Monatsarchiv für August 2012

 
 

Presserückschau (August 2012)

Nachdem noch im Juli die DLRG verschiedentlich gemeldet hatte, daß Schwimmen im Rhein nirgendwo sicher sei, veranstaltete sie im August wieder ihre traditionellen Rheinschwimmen zwischen Heidenfahrt und Ingelheim (136 Teilnehmer, Erbsensuppe), in Rheinfelden (44 Naturfreaks, ein Biber), und in Kooperation mit den Schweizer Kollegen zwischen Mumpf und Bad Säckingen (327 Schwimmbegeisterte, Fischessen): Hasardeure! Die weiteren Meldungen des Augusts:

1
Die Dreiländerbrücke (zwischen den Partnerstädten Huningue und Weil; Anm.: rheinsein) ist mit 248 Metern die längste Radfahrer- und Fußgängerbrücke der Welt“, konstatiert die Badische Zeitung und befragt Passanten zu ihren Nachbarschaftsgefühlen. Nicole Kebel (79) aus Saint Louis: “Ich (mache) fast jeden Tag einen Spaziergang auf der Brücke und trinke dann in Weil einen Kaffee. Ich habe den Krieg erlebt, diese Partnerschaft hat eine sehr starke Bedeutung für mich. Sogar wenn ich auf der Brücke gehe, bin ich sehr gerührt.” Hingegen Audrey Allgeyer (31) aus Village-Neuf: “Wir mögen die Stadt Weil am Rhein und die Läden dort nicht, deshalb ist es uns egal, wenn es Veranstaltungen gibt und dass Weil am Rhein und Huningue Partnerstädte sind.”

2
Die ortsansässige Schildkröte Rheini wurde von einem Mann aus dem Konstanzer Rheinstrandbad gestohlen, berichtet der Südkurier: „Der Unbekannte sei bei seiner Tat beobachtet worden. Trotz Protests der Badegäste habe er sich von seinem Vorhaben nicht abbringen lassen. Die Rheini-Fans bitten ihn darum, das Tier wieder zurückzubringen, sonst werde Strafanzeige gestellt. Schließlich sei es nicht erlaubt, einfach ein wildes Tier nach Hause zu nehmen.“ Die Hintergründe dürften in einem Streit um artgerechte Tierhaltung liegen, wie die Kommentarspalte vermuten läßt.

3
Am Gotthardpass ist der Vier-Quellen-Weg, eine Wanderroute, welche die Quellen von Rhein, Reuss, Rhône und Ticino berührt/verbindet, eröffnet, meldet der Tagesanzeiger. Zur Einweihung sprach Ueli Maurer. „Der Gotthard, das zentrale Massiv der Strecke, stehe für Freiheit, den Gründungsgedanken der Eidgenossenschaft und die direkte Demokratie. Der Bundesrat hofft, dass Wanderer entsprechende Emotionen durchleben werden.“ (Aber hallo, das muß unbedingt ausprobiert werden! Gilt das auch für Ausländer?)

4
Bizarre Tiernachricht aus den Tiefen des Sommerlochs: Weil er seine Mischlingshündin mit Paketschnur an den Vorderfüßen gefesselt in den Rhein geworfen habe, wurde ein Kölner wegen Tierquälerei zu einer Geldstrafe verurteilt, berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger. Das Tier indes überlebte. „Winselnd, das Fell völlig durchnäßt“ wurde Bonnie von einer Passantin am Stammheimer Ufer entdeckt. (Wir fühlten uns umgehend an die (durchaus noch ein Quentchen bizarrere) Hundeszene in Guy Helmingers Etwas fehlt immer erinnert und gedachten für einen weiteren Moment der so oder so zustandegekommenen Gequältheit diverser Gottesgeschöpfe.)

