Expedition zur Rheinquelle (2)

Beim Abstieg bewunderten wir die bauerngeometrische Schönheit der Lawinenverbauungen, ein weiteres Highlight dieses aus purer Laune entstandenen Spaziergangs, und fuhren, nachdem wir noch flugs in den Wasserfall überm Oberalpsee gestiegen waren, hinein in den Bergabend mit seinen importierten Spätburgunderfläschchen aus der benachbarten Bündner Herrschaft, seinen ortstypischen Schwarzwürsten (andutgels) und uralten, stets aufs neue angemischten Empfindungen. Da waren Serpentinen, in die unser Wagen sich schmiegte und eine rasende Landschaft in verstoppeltem Grün. Da war Höhe. Mit der Höhe kommt die Erhabenheit. Es war nicht die höchste Höhe, die Erhabenheit war in vertretbarem Maße vorhanden. Durch die Seitenfenster, durch Front- und Heckscheibe, auch über den Rückspiegel drang die Landschaft in erheblichem Grün, welches den felsigen Untergrund kaum zu kaschieren vermochte, ins Wageninnere und pochte. Steinsein, dachten wir. Sich verdichten. Ewigkeit, was ist das schon? Auf dem Hotelparkplatz herrschte angenehme Leere, das Dorf Tschamut duckte seinen Kopf zwischen die Achseln, Gerüche von Heu und Benzin verknoteten sich zu Stricken, die nach und nach die Felsen herabrutschende Dämmerung zu umwickeln und später als rabenschwarze Nacht festzuzurren.

Genau diesen Abend durchfloß in gängiger Dämmerung ein höchstwahrscheinlicher, sehr junger Rhein. In spätburgunder Stimmung sprangen wir den wilden Bachlauf entlang. Die flüsternden Ufer lehrten uns weitere sursilvanische Ausdrücke, Schwerpunkt Tierwelt (camutsch, tschess, il sprer, il luf, muntanaula…), wir klickten durch die zahlreichen Alpenflorabilder auf unserer Digicam: sich im Winde wogendes Männertreu, der wuschlige Wilde Mann, sein Adäquat, der Alpenrasierpinsel, und immer wieder enzianische Blaulichter, blendeten dem analogen Tal somit mannigfalte digitale Fremdblüten ein, um das Wunderland in übersteuertem Farbspiel zu betrachten. Aus dem wildbewachsenen Uferrand bluckste und schnackste es, jedoch verdruckst und selten. Das Wasser war an der Hörgrenze in tiefstem, weiblich selbstbewußten Erzählfluß begriffen, schliff mit enormer Geduld die Kiesel und bestrich sie zugleich mit kühler klarer Salbe. Wir lauschten und fanden nicht recht hinein in die vielen sich überlagernden Erzählansätze. Zurück im Hotel, bei einer späten Gerstensuppe, heiß serviert, vertieften wir uns ins leise Spiel der in der dicken Brühe schwebenden Graupen und fielen alsbald in unruhigen Schlaf, in dessen Träumen wir die dem Rhein abgelauschten Erzählstränge neu verfugten, denn: nach einer Weile erblickten wir uns selbst als auktorialen Erzähler eines immer lyrischer werdenden Traumnetzes, das alle paar Minuten zwischenzuspeichern eine heikle Aufgabe vorstellte. Es handelte sich um tausende Gedichtanfänge aus Wassermolekülen, mineralhaltigen H2O-Verbindungen mit schwirrendem Kernwerk und paradoxen Verhaltensweisen: ausströmendes Universum, einfließendes Universum, sich spendendes, sich verwendendes, sich vergebens gebendes, höchstverwirrtes einer ganzen Menschheitsgeschichte. Wir möchten das hier nicht detailliert widergeben, es soll ja ein Buch draus werden. Es raste jedenfalls ziemlich auf uns ein. Endlich wurden die überaus hektischen Traumdateien aus Gottes beruhigenden Vernichtungsreserven geflutet und wir stolzierten erstaunt, mit Aufgabe signalisierenden=geschlossenen Augen ins Schwemmland eines ernsten Tiefschlafs. (Fortsetzung folgt.)


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