Monatsarchiv für Januar 2013

 
 

Presserückschau (Januar 2013)

„Houston am Rhein“ (Kölner Stadt-Anzeiger) oder „Schilda am Rhein“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung): die Einschätzungen Kölns klaffen weiterhin auseinander. Langweilig wird es in der Stadt, die auf altem Rheinsand steht, so schnell nicht. Seit Jahren sorgt der U-Bahnausbau in Köln für bundesweite Schlagzeilen, in diesem Monat wieder (siehe unten, 4). Doch au woannerschter am Rhoi isch ebbes los:

1
„Im Herzen Europas, wo der Rhein Frankreich, Deutschland und die Schweiz verbindet, liegt das Upper Rhine Valley. Die Region ist mit über 21.000 qkm fast so groß wie die Toskana. Wie diese lockt sie seit Jahrhunderten Touristen an, die Kunst, Kultur und gutes Essen lieben. Upper Rhine Valley ist eine kompakte, landschaftlich und kulturell enorm vielfältige Region. In den sehens- und liebenswerten Städten Baden-Baden, Basel, Colmar, Freiburg, Karlsruhe, Mulhouse und Strasbourg sowie zahlreichen weiteren Städtchen und Dörfern auf beiden Seiten des Rheintals lassen sich Natur, Kunst und Kultur erleben und das Leben genießen. Und: Die wirtschaftlich prosperierende Region mit rund 6 Millionen Einwohnern ist leicht erreichbar und gut erschlossen. Drei Länder in einem Tag, auch das ist hier leicht machbar.“ (regiotrends.de)

2
Über essentielle Unterschiede zwischen Biber und Mensch im Verhältnis zum Rhein (in Grenzach) schreibt die Badische Zeitung: „Während man bei der Gemeinde darüber nachdenkt, wie man den Rhein als Standortvorteil nutzen, wie der Fluss mehr in den Alltag der Bürger rücken könnte, geht der Biber viel spontaner vor. Die Nagetiere, die sich seit den 90er Jahren wieder am Hochrhein wohlfühlen, sind vor vier Jahren auch in Grenzach angekommen. Statt die Regionalplanung zu bemühen und Bebauungspläne erstellen zu müssen, haben sie sich nur wenige Meter vom Hochrheinwanderweg einen Bau errichtet, dessen Größe auch die Biberexpertin des Regierungspräsidiums beeindruckt.“

3
Infolge der Sperrung der Leverkusener Brücke für den Schwerlastverkehr im vergangenen Dezember ist nun auch die benachbarte Mülheimer Brücke für größere Transportfahrzeuge teilgesperrt, nachdem das Kölner Amt für Brücken und Stadtbahnbau festgestellt hatte, daß der Schwerlastverkehr auf die Nachbarbrücke ausgewichen war, wie der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet: „Man müsse (…) jetzt reagieren, um zu vermeiden, dass an der Mülheimer Brücke ähnliche Schäden entstehen wie an der Leverkusener Autobahnbrücke.“

4
Das Zittern des Kölner Domes ist sogar bis hoch in den Norden zu spüren, wo das Ereignis vom Hamburger Abendblatt verbreitet wird: „Eine neue U-Bahn-Verbindung lässt den Kölner Dom erzittern. Deshalb seien Gebäudeschäden zu befürchten, sagte Dompropst Norbert Feldhoff (…). Das historische Gemäuer sei “für derartige Belastungen nicht ausgelegt”. Man könne ein Zittern wahrnehmen und auch ein Rauschen. Es sei unstrittig, dass dies auf den U-Bahn-Verkehr zurückgehe, sagte Feldhoff.“ (Anm. rheinsein: Unser Test im Dominnern fiel, was U-Bahn-induziertes Zittern und Rauschen belangt, negativ aus. Es kann aber gleichwohl spirituell induziertes Zittern und Rauschen auftreten, weniger am Dom, als vielmehr im Schädel des/der Dombesuchenden.)