5
Es war wohl wenig los im August. Bei Lorch lief das 105 Meter lange Schiff Karola auf Grund. Der Frachter hatte Eisenplatten geladen (SWR). Beim U-Bahn-Bau in der Düsseldorfer Innenstadt trat ein Mammut-Stoßzahn zutage – bei weitem nicht der erste in der Gegend (Rheinische Post). Weil also wenig passierte, verlegte sich die Presse stärker auf Ankündigungen: „178-Millionen-Euro-Projekt: Die neue Schiersteiner Brücke soll in zwei Abschnitten bis 2018 entstehen. Sie wird fast 1,3 Kilometer lang und 44 Meter breit sein.“ (FAZ) Ab 9. September wird das große Binger Weinfest unter dem Motto “Schon Hildegard von Bingen lobte den Wein – drum lasst beim Winzerfest am Wein uns erfreun” eröffnet (business-on). Und nicht zuletzt: „Gedichte sollen den Rheinuferweg bei Basel säumen“ – was für Gedichte genau, werde sich noch herausstellen (Tageswoche).

6
Schließlich erregte noch eine Meldung von einer jungen Schweizerin größeres Aufsehen, die von der Karlsruher Wasserschutzpolizei aus der Iffezheimer Schleuse gefischt wurde (ka-news, Focus): in ihrem Schlauchboot, das sie mit Schwimmflossen an den Beinen manövrierte. Besondere Erwähnung gewährte die Presse ihrer Kopfbedeckung, einer Kapitänsmütze. Seit Biel (Aare) hatte die 26jährige innert 14 Tagen bereits über 200 km in dieser Fortbewegungsart absolviert, gab das Schlauchbootflosseln nach einer polizeilichen Gefahrenaufklärung jedoch auf und will nun versuchen, per Schiffsanhalterin an ihr Ziel, die Nordsee, zu gelangen.

Oberrheingedicht

Dieser Tage ist der neue Gedichtband Scherbenballett von Matthias Kehle erschienen. Kehles Gedichte lesen sich als ruhige, essenzenfilternde Blicke auf seine Sujets. Hier erklimmt der Leser mit dem Autor die nördlichen Schwarzwaldausläufer, der Blick schweift gen Norden übers weite Rheintal bis zum Odenwald. Die beruhigende bis erhebende Wirkung des Innehaltens auf der Höhe schwingt in den Zeilen, aus denen gleichberechtigt mit den Türmen des Speyrer Kaiserdoms die Kühltürme des Kernkraftwerks Philippsburg ragen, welche die ansonsten wie aus der Zeit gefallene Stimmung in die Gegenwart rücken:

Blick über die Rheinebene
(Kreuzelberg, Ettlingen)

Geh langsamer
es ist noch früh

der Huflattich kommt
mit seinen Lockstoffen

von weitem heisere
Glocken bleib stehen

von hier siehst
du die Kühltürme

den Dom und rechts
den Melibokus

aus: Matthias Kehle: Scherbenballett, Gedichte, Verlag Klöpfer&Meyer, 128 Seiten, 16 Euro.  rheinsein dankt dem Autor fürs Überlassen des Textes!
Auf der Verlags-Website finden sich weitere Textproben, das Buch kann direkt dort geordert werden.

Was tun, wenn ein möglicherweise ausländischer Storch in den deutschen Rhein fällt und aus eigener Kraft nicht mehr hinauskommt?

Eine Tragödie mit bühnenreifen Elementen ereignete sich einer Meldung der Badischen Zeitung zufolge vor wenigen Wochen am Märkter Stauwehr. Passanten hatten dort einen hilflos im Rhein zappelnden Storch gesichtet. Mittels einer – aufgrund der schwierigen Geländelage und ihres seltenen Umgangs mit Störchen offenbar von Slapstickeinlagen gespickten – Gemeinschaftsaktion holten sie das Tier an Land. Da lag es dann. Also telefonierte, um weitere Procedere-Optionen in Erfahrung zu bringen, eine der Storchenretterinnen mit Polizei, Tierärzten, Tierschutzvereinen der nahen Städte Weil und Lörrach, „am Ende auch mit dem Forstamt“, wobei sie sich „vorgekommen (sei) wie der Buchbinder Wanninger in dem gleichnamigen Sketch von Karl Valentin“, da sie, unter anderem mit der Gegenfrage, ob es sich gegebenenfalls um einen französischen Storch, für den dann die Behörden des Nachbarstaats zuständig seien, ergebnislos von einer Stelle zur nächsten durchgereicht wurde. Schließlich half (sieh da!) das Internet. Über eine elsässische Naturschutzorganisation fand sich der grenzüberschreitende Hinweis auf eine erfahrene Märkter Storchenbetreuerin. Welche sogleich herbeieilte, den Storch in ein Tuch wickelte und zu einem Tierarzt brachte, der den Geretteten schließlich einschläferte, weil er ein Bein gebrochen hatte. Über die Nationalität des Storches wurde über seinen Tod hinaus nichts weiter bekannt.
Die abgewiesene Passantin, berichtete die Zeitung, erwäge seither die „Einrichtung einer dreisprachigen Internetseite, auf der die Leute, die einen verletzten Storch finden, genau erfahren, an wen sie sich wenden können.”

