Wasserpflanzen, ihre Bewohner und ihre literarische Produktion

Neulich bezeichneten wir in einem Tauchervideo erblicktes Unterwassergrün als Ofeliahaar. Die aktuell korrekten botanischen Bezeichnungen für die in der Strömung wabernden Wasserpflanzen des Rheins waren uns allesamt unbekannt. Ein aufmerksamer Leser machte uns auf dieses Manko aufmerksam. Ein wenig Recherche erbrachte sogleich ein paar Namen, die allesamt sehr einleuchtend und oft sogar poetisch klingen. Das Laichkraut gibt es im Rhein in mehreren Versionen, als Krauses, Durchwachsenes, Kamm- und Knoten-Laichkraut. Poetische Namen tragen auch Tausendblatt, Nixkraut, Wasserpest, Igelkolben, Teichfaden und Rauhes Hornblatt. Die Laichkrautgewächse zählen dabei zur Ordnung der Froschlöffelartigen. Es soll unter ihnen spiegelnde Pflanzen geben, auch solche, die den Hüpferling bergen, einen einäugigen Krebs, der sich bei widrigen Umständen mit einem Schleimmantel umgibt. Der Hüpferling lebt allerdings nicht ausschließlich im Rhein, sondern ebensogern in Fahrspuren und Luftlöchern. Ein weiterer Bewohner des Laichkrauts ist das Rädertier. Mit seinem ein- und ausfahrbaren Räderorgan (eigentlich zwei Räder bzw zahnradähnliche Flimmerspulen) bewegt es sich, teils gegenläufig, gleitend oder strudelnd im Raum. Am Laichkraut hält es sich mit seinem ebenfalls ein- und ausfahrbaren Fuß fest, indem es dessen Klebedrüse aktiviert. (Es sind noch viel mehr seltsame Wesen in den Hydrofytenwäldern unterwegs – wir werden zu gegebener Zeit davon berichten.) Einige Wasserpflanzen tendieren zur explosiven Selbstüberwucherung, andere zu klammheimlicher Selbsterdrosselung. Aus- oder eingewiesenen Fischarten dienen sie als lebende Häuser, Freunde und Nahrung. Einzelne misanthropische Wasserpest-Exemplare wurden dabei beobachtet, wie sie Surfern an die Waden griffen, auch sollen bereits erkleckliche Mengen Schwimmer und Taucher in subaquatischen Bewüchsen verschütt gegangen sein. Das Schärfste: viele Wasserpflanzenarten, beispielsweise der Sumpf-Teichfaden, produzieren eigene Alfabete, die rasch zu mehrdimensionalen, sich selbst korrigierenden, mit menschlichen Mitteln kaum je entscheidend zu verfolgenden Romanen auswachsen. Aufgrund ihrer enormen Lebendigkeit und Verwirrungskraft (bei aller strotzenden Vitalität scheinen sie nicht recht vom Fleck zu kommen) sind diese Romane bisher so gut wie unentschlüsselt, zumal die Chiffren der zugrundeliegenden Alfabete sich stetig, gleichsam fließend, ändern, indem sie sich, womöglich im Zusammenspiel mit dem Sonnenlicht, neue Bedeutungen einflößen, die in mehrere Richtungen weisen können – ein hochkomplexes literarisches System, das offenbar ohne Verlagswesen, ja sogar ohne jegliches Anzeigen-, Feuilleton-, Finanz- und Gschaftlhubersystem auskommt, weswegen es die öffentliche Wahrnehmung zwar womöglich spiegelt (Spiegelndes Laichkraut), bisher jedoch nicht tangiert.


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