Jahresarchiv für 2013

 
 

Presserückschau (Dezember 2013)

Der Dezember war für uns ein weiterer rheinferner Monat, auch wenn sich der Rhein dem Bosporus, an dem wir weilten, gelegentlich, ja beinahe unweigerlich, überlagerte. Bis nach Istanbul drangen indes folgende ausgewählte Pressemeldungen zu uns vor:

1
Kaum jemand interessiert sich stärker für die Geheimnisse des Rheins als die Polizei, weiß die Rheinische Post: “(…) In der Nähe der Anlegestelle des Piwipper Bötchen entdeckten die Beamten zwei Geldschränke. Nun werden die Eigentümer der Tresore gesucht. Zudem interessieren die Fahnder natürlich die Umstände, unter denen die Behälter ins Wasser gelangt sind. Die Polizei geht zurzeit davon aus, dass die Geldschränke aus Straftaten stammen.”

2
“Lachmöwen erfrieren am Rhein”, übertitelt der Hessische Rundfunk eine Meldung, derzufolge vom Rhein bei Wiesbaden Lebensgefahr für Möwen ausgehe: “(…) seit 2007 beobachten Vogelschützer ein Phänomen, für das es noch immer keine plausible Erklärung gibt. Die Vögel verlieren ihre schützende Fettschicht und sehen zunächst nass und struppig aus. Die meist auf dem Wasser schlafenden Tiere durchnässen, sind der Kälte ausgeliefert und sterben schließlich an Unterkühlung. Experten vermuten, dass die Vögel bei der Futtersuche bestimmte Emulgatoren in ihr Gefieder aufnehmen, die ihre Fettschicht wie ein Waschmittel auflösen.”

3
Wenige Tage nach der vielbeachteten Oktokopter-Zustelldrohnenpräsentation von Amazon in den USA, legte die Deutsche Post in Bonn nach: “Geräuschlos flog eine Minidrohne mit einem DHL-Paket über den Rhein und schwebte bei der Post-Zentrale exakt auf die Zielmarkierung. Es war der erfolgreiche Jungfernflug des “DHL Paketkopters”, mit dem die Deutsche Post DHL ein Zukunftsszenario aufzeigte – Luftpost der anderen Art”, berichtet N24 und beschreibt Reaktionen, die auf jene bei der Einführung der Eisenbahn oder des Automobils rekurrieren: “Beim Zuschauer löste der Premierenflug eine Gefühlsmischung zwischen bewunderndem Staunen und Unbehagen über die Folgen der Zukunftstechnik aus. Die Vögel schreckten jedenfalls bei Sicht des unbekannten Flugobjekts auf und flatterten in Schwärmen davon.”

4
Archaische Rituale kamen im Rahmen der Rivalitäten zweier rheinischer Fußballclubs aufs Tapet: “Mit vier gehäuteten Tierköpfen haben Unbekannte zwei Tage vor dem Rhein-Derby zwischen Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Köln in der 2. Fußball-Bundesliga für eine geschmacklose und ekelhafte Provokation gesorgt. An einer Straßenbahnhaltestelle am Kölner Stadion fanden laut Polizei Passanten am Freitagvormittag die Tierschädel in Anspielung auf den Geißbock als Wappentier der Kölner auf einem blutverschmierten Stromkasten vor. Laut Kölner Stadt-Anzeiger soll dort “f95 – Fuck Köln” zu lesen gewesen sein”, stand im Handelsblatt zu lesen.

