Monatsarchiv für September 2012

 
 

Presserückschau (September 2012)

Schreckensnachricht in der Welt: “Ein gefräßiger Chinese wütet am Rhein”. Gemeint ist vorderhand der Asiatische Laubholzbockkäfer, der bereits vor sieben Jahren in Bonn eingefallen ist und dort mit seiner Guerillataktik den alten Ahornbestand bedroht. Die militärische Berichterstattung über die Invasion derselben Käferart in Weil scheint unterdessen zu ruhen. Weitere ausgewählte Nachrichten des Septembers:

1
Über das in Basel populäre Rheinschwimmen berichtet ausführlich die Zeit und holt aus, daß der Fluß in den 80er Jahren auch und insbesondere in Basel als Kloake galt: „Luftaufnahmen aus dieser Zeit zeigen drei Farbströme im Wasser: einer aus den Chemieanlagen, einer aus den Haushalten und einer von der Schlachterei.“ Rhodamin hieß der fluoreszierende rote Farbstoff, der bei der Sandoz-Katastrofe 1986 nebst tonnenweise Giften mit dem Löschwasser der Feuerwehr in den Rhein gelangte.

2
François Hollande kündigt die Stillegung Fessenheims, des ältesten Atomkraftwerks Frankreichs für 2016 an. „Erst am Mittwoch vergangener Woche hatte es wieder einen Zwischenfall gegeben. Bei Routinearbeiten mit nicht radioaktivem Wasserstoffperoxid kam es nach Angaben des Betreibers EDF zu einer Dampfentwicklung, die einen Brandalarm auslöste. Zahlreiche Sicherheitskräfte und die Feuerwehr rückten aus. Im April war in einem Maschinenraum des Reaktors II ein Feuer ausgebrochen.“ (Welt)

3
Irischer Rhein: „Nach jetzt fünf Jahren bekommt dieses Festival in der Region einen immer besseren Namen und großen Bekanntheitsgrad.“ (lokalkompass.de) Die frohe Ankündigung handelt vom „Irish Rhine Festival“ am letzten Septemberwochenende im Keekener Schützenhaus. Für irische Stimmung sollte u.a. der zweimalige niederländische (!) Meister im Dudelsack(!)spiel, Ewald Verhoeven sorgen, nebst „Guinness und Whisky sowie Cider“ und „einem besonderen Leckerli (!)“ (Niederrhein Nachrichten)

4
Eine Reportage über den kleinen Gernsheimer Hafen, den einzigen Rheinhafen Hessens, brachte die FAZ. Täglich knapp ein Schiff landet in Gernsheim an, ca anderthalb könnten derzeit gleichzeitig beladen/gelöscht werden.

5
Eine Bilanz nach 20 Jahren Rhein-Main-Donau-Kanal zieht nordbayern.de: Das Stahlwerk Maxhütte in der Oberpfalz gäbe es nun nicht mehr, ebensowenig die großen Kohlekraftwerke in Erlangen und Nürnberg, hingegen geblieben seien trocken gefallene Natur und eine Maximierung des Betons – soweit der Bund Naturschutz. Die zuständigen bayerischen Ministerien sehen das erwartungsgemäß anders. Bundesverkehrsminister Volker Hauff (SPD) immerhin meinte seinerzeit zum CSU-geführten Durchstich zwischen Main und Donau: „Das ziemlich dümmste Projekt seit dem Turmbau zu Babel“. (Welchen er letztlich ebenfalls nicht genehmigt hatte.)

6
„Die Regierungsgeschäfte von the Rhine, ehemals Deutschland, wurden im Frühling 1990 durch den Regenten Jefka übernommen. Beobachter klassifizieren den mittelgroßen Staat als progressive neoliberale Parteiendemokratie, bekannt für seine hohe Verdienstmöglichkeit und die niedrige Kriminalität. Die Mehrzahl der gebildeten und vernünftigen Bewohner ist glücklich mit den Verhältnissen. Sie genießen den Ruf, sportlich und freiheitsliebend zu sein, und erfreuen sich einer hervorragenden Infrastruktur. Der größte Unterschied zu anderen Ländern besteht im Bereich Zuwanderung. Der Regent konnte seinen Einfluss gegenüber dem Vorjahr steigern. the Rhine ist nicht Mitglied in einem Bündnis.“ (ars regendi)

7
„Nach 35 Jahren gibt es jetzt wieder eine direkte Fährverbindung zwischen Monheim und Dormagen (…). Im September wird das Piwipper Böötchen samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr im Testbetrieb über den Rhein pendeln. Es können bis zu zehn Personen mitfahren. Die Überfahrt ist kostenlos, Spenden sind erbeten.“ (lokalkompass.de) Ein Userkommentar: „mit der piwipp sind wir schon als schulkinder rübergefahren und nach zons gegangen, zurück haben wir den kapitän geärgert indem wir alle auf einer seite standen und die piwipp in schräglage brachten.“