5
„In Deutschland, China und anderen Industrienationen macht sich der stark angestiegene Verbrauch von Seltenen Erden nun auch verstärkt in der Umwelt bemerkbar. Hochtechnologie-Metalle, die zu den Seltenen Erden gehören, sind zum Beispiel ein wichtiger Bestandteil von Windturbinen und anderer moderner Elektronik; ihr Verbrauch steigt weltweit. Flüsse sind mittlerweile in vielen Ländern auch mit dem in der medizinischen Diagnostik verwendeten Kontrastmittel Gadolinium belastet. Eine neue Studie der Geochemiker Michael Bau und Serkan Kulaksiz zeigt, dass der Rhein darüber hinaus mit Lanthan und seit einigen Monaten auch mit Samarium verschmutzt ist. Der Rhein ist damit von den großen Flüssen der Erde derjenige, der am deutlichsten mit Seltenen Erden kontaminiert ist. Wie die Jacobs-Geochemiker nachweisen konnten, gelangen pro Jahr mehrere Tonnen dieser Hochtechnologie-Metalle mit Industrieabwässern nördlich von Worms ins Flusswasser und werden dann in die Nordsee, aber auch ins Trinkwasser von Rheinanliegern eingetragen.“ (idw-online)

6
„Der Verein Schwanenschutzkomitee Hochrhein ist am Hochrhein und darüber hinaus bis Breisach im Einsatz. (…) Aktuelle Situation: Der Rhein ist derzeit so sauber wie noch nie. Fischbestände und Artenvielfalt werden reduziert. Das Wachstum von Wasserpflanzen, die Nahrungsgrundlage der meisten Wasservögel, geht zurück. Das Schwanenkomitee findet bereits im Herbst abgemagerte Schwäne und Wasservögel, die aufgebaut werden müssen.“ (Südkurier)

Außerdem erinnert die Klever Ausgabe der Rheinischen Post an die Geschehnisse im Januar vor 50 Jahren, als der Rhein von der Loreley bis zur holländischen Grenze „zum Stehen kam“: bei bis zu minus 32 Grad war der Fluß Mitte Januar 1963 zum bisher letzten Mal zugefroren. Auch der Bonner General-Anzeiger ruft das Ereignis mit seiner damaligen Titelschlagzeile wach: „Auf dem Rhein tanzen und flüstern die Schollen“ und die FAZ legt nach: „Glühweinstände mitten auf dem Rhein“.

Mit dem Faltboot von Karlsruhe nach Köln

Mit dem Faltboot paddelte Stefan Mittler im Sommer 2012 auf dem Rhein von Karlsruhe nach Köln. rheinsein präsentiert in einer losen Fortsetzungsserie einige Fotos, die auf der Strecke, meist aus dem Boot heraus, entstanden.

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Smoke on the water: Enten baden im Morgendunst auf einem Altrheinarm vis-à-vis Philippsburg.

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Die Naturzug-Nasskühltürme des Kernkraftwerks Phillipsburg aus der Flußperspektive.

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Die Speyrer Rheinbrücke, eine als Autobahnteilstück genutzte einhüftige Schrägseilbrücke mit rechtsseitigem Pylon (zur gesamtlandschaftlich-visuellen Schonung des Speyrer Doms), hier mit Instandsetzungsgerüst. Beachtenswert ist neben dem totempfahlähnlichen Aufbau sowie den geometrischen Strukturen des Gerüsts auch die farbliche Abstimmung mit  Brückenseilen und -geländer. Wassertropfen auf der Kameralinse und der ins Bild ragende Faltbootbug verstärken die Authentizität des Gesamteindrucks.

rheingalerie

Am Ludwigshafener Ufer dräut die 2010 eröffnete Rhein-Galerie, mit “direkter Sichtbeziehung zum Rhein” (Wikipedia), ein riesiges Einkaufszentrum. Die Passage zwischen Mannheim und Ludwigshafen gilt unter Paddlern wegen des hohen Verkehrsaufkommens und schlechter Anlandemöglichkeiten als besonders knifflig.

industrie

Den Abend bestrahlende Industrie bei Worms, aufgenommen vom rechten Rheinufer. Mit dem Licht soll auch ein seifiger Geruch über den Fluß kriechen.

