Monatsarchiv für Dezember 2012

 
 

Where the Rhine starts

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“The Rhine starts in fact where I come from… -”

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“Switzerland, Mont Saint Gothard…”

Der junge, von seiner Klasse leicht überforderte Lehrer, der beim Erklären der Flüsse vom Englischen ins Französische switcht, heißt Raymond. Raymond ist allerdings nur ein Rollenname. Denn beide Szenen entstammen einem Spielfilm aus dem Jahr 1968, den wir in den folgenden Tagen mit weiteren Stills vorstellen möchten. Um welchen Film es sich handelt, soll jetzt noch nicht verraten werden – wir nehmen aber gerne kenntnisreiche oder rein spekulative Kommentare zu seinem Titel entgegen. (Es ist hier noch ein Buchpreis übrig, weil das rheinsein-Preisrätsel bisher ungelöst blieb.)

Zurück zu Raymond: ob seine Schweizer Film-Abstammung für das Klischee des großzügigen, aber biederen Jungehemanns herhalten soll bleibt ebenso ungewiß wie vieles in diesem experimentellen B-Machwerk, das in den Annalen der Filmhistorie bisher offenbar noch nie als das bezeichnet wurde, was es unter anderem auch ist: einer von wenigen bemerkenswerten Spielfilmen mit Hauptspielorten links und rechts des Rheins in seiner Eigenschaft als Grenzlinie zwischen dem schlurig-vernebelten Elsaß und dem schönen Badnerland mit seinen urigen Kirschwasser-Beizen, sowie der kartoffeligen Pfalz.

Interessant auch, daß die Rheinlänge auf der Schultafel 1298 Kilometer beträgt. Leider erwähnt Raymond während seiner etwas turbulenten Unterrichtseinheit nicht, welche Messung dieser Angabe zugrunde liegt. (Für einen sachdienlichen Hinweis, wie die oben zu sehende Kilometerzahl zustande gekommen sein mag, würden wir den Buchpreis ebenfalls springen lassen.)

Presserückschau (Dezember 2012)

Zum Jahreswechsel passend erscheint auf unserem Screen die Frage, ob nicht eigentlich immer wieder dasselbe in der Zeitung stehe? Für die Presserückschau dürfte eine Bejahung dieser Frage bedeuten, daß sie fortzuführen ab einem gewissen Grad an Themenabdeckung überflüssig würde. In der Vergangenheit haben wir tatsächlich den ein oder anderen Zeitungsartikel nur unwesentlich verändert oder ganz identisch zu verschiedenen Zeitpunkten an verschiedenen Stellen vorgefunden. Würden zigtausende Rheinmeldungen aus hundert Jahren überblendet/auf Schnittmengen untersucht, was wären die zentralen/häufigsten Begriffe/Themen? Folgt eine Nachricht der Aktualität nicht nur, sondern nimmt sie die Aktualität auch vorweg, sodaß sie beinahe blind, ihrem konkreten Anlaß weitgehend entkoppelt lanciert werden könnte?

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“Warum gibt es im Rhein keine Aale mehr?“ fragt die Badische Zeitung und schildert ihre Vorort-Recherchen: „Für Sekunden zuckt der Aal im grünen Netz. Dann schlägt der Schwanz geschmeidig nach hinten aus, der glitschige Fisch landet im aufgewühlten Wasser des Grand Canal d’Alsace bei Kembs. Er trägt einen Sender unter der weißen Bauchhaut. Er ist einer von 50 Akteuren. Französische Forscher wollen herausfinden, warum die Aalbestände in Europa und besonders am Rhein dramatisch zurückgegangen sind. Über die Ursachen wird spekuliert: Wasserkraftanlagen und Stauwehre, Umweltverschmutzung, Pilzkrankheiten oder Überfischung in manchen Flussmündungen? (…) “Gesichert ist, dass es innerhalb weniger Jahre in den 80er-Jahren zu einer Zäsur gekommen ist”, erklärt Sébastien Manné vom Amt für Wasser und Wasserlebensraum, er überwacht das Forschungsprogramm. Die Zahl der Aale ging danach um 95 Prozent zurück.“ Am Niederrhein wiederum wird der Aal fleißig gefangen, jedoch vor seinem Verzehr gewarnt, weil der Fisch zuviele Schadstoffe aus chemischen Altlasten am Rheingrund enthalte.