5
Die soziale Schere in Deutschland geht immer noch weiter auf, berichtet zu Weihnachten die Badische Zeitung mit einem Beispiel aus Weil am Rhein: “”Erschreckend viele Obdachlose”, so Stefan Heinz, Leiter des Erich-Reisch-Hauses, besuchten am Heiligabend die Wärmestube in der Colmarer Straße. Rund 50 Besucher – so viele wie nie zuvor – kamen und suchten etwas Wärme und weihnachtliche Geborgenheit. Es sei ein deutliches Zeichen, dass “die Armut in der Stadt und der Region immer mehr zunimmt”, bemerkte Stefan Heinz. Etwa 300 Euro hätten die Bundesbürger durchschnittlich in diesem Jahr für Weihnachtsgeschenke ausgegeben, so die Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) nach einer Umfrage. Dabei werde aber übersehen, dass es bundesweit immer mehr Menschen gebe, “die überhaupt keine Geschenke machen können und die schon über eine warme Mahlzeit froh sind. Auch in Weil gibt es Personen, die unterhalb der Armutsgrenze leben – und für die ist die Wärmestube oft der einzige Anlaufpunkt”, so Heinz.”

Das wars für 2013. rheinsein wünscht allen LeserInnen einen guten Rutsch!

Rheinkiesel (15)

Digital StillCamera

Die Weltesche Yggdrasil verkörpert die germanische Kosmosvorstellung. Sie wurzelt im unterirdischen Schattenreich und durchwächst die Menschenwelt bis hinauf zum Sitz der Götter. Daß der Rhein, als zentraler Fluß der germanischen Welt, diese Sagen und Mythen in seinen Kieseln abspeichert, ist kaum verwunderlich, beachtenswert der fein auslaufende, an Korallen erinnernde Strich dieser Yggdrasil-Darstellung. (Foto: Heidi Starck)

Der Rhein hat seinen vrsprunng in dem sybenden berg auff eim allerhoehsten gipffel des gepirgs

