Val Strem (4)

Bei den gröberen Kaskaden angelangt picknickten wir, nachdem ihre Farben mit denen des Himmels abgeglichen waren, die unterwegs gesammelten Blaubeeren, musterten bis zur Selbstverschwommenheit die Muster verschiedentlicher Flechten, stellten uns somit den Ängsten, welche die Bergnatur dem unbedarften Eindringling von hinten durch die Brust ins Auge einschenkt, und wurden dabei so übermütig wie der brüllende, sprühende Rhein, der wie ein mittelmäßig Irrer mit größter Selbstverständlichkeit und Beharrlichkeit gegen die Felsen klatschte, brüllten, einem unnennbaren Impuls folgend, ebenfalls, lauschten, ob sich das menschliche Gebrüll dem Tosen mischte, eine gemeinschaftliche Musik am Rande des Erträglichen (the worst & loudest of nature) zu erzeugen, eine befreiende zugleich, von soviel Idyll, daß es verfälscht wirkte, wie ein von ziemlich realistischen Figuren bevölkertes Computerspielszenario Gorrh of the Alps (ein Egorrhshooter) mit einzeln animierten Grashalmen digitaler Qualität, wobei verfälscht wiederum der falsche Ausdruck wäre, denn was erschaffen wird, kann schwerlich verfälscht sein, vielmehr schlecht nachvollzogen und kopiert (bei jeder Kopie entsteht Verlust), verfälscht: das wäre wohl eher Pfusch am Bestehenden, ein Eingriff zum Schlechteren hin, eine Prämisse, unter der wir mit uns selbst in Streit ausbrachen, ob unser Gebrüll ein naturverfälschendes oder ein Syntheseangebot vorstellte, bestimmte oder auch verstimmte Frequenzen zum Besseren zu organisieren, zu einem Mensch-Natur-Klangraum friedlicher Koexistenz und schöpferischer Grundlage wie er allenthalben bereits anzutreffen ist, aber kaum wahrgenommen wird, wenn wir zB ein mäßig entferntes Flußrauschen für ein fernes Motorrauschen halten oder umgekehrt oder beides sich zu einer akustischen Einheit mengt und wir uns, sobald wir es herausbekommen, wie im falschen Film fühlen, trotz allen längst formulierten Futurismus` und aller sich selbst überlappenden Moderne. Wir dachten bei den Kaskaden des Val Strem an die Liechtensteiner und ihre ungeheure, auch an Wochenenden ungebrochene Lärmbereitschaft, wenn es etwa um das Kupieren von Grünflächen geht (der Schweizer und Deutsche im Übrigen kaum nachstehen) und daß diese Freude (falls es überhaupt Freude ist) am Erzeugen nervtötender Antiklänge ihre Ursachen im heimlich ersehnten Überwinden brachialer oder sonstwie bangemachender Naturgeräusche liegen könnte und daß es daher erstaunlich sei, daß diese Nationen kaum nennenswerte Noise Art bisher hervorgebracht haben, wo doch jede Menge akustischer Emissionen allein schon von Haushalts- und Haushaltsumschwungsgeräten dringend einmal künstlerisch sublimiert werden müßten oder auch mörderisch verstärkt, um mal richtig einen Punkt zu setzen. Man darf das aber nicht von den andern fordern, man muß es am besten selber tun, dachten wir, und das war wohl der wahre Grund für unser im Rheintosen auf- und untergehendes Experimentalgebrüll und nicht, wie oben erwähnt, ein „unnennbarer Impuls“. Der Name Val Strem soll sich von extremus ableiten, da das Tal weit außen gelegen sei, jedenfalls nicht vom romanischen stremblir (zittern, beben), wozu es jedoch führen kann, sobald der Besucher auf extreme Gedanken verfällt. Auf dem gleichen Weg, den wir hinaufgestiegen waren, stiegen wir auch wieder gen Sedrun hinab.


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