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Über ein dreijähriges deutsch-niederländisches Projekt, an dem auch die Hochschule Rhein-Waal beteiligt war und das nun 81 Buchseiten abwirft, schreibt die Rheinische Post. In der Publikation „Genießen im Grünen – Groen genieten in der Region Rhein-Waal“ seien die Vorzüge der wenig bekannten „grünen Insel“ zwischen den Ballungsräumen Rhein-Ruhr und Randstad Holland dargestellt: „Wunderschön wird der Niederrhein in all seinen typischen Facetten dem Leser vor Augen geführt. So sieht man große Heuballen vor der Silhouette der Schwanenburg: „Selbst in Städten wie Kleve ist es am Niederrhein nie allzu weit bis zum nächsten Acker.“ Ein weiteres Kapitel befasst sich mit der Produktion: „Das Ackern liegt dem Niederrheiner im Blut“. Auch Grünkohl, Eier von frei laufenden Hühnern, Weizenanbau, Äpfel mit roten Backen oder Käseerzeugnisse sind Wirtschaftszweige der Zukunft.“

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„Die Leverkusener Rheinbrücke ist für Fahrzeuge ab 3,5 Tonnen gesperrt worden. Enorme Schäden hätten diese Maßnahme notwendig gemacht, heißt es aus dem Verkehrsministerium. Ob die Mängel überhaupt zu reparieren sind, ist unklar.“ (Kölner Stadt-Anzeiger)

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„Cette semaine, le projet commun des neuf ports du Rhin Supérieur a été lancé – le «corridor européen multimodal du Rhin Supérieur» devient ainsi une réalité, constituant un maillon central du transport fluvial sur l’axe Rotterdam – Gênes. L’Europe des transports est en train de se constituer et le Rhin Supérieur fait partie des éléments centraux donnant en même temps un exemple d’une coopération tri-nationale réussie“, teilt das euroJournal mit. Dem „multimodalen Korridor“ gehören die Häfen von Straßburg, Colmar, Kehl, Karlsruhe, Ludwigshafen, Mannheim, Basel, Mülhausen und Weil am Rhein an.

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Von einer halbwegs höllischen Passagierkonzentration auf der Bellriva berichtet die Frankfurter Rundschau: „Auf einem Rhein-Kreuzfahrtschiff vor Wiesbaden sind in der Nacht zum Samstag mindestens 54 Reisende an schwerem Brechdurchfall erkrankt. Weil die Ursache dafür zunächst völlig unklar war, wurde das Hotelschiff unter Quarantäne gestellt – niemand durfte von Bord.“ Als Verursacher wird der Norovirus vermutet, die Feuerwehr sei ihm bereits auf der Spur. Die größte Gefahr beim Norovirus bestünde in Dehydration. (Wahnsinnsidee: Ein Süßwasserschiff voller Dehydrierender, die sich in üblen Schwällen die Seele aus dem Leib treiben. Hieronymus Boschs Visionen als Wirklichkeit vor Wiesbaden.) Ein Fluch scheint auf der Bellriva zu liegen: „Das Schiff war erst im Frühjahr dieses Jahres in die Schlagzeilen geraten, nachdem es bei Karlsruhe von einem Lotsen auf Grund gesetzt und dabei fast versenkt worden war.“

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Ein Zusammenschluß namens „Trinationale Metropolregion Oberrhein“ betreibt „das touristische Leuchtturmprojekt “Upper Rhine Valley”“, meldet baizer.ch, das Portal des Wirteverbands Basel-Stadt: „Neue Vorhaben, die auch in der Region wirken und dort die Wahrnehmung stärken, sind die Entwicklung und Installation von Schildern, die den Eintritt ins “Upper Rhine Valley” an allen Autobahnen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz kennzeichnen, die Entwicklung und Kennzeichnung grenzüberschreitender Ein- und Mehrtagesradtouren sowie die Verbindung der Weinstrassen links und rechts des Rheines zu einer gemeinsamen “Oberrheinweinstrasse”.“

7
Hat das die Loreley getan? Eine Meldung aus der Frankfurter Rundschau: „Ein mit Stahl beladenes Güterschiff ist (…) auf dem Rhein bei Sankt Goar nahe der Loreley auf Grund gelaufen. (…) Ursache der Havarie sei ein Fehler des Schiffsführers gewesen.”