8
Der Brand in Krefeld dürfte es bis in die Tagesschau geschafft haben: „Eine riesige Rauchwolke ist (…) über mehrere Städte am Niederrhein und im Ruhrgebiet hinweggezogen. Entstanden war sie durch einen Großbrand in einer Krefelder Düngemittelfabrik. Im betroffenen Gebiet wurden die Bewohner gewarnt, ihre Häuser zu verlassen, Krisenstäbe tagten, kilometerweit war Sirenengeheul zu hören.“ (Rheinische Post) “Der Rhein wurde wegen der starken Rauchentwicklung zwischen Düsseldorf und Duisburg auf einer Strecke von fast 40 Kilometern zeitweise für den Schiffverkehr gesperrt, ebenso eine wichtige Rheinbrücke zwischen Krefeld und Duisburg. Der Flugverkehr war leicht beeinträchtigt (…)” (Süddeutsche Zeitung)

Die Harald Schmidt Show zu Gast auf Vater Rhein

Allerjüngste Rheindokus warben und werben mit angeblich sensationell neuen Luftaufnahmetechniken (wir berichteten). Aufnahmen, die sich gegen Gewohntes deutlich abgehoben hätten, blieben in den Endprodukten bisher eher rar. Womöglich ist die jeweils neueste Luftaufnahmetechnik bereits seit Anbeginn des Luftaufnahmezeitalters Produktionsgrund für die jeweils neueste Rheindokumentation im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Im September 2003 veranstaltete Harald Schmidt seine Show, damals auf Sat. 1, über rund drei Stunden auf dem Rhein. Sicherlich ein Höhepunkt der fernsehgeschichtlichen Beschäftigung mit dem Fluß. Schmidt füllt den Niedrigwasser führenden Rhein („Ist das nicht hochtoxisch, das Wasser?“ (Anke Engelke)) ua symbolisch mit kohlensäurefreiem Mineralwasser auf und chefentläßt, knapp an den Schiffsschrauben vorbei, satte Aale in die liebe Wasserheimat. Wir bekommen grandios gescheiterte Sketche der deutschen Unterhaltungselite geboten, Megafonansprachen an die Bewohner der Ufernester, auf dem Gipfel des Privatfernsehens zieht sich der Moderator nackich aus, um, sobald der Gipfel überwunden ist, das Deck zu schrubben.

Aber sehen Sie selbst: nebst dem Schiff, auf dem die Show stattfand, charterte Schmidts Team auch einen Begleithubschrauber, um Show, Landschaft und Rheinatmosfäre von oben einzufangen. Nun sollten wir ein Showformat natürlich nicht mit Dokumentationen vergleichen, und Livebilder nicht mit solchen, die einen längeren Produktionsprozeß durchlaufen. Wo wirs insgeheim dennoch tun, möchten wir geneigten Lesern die Möglichkeit nicht vorenthalten, sich selbst ein Bild machen zu können: „Vater Rhein und Mutter Elbe – ist für viele fast dasselbe.“

Nebenbei: wie lange dieser Link zum Ziel führen wird, können wir nicht sagen/garantieren. Auf rheinsein existieren mittlerweile eine ganze Reihe toter Links. Die durchschnittliche Lebenserwartung haltbarer Netzseiten ist nicht nur auf Youtube eine niedrige. Insbesondere Videodateien tauchen nach ihrem Ableben in Zombiemanier häufig wieder aus ihren Gräbern auf, bis sie erneut in die Gruft versenkt werden. Die toten Links auf rheinsein betrachten wir als historische Abbruchszeugnisse und überlassen dem gewitzten Surfer, der es immer wieder auf unsere Seite schafft, das evtl Wiederauffinden der Inhalte gekappter Links in den unfaßbaren Kulturräumen des Netzes.

Linke Schuhe

Heute rheinsein-Jahreskonferenz mit unserem Chefkorrespondenten für alles Frankorheinische, Roland Bergère. Spazierten bei wechselndem Wetter mehrere Stunden am linken Kölner Rheinufer. Gab viel zu besprechen. Trafen unterwegs immer wieder auf angeschwemmte, ausschließlich linke Schuhe. Bergère fotografierte sie und meinte geheimnisvoll, daß diese Aktivität mit einem Projekt zur Ausdehnung des Universums zu schaffen habe. Die Ausstellung dazu fände in wenigen Monaten in Neuss statt. Plötzlich der Gedanke, daß die zugehörigen rechten Schuhe auf der anderen Rheinseite zu finden sein müßten. Dort aber nur Prallhang. Speisten hernach ausgiebig Muscheln.

