Chinesische Wollhandkrabbe

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Die ursprünglich in China beheimatete (*) Wollhandkrabbe gehört zu den durchsetzungsfähigen und allmählich immer bekannter werdenden Neozoen im Rhein. Wikipedia weiß in einem aktuell als “lesenswert” eingestuften Artikel Erstaunliches zu berichten. So fräßen die Krabben zu Fischers Frust nicht nur Angelköder und in Reusen gefangene Fische, sondern trennten mit ihren Scheren sogar die Angelschnüre und Maschen durch, um gefahrlos an Köder und Fang zu gelangen. SpongeBob SquarePants läßt grüßen! Sicherlich spielen sich unter Wasser noch weit perfidere Abläufe ab, der entsprechende Mythenschatz ist überreich, doch scheint die Wollhandkrabbe eine potentiell hochrangige Bereicherung unseres stets sich fortschreibenden Sagenreservoirs darzustellen.

Ganz in diesem Sinne zumindest verstanden wir eine voller Schreibanlässe für Creative Writing-Kurse steckende Rechenaufgabe aus dem Wikipedia-Artikel: “Die Wandergeschwindigkeit wurde bei jungen Tieren auf etwa einen Kilometer pro Tag, bei älteren bis drei Kilometer, bestimmt, woraus sich eine Jahresleistung von etwa 200 bis 250 km pro Jahr ergibt. Wieviele Sonn- und Feiertage kennt die Chinesische Wollhandkrabbe und mit welchen Aktivitäten verbringt sie diese?” Und wenn nicht, möchten wir anmerken, wofür halten die Krabben her? (Und wenn ja, wieviele?) Der Wikipedia-Artikel ist tatsächlich in vielerlei Hinsicht lesenswert, u.a. beantwortet er so ziemlich jeweils im Folgeabsatz fast jede bei der Lektüre entstandene Zwischenfrage. Die Wollhandkrabbe diene u.a. zur Chitosan-Herstellung und zur Biogas-Produktion (!). (Nächste Zwischenfrage: Was ist Chitosan?) “Chitosan ist ein begehrter Rohstoff, der z. B. bei der Abwasserbehandlung, in der Medizin (Nahtmaterial), in der Landwirtschaft (Saatgutbehandlung) und in der Lebensmittelindustrie eingesetzt wird.”

Besonders nachdenklich stimmte uns der Wikipedia-Satz, der Handelswert einer einzelnen guten Krabbe könne 40 Dollar erreichen. Denn falls stimmt, was insbesondere niederrheinische Fischer beklagen, daß nämlich die Wollhandkrabbe in ihren Fanggründen in unbeherrschbaren Massen auftrete, so läge (krabbele) das Rheingold doch ganz offensichtlich in Krabbenform auf dem Rheingrund. Nur eben gerade noch so in seinem (ökonomischen) Wert unerkannt, sich just aus den dauermutierenden Zerrmustern der Wasseroberfläche in klar verständliche Umsatzzahlen gießend, dabei die ungeheure, nur mit enormem Aufwand annähernd korrekt zu beschreibende Spannung, die einem erheblichen (ökonomischen) Rausch vorausgeht, bereits an den Rändern mit gedämpft-enthusiastischen Geräuschen (“kkrkr”, “bsszs”, zschsk-k”) brechend. In Dampf gegart gälten die Tiere jedenfalls als außerordentliche Delikatesse, seien sie nur versiert genug zusammengeschnürt, das Auslaufen ihres Saftes zu verhindern. Der avantgardistische Chinese mit seinen über Nacht heranwachsenden Millionenstädten züchte das vielbeinige Gold mittlerweile in Aquakulturen. Der Geschmack, heißt es an anderer Stelle im Netz, erinnere stark an Hummer, das Fleisch sei attraktiv bißfest und aus dem Sud gewonnenes Wollhandkrabbensorbet besitze alle nötigen Eigenschaften für einen ultrahippen Sommerrenner.

Das Bild stammt von Stefan Mittler, aufgenommen während einer Faltboottour auf dem Rhein, indem er seine Kamera unter Wasser hielt und aleatorisch abdrückte. Der umgebende Flußgrund (bei Bonn) erinnert ein wenig an die Marsaufnahmen des Fotoroboters Curiosity, auf denen bisher keine Wollhandkrabben identifiziert werden konnten.

(*) Ob sie wirklich “ursprünglich” in China beheimatet ist, sei dahingestellt. Was sind Ursprünge (wessen) und was wissen wir darüber? Gemeint ist wohl das letzte größere bekannte Verbreitungsgebiet der Krabbe, so wie es in 200 oder 2000 Jahren, ein kleiner Spekulationsstrang, einmal heißen wird, die Krabbe, welche dann, immer noch nahezu ihre heutige Erscheinungsform wahrend, antarktische Schmelzbäche erobert haben wird, stamme ursprünglich vom Rhein und ihr Name laute Carapax crax emmerichiensis (bzw, dem Sprachwandel und längst überschwemmten und vergessenen Gegenden besser Rechnung tragend: Cacraxe oder Cece-eh, ein Name, für den jedoch keine Buchstaben mehr zur Verfügung stehen, sondern einzig ein akustisches, alle bekannten/relevanten Informationen enthaltendes Signal, dieweil bei Sichtung eines Tieres umgehend (per nervösem Input) der geburtsimplantierte enzyklopädische Generalspeicher des künftigen Betrachters abgerufen wird, welcher ihn, einen Impulssturm auslösend, zu politisch-korrektem Verhalten gegenüber dem gesichteten Fremdobjekt zwingt).


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Ein Kommentar zu “Chinesische Wollhandkrabbe”

  1. Matthias Kehle
    5. September 2012 um 15:30

    Zu diesem Thema kann ich nur das Buch “Invasion – Wie fremde Tiere und Pflanzen unsere Welt erobern” von Mario Ludwig empfehlen.
    http://www.mario-ludwig.de/bucher/invasion/

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