Bey erklerung der gelegenheit vnd pildnus Germanie oder Teuetscher nation hernach entworffen ist zemercken der spruch Strabonis also sagende. Die Teuetschen der Gallischen nation nachfolgende sind gerads leibs vnd weysser oder roeßleter farb. vnd in andern dingen an gestalt. geperde vnd sytten den Gallischen gleich. darumb haben inen die roemer disen namen billich gegeben do sye sie brueder der Gallier nennen wolten. dann nach roemischer rede haißen die Teuetschen Germani das ist souil als eelich oder recht brueedere. Nw ist Germania oder Teuetsche nation von den alten gschihtbschreibern vil versawmbt. dann dermals waren ire innere vnd haymliche gegent oder zugeng mit wasserfluessen verhindert. der welde vnd see halben vnwegsam in grobem hirttischem sytten vnd nyndert denn an beruembten namhaftigen fluessen erpawt. Aber nach hinlegunng der abgoettereischen anbettung vnd nach annemung cristenlichs wesens ist dise teuetsch nation zuechtiger worden vnd zu grosser auffung komen. Sie ist gar prayt vomb auffgang. Das Polnisch vnd nyderhungerisch land von mittemtag. das Algew oder gepirg. vom nydergang die Gallier. gegen mitternacht das Teuetsch meer habende. In Germania sind gantzer Europe die beruembtisten fluess der Rhein. die Thonaw. die Elbe vnd andere vnzallich vnd gedechtnuswirdig. Der Rhein hat seinen vrsprunng in dem sybenden berg auff eim allerhoehsten gipffel des gepirgs. in des nehe entspringen die fluess Rhodanus. die Lyonische vnd Narbonensischen gallischen gegent. vnd Padus oder der pfat Welschßland befeuechtigende. Tranus. der bey Papiaz einflewßt. Die Etsch die durch das Trientisch vnnd Bernnisch land zu letst in das Adriatisch meer rynnet. aber der Rhein fleueßt gegen mitternacht mit girigem lawff durch die tale vnd gehe perg. vnd so er durch die Curiensischen landschaft komt so wirdt er schiffreich. Alßpald darnach macht er zwen see (die man bodensee vnd zellersee nennt) die statt Constentz in dem mittel lassende. vnd fueroan mit widerwendigem vmbreyssen der gestadt von manchen spitzigen gehen felsen der berg gezwenngt ershröckenlich sawßende vnd seine gestadt stettigclich außhoelerende. vnd rynnet dann fuerohin durch Basel. die ime widersteende gestadt hynreyssende vnd newe genng mit grossem schaden der anwoner suchende. vnd fuer Straßburg Speyr Wurms Mayntz Coblentz vnd Coelne die edeln stett Teuetscher nation fließende. mit auffnemung in sich vil schiffreicher fluess. als des Mayns Neckers Lymag Musel Masa vnd andrer. vnd geueßt sich dann auß on vil oerttern in das Teuetsch meer innseln machende. dero ettlich von den Friesen. ettlich von den Gellrischen. ettlich von den Hollendern bewonet werden. Zumb andern ereueget sich die Thonaw der beruembtist fluss Europe. entspringt auß dem Arnobischen berg bey anfanng des Schwartzwalds in eim dorff Doneschingen genant. vnd fleueßt vom nydergang gein dem orient oder aufgang erstlich auff zwu tagrayss bis gein Vlme langksamm. alda mit der Plaw. yler vnd andern flueßen gesterckt wirdt sie schiffreich vnd rynnet von dannen hin durch vil land vnd neben vil stetten mit vberschwencklicher auffung der wasser. Sechtzig des mereren tayls schifreiche fluess in sich nemende. Zu letst an sechs grossen oerttern in das Euximsch meer. Zum dritten begegnet die Elbe entspringende in den bergen die Schlesier land von Beheim tayln. Die fleueßt mit der Multa durch Behmer land von dannen durch den Behmischen wald. fueroan durch Meichßen Maydeburg vnd andere stett der Marck vnd des Sechsischen lannds bis hinab bey Hamburg in das Teuetsch meer. Sunst sind andere namhaftige fluess der ich hie von der kuertze wegen geschweigen wil. Zum vierden erscheint ein wald Hercinia genat. den hewtbytag bey anfanng vnnd vrsprunng der Thonaw die vmbsessen daselbst den Schwartz waldt nennen. Der ist (als Pomponius mella setzt) sechtzig tagrays lang vnd grosser vnd bekantter denn andere weld. vnd hat mancherlay namen. auch vil est. hoerner vnd außstreckung. den die innlender andere vnd andere namen geben. dann von anfang seins vrsprungs bis zu dem Necker behelt er den namen Schwartzwald. vnnd vom Necker bis an den Mayn haißt er Ottenwald. aber vom Mayn bis an den fluss Lonam bey Coblentz Westerwaldt. Darnach wendet er sich gegen dem orient vnd taylt Franckenland von Hessen vnd Thueringen. vnd darnach thut er sich in der mittel wider auff vnd vmbrinnget zirckels weyse das Behmisch land vnd strecket sich fueran in dem Merherrischem gepirg durch mittel der Hungern auff der rechten vnd der Poln auff der lingken seyten bis zu dem Dacischen vnd Getischen volck ye andere vnd andere namen empfahende. Nw ist Germania gar ein grosse gegent europe. die dann auß nachpawrschaft vnd geselschaft der roemer vnd auch mit dem heilligen glawben zu senftmueetigkeit vnd guotsyttigkeit gebracht worden ist. Germania ist ein edle gegent vornemlich da sie mit fluessen befeuechtigt wirdt. dann alda ist grosse vnd selige wolluestigkeit. gemassigter luft. fruchtpere felldung. wunnsame berg. dicke welde vnd allerlay getrayds vberflussigkeit. weinrebtragende puehel. gnuogsammkeit der fluess vnnd prunnen die gantzen gegent durchgießende. allenthalben mit hanttirungen vnd kawffhandlungen mechtig. den gesten guot. den bittenden senftmueetig vnnd an synnschicklichkeiten. syttlichkeit. kreften vnnd mannen zuuoran in kriegs sachen keiner nation weichende. Sie weicht auch an reichthuemern aller metall keinem ertreich. dann alle Welsche Gallische Hispanische vnd andere nation haben schier alles silber auß den Teuetschen kawflewten. Dise Teuetsch nation vermag allain on eueßere hilff souil manschaft zu roß vnd zu fueß das sie eueßern nationen leichtigclich widersteen mag. Mer grosse treffenliche ding weren zesagen von dem cristenlichen wesen. gerechtigkeit. glawben vnd trew die ich doch von kuertze wegen fuergeen muoß.

