Der rheinische Biber

Die unverkennbaren Nagespuren hatten wir vor Jahr und Tag bereits bei einem Streifzug durchs Gebüsch entdeckt – vor einem guten Monat wurde uns erstmals eine glaubwürdige Sichtung des Bibers „in ganzer Pracht“ übermittelt, und zwar exakt jenes Exemplars Castor fiber, das im und am Kanal auf Höhe der Schaan-Vaduzer-Gemarkungsgrenze sich herumzutreiben seit geraumer Zeit in höchstem Verdacht stand. Noch während uns die Nachricht erreichte, hatten wir geschworen, dem Biber solange aufzulauern, bis wir ihn, in memoriam Bernhard Grzimek und Heinz Sielmann, mit eigenen Augen die freie Wildbahn durchstreifen sähen. Am 03. September startete unsere Expedition.

Auf einer schier endlosen, strapaziösen Zugreise (mit bis Basel versiegelten, ab Basel wundersam wieder geöffneten und mit frischem Tissue ausgestatteten Bordtoiletten), gelangten wir aus Köln, durch ungezählte Reihen weinbestandener, spätsommerlich goldener Täler, deren Farben der Fluß anmischte, indem er das Septembersonnengleißen mit überschwänglicher Freude weithin streuend reflektierte, erneut bis in die bedrohlichen Alpen mit ihren archaischen Staatsformen.

Ab Sargans ließen wir das Gepäck mit dem Jeep ins Vaduzer Basislager transportieren, wo wir nach den Entbehrungen der Reise mit etlichem Griebenschmalz versorgt wurden. Das Nachtmahl verschmolz wie so häufig mit dem Buschfunk. Der Biber gilt gemeinhin als unberechenbarer Geselle, doch ab der Abenddämmerung sollte, ging im Lager die Kunde, mit unserem Exemplar zu rechnen sein. Um keine Zeit zu verschwenden, brachen wir gegen 19 Uhr, nur mit Notizbüchern bewaffnet, ganz nach Gehör in Richtung des tosenden Rheinstroms auf. Einheimische Führer/Träger waren zu dieser späten Stunde wegen ihres ausgeprägten Aberglaubens und unseres kurzfristigen Entschlusses keine mehr aufzutreiben. Die große Filmausrüstung mußte bedauerlicherweise im Lager zurückbleiben.

Bis zum Anbruch der Dämmerung verblieb noch eine halbe Stunde, als wir den Fluß erreichten. Das magisch-milde Abendlicht tönte unsere Gesichter in freundliche, gesunde Farben. Auf den Kiesbänken inmitten des rasend davonfliehenden Stroms sammelten sich zu Dutzenden, wenn nicht zu Hunderten schwarzglänzende Saatkrähen, hielten abgehackte Palaver und vermittelten den Anschein, als hätten sie keine rechte Ahnung, was sie eigentlich dort sollten: als wären den ersten Herumlungernden in einer Art vogelfreier Glaubenskongregation immer mehr ihresgleichen an den wasserumbrausten Zufallsort gefolgt. Von Osten zogen Blaukohlschwaden auf, von jenseits der westlichen Bergkette war Donner zu vernehmen, über die Schaaner Eisenbahnbrücke weit im Norden eilte mit Schwellengeratter der seltene Railjet ins mählich wabernde Fangnetz der Nacht.

Beim Griebenschmalz hatten wir den Einheimischen abgelauscht, daß sie Biber anlocken, indem sie zwei Stöcke gegeneinanderschlagen. Ein simpler Trick. Der Biber, hieß es, denke dann, es halte sich ein Rivale in der Nähe auf und käme nachschauen. Am Kanal herrschte inzwischen ideale Dämmerung. Sogleich marschierten wir ins Unterholz und fanden nach wenigen Minuten Kampfes mit dem Geäst, das uns, wie wir später bemerkten, mehrere versorgungspflichtige Wunden zufügte, einen Zweig mit Bißspuren, die nicht älter als 24 Stunden sein konnten! Ein deutliches Zeichen für die Anwesenheit eines erwachsenen Bibermännchens ganz in unserer Nähe! Mit angehaltenem Atem sondierten wir das Terrain. Dort im Osten stand ein verstecktes Uferbänkchen der Schaaner Gemeindeverwaltung. Welch ein Glück! Ein idealer Ansitz!  

Erst nachdem wir die Sitzbank sorgfältig nach allen Seiten geprüft hatten, fiel uns auf, daß wir in der vorherigen Anspannung versäumt hatten, biberlockende Stöcke zu brechen. Doch konnten wir nun unmöglich zurück. Es half (wieder einmal!) nur Improvisation. Also schlugen wir mit den Fingerknöcheln einige bibertypische Takte an die Rückenlehne unserer unter so glücklichen Umständen entdeckten Uferbank. Äußerste Geduld war jetzt gefragt. Alle zwei Minuten wiederholten wir das Geknöchel. Nichts geschah. Zufällig fanden wir einen abgenagten Zwetschgenkern in unserer Hosentasche und setzten ihn zur Abwechslung als Klopfwerkzeug ein. Da! Ein Schemen zeichnete sich am gegenüberliegenden Kanalufer ab und machte sich im Gras zu schaffen.

Unser Instinkt erkannte sofort den Biber, der sich rasch ins Wasser begab und nicht wieder auftauchte. Welch grandioser Erfolg für einen ersten Versuch! Wir hatten ihn tatsächlich auf Anhieb erwischt, den wilden rheinischen Biber! (Kursierten doch sogar Geschichten über offizielle Biberbeauftragte, denen sich angeblich wochenlang kein einziger ihrer Schützlinge zeigen wollte.) Der scheue, nachtaktive Gesell! Voll abgepaßt! Zwar nur als fellig-dunkles biberartiges Etwas, doch wissen wir fortab, wie wir ihn kriegen. Mit Zwetschgenkernen. Die Biberforschung dürfte zu Teilen umgeschrieben werden müssen.


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3 Kommentare zu “Der rheinische Biber”

  1. czz
    5. September 2012 um 07:58

    der donaubiber langt diesjahr ebenso drastisch zu , fällt alles , was ihm in die quere gerät und schlägt selbst grosshunde in die flucht ; das mit den ZKs klingt vielversprechend : vorausgesetzt freilich , Du und der biber seid dabei consenting partners .

    im missippi river museum gabs ein sehr spannendes exponat : biberpelze ( und -häute ) als tauschmittel für genau definierte waren und dienstleistungen – - –

    à propos verhalten sich Rhein und Mississippi wie 1 zu 2,4 , egal , ob mans in km rechnet oder in miles …

  2. Stan Lafleur
    5. September 2012 um 20:35

    hast du ihn selbst herausgefunden, den rhein-mississippi-koeffizienten? finde, der klingt ziemlich nach weltformel. (also: ich/du/ersiees stehe/stehst/steht zur welt wie eins zu zwokommavier. klingt zunächst hart, aber letztlich sehr tröstlich. (zu tröstlich.))

  3. in|ad|ae|qu|at : Mississippi River Road 13 | Tiefen , Höhen , Bögen : Reise, Tag 8
    7. September 2012 um 16:11

    [...] 3.044 Kilometern entspricht . Und hier wird nun ein herzlicher Gruss von Fluss zu Fluss fällig ( @ rheinsein.de ) : Der gesamte Rhein wird – obgleich einer der längsten Ströme Europas – mit der [...]

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