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„Am 26. März 2013 organisiert das grenzüberschreitende Forschungskonsortium Neuro-Rhine im Plenarsaal des Conseil Régional d’Alsace in Straßburg einen internationalen Kongress für Experten und Praktiker der Neurogenese und der Neuroprotektion“, verkündet rmtmo.eu, das Portal der offenbar anglofilen „Trinationalen Metropolregion Oberrhein“ (siehe 6) bereits jetzt: „Neuro-Rhine ist ein Konsortium von 10 Partnern aus der Trinationalen Metropolregion Oberrhein und Umgebung: Universitätsklinikum Freiburg, SATT CONNECTUS Alsace, Centre National de Recherche Scientifique (CNRS), Région Alsace, Association Neurex Alsace, Universität Basel, Universität des Saarlandes, Land Baden-Württemberg, Land Rheinland-Pfalz.“

Ansonsten jede Menge Berichte zu den Hochwasserständen (“der Rhein ist für die Schifffahrt gesperrt”; “der Rhein darf wieder von Schiffen befahren werden” etc etc), die in ihrer schubartigen Häufung zeitgeraffte Plastiken in unserer Imagination hervorrufen: eine Art holografischer Tischrhein zum Selberbedienen, dessen Vorbild eine Kreuzung aus Modelleisenbahn und Strömungsbecken mit lyrischen Unterständen sein könnte.

Zwischenbilanz (5)

Das erste Halbjahr 2012 verbrachten wir weitgehend als literarischer Gastarbeiter am Bosporus. Diese höchst relative Rheinferne (denn unsere unmittelbaren Nachbarn im Künstlerghetto von Kuledibi waren stets Rheinländer) trug zu einer Dämpfung der Artikelfrequenz bei, wie sie auch für die erste Jahreshälfte 2013 zu erwarten steht, in der wir uns vornehmlich mit subterranen Themen beschäftigen werden, welche die Rheinregionen allenfalls gelegentlich streifen dürften. Längere vorübergehende Stillegungen rheinseins im kommenden Halbjahr sind derzeit nicht angedacht, könnten aber notwendig werden. (Bitte nicht wundern, falls mal 14 Tage lang kein neuer Eintrag auftauchen sollte.)

Wichtigstes Jahresereignis hinsichtlich unserer Feldforschungen war sicherlich die Expedition zur Rheinquelle. Vergangenen Sommer gelang uns der langersehnte Aufstieg zum Tomasee, der meist als Hauptquelle des Rheins angesehen wird.

Für die zweite Jahreshälfte 2012 notieren wir die höchsten Zugriffszahlen seit Bestehen und zunehmend externe Kooperationsangebote.

2013 wollen wir uns vermehrt auch Fragestellungen und Analysen zum Thema “Schreiben/Publizieren zwischen Analog und Digital” (Digiloges/anatales Werken) widmen. Dh, dem formalen status quo, seinen Entwicklungsmöglichkeiten, auch den Produktionsbedingungen rheinseins soll mehr Gewicht (evtl in Gramm Papier meßbar) verliehen werden, wobei die üblichen, fahrig-flirrenden Schnellartikelchen hier sicher erstmal nicht aussterben werden.

Zu Weihnachten gab es eine Sonderedition von Das Lachen der Hühner zu verzeichnen, eine streng limitierte, überarbeitete, numerierte und signierte Auflage unseres Erfolgsgedichtbands über Liechtenstein.

Abschließend möchten wir erneut auf einen jungen Ismus hinweisen, der sich noch tüchtig auswachsen soll, nämlich den

Terrilismus
Die literarische Methode des Sammelns, Sortierens, Häufens und Schichtens, eine multiple Technik, deren sich rheinsein zum Wachstum bedient und aus der es sich gleichzeitig speist, hat im November 2012 in Loos-en-Gohelle in Nord-Pas-de-Calais eine Entsprechung im sogenannten Terrilismus gefunden, den wir gemeinsam mit dem französischen Kollegen Dominique Sampiero und dem polnischen Fotografen Arek Gola entwickelten, wobei sich Terrilismus auf das französische Wort terril, zu deutsch Abraumhalde, bezieht. Neben dem Potjevleeschismus bildet der Terrilismus eine der beiden Hauptsäulen des Topowskismus, den zu erläutern an dieser Stelle zu weit führte.
Abraumhalden bestehen aus mehreren (Abfall-)Produkten des Bergbaus, darunter Kohle, Schiefer und andere Gesteine, die weiter verwertet werden können, z.B. im Straßenbau oder als künstliche Berge (Wander-, Ski- und Gleitschirmsport). Nicht selten entzünden solche Halden sich selbst und beginnen von innen zu glimmen und schwelen (wobei neue Minerale entstehen), auch vermögen sie Rauch auszuatmen und seltene Vegetationen und Tiere anzuziehen. Es ist diese terrilistische Technik des Sammelns, Häufens und Schichtens, des Fusionierens und Recycelns u.a. Merkmal/Ausdruck moderner/neuartiger literarischer Arbeitsweisen, wie sie in der (ausnahmebestätigten) Regel, wenn wir uns dafür interessieren/daran werkeln, mit fünf bis zehn Jahren Verzögerung einen Medienhype erfahren. (Vor 2014 ist also eher nicht mit einem solchen Hype zu rechnen.)