(Schedel’sche Weltchronik von 1493)

Der Untergang von Trisona

triesen gumpt_2Das Dorf Triesen war einst eine schöne Stadt und hiess Trisona. Die Bewohner aber lebten gottlos, so dass grosse Strafe über sie hereinbrach.
Es flog ein Engel mit einem feurigen Schwert in der Hand über die Stadt und rief: “Wer dem Untergang entgehen will, fliehe gegen Sant’ Amerta!” Aber nur ein einziges Weib folgte dem Ruf. Seine zwei Kinder liess es daheim und gab ihnen gedörrte Obstschnitze zum Naschen und Spielen. Das Weib kniete im Kirchlein nieder und betete, als ein furchtbares Getöse sie aufschreckte. Sie trat unter die Türe und sah zu ihrem Entsetzen das ganze Trisona durch eine Rüfe überschüttet. Jammernd schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und wusste nichts anderes zu tun, als wieder in die Kapelle zu fliehen und zu beten. Als sie abermals heraustrat, war ganz Trisona untergegangen, nur ihr Haus stand noch, und als sie dahinkam, sassen die zwei Kinder in der Stube hinter dem Tisch bei den Schnitzen.
Dieses Haus zeigt man noch heute. Es sticht durch Grösse und Altertümlichkeit von allen anderen Häusern ab und ist auch in der ganzen Gasse das einzige, das eine “Bsetzi” hat. st-mamerta_4Auf der Anhöhe über dem Dorfe steht unversehrt die St-Amerta-Kapelle.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bilder: Heidi Starck)

De Kinäs mach d’Rhii gäl!

De Urhahn

Wenn de Urhan balzä düät
Des goht eim siedig heiß ins Blüäd -
Maidli – chum!“

(Gerhard Jung: „De Urhahn“)

He!
„De Kinäs hett de Geli Fluss – un’ mir hän de Rhii“, so denkt sich de Greger Max. Nochdenklich lässt er si Zittig sinke.
„Greger Max“, hießt er bii de jungi Lüt – er striicht doch immer gern durch Mülle, nachts, un’ frogt jungi Lüt, ob sie mit ihm nicht wond mitem heimgo – „er hätt doch au ganz tolli Musik vum Greger Max!“, so said er immer.
Wege sellere Musik vom Greger Max wird er no halt Greger Max gheisset.
G’hirotet isch er scho, aber er macht scho ä arg schwule Iidruck – do denk doch gli, der wott der an die Wäschi go – auch wenn sini Aldi im Neschd nebendra liegt.
Überhaupt sini Aldi… di isch immer im Edeka an de Kass un goscht umenand – ihre Alde goht wenn’s nur goht uff Friburg in die „Regina-Bar“, des isch so ä Puffbar, wo die lose Wiiber mit obe rum nix a umenander hocke, jo, so goschd’s Wib vom Greger Max umenand.
Wenn de selle Kerle nachts triffsch, no frogt er dich au gern: „No sag ämol – kenn mer kaini, die wo de Schlitz quer hätt? Wenn de mir eini bringsch, no kriegsch hundert Mark vu mer.“
Aber obwohl er ä Aldi hätt und immer vu Wiiber schwätzt, macht er doch ä schwuli Iidruck.
Do wärsch bigott froh, wenn e numhes einä zum Mitsuffä sücht und de mit heilem Fidele wieder us dr Stub chömmsch.
Hüt het er ä güäts z’Niini cha – z’schaffä hätt er jo eh nit, d’Chies kummt jo vu d’ Wohlfahrt – und er hätt Zittig gläsä, do hän sie gschriebe, de Kinäs isch ganz mächtig am vorwärts go.
Wütig springt er uff.
„No losemol…“, denkt er do bi sich, „wenn di nu alli chömma – Herrgottsdundergipfel – no wird’s do eng bi üs im Ländle…!“
Uff de Schreck brucht er nu erst ämol ä Chriisiwässerle.
Heidenei, des tüät güäd!
Scho cha er viel besser überlege -
Vu selle Kinäse gits doch glatt Milliarde – he! Wenn selli alli do akomme wodde – Jo leck mich doch am Stengel! Do hätts ni wieder ä Platz nit! Di fresse dr noch’s allerletschd Hoor vom Nischel! Di sinn imstand!
Do müäsch doch ebbis düä! D’Regierung holt am End no die alle ins Land – Und denn wird usm Rhii de Gel’ Fluss!
Uff de Schreck muss sich de Greger Max noch ä Chriisiwässerle extra genehmige…