Wir hingegen erwogen nach dieser berührenden Meldung, wie häufig wohl Störche in den Rhein geraten mochten, ohne sich wieder aus dem Fluß befreien zu können. Wir wogen hin und wogen her und bisweilen wollte uns scheinen, daß hier ein Präzedenzfall vorliegen könne, der nicht allzu häufig sich zu wiederholen drohe. Doch dann wieder bildeten sich vor unserem Auge bizarre Scharen hilfloser Störche, mit den Beinen aus dem Rhein ragend, luftstaksend, flügelschlagend, um Hilfe klappernd. Eine solche Vision zog uns stracks ans Riehler Gestade. Dort trafen wir einen Tourenpaddler, den wir fragten, ob er auf seiner Tour Rheinstörche gesehen habe. Und jetzt kommts: er hatte! Und er hat sie sogar fotografiert:

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Diese Störche flankierten erst kürzlich den Rhein knapp nordöstlich von Worms auf der hessischen Seite. Welches Idiom sie babbelten bleibt unklar.

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Falls jemand die Tiere kennt: die Störche sollten auf jeden Fall vor den Gefahren des Rheins gewarnt werden.

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rheinsein regt hiermit die Öffentlichkeit an, zum Wohl der Störche über folgende Punkte nachzudenken: Nummernschildpflicht für Störche (inkl. Länderkennzeichen). Weitere Punkte: Rauchverbot (auch Verrauchverbot) für Störche (aktiv, passiv, Starkstrom) an öffentlichen Plätzen, die auch von Menschen frequentiert werden (könnten); „Nervgebühren“ für Rhein-/Badeunfälle nur simulierende Störche (Posingsteuern); Versammlungsregulierung (Gruppenstorchabkommen); Schutzräume für storchische Wildrosengebete am Eliza Day; (…)

rheinsein dankt dem Tourenpaddler (Karlsruhe-Köln) Stefan Mittler für seine Aufklärung über rheinische Storchvorkommen und die zahlreichen, uns freundlicherweise zur Verfügung gestellten, aussagekräftigen Fotos aus Faltboot-Paddlersicht, von denen wir nach und nach einige an dieser Stelle präsentieren dürfen/werden.

Von der kurzen Renaissance politischer Lyrik

in Mitteleuropa im ersten Halbjahr 2012 handelt unsere aktuelle, gestern erschienene Kolumne für das Kultur-Monatsmagazin KuL des Liechtensteiner Vaterlands, von ihren medialen Erfolgen im Falle Günter Grass und ihren konkreten Folgen bei einer Volksabstimmung in einem Fürstentum im Falle anonymer, pro-fürstlicher (hier und hier auf rheinsein dokumentierter) Agitprop, nachzulesen über diesen Link.

Qualle

heiligmaessiger see

“Das hier ischt die Qualle!” (Gehört am Tomasee. Wir vermuten Basler Dialekt.)

Val Strem (4)