Unseren LeserInnen wünschen wir einen guten Rutsch und ein gesundes, glückliches 2013!

Gorrh (21)

Gorrh, oh: was ist das? Es ist Gorrh: in seiner Funktion als vollkommunikables Etwas (inkl. GPS und zahlreichen neuartigen Sexualparametern), es ist Gorrh als sich selbst integriertes Smartfone, den Touchscreen hochgezogen auf Plakatwandgröße an einer gut einsehbaren Stelle der Bundesstraße 9. Gorrh, somit in sich und um sich: ihr Sichtschutz besteht aus ihrer weithin sichtbaren elektronischen Strahlung, sein Gebiß in Fluorweiß, Brüste im Wonderbra, Gorrhs Hirnströme zeichnen die nebelverhangenen Höhenlinien der Voreifel. Gorrh: auf Null zulaufende, schaulaufende Verheißung. Autoprothetisch hängt Gorrh in/über der Gegend, „behindert is doch heut, wer ohne Freischpreschhändy in die Gegend brüllt, wer nich mit Wiimote sichn Weg freizäppt“, fläzt am Zeitstrand, gähnt im Goldrausch, schnipst „pling-pling-pling“ Steuergroschen in den Rettungsschirm der einheimischen Dichterzunft („vill tut sisch da doch nit mieh“), beamt sich ins Reichsidyll von 1935, eine (eine? die!) Horten HII Habicht rüttelt über typisch grünen rheinischen Wiesen, Nurflügler, Urflügler, Gorrhflügler, Gorrh grinst „ick bin aine Wunderwaffel!“. 1935 bis 2012: eine Menge Verschwörungstheoretiker sind auf Zeitreisen. Endziel Drittes Reich. Vergangenheitstouristen, Gorrh auf der Spur. Viele von ihnen bleiben kleben beim rückwärtsgewandten Blick. Ziehen Jahresmärkchen, horten Demärkchen, wundern sich, daß früher alles besser war und heute alles vor die Banken geht, daß morgen alles besser gewesen sein wird, nachdem es vor so langer Zeit doch ausgerottet worden war auf dem langen Marsch an die Pfründe. An einen Pfrund gekettet schwebt Gorrh mit der Leichtigkeit eines harmlosen halbknalligen Luftballons der Stadtsparkasse Bonn, rot/weiß wie der Effzeh, rot/weiß wie Ketschappmahjo, baumelt in den Luftzügen, die niemand als Gorrh selbst aus den Schächten ihrer Vielheit heraus kontrolliert, es prangt auf seiner Luftgestalt kein Sparkassen-S, sondern ein Dr. Mabuse-B, „häh, wieso B weiß kein Mensch!“ Aber, aber, es existiert doch ein B in Mabuse, wenngleich nur ein kleines, es steht für den B-Bezug zur Rerealität, dessen Gorrhs Bewunderer sich befleißigen. Auf Gorrhs Bewunderinnen zugerobbt kommen aus den trostbietenden Vorstädten gruppenweise die anderen Ideologisten. Es geht ihnen darum, den Arsch hochzubekommen und mehr Wissen über sich selbst anzuhäufen, das dann schippchenweise an Bedürftige verschenkt oder “zu fairen Preisen weitergegeben” werden kann. “Aha!”, machts da über der Stadt, auf ihren Plätzen und Straßen, auf der Rheinwiese und insbesondere bei den Würstchenständen. Mit der Leichtigkeit eines Werbeluftballons platzt Gorrh, weil er mutwillig zerstört wird und sieht, daß es gut ist. Außerdem muß sie wieder an den Strom: „Klappe halten, Zeit verwalten, Kerne spalten!“ erscheint Gorrhs vorerst letzte, verglühende Leuchtbotschaft, bevor sie am Rande der eigenen Inexistenz in die 70er switscht, mit Turmfrisur, Zahnlückchen und psychedelischen Mustern in Braunorange, Orangegrün und Gelbrot.

