Parschtschikow über den Rhein

Die letzten 14 Jahre seines Lebens verbrachte der russische Lyriker Alexej Parschtschikow in Köln, wo er 2009 im Alter von 54 Jahren starb. In der Kölner Lyrikszene trat er nicht in Erscheinung, in Rußland jedoch galt er bereits zu Lebzeiten als einer der bekanntesten Dichter seiner Generation. Köln sei für Parschtschikow “für jemanden, der auf russisch schreibt” mit der ukrainischen Provinz vergleichbar gewesen: ein ruhiger Ort, an dem sich gut und ungestört arbeiten ließe. (Parschtschikow war in der Ukraine aufgewachsen.) Er habe es geliebt, die Umgebung Kölns mit dem Fahrrad zu erkunden und weidende Kühe zu fotografieren, ein Hobby, das rheinsein teilt. Der Rhein habe ihn bisweilen an den Dnjepr erinnert. Eines seiner Gedichte behandelt den Wels, den er unter anderem als “eingedicktes Schloß” beschreibt. In einem multifunktionalen Klapptaschenmesser, das er einmal zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, habe er “alle denkbaren Bewegungen, die die Welt zu bieten hat” entdeckt. Parschtschikow wird dem sogenannten Metarealismus zugerechnet, als dessen grundlegender Vertreter. Ein Dichter, der darüber schreibt, wie er beim Betrachten eines Frauengesichts auf einem Screen das Ineinandergreifen virtueller und tatsächlicher Realitäten konstatiert. Während wir dies schreiben, will es uns beinahe so vorkommen, als wäre dieser Parschtschikow selber eine literarische Erfindung. Doch ganz offenbar hat er gelebt, tatsächlich, hier in Köln, und vielleicht, so unwahrscheinlich ist das nicht, ist er uns einmal entgegen- und flugs an uns vorbeigeradelt, z.B. auf dem Rheindamm bei Langel, mit wehendem Haupthaar und einer Idee für ein neues Gedicht im Hinterkopf. Auf der Innenseite seiner Stirn habe er sich “alles” vorstellen können, erzählte seine Witwe heute bei einer Abendveranstaltung im Kölner Literaturhaus, bei der, bald vier Jahre nach seinem Tod, dieser hervorragende Dichter erstmals in der Stadt, in der er soviele Jahre lebte, präsentiert und gewürdigt, und bei der u.a. Parschtschikows Stimme vom Band zugespielt wurde wie er einige seiner Gedichte rezitierte, darunter dieses wunderbare vom Igel, das Hendrik Jackson ins Deutsche übertragen hat:

Igel

Igel: ein dunkler Prophet, der die Wurzel des Himmels zieht,
dessen Nadelbett den Leib Sebastians durchspießt.

Sein Rücken: eine Vielheit, geschöpft wie durch ein Sieb,
und der doch in sich, ganz, abgesondert blieb.

Zisch ihn an – er erlischt, gleichsam durchbohrt. Trollt
sich fort. Pass auf, daß er nicht in den Kragen rollt!

Der Igel – ein Schlosserutensil; Tölpel, der einen Twist hinlegt.
Abfallkorb an der Haltestelle, von einer Schneewächte verdeckt.

Bei Frauen stehen seine Nadeln still, wie in Futteralen.
Verträumten Männern wird er das Kinn zermahlen.

Das Verschwinden des Igels – ein trockener Auspuffknall.
Auferstanden? Dann schüttel dich aus! Nadeln überall!

Bei kookbooks ist unter dem Titel Erdöl eine Auswahl von Parschtschikows Gedichten auf Deutsch verlegt und zu bestellen.


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