Loreley (7)

loreley

Unzählige Male sind wir die linksrheinische Strecke im Zug gefahren. Die Züge haben sich mit den Jahren verändert, sind schneller geworden und verspäten sich (innerhalb Deutschlands) häufiger – vielleicht ist die Häufigkeitszunahme bei den Verspätungen aber nur eine gefühlte, gleichsam neoliberale, weil unter dem ständig scheiternden Ex-Bahnchef mit seinem irrsinnigen Gehalt gleichzeitig die Preise stiegen und die Wartung heruntergefahren wurde. Auszubaden hatten das und haben es bis heute vornehmlich die Fahrgäste und Zugbegleiter. Zwar besitzen die Züge nun Klimaanlagen, die (wohl aufgrund von Managern auf dem Papier entindividualisierter Normsommer und -winter) ähnlich wie die Toiletten häufig ausfallen, dafür lassen sich die Fenster nicht mehr öffnen. Die Gesellschaft wird von ihren Vertreten und Vorverdienern zunehmend in Haft genommen, der mobile Bürger unter seltsamen, entpersonalisiert-entmenschlichten Kürzeln geführt; die Entwicklung des Bahnreisens ist nur ein Symptom unter vielen und auf natürliche Weise dem großen Räderwerk verzahnt. Erst fehlen Raucherabteile, dann wird der Raucher zunehmend als menschliche Erscheinungsform verboten, die Gesellschaft schlägt sich ihre vermeintlich kranken, nonkonformen Glieder ab, die unterdessen weiter fleißig ihre Sondersteuern zahlen.

Die rechtsrheinische Schnelltrasse halbiert die Fahrtzeit zwischen Köln und Frankfurt seit einigen Jahren auf eine Stunde. Das kann angenehm sein, wenn es funktioniert (tut es auch meist). Wir bevorzugen dennoch den Ausblick der linksrheinischen Strecke. Was ist eine Bahnfahrt, was ist eine Stunde wert? Lärmschutzwälle können faszinieren, wir haben schon Gedichte über Lärmschutzwälle geschrieben. Doch nur beim Passieren der Loreley hören wir immer wieder Reisende Heine zitieren, bisweilen von irgendwelchem Unfug begleitet, die Faszination (mehr an Gedicht und Geschichte als am Felsen selbst) aber zieht sich praktisch jedesmal auf die ein oder andere Art spürbar durch unser jeweiliges (sic!) Großraumabteil, was wir von den Lärmschutzwällen der rechtsrheinischen Strecke so bisher nicht behaupten können.

Der Rhein von oben

Fernsehgebühren sind, umso mehr ab nächstem Jahr, wenn die verpflichtende Regelgebühr auch für solche Menschen kommen wird, die nicht nur kein Empfangsgerät besitzen, sondern öffentlich-rechtliches Fernsehen sogar ablehnen, offenbar ein sprudelnder Goldquell für die empfänglichen Sender, ein mitunter verblendender, die weniger glänzenden  Hintergoldlandschaften ausblendender, denn was soll auch „konzipiert“ und gezeigt werden, wenn nicht die 127. Rheindoku, es könnte ja mal wieder eine innovative sein. Oder doch lieber eine für den ausgewerteten Durchschnittszuschauer, der irritierenderweise in einem Ort namens Haßloch über sich selbst befindet?

Nachdem das ZDF gerade den Rhein abgereist hat, um ihn von oben zu filmen, zieht nun der WDR mit Der Rhein von oben, „der aufwendigsten Produktion seit langem“ (Zitate: Rheinische Post) nach: „Aus der Luft wird der Rhein von der Quelle bis zur Mündung verfilmt.“ Wie sich die Worte, wie sich die Ideen bei ARD/WDR und ZDF gleichen! Zunächst heißt es natürlich abwarten, was wir tatsächlich doppelt (und dreifach, vierfach, fünffach usw) zu sehen bekommen werden… Immerhin soll die aktuell entstehende WDR-Produktion für einen Fünfteiler Material bieten, somit “ausführlichstes Bild des Rheins sein, das je gedreht wurde“. Das könnte, was eine Rheindokuserie  im deutschen TV belangt, sogar hinkommen – uns sind bisher maximal Vierteiler bekannt.