Wie Siegfried den Drachen erschlug

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Unverkennbar der Drachenfels zu Zeiten als es noch Drachen gab, mit nordisch-knapp prächristlich-mythischem Heiligenschein-Regenbogen. Mit dieser Einstellung beginnen Die Nibelungen von Fritz Lang nach dem Skript seiner damaligen Frau Thea von Harbou. Youtube bietet derzeit eine knapp fünfstündige Vollversion mit englischen Zwischentiteln.

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Mime, der Schmied und Siegfrieds Lehrmeister, gespielt von Georg John, der auch die Rolle des Alberich mimt. Unter den Nazis erhielt John, der 1924 in diesem großen Filmepos der Deutschen mit expressivem Spiel aufwartete, Berufsverbot.

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Siegfried in gleißendem Blond. Einer der größten Superhelden der Geschichte. Gespielt von Paul Richter, einem Österreicher. Im folgenden Bild wird er im Blute des sabbernden Drachens (einem höchst sehenswerten Filmmonster) baden, da ihm ein Vöglein von verblüffenden Nebenwirkungen des Drachenblutbadens zwitscherte.

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Zu sehen ist hauptsächlich Siegfrieds schöner Rücken. Rechts oben der Drachenblutduschstrahl. Zwischen den Schulterblättern des Helden klebt ein fatales Laubblatt. Und hier noch der Drache:

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Zechenstillegung am Niederrhein

Am Freitag wurde das letzte Steinkohlebergwerk am Niederrhein stillgelegt: die Verbundzeche West mit Standorten in der Umgebung von Kamp-Lintfort. Damit ist das viertletzte Steinkohlebergwerk Nordrhein-Westfalens dicht – und das letzte am Rhein. Der Abbau ist bereits gestoppt, in den kommenden Wochen wird noch das Gerät über Tage verfrachtet, um voraussichtlich ins Ausland weiterverkauft zu werden. Das entnehmen wir der Website von Kamp-Lintfort, später fanden wir u.a. noch einen Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger.

Bevor wir auf diese Nachricht stießen, wußten wir nicht, daß am Rhein überhaupt noch Kohle abgebaut wurde. Um die Steinkohle ist es sehr still geworden, die Subventionszahlungen an den deutschen Bergbau, der wegen der hierzulande in 1000 Metern und tiefer unter der Erde gelegenen Kohleschichten, dem hohen technischen Standard unter Tage und den daraus resultierenden Kosten international nicht konkurrenzfähig sei, sollen nach und nach eingespart, das Energiemodell Kohle soll weiterhin abgelöst werden. Bis 2018, heißt es nun, werden auch die letzten Bergwerke (Bottrop, Marl, Ibbenbüren) schließen.

Daß uns diese Nachricht berührte und irritierte, ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, daß wir gerade, parallel zu unseren rheinischen Aktivitäten, über die Folgen der Zechenschließungen in Nord-Pas-de-Calais arbeiten und heute ein Zeitungsartikel aus der Bergbauregion Oberschlesien in der rheinsein-Zentrale eintraf, der in kohleverbundartigem internationalen Schulterschluß über diese Arbeit berichtet. Während wir also gerade über eine Region schreiben, in der die letzte Zeche vor 20 Jahren stillgelegt wurde, passiert diegleiche Geschichte heute (immer noch) am Rhein, und zwar ohne großes Aufsehen. Die Ministerpräsidentin hält eine Rede, die Bergleute werden je nach Alter in den Ruhestand geschickt oder auf die verbleibenden Zechen verschoben. Eine halbwegs elegante Lösung.

Was bleibt, sind gigantische Tunnelsysteme, die nach und nach einstürzen und manchmal auch Trichter zur Erdoberfläche aufwerfen. Es bleiben die Abraumhalden, von denen einige innerlich glimmen, und die zu neuartigen literarischen Techniken inspirieren. Was bleibt, sind auch die teilweise unglaublichen Geschichten der Bergleute, die wir jedoch vornehmlich an anderer Stelle zu plazieren gedenken.

Over-the-Rhine und Over the Rhine

Zuckersüße Weihnachtslieder zum Download gegen freiwillige Spende bietet Over the Rhine auf dieser Website (der Link wird womöglich nicht auf ewig haltbar sein).