(Ein Gaschtbeitrag von Bdolf (2013), rheinsein dankt.)

Der Wert des Rheinfalls

Die Arbeitskraft (Energie) des Rheinfalls bei Schaffhausen läßt sich mit ausreichender Genauigkeit berechnen. Es stürzt dort durchschnittlich eine Wassermasse von 250 Kubikmetern in der Sekunde über eine 20 Meter hohe Terrasse hinab. Das ergibt, als nutzbare Leistung betrachtet, einen Betrag von 67 000 Pferdestärken oder von 50 000 Kilowatt.
Hiernach wäre der Rheinfall imstande, eine Million 50kerziger Metallfaden-Glühlampen auf Leuchtstärke zu erhalten; und nach unserem Tarif müßte man ihm dafür für die Stunde 25 000 Mark zahlen.
Eine andere Umrechnung liefert folgendes Ergebnis: der Rheinfall von Schaffhausen ist soviel wert wie ein Bergwerk, das an jedem Tag 145 Tonnen hochwertiger Braunkohle liefert.

(Alexander Moszkowski: Das Buch der 1000 Wunder. Wunder Nummer 237)

Voltaire über Flüsse

Fleuves

Ils ne vont pas à la mer avec autant de rapidité que les hommes vont à l’erreur.
[...]
Quand Maillet imagina que la mer avait formé les montagnes, il devait dédier son livre à Cyrano de Bergerac. Quand on a dit que les grandes chaînes de ces montagnes s’étendent d’orient en occident, et que la plus grande partie des fleuves court toujours aussi à l’occident, on a plus considéré l’esprit systématique que la nature.
[...]
Le Guadalquivir va droit au sud depuis Villanueva jusqu’à San-Lucar ; la Guadina de même depuis Badajoz. C’est la direction du Rhône, de Lyon à son embouchure. Celle de la Seine est au nord-nord-ouest. Le Rhin depuis Bâle court droit au septentrion ; la Meuse de même depuis sa source jusqu’aux terres innondées ; l’Escaut de même.
Pourquoi donc chercher à se tromper, pour avoir le plaisir de faire des systèmes, et de tromper quelques ignorants? [...] Faut-il traiter aujourd’hui la physique comme les anciens traitaient l’histoire?

(Voltaire, Dictionnaire philosophique)

Et räänt en d´r Rhing

Die joldene Däächer vum Ludwig sin jrau
Un dä Verkehr dröhnt die Brögge kapott
Drövve määt einer ´ne Köpper vum Dom
Un ich wünsch, ich wör janz wigg fott
Un et räänt en d´r Rhing

Die Strooße, die kühme un stöhne
Jeder es jedem em Wääch
Un övver dä Drachefels krüff widder ens
Ein vun dä vell ze lange Nääch
Un et räänt en d´r Rhing

Die Möwe sin plötzlich janz still
Nur ne Schlepper schreit wie ´ne Schakal
Mensch, es mir dat alles vertraut
Doch dä Wing, dä ich drinke, schmeck´ schal
Un et räänt en d´r Rhing

Un et räänt un et räänt
Räänt en d´r Rhing
Un et räänt un et räänt en d´r Rhing

Ich jonn jetz´ einfach övver dat Wasser
Einfach su – op die andere Sick
Drink met dä Döm noch e Schlückche
Un roofe: Prooss! Op die iewije Zick!

