeit totzuschlagen blätterte ich in einem illustrierten Buch, Der Rhein von Victor Hugo, und Dofton skizzierte den kahlen Gipfel, der Vochnè überragt.”

Guillaume Lejean, Voyage en Abyssinie: exécuté de 1862 à 1864

Rheinische Stimmungen lassen sich heutzutage relativ leicht in alle möglichen Weltgegenden übertragen. Moderne Flug- und Kommunikationstechniken haben dazu beigetragen. Auch die Statistik der Zugriffe auf rheinsein singt ein Liedchen davon. Stellen wir uns einfach vor, wie im heutigen Äthiopien ein Rechner anspringt und ein neugieriger Mensch sich gezielt-ungezielt durch rheinsein klickt. Offenbar bevorzugt er/sie die illustrierten Einträge. Warum? Es wird sich kaum herausfinden lassen. Ist dieser Mensch beruflich dazu angehalten, sich ein Bild des Rheins zu verschaffen oder handelt er aus privatem Interesse? Der oben zitierte Guillaume Lejean wird wahlweise als Entdecker, Forschungsreisender, Ethnograf oder Geograf bezeichnet. Nun pausiert er gerade unter einem Baum und findet mehr Gefallen an seinem mitgeführten virtuellen Rhein als am konkreten abyssinischen Hochland. Wäre es möglich, eine komplette Forschungsreise durch terra incognita zu bestreiten, ohne dabei die Nase auch nur einmal aus Büchern zu nehmen, die von ganz anderen Weltgegenden handeln? (“Unter unerträglichen Mühen und Fieberpausen gelang es, die gesamte Strecke abzuschreiten. An den Quellen des Nils angelangt hatte ich bereits den halben Shakespeare gelesen, die zweite Hälfte hob ich mir für die Quellen selbst und den Rückweg auf, der, wie wir annehmen mußten, deutlich schneller als der Hinweg zu bewältigen wäre, weswegen keine Zeit für etwaige  Betrachtungen der Erscheinungen am Wegrande oder der Quellen selbst verloren gehen durfte.”) Im Flieger, mit dem Laptop auf dem Schoß, kommt uns eine solche Verhaltensweise kaum mehr absurd vor. Würden Kenntnisse über den Rhein in Äthiopien hauptsächlich über auf rheinsein gewonnene Eindrücke vermittelt – wie würde das, dort wie hier, auf die deutsche Kulturlandschaft rückwirken? (Am Austausch über derlei Dinge interessierte Äthiopier/innen mögen bitte mit uns in Kontakt treten.)


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