Bei den gröberen Kaskaden angelangt picknickten wir, nachdem ihre Farben mit denen des Himmels abgeglichen waren, die unterwegs gesammelten Blaubeeren, musterten bis zur Selbstverschwommenheit die Muster verschiedentlicher Flechten, stellten uns somit den Ängsten, welche die Bergnatur dem unbedarften Eindringling von hinten durch die Brust ins Auge einschenkt, und wurden dabei so übermütig wie der brüllende, sprühende Rhein, der wie ein mittelmäßig Irrer mit größter Selbstverständlichkeit und Beharrlichkeit gegen die Felsen klatschte, brüllten, einem unnennbaren Impuls folgend, ebenfalls, lauschten, ob sich das menschliche Gebrüll dem Tosen mischte, eine gemeinschaftliche Musik am Rande des Erträglichen (the worst & loudest of nature) zu erzeugen, eine befreiende zugleich, von soviel Idyll, daß es verfälscht wirkte, wie ein von ziemlich realistischen Figuren bevölkertes Computerspielszenario Gorrh of the Alps (ein Egorrhshooter) mit einzeln animierten Grashalmen digitaler Qualität, wobei verfälscht wiederum der falsche Ausdruck wäre, denn was erschaffen wird, kann schwerlich verfälscht sein, vielmehr schlecht nachvollzogen und kopiert (bei jeder Kopie entsteht Verlust), verfälscht: das wäre wohl eher Pfusch am Bestehenden, ein Eingriff zum Schlechteren hin, eine Prämisse, unter der wir mit uns selbst in Streit ausbrachen, ob unser Gebrüll ein naturverfälschendes oder ein Syntheseangebot vorstellte, bestimmte oder auch verstimmte Frequenzen zum Besseren zu organisieren, zu einem Mensch-Natur-Klangraum friedlicher Koexistenz und schöpferischer Grundlage wie er allenthalben bereits anzutreffen ist, aber kaum wahrgenommen wird, wenn wir zB ein mäßig entferntes Flußrauschen für ein fernes Motorrauschen halten oder umgekehrt oder beides sich zu einer akustischen Einheit mengt und wir uns, sobald wir es herausbekommen, wie im falschen Film fühlen, trotz allen längst formulierten Futurismus` und aller sich selbst überlappenden Moderne. Wir dachten bei den Kaskaden des Val Strem an die Liechtensteiner und ihre ungeheure, auch an Wochenenden ungebrochene Lärmbereitschaft, wenn es etwa um das Kupieren von Grünflächen geht (der Schweizer und Deutsche im Übrigen kaum nachstehen) und daß diese Freude (falls es überhaupt Freude ist) am Erzeugen nervtötender Antiklänge ihre Ursachen im heimlich ersehnten Überwinden brachialer oder sonstwie bangemachender Naturgeräusche liegen könnte und daß es daher erstaunlich sei, daß diese Nationen kaum nennenswerte Noise Art bisher hervorgebracht haben, wo doch jede Menge akustischer Emissionen allein schon von Haushalts- und Haushaltsumschwungsgeräten dringend einmal künstlerisch sublimiert werden müßten oder auch mörderisch verstärkt, um mal richtig einen Punkt zu setzen. Man darf das aber nicht von den andern fordern, man muß es am besten selber tun, dachten wir, und das war wohl der wahre Grund für unser im Rheintosen auf- und untergehendes Experimentalgebrüll und nicht, wie oben erwähnt, ein „unnennbarer Impuls“. Der Name Val Strem soll sich von extremus ableiten, da das Tal weit außen gelegen sei, jedenfalls nicht vom romanischen stremblir (zittern, beben), wozu es jedoch führen kann, sobald der Besucher auf extreme Gedanken verfällt. Auf dem gleichen Weg, den wir hinaufgestiegen waren, stiegen wir auch wieder gen Sedrun hinab.

Val Strem (3)

fischnix

bergrettung

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platschuals

cascad

flechten

Val Strem (2)

Die versprochenen Gemsen, Steinböcke, Murmel des Val Strem hielten sich am Tage unserer Erkundung bedauerlicherweise zu kurzfristig anberaumten Artenschutz-Konferenzen in den Nachbartälern auf. Stattdessen erwartete uns ein gestreckt-geschwätziges platschual von Bilderbuch-Nebenrhein, das mit einigen Kaskaden in seine höheren Höhen lockte. Neben uns vor allem Strahler, leicht erkennbar an ihren Pickeln, dem forschen Schritt und der kargen allwettergestählten Art. Das Wetter war bestens expeditionsgeeignet, das Dorf schnell in unserem Rücken. Die liftbestandene Matte oberhalb Sedruns glich einem englischen Rasen (wir vermuteten robotorisiertes Heuen), an der Ostwand erblickten wir ein gleichsam exotisch organisiertes Baum-Stein-Ensemble erklecklichen Ausmaßes, das nicht recht an Ort und Stelle zu passen schien, sondern vielmehr, womöglich als Reminiszenz an die Himmelsrichtung, aber auch weil es recht exakt umgattert war, an die menschliche Komposition eines Japanischen Gartens erinnerte.