Die jotische Monster, die jrinse
Un flüstre: Kumm doch, Jung, kumm doch erop!
Un die Jlocke verrode all ming Sünde
Ävver dä Bischoff, dä Düüvel un ich
Mir driesse jet drop!

Un et räänt un et räänt
Räänt en d´r Rhing
Un et räänt un et räänt en d´r Rhing…

Vom kargen Möwenaufkommen im kölschen Liedgut berichtete rheinsein hier. Dennoch finden sich da und dort Rheinmöwen in kölschen Liedern konserviert, um bei passender Gelegenheit unsere Seelen zu beflattern – oder auch mal nur den Schnabel zu halten wie in Et räänt en d´r Rhing, geschrieben von Rich Schwab (1991) und interpretiert von diversen Formationen (hier von Brings, hier von Rhingdöchter). Die Möwen, für die rheinsein (“as member of the möwement”) ein Faible besitzt, einmal beiseite genommen, drückt der Song eine Schwermut aus, welche das republikweit bekannte, heiter-schlichte Mallorca-Heimweh des Kölners nach dem gewohnten Domblick von Balkon gleichsam auf den Kopf stellt: die Kathedrale bekommt einige bedrückende Attribute, die ihr aufgrund von Masse und Schwerkraft ganz natürlich zustehen, zurückerstattet, der Regen verstärkt das schale Moment hinter den üblich-urigen Jeschwaade-Highlights des ewigen Tresens, die plötzliche Sehnsucht nach der Ferne wirkt halbherzig, denn zugleich lehnt sich der rheinische Sisyfos im Regen bereits (und sicherlich zum wiederholten Mal) gegen den Gedanken auf, daß seine göttliche Strafe, die allnächtliche Kölschbeichte, so satt er sie für den Moment hat, bald abgelaufen sein könnte.

Kölner Freiheit

kölnhoch9_freiheit(Foto: Heike Frielingsdorf, kölnhoch9)

Der Himmel über Köln (2)

Digital StillCameraRheinseilbahn über der Zoobrücke.

Rheinzitat (21)

Freitag, 25. Mai [1883] — Ein polnischer Arzt sagte, sei der Rhein überschritten, gebe es keinen einzigen geformten Kothaufen mehr, sei der Rhein überschritten, beginne das Land des Dünnschisses, Deutschland, Rußland etc.
(Aus den Tagebüchern von Edmond & Jules de Goncourt)

Gregorovius über Konstanz

Konstanz, 25. Juli
Gestern nach Konstanz. Ich stieg ab in Hohentwiel, um jenen isolierten Berg nebst Burg zu sehen. Der schlechte Bau der Feste ist vielleicht aus Huttens Zeit, der hier im Exil lebte. Der Berg, ein häßlich unförmlicher Kegel von Basalt, bietet eine weite und schöne Aussicht dar. Alles Land ist hier katholisch.
Im Regen weiter nach Konstanz, wo ich um 4 Uhr nachmittags eintraf. Die Stadt liegt schön am See, der eine große und träumerische Fläche darbietet. Pappeln und andere Bäume umher; altdeutsche Bauart, oft häßlich; dann Häuser wie aus Papier. Ich sah den Konziliensaal, wo Martin V. gewählt wurde. Der Saal ganz modern, von Holz, zeigte noch seine Zurüstung zum Einweihungsfest der badischen Seebahn. Wappen badischer und schweizerischer Städte an den Wänden. Oben bewahrt das Museum einige auf Huß und noch ältere Epochen bezügliche Antiquitäten. Zwei kindische Wachspuppen stellen Huß und Hieronymus dar. Alte Schilde von Kreuzfahrern, sehenswert; einige historische Porträts; römische Altertümer, Bronzen, Münzen; heidnische Idole der Konstanzer Vorzeit. Einige alte Drucke; das Meßbuch Martins V.; der Sessel, in dem beim Konzil der Kaiser Sigismund gesessen.
Im Brühl vor der Stadt bezeichnet ein im Jahr 1862 gesetzter Stein die Ruhestätte des Huß. Das Denkmal ist gut und passend; zuerst ein Steinhaufen, umschlungen von Efeu, darüber ein kolossaler Block, worauf nur der Name Johannes Huß, gestorben 6. (14.) Juli 1415; auf der andern Seite in gleicher Weise die Erinnerung an Hieronymus von Prag.