Parschtschikow über den Rhein

Die letzten 14 Jahre seines Lebens verbrachte der russische Lyriker Alexej Parschtschikow in Köln, wo er 2009 im Alter von 54 Jahren starb. In der Kölner Lyrikszene trat er nicht in Erscheinung, in Rußland jedoch galt er bereits zu Lebzeiten als einer der bekanntesten Dichter seiner Generation. Köln sei für Parschtschikow “für jemanden, der auf russisch schreibt” mit der ukrainischen Provinz vergleichbar gewesen: ein ruhiger Ort, an dem sich gut und ungestört arbeiten ließe. (Parschtschikow war in der Ukraine aufgewachsen.) Er habe es geliebt, die Umgebung Kölns mit dem Fahrrad zu erkunden und weidende Kühe zu fotografieren, ein Hobby, das rheinsein teilt. Der Rhein habe ihn bisweilen an den Dnjepr erinnert. Eines seiner Gedichte behandelt den Wels, den er unter anderem als “eingedicktes Schloß” beschreibt. In einem multifunktionalen Klapptaschenmesser, das er einmal zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, habe er “alle denkbaren Bewegungen, die die Welt zu bieten hat” entdeckt. Parschtschikow wird dem sogenannten Metarealismus zugerechnet, als dessen grundlegender Vertreter. Ein Dichter, der darüber schreibt, wie er beim Betrachten eines Frauengesichts auf einem Screen das Ineinandergreifen virtueller und tatsächlicher Realitäten konstatiert. Während wir dies schreiben, will es uns beinahe so vorkommen, als wäre dieser Parschtschikow selber eine literarische Erfindung. Doch ganz offenbar hat er gelebt, tatsächlich, hier in Köln, und vielleicht, so unwahrscheinlich ist das nicht, ist er uns einmal entgegen- und flugs an uns vorbeigeradelt, z.B. auf dem Rheindamm bei Langel, mit wehendem Haupthaar und einer Idee für ein neues Gedicht im Hinterkopf. Auf der Innenseite seiner Stirn habe er sich “alles” vorstellen können, erzählte seine Witwe heute bei einer Abendveranstaltung im Kölner Literaturhaus, bei der, bald vier Jahre nach seinem Tod, dieser hervorragende Dichter erstmals in der Stadt, in der er soviele Jahre lebte, präsentiert und gewürdigt, und bei der u.a. Parschtschikows Stimme vom Band zugespielt wurde wie er einige seiner Gedichte rezitierte, darunter dieses wunderbare vom Igel, das Hendrik Jackson ins Deutsche übertragen hat:

Igel

Igel: ein dunkler Prophet, der die Wurzel des Himmels zieht,
dessen Nadelbett den Leib Sebastians durchspießt.

Sein Rücken: eine Vielheit, geschöpft wie durch ein Sieb,
und der doch in sich, ganz, abgesondert blieb.

Zisch ihn an – er erlischt, gleichsam durchbohrt. Trollt
sich fort. Pass auf, daß er nicht in den Kragen rollt!

Der Igel – ein Schlosserutensil; Tölpel, der einen Twist hinlegt.
Abfallkorb an der Haltestelle, von einer Schneewächte verdeckt.

Bei Frauen stehen seine Nadeln still, wie in Futteralen.
Verträumten Männern wird er das Kinn zermahlen.

Das Verschwinden des Igels – ein trockener Auspuffknall.
Auferstanden? Dann schüttel dich aus! Nadeln überall!

Bei kookbooks ist unter dem Titel Erdöl eine Auswahl von Parschtschikows Gedichten auf Deutsch verlegt und zu bestellen.