Spannend klingt die Presse-Vorankündigung leider dennoch genauso mäßig wie die weit überwiegende Mehrzahl der vorangegangenen 126 öffentlich-rechtlichen Rheindokus tatsächlich ausfiel. Eher nach einmal mehr salbungsvollen Heimatpreisungen durchs Objektiv mit einem Schuß grün vorgetragener Proporzkritik im Textanteil. Das Alleinstellungsmerkmal, genau wie beim jüngsten ZDF-Produkt Abenteuer Rhein: die Kameratechnik: hier nun kein Blimp, sondern „eine per Joystick gesteuerte Cineflex-Kamera, die am Helikopterbügel befestigt wird“. Wir freuen uns bereits auf die Musikauswahl, denn allzuviel Rotorgeratsche dürfte trotz der hochinnovativen Kameraführung dem Zuschauer kaum zugemutet werden.

Und: „Eine Folge soll sogar in 3D gedreht werden.“ Wir fänden es ja (mit Jürgen Klopp) richtig geil, die schiffsschraubendurchdröhnten Gründe der Kessler-Grundel und der Wollhandkrabbe, unserer subaquatischen Neozoenheere, in wagnerdeutschem Rundum-3D erblicken zu dürfen, also Unterwasseraufnahmen des Rheins zu sehen, wie sie sonst nur die BBC auf und tief in den Weltmeeren hinbekommt. Auch sähen wir gerne einen mit Spezialkamera bewehrten, verschiedene Vogeldialekte beherrschenden Nils Holgersson-Kleinstroboter bei den schrägen Nilgänsen des Rheins eingeschleust, welcher exklusiv aus deren Familienleben und ihrem Verhältnis zu urgermanischen Arten berichtete. Oder könnt ihr das nicht? Ufermauer-Crashtests mit „Hey Blondy, wo geht’s hier nach Köln, hahahaa!“-Jet-Boot-Hedonisten bei voller Kameraerschütterung. Mindestens fünf Minuten apokalyptisches Tasten in der Rauchwolke aus der Krefelder Düngemittelfabrik. Die ersten Filmbilder Gorrhs, des bisher nur in Literatur und Kunst vorkommenden, eindeutig  rheinischen,  auf  der Autobahn geborenen Superheldenalltagsgottzwitternongeschlechtlers. (Vorsicht, manchmal frißt Gorrh Helikopter.) Partikeln des Bösen, mal genauso wahrgenommen wie von der Bevölkerung. Mal wieder näher ran an die Leute, falls da noch was ist. Gern auch satellittös. Läßt sich vom Orbit wirklich jeder Pickel im Gesicht eines Rheinpunks scharfstellen? Was ist dran an der These, das Rheingold sei in Wirklichkeit seit Einführung der Rundfunkgebühren gehoben? Sagts uns! Und für die, die neue Loreleyansichten brauchen, wiederholt einfach die alten Loreleyansichten.

Es soll sich übrigens seit geraumer Zeit eine noch stille Bewegung unter künftigen Zwangsgebührenzahlern, die eigentlich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder das Fernsehen insgesamt ablehnen, bilden, eine sehr deutsche Form des Protestes sozusagen. Die GEZ könnte demnach mit Einführung der Kopfgebühr mit Anträgen auf Empfangsgeräte überschwemmt werden. (Was uns an Ärzteklagen im TV nach Einführung der Praxisgebühr erinnerte: daß die Praxen nämlich plötzlich übervoll mit Leuten seien, “die nichts hätten”, nun jedoch täglich zur Konsultation auftauchten, um die einmal bezahlte Leistung bestmöglich in Anspruch zu nehmen.)

Rheinzitat (10)

“Wir können ja nicht den Rhein leerpumpen.”

Jost Borcherding vom Zoologischen Institut der Universität Köln im ZDF zum Thema Kessler-Grundel, einer invasiven, sich schnell vermehrenden Art aus dem Osten, gegen die der eigentlich notwendige Kampf keine Mittel finde.

rheinsein unterwegs im September

rheinsein war im September als Gast bei drei Abendveranstaltungen auf der Bühne, zwei davon in Museen im liechtensteinischen Vaduz.

Im sehenswerten Kunstmuseum Liechtenstein fand zu Monatsbeginn unser erster Gemeinschaftsauftritt mit Helena Becker statt, die für Das Lachen der Hühner die Dorfansichten (hier ein Beispiel) geschnitten hatte. Mithilfe projizierter Screenshots der Website stellten wir rheinsein als multiple Projektform vor, moderierten unsere kleine, randseitige, von den Postkartenständern der Vaduzer Innenstadt jedenfalls deutlich abweichende liechtensteinische Fotokollektion – und brachten Texte zum Vortrag, welche die nicht allzufernen Quellregionen und das Fürstentum selbst betrafen, darunter natürlich auch Gedichte aus Das Lachen der Hühner, zu denen Helena eine neue Papierschnittserie angefertigt hatte, welche nun Motive aus den Sonetten auf- und sich an den Museumswänden prächtig ausnahm.
Das Lachen der Hühner, vor anderthalb Jahren bei der parasitenpresse herausgekommen, befindet sich mittlerweile in der dritten Auflage; derzeit laufen Verhandlungen über eine limitierte Sonderedition mit Helenas im Kunstmuseum erstmals präsentierten neuen Schnitten an. Der Auftritt fand anderntags Niederschlag in der Printausgabe des Liechtensteiner Vaterlands.