Der Bandname Over the Rhine geht zurück auf das Wohnviertel Over-the-Rhine in Cincinnati, Ohio. Die englischsprachige Wikipedia weiß folgendes über den transatlantischen Flecken zu berichten: „(Over-the-Rhine) is believed to be the largest, most intact urban historic district in the United States. (…) It contains the largest collection of Italianate architecture in the United States, and is an example of an intact 19th-century urban neighborhood. Its architectural significance has been compared to the French Quarter in New Orleans, the historic districts of Savannah, Georgia and Charleston, South Carolina, and Greenwich Village in New York City. Besides being a historic district, the neighborhood has an arts community that is unparalleled within Cincinnati. (…) Over-the-Rhine was voted best Cincinnati neighborhood in CityBeat`s Best of Cincinnati 2011 and 2012.
The neighborhood`s distinctive name comes from its builders and early residents, German immigrants of the mid-19th century. Many walked to work across bridges over the Miami and Erie Canal, which separated the area from downtown Cincinnati. The canal was nicknamed “the Rhine” in reference to the Rhine River in Germany, and the newly settled area north of the canal as “Over the Rhine.” In German, the district was called “über`m Rhein.”
An early reference to the canal as “the Rhine” appears in the 1853 book White, Red, Black, in which traveler Ferenc Pulszky wrote, “The Germans live all together across the Miami Canal, which is, therefore, here jocosely called the „Rhine.“” In 1875 writer Daniel J. Kenny referred to the area exclusively as “Over the Rhine.” He noted, “Germans and Americans alike love to call the district „Over the Rhine.“” The canal no longer exists, but was located at what is now Central Parkway.“

Balzner Schwellen

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Das Lachen der Hühner – Sonderedition (4)

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z` Planka

die Hänge: total verhanniwenzelt; aus Märzenbechern
mit ihrem hellgrünen Geruch schwappt Bärlauchsuppe
über die Waldpfade. im Hirschen hockt der Smyrk bei
Chäsröschti und Bier, hockt dött im kühlen Mittagslicht

hockt zwischen den Stunden, versonnen, versunken
im Keller seiner Heiligkeit, hockt dött und nimmts
nicht zu schwer, nimmt den Menschen ihre Sorgen ab
die in seinem Kopf fortklingen als stille Gedichte

voll Munkenfett, Rüfengang, Zauberstaben. durch die
Allradgetriebene jagen. ein Zentaur der Smyrk hockt er
dött an den Tresen genagelt, hängt von der Wand mit

seinem Feiertagsgeweih, der Smyrk, der ausm Osten
übern Grat kam. dessen Gebete sie murmeln. der aus
dem Internet kam mit seinen unerklärlichen Geschichten

***

z`Planka hatten wir auf diesen Seiten einst in einer Vorversion des Textes, der später in Das Lachen der Hühner erscheinen sollte, eingestellt. Die obige ist nun die dritte veröffentlichte Version, so wie in der aktuellen Sonderedition von Das Lachen der Hühner zu finden.
Auf Helena Beckers neuem Papierschnitt zum Gedicht ist unter anderem der Smyrk zu sehen: mit hoher Wahrscheinlichkeit das weltweit erste Bildzeugnis dieses Wesens.

rheinkolleg

Das Wasser bedenken heißt der aktuelle Katalog des rheinkollegs, das den hauseigenen Wettbewerb um den Internationalen Rheinpreis 2008 für intelligente Hochwasserschutzlösungen dokumentiert. Davon scheint es in jüngerer Vergangenheit zuvor erstaunlich wenige gegeben zu haben. Wir zitieren den Ausschreibungstext: „Der Rhein als industrialisierter Fluß ist den Menschen eher entfremdet. Hinzu kommt, dass Dämme, Staustufen und andere wasserbauliche Einrichtungen den Eindruck von hinreichendem Schutz vor möglichen Fluten vermitteln. Die Verhältnisse erscheinen demnach „reguliert“ und durch staatliche Zuständigkeiten abgesichert. Öffentliche Sachversicherungen verstärken dieses Geborgenheitsgefühl und schaffen Distanz zum Risiko. Auch schleichende Klimaveränderungen und damit Ausmaß und Häufigkeit von Hochwasserereignissen werden bislang unterschätzt. Fragen im Zusammenhang mit Planen und Bauen im Rheineinzugsgebiet haben folglich noch wenig „Tiefgang“. Es fehlt an Detailkenntnis, wie Gebäude, insbesondere Neuplanungen, im Hinblick auf Hochwasserrisiko fürsorglich und intelligent geordnet werden können. (…)“
Die als herausragend ausgewählten Projekte waren denn auch keine unmittelbar-rheinischen, sondern an Nebenschauplätzen in der Schweiz, in Hessen und den Niederlanden angesiedelt.