Rheinische Fabelwesen

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Der fabulöse Rheinwels (siehe vorangegangene Einträge) erinnert uns an einige, womöglich mit ihm verwandte, Wesen, deren Darstellungen an der Kirchendecke von St. Martin zu Zillis (Bilder: Adrian Michael, Creative Commons) zu finden sind. Die Decke wurde von 1109 bis 1114 gemalt.

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Gottfried S. angelt seit 40 Jahren in der Sieg, einem Nebenfluß des Rheins in Nordrhein-Westfalen. Erst mit dem Traktor konnte der kapitale Wels an Land befördert werden.

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“Welse lieben Grundeln” (Models: Tristan-Fritz Wels und, von oben nach unten, zum Teil aus sich herausgehend: die Kessler-Grundelnschwestern Mimi, Nina und Gundel Grundel)

Mit dieser Liebesbotschaft beenden wir vorerst die kleine, von einem Spiegel-Artikel provozierte Rheinwels-Serie. Weitere Einreichungen (Zeichnungen, Gedichte, webkompatible Mixed Media-Arbeiten etc) sind natürlich jederzeit willkommen. Wir danken der unbekannten (d.h. ungenannt bleiben wollenden) Zeichnerin für ihre Wels-, Angler-Wels- und Wels-Grundel-Studien!

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“Die Angler gelten als beinahe ebenso stumm wie die Fische”: Werner Kallrath (links) und Günter Morzer präsentieren, halb im Rhein stehend, einen kapitalen Wels

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Maik Wels, 7 Jahre, 73 Zentimeter, 16,5 Kilogramm

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Nanke Wels. (Ein Gastwels, gezeichnet von Finn (8).)

Rheinwelse

rheinwels

Maria Wels, 16 Jahre,  98 Zentimeter, 38 Kilogramm

“Der Flusswels ist geheimnisvoll. Niemand kann genau sagen, wo er herkommt. Und kaum einer bekommt ihn jemals zu Gesicht – nur der Angler, der seinen Köder mit viel Glück direkt vor seiner Nase präsentiert: tief unten im Dunkeln, wo der Wels in einem schlammigen Loch sitzt und zeitlebens jede unnötige Bewegung vermeidet” schreibt der Spiegel, der, wie stets am Puls der Zeit, unter Berufung auf Anglerkreise rasant wachsende Welsvorkommen an Rhein und Neckar beobachtet: die Fänge seien von ein paar hundert Kilo Wels noch vor 15 Jahren auf 14 Tonnen Wels vor zwei Jahren gestiegen.

rheinsein führt den Wels, in seiner Spielart des Grauers, einer rheinischen Variante des erzählenden Butts, gleichsam seit Anbeginn im Wappen. Der Grauer, ebenfalls ein Bodenfisch welsiger Struktur, übertrifft den Europäischen Wels (Silurus glanis), der bis zu drei Meter lang, bis zu 150 Kilo schwer und bis zu 80 Jahre alt werden soll in allen Kategorien bei weitem. Als Fisch-Geröll-Mischwesen ist der Grauer im Grunde noch viel geheimnisvoller als der nun in den Medien seine Renaissance feiernde Wels, vielleicht ist er sogar gänzlich unvorstellbar.

rheinsein freut sich nichtsdestotrotz über die neue Aufmerksamkeit für den Rheinwels. Als derzeit größtem Raubfisch des Rheins werden ihm fluvial legend-artige Geschichten angedichtet, für die noch wenige Beweise existieren. Hunde und Kinder soll der dann gegebenenfalls auch gern als Monsterfisch titulierte Räuber bereits in die Tiefe gezogen und verspeist haben. In Frankreich wurde des Rheinwelses Äquivalent, der Tarnwels, beim Erbeuten von Ufertauben gefilmt: mittels Hechtsprungtechnik schnellt der Wels aus dem Seichtwasser und raubt unter grobem Federlesens die zarten Vögel, um sie unter Wasser zu verspeisen.