Schräg gegenüber des Kunstmuseums Liechtenstein befindet sich das ebenfalls sehenswerte Liechtensteinische Landesmuseum. Während der Termin im Kunstmuseum ein gutes halbes Jahr im voraus feststand, ergab sich der Termin im Landesmuseum vorort ganz kurzfristig zwischen zwei Gläsern Wein. Über die Vernissage zur Bleuler-Ausstellung hatten wir seinerzeit kurz berichtet, nun kamen wir im Gespräch mit Rainer Vollkommer, dem neuen Direktor des Landesmuseums überein, rheinsein mit dem Bleuler-Konvolut des Museums zu kombinieren: nicht mit den Originalen, denn die sind derzeit in Baden-Baden zu sehen, sondern mit Diaprojektionen, die Bleulersche Spätromantik in einer textlichen Zeitreise zu spiegeln, von präromantischen Ausschnitten über damals zeitgenössische bis hin zu aktuellen, über Städte wie Leverkusen etwa, die es zu Bleulers Zeit noch garnicht gab. Vlado Franjević kreierte aus unserem Auftritt drei kurze Videos für das Museum: ein Interview vor der Veranstaltung, sowie Mitschnitte eines seefiebrigen Textes über Konstanz und eines Rhein-Gedichts aus Das Lachen der Hühner, die nun auf Youtube zu finden sind. Sehenswert für alle Liechtensteininteressierten ist sicherlich Vlados Interviewserie mit Besuchern aus aller Welt, zu finden in der Verwandtschaftsspalte.

Zurück in Köln präparierten wir uns sogleich für einen alpinen Abend mit Hartmut Abendschein und Egon Zähringer im überaus netten kleinen kunstraum dellbrück weit draußen auf der Bergisch-Gladbacher-Straße (also fast schon in Polen), welche alles in allem eine der sehenswertesten Straßen Deutschlands, wenn nicht der ganzen Welt vorstellt. Der Abend stand unter dem Motto „es ist fast gar keine Stimmung vorhanden“ – eine Zeile aus unserem Nendeln-Gedicht. Die Markgräfler Weinbatterien des Kunstraums jedoch schufen zunehmend Stimmung, Hartmut zeigte seine Flooksbooks, las aus seiner Neuerscheinung Dranmor über Dranmor, einen Berner Randgänger, Egon Zähringer jodelte und sang deutsch-schweizer Wirtschaftsnachrichten zum Örgeli, das für den Abend geborgte Murmeltier unseres Sohnes sorgte für Ordnung im Stall und alles in allem ging wieder einmal eine knappe halbe Auflage über den Tresen. Ein paar Bilder der Veranstaltung gibt es bei Hartmut Abendschein.

Abenteuer Rhein (2)

Abenteuer Rhein von Andreas Ewels und Christine Elsner, zuvor kräftig beworben, auch auf rheinsein vorab angekündigt, dann aber still und leise im Termin (auf den heutigen Sonntag) verschoben, wirkt, wie im Vorfeld anzunehmen war, vor allem über seine Luftaufnahmen aus dem Blimp (“Prallluftschiff”), d.h. einem ferngesteuerten Kleinzeppelin und war schon vor der Urausstrahlung auf planet e am heutigen Tag in der ZDF-Mediathek (welche den Vorteil bietet, Filme anzuhalten oder zu spulen) vorhanden.
Wie der Tomasee plötzlich hinter Bergkuppen, die er spiegelt, aufscheint und die Kamera dem Alpenrhein durch enge Schluchten talab folgt, gibt visuell durchaus Stimmungen wider, die uns dort oben noch vor Kurzem erfaßten. Aus den folgenden Bildausschnitten Sedruns, der Ruinaulta, der Via Mala hätte sich mehr machen lassen.
Freundliche, bisweilen etwas unmotiviert wirkende Kurz-Interviews markieren die menschlichen Bojen im Kamerafluß. Tiermotive bevorzugt: ein Bündner Steinbockhüter, die südbadische Biberbeauftragte, der Artenreichtum des Taubergießens und ein Schlangenexperte, der nächst Wiesbaden mähshreddergefährdete Äskulapnattern präsentiert, dabei seine eigene Frage, wie die Schlangen an den Rhein gekommen seien, unbeantwortet läßt.
Kitschige, in der verwendeten Art völlig unangebrachte Hintergrundmusik spült die Talgeräusche weich, überspielt sie die meiste Zeit. Doppelte Länge (sowohl für Bildeinstellungen, als auch Interviews) und deutlich höhere Geschmackssicherheit bei der Musikauswahl (bzw weniger Verblendung bei den Originalgeräuschen) hätten der Doku wohl getan.
Alles in allem ein typisches ZDF-Produkt mit Mut zu Lücke und Lenor und mehrkamerafachem Befliegen der Oberfläche. Welche dann auch häufig (und häufig nichtmal zu unrecht) hübsch aufscheint. Der zweite Teil folgt Sonntag in einer Woche, in der Mediathek vielleicht sogar früher.