Interessant festzustellen, daß ungeachtet dessen, daß rheinsein mit dem angewandten Hochwasserschutz außer der gelegentlichen Dokumentation relevanter Pressestellen nicht allzuviele Überschneidungspunkte aufweist, die Zielsetzungen von rheinkolleg und rheinsein dennoch eine großflächige Schnittmenge zu bilden scheinen:
„Der Mensch sieht nur, was er weiß: Der Rhein und seine Nebenflüsse haben die Urformen der Landschaft längs ihrer Ufer wesentlich geprägt und erfüllen bis heute als Anlass, Chance und Mittler für die Besiedlung, Wirtschaft und Kultur existentiell wichtige Funktionen. Dem steht gegenüber, dass die europäischen Landschaften am Rhein durch intensive, oft konkurrierende Nutzungen und Anforderungen so hoch beansprucht werden, dass sie als Grundlage menschlichen Lebens in Gefahr geraten, überfordert zu werden. Das rheinkolleg setzt sich daher zum Ziel, die Region am Rhein in ihrer Vielfalt als Lebens- und Kulturraum zu erforschen, zu dokumentieren und zu fördern und die Gesamtheit dieser Zusammenhänge in das Bewußtsein seiner Bevölkerung zu rücken.“ (Aus der Selbstdarstellung des rheinkollegs)
Zwar teilt rheinsein nur bedingt die pauschale Prämisse der Überforderung, wohl aber den daraus gezogenen Schluß, der sich nebst der angeführten kritischen Heimatbetrachtung auch aus vielen weiteren sinnstiftenden Gründen herleiten ließe.

Mehr über das in Speyer beheimatete rheinkolleg ist auf seiner Website zu finden. Der letzte Eintrag in der Rubrik „Aktuelles“ ist allerdings bereits ein Weilchen her.

Britische Lorelei

“Lift up your toes in my mouth / We`ll make love and we can go”

Es gibt einen Songtext der Cocteau Twins zu dieser Lorelei-Variation, doch was Elizabeth Fraser singt, läßt sich auf textlicher Ebene kaum mehr verorten. Mit ihrem Sfärengehauche erweckt Fraser vielmehr eine Vorstellung davon, wie die Loreley im O-Ton geklungen haben könnte.

Meldung (2)

Dieser Tage berichten mehrere Zeitungen einen Vorfall, der sich vor rund 60 Jahren ereignet haben dürfte: der Filmregisseur Wim Wenders sei, seinen eigenen Worten zufolge, als Kind in Düsseldorf beinahe im Rhein ertrunken.

Capricho liquido

capricho_liquidos

Von rheinsein, dh besser: von Ricardo Pollegra und Francisco Goya (dessen Capricho 26: “Ya tienen asiento”) inspiriert inszenierte Lise Holichua aus Ruppoldsried (Schweiz) auf dem spätherbstleeren Känzeli diese Variation über Amy Winehouse am Rheinfall. rheinsein dankt!

Die halbe Wahrheit über Martin Smyrk

“Der esotherische Poet Martin Smyrk lebte im 19. Jahrhundert in Planken.”
Dieser Satz steht seit dem 27. September 2007 im nach wie vor eher spärlichen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag zur liechtensteinischen Ortschaft Planken. Nur daß Martin Smyrk in der Zwischenzeit, genauer: im Februar 2008, von den Wikipedianern das altbackene h aus seinem vielsagenden Poeten-Attribut “esotherisch” herausgekürzt wurde. Im Kanon der liechtensteinischen Lyrik ist Martin Smyrk nicht anzutreffen. Überhaupt trafen wir im ganzen Fürstentum bisher noch niemanden, der zugeben wollte, Smyrks Namen zu kennen. Diese Diskrepanzen ließen uns aufmerken. Wer mochte dieser zwar namentlich exponierte, doch ansonsten offenbar höchst unbe- bzw verkannte Dichter gewesen sein, der im 19. Jahrhundert in Planken lebte? (Fremdsprachliche Übersetzungen der Wikipedia-Quelle behaupten inzwischen sogar: geboren wurde.)

