Expedition zur Rheinquelle (4)

Wie schwierig oder wenig schwierig der Aufstieg einzuschätzen ist, läßt sich am besten daran ermessen, daß ca fünfjährige Kinder ihn problemlos bewältigten. Schweizer Kinder, wohlgemerkt, welche kaum der Mutterbrust entrissen in die Seinswelt der Berge geschleudert werden, wo sie gemsische Fähigkeiten entwickeln, die dem Flachländer je nach Gemüt und Fitness Bewunderung oder Skepsis abringen. Der erwachsene Schweizer schleppt Unmengen Ausrüstungsgegenstände auf seinem Rücken den Berg hinan, um sie und sich am See zu entfalten: Zelte, Campingausrüstung, Angeln (im Tomasee sollen Forellen und Saiblinge vorkommen, weil Gott oder einige seiner treuen Exekutivkräfte sie einst dorthinein entließen), Schweizer Kinder, die aus verschiedenen Gründen nicht auf eigenen Beinen in die Höhe steigen können/sollen/dürfen, imposantes Kameraequipment (wieviele hunderttausende hochaufgelöste Bilder muß es von diesem Bergsee geben!), Nachtsichtgeräte, Unterhaltungselektronik und weitere Gegenstände, welche seinen Rucksack aufs Äußerste dehnen, als befände sich darin ein gefährlicher lebender Organismus kurz vor dem Ausbruch. (Nur Tauchausrüstungen haben wir erstaunlicherweise nicht unter die Augen bekommen.)

Glück mischte sich mit Geschick: denn wir waren absichtlich früh losgezogen und bekamen von den beladenen Massen zunächst wenig mit. Stiegen und schauten stattdessen taumelnden Schwalbenschwänzen nach, ließen den Blick auf kürzlich geschmolzenen Schneefeldern ruhen, auf denen mitten im Hochsommer die Frühjahrsblüte ausbrach in Form von Gelber Alpenkuhschelle und Frühlingsenzian. Die Hochamsel lästerte. Wir fanden Stinkwurz und Saxifraga, notierten, notierten, umrauscht von Wasserläufen, den Geräuschen der Motorräder in den nah-fernen Serpentinen, der Kühe, Insekten und nach ein wenig Tändelei schließlich doch auch der kernigen Wandergruppen, die mit gefletschten Zähnen im Gänsemarsch von unten nachrückten und uns, falls wir weitertändelten, auf dem schmalen Pfad zu überrennen drohten. Die Schönheit der Berge, sie existiert in diesem Ausmaß erst seit sie käuflich ist, der Wohlstand hat sie sich herangezüchtet, zur Abwechslung von Bürozimmern.

Nach etwa anderthalb Stunden steten Steigens ist die Nähe des Sees zu spüren, der Weg geht streckenweise über nackten Fels und plötzlich steht der Pilger in einer Blickschneise, wie sie für ein Heiligtum nicht besser inszeniert sein könnte und schaut auf den nur von diversen Hinweisschildern verstellten, in einer schönen Bergmulde enthaltenen See, wie er flach und tiefblau und durchaus von einem gewissen Etwas gesättigt darniederliegt, während ihn Wiesenstreifen zieren und flechtengrüne helle Felsen umragen, am Himmel kein Wölkchen. Ein Abfluß ist erstmal nicht zu sehen, dafür zweieinhalb reins oder uals, die aus den Höhen herbeiströmen, den See zu speisen. Sind das? Ist einer? (Ein halber davon?) Müssen wir jetzt doch weiterlaufen? Es soll doch angeblich die Quelle im See sich befinden, also ein unterseeischer Wasseraustritt sein, auch wenn wir dafür noch keinen (etwa filmischen) Beweis finden konnten. Nun kommen aber diese Wasser aus der Höhe, genau auf der gegenüberliegenden Seite, während wir auf der unsrigen den Abfluß vermuten (den der Rheinschwimmer Ernst Bromeis nicht nahm, sondern von hier bis Disentis zu Fuß wanderte, was auch erstmal geschafft sein will). (Fortsetzung folgt)


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