Quietscheentchen Nadia

Die Zuschauerfrage, wie lange ein Wassertropfen von der Quelle bis zur Mündung des Rheins brauchen würde, veranlaßte das Team der WDR-Sendung Kopfball zu einem vielbeachteten Quietscheenten-Experiment. Die Frage, wo Quelle und Mündung des Rheins liegen, wollen wir an dieser Stelle nicht erneut erörtern. Kopfball startete das Experiment am Tomasee. Eine wissenschaftliche Berechnung zu diesem Thema sei noch nicht vorhanden gewesen, lediglich Einzelstrecken seien gemessen, woraus sich die Gesamtflußdauer jedoch einigermaßen ergäbe. Ein auf der Wasseroberfläche schwimmendes Teil sei einem Rhein-Wassertropfen in dieser Hinsicht gleichzusetzen. Nun könnten wir entgegnen, daß schon die Frage nach der Wassertropfenwanderleistung sozusagen einen Modellwassertropfen voraussetze, einen idealen Tropfen im Sinne des Meßrekords, und keinen individuellen, Schilfrasten bevorzugenden oder mit den Fischen haschenden. Das Kopfball-Team wurde jedoch selbst mit diversen Schwierigkeiten der modernen Rheinforschung konfrontiert und geht offensiv damit um. So handelt es sich bei der für das Experiment verwendeten Quietscheente nicht um eine einzige authentische Quietscheente, sondern, den alpinen Gegebenheiten angemessen, zunächst um eine handelsübliche kleine, bevor, sobald das Rheinbett an Tiefe gewinnt, eine etwa fußballgroße, präparierte, kielgesteuerte mit GPS-Implantat zum Einsatz kommen konnte. Beide Enten neigten zum Hängenbleiben an Hindernissen wie Steinen oder Ufersäumen, weswegen ihre Reise- und Rastzeiten mit Stoppuhren genommen wurden. Auch mußte die größere der beiden Enten, die irgendwann auf den Namen Nadia getauft wurde, bei Dunkelheit gelegentlich aus dem Wasser geholt werden, bewältigte zwar schadenfrei den Rheinfall und Kollisionen mit Schiffen, längst jedoch nicht jede Schleuse – allein die Querung des Bodensees hätte „bis zu vier Jahren“ in Anspruch nehmen können, weil der den Bodensee durchfließende Rhein eben doch einen gewaltigen Unterschied zwischen Haupt- und Oberflächenströmung macht. Die Genauigkeit des Experiments mußte also eine ungefähre bleiben. Und so entspricht das praktische Ergebnis dem trocken aus Einzelsummen errechenbaren von „etwa 12 Tagen“, ein Ergebnis zudem, daß wir durchaus schon irgendwo einmal gelesen zu haben meinen (bei Tümmers?) und auf daß sich – ungefähr – auch kommen läßt, wenn eine durchschnittliche Fließgeschwindigkeit von rund vier bis fünf Stundenkilometern angenommen wird, wie sie sich zb pi mal Daumen aus dem Abgleich von normaler Fußgängergeschwindigkeit mit Treibgut ergibt. (Soviel dann doch nochmal zur Glaubwürdigkeit von Zahlen, welche vorgeben, natürliche Vorgänge korrekt widerzugeben.) Das Ergebnis wurde im Internet veröffentlicht, die eigentliche Sendung steht noch aus. Die Zahl der Quietscheentenfreunde in Deutschland ist hoch, die populäre Ansprache dürfte gelingen, zumal Nadias Begleitteam (Kamera, Ortung, Aufdemwegerhalten) von ähnlichen Entbehrungen zu berichten weiß, wie wir sie auf unserer jüngsten Bibersafari erlitten. Der Film zum Experiment soll am 21. Oktober gezeigt werden.