Womöglich ist es an dieser Stelle angebracht, die Ortschaft Planken etwas näher zu charakterisieren. Wo Liechtenstein insgesamt recht nah beieinander liegt, befindet sich Planken relativ abseits auf einer Anhöhe im nördlichen Landesteil. Eine Straße führt von Schaan durch den Wald bergan. Eine einsame Raserstrecke. Die Busanbindung ist der geringen Einwohnerzahl Plankens gemäß: ab 18 Uhr ist Sense. Auf rund 800 Metern Höhe verteilen sich die Häuser Plankens auf nicht viel mehr als zwei drei Straßen. Das Dorf dünstet Wohlstand aus und besteht aus extremer Stille. Weiter oberhalb rauscht ein kleiner Wasserfall. Die Talbewohner sagen, die Plankner bekämen häufig ungesunde Lüfte ab.

Im 19. Jahrhundert war Planken “nur über Trampelpfade zu erreichen”. So haben wir es zumindest gelesen und es ist auch leicht vorstellbar, denn diese Trampelpfade existieren teilweise heute noch und wir haben uns Planken mehrfach über genau diese Trampelpfade genähert. Bei schwieriger Witterung geht man diese Pfade nur ungern. Sie führen über knackige kurze Anstiege, durch brombeergesäumte Hohlwege und vorbei an Holzfäller-Mahnmalen, denn nicht nur die Holzfäller fällen Bäume, sondern die Bäume fällen bisweilen auch Holzfäller. Aus dem Tal ist Planken bei gutem Wetter deutlich sichtbar, in der Dunkelheit leuchten die Lichter der nurmehr bescheiden abgeschiedenen Ortschaft am Berg, doch im 19. Jahrhundert dürfte das deutlich anders ausgesehen und Planken viel weiter im Hinterland gelegen haben. Wer dort wohnte, hauste sozusagen in einem dunklen Hinterzimmer eines anstrengenden Waldmärchens.

Was hatte ein “esotherischer Dichter” in diesem Szenario zu suchen? Wie konnte er überhaupt dort überleben? Smyrk klingt eher wie ein slawischer, denn wie ein liechtensteinischer Name. Und: die Xenofobie der heutigen Liechtensteiner läßt eine gewisse Tradition vermuten. Zugleich wird den Liechtensteinern traditionell Verbrecherfreundlichkeit attestiert; und die Zahl der Dichterverbrecher ist schließlich Legion. Als wir uns bei einer slawischen Expertin nach möglichen Namensbedeutungen erkundigten, erhielten wir die vage Antwort, daß smyrk, dann ganz sicher aber in einer anderen Schreibweise, auf Tschechisch einen seltenen Waldpilz bzw ein Hutzelmännchen bezeichnen könne. Der Name habe gewiß mit Feuchtigkeit, Moor, Dämmerung zu tun, auch sei das russische “smorkajutsa” zu bedenken, ein Niesen und Schneuzen. Tests mit dem Google Übersetzer wiederum erbrachten das Resultat “grinsen” für “smirk” in mehreren slawischen Sprachen.

Martin Smyrk – ein grinsender Pilz? Ein Moormensch? Oder vielleicht eine elektronische Geburt, unversehens zwischen zwei Zeilen gerutschter Appendix, eine pure Erfindung für die ständig sich umwälzenden Enzyklopädien des digitalen Zeitalters, von denen ausgehend der Delinquent, eigentlich nur ein Avatar, ein Scherz, über den Umweg eines entlegenen Bergdorfs des 19. Jahrhunderts Gestalt und Geschichte annimmt, um endlich dem heutigen Planken als illuster geschilderte Gestalt zu Dichter- und Denkerehren, am Ende gar zu Tourismus zu verhelfen?

Das Lachen der Hühner – Sonderedition (3)

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Nachdem wir vorgestern die Bände der limitierten Sonderedition signierten, sind sie nun auch geheftet und offiziell bei der parasitenpresse gelistet. Die neuen Schnitte Helena Beckers wirken, anders als die ursprüngliche Serie, die weitgehend unabhängig von den Texten entstanden war und in erster Linie die liechtensteinischen Gemeinden portraitierte, interpretierend und verstärkend. Besonders auffallend ist der im Vergleich zur ersten Serie formell sehr viel rundere, bisweilen geradezu zirkulierende Schnitt und die gebrochenen bzw panelartigen Perspektiven, welche die Kurven und Sprünge der Sonette aufzunehmen scheinen. (Foto: parasitenpresse)