Die Grundel, die vor einem halben Jahr als Katastrofe für die Rheinfauna  ausgerufen wurde, weil sie sich ungehemmt vermehre und alle anderen Arten verdränge, ist hingegen des Rheinwelses Leib- und Magenspeise. Wie die Natur sich doch gegen jede menschliche Inschutznahme und Katastrofenausrufung immer wieder selbst zu regulieren versteht! rheinsein jedenfalls begrüßt den Rheinwels mit einer kleinen Portraitserie bisher bekannt gewordener Exemplare, die wir an eine Zeichnerin, die nicht näher genannt werden möchte, in Auftrag gegeben haben.

Wolken bauen

(bâtir des nuages – building clouds) lautet der Titel der kommenden Samstag eröffnenden neuen Ausstellung von Roland Bergère in Neuss. Monsieur Bergère ist nicht nur von Beginn an als rheinsein-Chefkorrespondent für frankorheinische Angelegenheiten unermüdlich tätig, sondern mindestens ebenso und noch sehr viel länger als in Köln und weit darüberhinaus wohlbekannter Künstler. Mit Wolken bauen bezieht Bergère sich auf ein Zitat Ludwig Wittgensteins: „Wolken kann man nicht bauen. Und darum wird die erträumte Zukunft nie wahr.“ Eine Aussage, die tatkräftigen Widerspruch geradezu herausfordert.

Nebst dem Wolkenbau widmet sich die Ausstellung u.a. den universellen Prinzipien der Expansion und des Auseinanderdriftens. Bergères Ausstellungen sind von langer Hand vorbereitet. In den Planungen für die aktuelle Präsentation spielte auch der Rhein eine maßgebliche Rolle. So werden Bilder von Anschwemmseln aus der Serie “Strandgüter des Hubble-Flusses” zu sehen sein, die Bergère während eines Jahres bei seinen Uferspaziergängen fotografierte, auf handgeschöpftes Papier bannte und wiederum vom Rhein beschwemmen ließ.

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Zwei Einsichten in den Rheingüter-Produktionsprozeß Höhe Rodenkirchen.

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Die Ausstellung findet vom 26. Januar bis zum 6. April 2013 im ebenfalls rheinverbundenen amschatzhaus, Hauptstr. 18, Neuss-Holzheim statt.
Vernissage ist am 26. Januar um 16.30 Uhr.