Bevor das Val Strem oberhalb der Skilifte stärker ansteigt und sich längs des Flußlaufs verengt, fielen uns nächst einer Rheinbändigungsvorrichtung von massiven Metalldeckeln gesicherte rundliche Bodenluken auf, die, nachdem wir sie eine Weile aus den Augenwinkeln beobachtet hatten, von flugs herbeigeeilten, finster dreinschauenden, romanisch sprechenden Vollbartträgern überprüft und als bestens verrammelt abgehakt wurden, dieweil wir die mißtrauischen Blicke der Prüfmänner ernteten. Mißtrauische Blicke aber beflügeln, ob von den Blickewerfern beabsichtigt oder nicht, umgehend unsere Fantasie. Einstiege wohin stellten diese an Schiffsluken erinnernden Pforten vor? Harrte unter uns in unterirdischen Hallen das Schweizer Militär? Handelte es sich um eine Schnittstelle zwischen der Menschen- und der Bergzwergenwelt? Wir stellten uns allerlei abartiges, gefährliches, monströses oder aber auch allzunützliches hinter diesen Luken vor, auf daß sie besser im Halbstundentakt auf ihre Verschlußsicherheit zu prüfen wären und der Gemeinde einige Arbeitsplätze sicherten/abrängen, die, weil die Arbeit äußerste Aufmerksamkeit erforderte, nur von den zuverlässigsten Kräften erledigt werden könnte, wozu in den eher entlegenen Alpenrheintälern traditionsgemäß die bärtigsten Männer zählen, niemals aber die Frauen, die sich jederzeit als striga entpuppen könnten – Arnold Büchli wußte ein paar tausend Seiten Material zu solchen und ähnlich gearteten Fänomenen zu sammeln, welches in der Kantonsbibliothek zu Chur zugänglich ist.

Bald führt der Weg ins Rheinrausch-, Männertreu- und Blaubeer-Idyll, gelegentlich bevölkert von besagten Strahlern und alleinwandernden Heidis in ihren Endvierzigern. Und wenn die Steinböcke die Konferenz im Nachbartal nur vorgetäuscht haben? Wenn sie uns beobachten, perfekt im Fels getarnt, oder mit pflanzenstengelartigen Periskopen aus den ominösen Bodenluken? Mit ihren Hörnern könnten sie vermutlich leicht den Grund durchbrechen und plötzlich vor uns aufwallen und teuflisches, wie rückwärts abgespieltes und hernach perfide gedehntes, ächzendes, rachitisches Zeugs brabbelnd uns einen sagenhaften Wegzoll abverlangen. (Aus ihren Augen Blitze zu schleudern vermögen sie natürlich auch.) Was ist das für ein schon beinahe pervers (also sowas von dermaßen) weiß ausgewaschner Schädel dort unterm Uferwuchs auf einer Felsplatte, wie ein professionell-unabsichtlich plaziertes, umso triftiger Bedeutung aussendendes Accessoir im Rein da Strem? Ein menschlicher? Ein tierischer? Wie lang liegt er schon dort? Waren es die Bartleute, die ihn dort plazierten? Oder warum haben Ihro Zuverlässigkeiten ihn nicht längst entsorgt? Die Sonne knallt, sie hat an diesem Tag sonst nichts zu sagen. Über den Fels sickern Quellwässer mit sehr unterschiedlichen Mineraliennoten. Ein Falter faltet sich, bis er, des Faltens überdrüssig, flattert. Die wenigen Singvögel in dieser Höhe äußern, wenn überhaupt etwas, nur Schimpf und Hohn. Einmal, meinten wir, zog der dünne Schatten des Murdlers, der selber unsichtbar blieb, über uns hinweg. Schließlich erreichten wir die Wasserfälle, ils cascads.