(Ferdinand Gregorovius: Römische Tagebücher. Auszüge 1852-1889. Kapitel 13)

Gregorovius am Rheinfall

Hotel Witrig, Dachsen, am Rheinfall, 23. Juli
Am 16. von Luzern nach Basel. Von Olten ab waren die Bahnhöfe wegen des Schützenfests in La Chauxdefonds mit Emblemen und Nationalfahnen verziert. Ich sah auch den deutschen Reichsadler und die deutschen Farben an jeder Station, zur Begrüßung der deutschen Schützen. Eine Inschrift sagte irgendwo: Freiheit den Völkern und ihrem Verkehr, Keine Despoten und Zollschranken mehr. Abends in Basel. Ich ging zum Münster hinauf, welches noch einige Teile romanischen Stils besitzt. Das Museum daselbst bewahrt Andenken an Erasmus, Überreste von Holbeins Totentanz, Fresken aus der ehemaligen Franziskanerkirche. Die Schweizer haben einen besonderen Sinn für diese tristen Gegenstände.
In mehreren Kirchen hier zu Lande sah ich die Heiligen als Gerippe über den Altären sitzen, in prachtvolle goldgestickte Gewänder gehüllt.
Nichts Sehenswertes sonst in dieser grauen, monotonen Stadt.
Am 17. auf der neuen badischen Eisenbahn, über Waldshut, nach dem Rheinfall beim Schloß Lauffen.
Ich wollte weiter nach Konstanz; aber die Einsamkeit der Station Dachsen reizte mich. Ich blieb diese Tage über hier, zehn Minuten vom Rheinfall, eine halbe Stunde von Schaffhausen entfernt. Nach dieser Stadt gehe ich in der Regel morgens. Sie liegt sehr schön am Rhein, in Laub und Weinreben. Die Statue Johannes von Müllers ist oben auf dem Spaziergang aufgestellt, in einer parkartigen Anlage. Sehenswert ist der Munoth, ein Kastell aus Saeculum XVI, ein Rundturm, wie jener der Caecilia Metella und vielleicht nach ihrem Muster gebaut.
Gestern ging ich über den Rhein in das Badische, nach Rheinau, ein altes, von den ersten Welfen gegründetes Benediktinerkloster, welches die Züricher Regierung im vorigen Jahr aufgehoben hat. Nur zehn Mönche sind hier übrig geblieben, Elentiere oder Elendtiere einer aussterbenden Zivilisation.
Die Schweiz bietet im Sommer den Anblick eines ewigen Festes dar; alle Welt ist auf Vergnügungsreisen. Hierher kommen täglich Hunderte, den Rheinfall zu sehen; ganze Schulen reisen; vorgestern hielt eine wandernde Schule, 380 Mädchen und Knaben, ein Fest. Sie singen nicht, sie johlen oder brüllen; sie schmausen nicht, sie verschlingen. Gestern kamen die Züricher Eisenbahnbeamten und Arbeiter, 400 Mann stark, anjubiliert.
Täglich brausen an mein Fenster zehn Bahnzüge heran.
Ich habe hier acht Tage schöner Ruhe verlebt. Acht lyrische Gedichte sind die Frucht davon. Der Rhein, die Rebenberge, die friedlichen Dörfer und ihre freundlichen Menschen, all dies versetzte mein Gemüt in eine dichterische Stimmung.

(Ferdinand Gregorovius: Römische Tagebücher. Auszüge 1852-1889)