Rennstrecke Rhein

lautet der Titel einer knapp halbstündigen Betrachtung des Arbeitsalltags der Wasserpolizei auf dem Boot Hessen IV (bis es leckt und zur Werft muß) von Theo Heyen für ZDF reportage, die in der ZDF Mediathek zur Verfügung steht. Daß es auf dem Rhein kein Tempolimit gibt, erfahren wir zu Beginn und werden mit verschiedenen Bootstypen und polizeilichen Kontrollformen bekannt gemacht.
Das actionboot („schwarzes Monsterboot“) von Jens Nimmerrichter ist ein größeres Schlauchboot, das mit drei 350 PS-Motoren hochgerüstet den Achterbahngedanken auf den Rhein übersetzt und deutlich über 100 km/h erreichen soll. Die Passagiere nehmen auf Jockeysitzen Platz und berichten von schlauchenden Minuten auf dem Wasser, welche schließlich mit Weinproben noch auf dem Fluß abklingen, „je nach Gruppenzusammenstellung mit mehr oder weniger oder gar keinen kulturellen Informationen unterfüttert“.
Eventtouren seien auch bei der klassischen Passagierschifffahrt im Kommen, wohingegen früher „der Fluß das Event“ gewesen sei. Also heißen die charterbaren Schiffe am Mittelrhein heute RheinDream und bieten salsagestützte Hochzeiten im Unterdeck; der Burgen- bzw Loreleyblick scheint leicht abgenutzt.
Die Polizei inspiziert Personen- und Frachtschiffe, evakuiert die festgefahrene Douce France. Ein Kajak mit Piratenflagge zieht durchs Bild. Wenn die Berufsschiffer, die laut Gesetz auf dem Rhein Vorfahrt haben, nicht aufpassen würden, resümmiert ein Berufsschiffer, gäbe es unter den Freizeitschiffern „jeden Dach einen Doden“.
Das straßenhafte des Rheins wird von denjenigen, die ihn befahren, stets deutlich betont. Zeitdruck sei bei den Kapitänen ein ähnliches Thema wie bei LKW-Fahrern. Stausituationen kämen insbesondere bei Niedrigwasser vor. Sicher hätte die Sendung ein paar Fahrzeugtypen mehr vertragen; der Umgang der Polizei mit auf dem Rhein lärmenden Jet-Booten etwa blieb gänzlich außen vor. Somit bleibt einstweilen die Frage, ob nicht nur das Tempo, sondern auch der Lärmausstoß auf dem Rhein keinem gesetzlichen Limit unterliegt.

Karibischer Rhein

caribbean-rhine

Gegenüber von Germersheim, nördlich der Rudolf-von-Habsburg-Brücke, im auengeprägten Niemandsland zwischen Rußheim und Rheinsheim, auf der klimabegünstigten badischen Seite, entdeckte unser Fotograf, auf dem Rhein paddelnd, diese Strandbar karibischen Stils, wie sie typischer auch im Socagürtel nicht aufzufinden sein dürfte.
(Bild: Stefan Mittler)

Der rheinische Biber (2)

Nach unserer überraschenden Bibersichtung wurde uns zunehmend feierlich zumute und so nahmen wir – trotz aller dem Kampf mit dem Unterholz und den gedehnten Pirschzeiten geschuldeten Erschöpfung – noch am selben Abend den mühsamen Weg aus den schier endlos sich streckenden Außenbezirken ins Vaduzer Zentrum in Kauf, um in einer der zahleichen Bohèmebeizen des Städtles, dem berühmten Bermudadreieck des metropolen Alpenmolochs, bei lokalem Bräu die Bedeutungsebenen unserer Entdeckung einer experimentellen Primäranalyse („bierinduzierte Hellsicht nach Achternbusch“) zu unterziehen.

Im Städtle war denn auch, im schummrigen Ausgehmilieu leicht an ihren dynamischen Brillengestellen auszumachen, die akademische Elite Liechtensteins beim wochentäglichen Absacker versammelt. Um geschmeidiger mit der (aus internationalem Blickwinkel) als leicht verstockt geltenden ansässigen Intellektuellenriege ins Gespräch zu geraten, hatten wir zur wohlfeilen Assimilation vorab derartige Brillengestelle besorgen lassen. Tatsächlich gelangen bald zaghafte Tresengespräche über aktuell vorherrschende Geistesthemen wie die mehr oder minder komplexen Gefühlswelten, welche ständige, nicht selten hohe Fußballniederlagen an diversen Rheingestaden hervorzurufen vermögen.