reizen

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Zur Fortsetzung des kräftig bebilderten rheinsein-Januars eine typisch kölnische Rheinuferstimmung, aufgenommen im Rahmen einer mehrstündigen Fußwanderung durch die vor leichtem Schneefall in Schockstarre gefallene Metropole. Während allenorten Autos im Schritttempo kollidierten, Bahnen und Züge sich enorm verspäteten oder gleich ganz ausfielen, Radfahrer beim Queren der eisglatten Straßen grotesk tarierte Stürze hinlegten und die Stadt erfüllt war vom Klang der Polizei- und Ambulanzwagensirenen, kurzum: während bei drei Zentimetern Neuschnee der Kölner Verkehr zum Erliegen kam, stapften wir unbeteiligter Miene an auspuffdampfenden Staus vorüber und bogen alsbald durch blattloses Gesträuch in wintergeweißte Grünflächen, folgten dort Bobtail-, Kaninchen- und Krähenspuren und gelangten derart geleitet schließlich an den Fluß mit seinen dahinschwappenden, ostinativ sich überlagernden Songzeilen (“Now those memories come back to haunt me, they haunt me like a curse, is a dream a lie if it don`t come true… Heidewitzka, Herr Kapitän!”), an dessen Ufer Joggerinnen und Jogger hinter ihren Anstrengungen zu Strichen in der Landschaft mutierten und dazu aufforderten, sie als mathematische Zeichen des Verschwindens zu deuten, in einer diesigen Atmosfäre voller Minusgrade, beschirmt von der dunstverhangenen, angeblich neuerdings zitternden Kathedrale, in deren Magen sich die Spiritualität der Stadt um- und umzuwälzen schien. Lange betrachteten wir den Fluß. Ein paar Enten quakten. Aus der Ferne drangen die dumpfen Geräusche des stillstehenden Verkehrs. Da drehten wir uns, einer nicht näher bestimmbaren Eingebung folgend, um 180° vom einlullend dahinströmenden Wasser weg und blickten direkt auf obig dokumentierte Ansicht. Am Riehler Ufer stehen die Touristenbusse gerne unauffällig Stoßstange an Stoßstange – womöglich lassen sich dort Parkgebühren umgehen. Dieses Exemplar jedoch stand frei und war, wegen des winterlichen Tarnkleids, auf den ersten Blick garnicht so leicht von seiner Umgebung zu unterscheiden. Wir fixierten den dominanten Schriftzug: alk reizen. Das mußte belgische Nomenklatur vorstellen! Es waren jedoch in gesundem Umkreis um das Gefährt weder (etwaig starkbiertrunkne) Flamen noch Wallonen noch Deutschbelgier zu lokalisieren.  Mochten sie alle im Businnern stecken, eine Schlafenspause goutierend? Weil uns ungelöste Rätsel bisweilen die interessantesten dünken und weil Reisende sich nicht aufhalten sollen, stapften wir, ohne die Angelegenheit näher zu klären, dem überwiegend zuverlässigen Richtungsvektor unserer Nase folgend, von dannen…

Störgestreifter Rhein (Januar 2013)

Woher es kommt, wohin es geht
Was bleibt und was in Büchern steht
Im Ansatz ist das längst kapiert
Mal schaun was dieses Jahr passiert

Preisverfall

immobilien-wahnsinn

Diesen 500000 Euro teuren Rheinblick (oben) hatte der Kölner Express heute für 70 Cent im Angebot. Bei rheinsein gibt es ihn sogar (nebst vielen weiteren Rheinblicken mehr!) vollkommen gratis!

Wie Siegfried Brunhild für Gunther gewann

drachenboot

In einem Drachenschiff reisen die rheinischen Recken nach (wahrscheinlich)

island

Island, das gewaltig brennt, dieweil aus den flächendeckenden Bodenfeuern termitenhügelförmig Brunhilds Burg emporragt. Denn Siegfried soll Brunhild, die nur denjenigen heiraten mag, der sie im nordischen Eheschließungsdreikampf besiegt, für Gunther freien. Und wird sie besiegt, so versiegen auch des Landes Feuer. Was einen dramaturgischen Kniff Fritz Langs vorstellt, der über die Originalvorlage hinausgeht. Ohne Siegfrieds Hilfe, der unter seiner frisch erworbenen Tarnkappe in den Kampf eingreifen wird, ist Gunther Brunhild nicht gewachsen, was die Bildsprache deutlich unterstreicht: Brunhild (Hanna

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Ralph unter einem fantastischen Herrscherinnenhelm) sieht beim Eintreffen der rheinischen Recken niemand anderen als Siegfried für “den Kampf ihres Lebens” an. Der berühmte nordische Eheschließungsdreikampf besteht in Felsbrockenweitwurf, Weitsprung und Speerkampf. Verräterisch tänzelt des unsichtbaren Siegfrieds Schatten über den Kampfplatz vor der Burg, doch im Getümmel der Zuschauermassen aus rheinischen Recken und isländischen Jungfern fällt das nur dem informierten Filmbetrachter auf. Unter ein paar schönen frühen Trickblenden geht Siegfried dem zaudernden Gunther zur Hand, und die zuvor unbezwungene Brunhild ist besiegt. Hier noch ihre Burg

brunhilds-burg

im typischen Nordlicht. Ob es sich wirklich um Island handelt, läßt der Film ausgeklammert. Wo aber sollte es sonst dermaßen brennen, wo sonst im alten Nordland sollten solche Termitenburgen stehen?