Als wir in der Folge, d.h. im Überschwang des perplex-erfolgreichen Forschers, auch beflügelt vom Bräu, vorschnell unsere Beobachtungen entdeckten, prallten wir – als hätten wirs uns nicht denken können! – auf eine übertresenhohe Mauer aus Skepsis: Biber in den Vaduzer Außenbezirken? Man hielte das für Ammenmärchen, urban legends mit anderen Worten, wenngleich bei den Außenbezirken der weitläufigen Kapitale von Urbanität zurecht die Rede nicht eigentlich mehr sein könne. Wir sollten, kams trockenen Ratschlags aus einer bräudräuend-bräuleuchtenden Ecke, bei allem Respekt, die Kirche im Dorfe lassen und den gewöhnlichen Bisam, den man freilich auch als zivilisierter Hauptstädter bestens von diversen Exkursionen in die Wildnis, auf die man als natürliches Reservoir hochgradig stolz sei, kenne, nicht zum Biber blähen.

Kurzum, die erhoffte Anerkennung für die durchaus mögliche Entdeckung des liechtensteinischen Landesbibers, welche jedoch, was wir unter besagtem Bräueinfluß nurmehr verzerrt wahrzunehmen imstande waren, erst verschriftlicht und schließlich als Schrift von Fachkräften für glaubwürdig erachtet als tatsächliche Entdeckung durchginge,  blieb uns in den Etablissements der unübersichtlichen Schluchten der Vaduzer Fußgängerzone versagt. Enttäuscht und an uns selber zweifelnd machten wir uns von dannen und erreichten nach über zweistündiger Fahrt auf schlaglöchrigen Pfaden das Basiscamp nächst den Bibergründen im schläfrig durch den Buschmais sich tastenden Morgenlichte. An Schlaf war am Ende dieser bewegten Nacht für uns jedoch nicht mehr zu denken.

Gegen 10 Uhr trafen verschiedene Einheimischen-Delegationen ein, brachten vorzügliches Griebenschmalz und baten, denn ihre Wachtposten hätten uns in bedenklichem Zustand aus Vaduz zurückkehren sehen, zum Palaver. Ob der gesehene den einzigen, gleichsam den Nationalbiber Liechtensteins vorstellen könne? Kaum, im Unterland seien angeblich bereits ein oder zwei weitere Tiere gesichtet worden, wovon man in Vaduz freilich nichts wisse. (Auch kursierten Hörensagen-Geschichten von Appenzeller Bibern (“Biberli”), die es über die Berge ins Fürstentum geschafft hätten, alsbald aber der Verzehrlust der Einheimischen zum Opfer gefallen seien. Beweise: auch hier Fehlanzeige.) Der unsrige folglich wenigstens der südlichste Biber Liechtensteins? Das sei durchaus möglich. Ob wir mit einer gehörigen Portion Licht, gleichsam aus dem Nichts gezündet und auf die Position des Tiers hin massiv gebündelt, einen Effekt, ähnlich jenem, dem Hirsche bekanntermaßen im Autoscheinwerfer erlägen, erzielen könnten, sprich den Biber soweit zu bannen, daß uns klare Beweisaufnahmen seiner Existenz gelingen könnten, die Anschuldigungen, es handle sich bei unserer Beobachtung in Wahrheit garnicht um einen Biber, sondern um einen Hund, Nutria, Waschbären oder gar Bisam zu entkräften? Im Grunde womöglich ja, doch sei es nicht ratsam, nach Einbruch der Dämmerung noch im Unterholz… Auch ginge das Gerücht (mehr nicht als ein Gerücht!) von einer gewissen Aggressivität des Bibers… &sw.

In toto lasen wir die Informationen der Buschleute wie folgt: „Wir haben Angst und wissen nichts genaues, aber immer noch mehr als die Anzugträger in Vaduz.“ Damit war nun schwer zu arbeiten und so beschlossen wir, erneut des Nachts auf uns allein gestellt die Bibergründe zu erkunden, um das für Forscher, die es ehrlich meinen, so unabdingbare Beweismaterial zu gewährleisten.

Kleine Liste bescheuerter rheinischer Friseurladennamen

1 Hairzblut (Freiburg)
2 super 10 haircompany (Dormagen)
3 ColoniHaar (Köln)
4 schau hair (Köln)

Wird gelegentlich fortgesetzt. Die Kommentarspalte ist unterdessen für weitere Vorschläge sperrangelweit geöffnet.

Der Friseurladen Babylon in Köln trägt eigentlich keinen allzu meschuggenen Namen. Als wir jedoch den Betreiber Ali fragten, ob er Turmfrisuren im Angebot führe, schaute er nur irritiert auf unsere magere Haartracht. Ali führt vorwiegend Cristiano Ronaldo-Frisuren. Die bisweilen an eingestürzte Turmbauten erinnern. Uns schien diese Tatsache eine lebendige, subtil inszenierte Geschichtslinie. Nun ja, man kann auch bescheuert fragen.