Neues von doazmol

Karin Lehner hat vor Weihnachten mit Kulinarische Geschichte(n) und Rezepte ein Kochbuch der Rheintaler Bauerntradition veröffentlicht und damit vom Aussterben bedrohten lokalen Rezepten ein küchenliterarisches Reservat geschaffen. Für den nördlicheren Rheinanwohner mögen Gerichte wie Türggaribl, Oufächuächä oder Grüüba zunächst unverständlich bis exotisch klingen, doch sobald die Dialektbegriffe geklärt sind, stellt sich flugs einige Verwandtschaft etwa zur rheinländischen Küche (Himmel und Ääd) ein: Grundzutaten für die Rheintaler Gerichte sind Mais, Kartoffeln, Äpfel und Birnen, von denen hauptsächlich der Mais samt seiner Verarbeitungsformen als exklusive Rheintaler Spezialität gelten darf. Die alten Zubereitungsarten enthalten u.a. die Herstellung von Speiseeis ohne Tiefkühlgerät oder das Reinigen von Backfett mithilfe von Wasser. Das Buch zählt 148 Seiten und ist in der Schweiz und Liechtenstein für 27 Schweizer Franken im regionalen Buchhandel oder über doazmol direkt bei der Autorin erhältlich. (Für andere Länder dürften sich die Versandkosten leicht erhöhen.)

Ähnlich wie rheinsein kombiniert doazmol Blogelektronik mit Printpublikationen. (Weitere Ähnlichkeiten findet der/die geneigte Leser/in leicht im Vergleich etwa der Seitendesigns.) Viele alte Rezepte des St. Galler Rheintals finden sich daher auch auf dem ganz der Bauernkulinarik gewidmeten Sonderableger doazmols.

Auf der doazmol-Hauptseite wiederum findet sich ein Rezept für Chörbliwasser samt Gedicht, von dem wir nicht annehmen, daß beide im oben vorgestellten Buch enthalten sind, weil es sich bei Chörbliwasser eher um ein Hausapotheken-Mittelchen als um ein Getränk handelt:

S’Chörbliwasser

Wenn’s di ufem Maage tuät trugge,
und es zwiggt di gad onò ufem Rugge,
häsch e òffes Bei, oder sus ötschwo e Wunne,
vilicht sogär dr Chopf iibunne,
churzum, es chò dr weäh tòä wo’s dr will
un Medizin vum Tòggter nützt o numme vil,
denn muescht gär nid lòng ummepfuttere,
griefsch sofort zur Chörbliwasser-Guttere.
Nimmscht allpòtt en waggere Schlugg dervu,
un scho glii wört’s dr wieder besser gu.
Chörbliwasser brennt mä us Chrutt wo so guet schmeggt,
as eim wieder alli Lebesgeischter weggt.
Mä tarsch uni wittersch o de Goofe gih,
s’ischt nämli gär ken Alkohol dri.
Jetz frögen d’Lüt sicher gònz gwunnerig
wo mä echt das Wasser überchöm, das bsunnerig.
S’ischt nid schwär, das Örtli z’finne,
am Grabserberg lit’s, eäner echli hinne.
Unnerwies heisst’s, en Huffe Lüt wüssen das,
döt git’s Chörbliwasser, wenn wotsch ä gònzes Fass.

Dieses Lobgedicht auf das aus Kerbel gewonnene Elixier als ein Beispiel unter vielen für die wunderbaren, seltenen und aussagekräftigen Materialien zum ehemaligen Dorfleben, die Karin Lehner auf ihrer Website zusammenstellt, zuletzt u.a. eine Annonce zur Versteigerung von Schulhausgülle und derzeit, als neuer Jahresschwerpunkt, wetterprognostizierende Bauernregeln in Fülle.