Hinweis auf eine Website

thendry

Eine tiefgreifend informative und daher sehr empfehlenswerte Website über die Kultur, Geschichte und Geschichten Tujetschs ist die von Tarcisi Hendry, der rheinsein freundlicherweise mit Informationen zur Namensherkunft des Val Strem weiterhalf: ein Musterbeispiel für eine gute regionalkulturelle Fakten-Sammlung im Internet. Die meisten Inhalte sind auf romanisch verfaßt, ein Special bietet darüberhinaus einige, zum Teil akribisch gearbeitete Artikel in deutscher Sprache, sowie historische Notizen diverser, teils auch auf rheinsein versammelter Autoren über die Eigenheiten der sursilvanischen Gemeinde, und nicht zuletzt ein umfassendes bio-bibliografisches Dossier zum Dichter Vic Hendry.

Val Strem

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Das Val Strem findet sich gleich hinter dem Sedruner Bahnhof. Es schien, als wir hineinstrebten, weil wir gehört hatten, dort seien nebst Murmeltieren auch Steinböcke und Gemsen an den Fällen eines idyllischen Nebenrheins anzutreffen, von einem rauchenden Vulkan bewacht. Tatsächlich performte/trainierte dort eine schauspielernde Bergwolke, die sich bei unserem Anblick rasch auflöste.

Expedition zur Rheinquelle (5)

Der Tomasee hatte bergumstanden-bergespiegelnd etwas religiöses, gar kirchliches, jedoch nicht von einem Ort der Einkehr, sondern eher von einer touristisch stark frequentierten Kathedrale, also außerhalb der Gottesdienst- bzw Zufluchtszeiten. Zwar verteilten sich die Pilger um den kathedralen See herum sehr ordentlich (wurden beim Umrunden hinter Steinen und in den Matten, bis fast hin zum Verschwinden, immer kleiner) und standen sich hauptsächlich beim Einstieg (in voller Größe) auf den Zehen herum, doch waren z.B. die Felsplatten, auf denen sich über den austretenden Fluß bewegen (oder sozusagen mitten in den Rhein setzen) ließ, stets von Neugierigen bevölkert, zumal wir feststellen durften, daß sie zu einem zweiten Aufstieg/Abstieg führten, als Teil eines Wanderwegs, den wir ungelenk ein paar Meter über ein kleines grobkörniges Schneefeld hinabschlidderten, dieweil der Rhein zu unsrer Linken mit lässigem Drang über den Schotter glitt. Der Blick fiel dabei aus dem engen Flußlauf hinab ins besonnte Tal. Da stellte sich ganz unvermittelt ein Gefühl ein von Aufbruch und In-die-Ferne-ziehn. Das Wasser dünkte uns ein gerade mündig gewordener Sohn, der sich nun davonmacht in die weite Welt. Schmerzlichkeit und gute Wünsche. Anteile von Erlösung. Das Wissen um das so unwahrscheinliche wie zwangsläufige Anschwellen dieses frischen Bächleins zu einem wallenden, tödlichen, industrieguttragenden Strom voller Schlamm, Geröll und Öl, seine Auflösung in der Nordsee und schließlich im Wasserkreislauf. Sein Aufblühen und Scheitern. Lebenswege, Energieerhaltungssätze. Dann wieder, mit um 180 Grad gewendetem Blick auf den ruhigen See, ging uns durch den Sinn, daß das Markieren eines Quellpunkts am ehesten wohl dem menschlichen Bedürfnis nach Handfestigkeit und Verläßlichkeit, auch nach Selbsttäuschung entspräche, daß wir stattdessen lieber die zwonhalb Schmelzbäche oberhalb des Tomasees als eigentliche Rheinquellen betrachten sollten und davon ausgehen, daß zu andern Jahreszeiten auch mehr als zwonhalb oder weniger als zwonhalb Schmelzbäche in den Tomasee hinbabfließen dürften, daß also die Quellen des Rheins unfaßbar oder nur efemer greifbar, besser durchgreifbar bleiben (eben so, als wolle man Wasser „für immer“ in der eigenen Faust einfangen), daß sie auftauchen und verschwinden ganz wie es ihnen beliebt, wenngleich dabei zunächst nur vom Vorderrhein die Rede wäre und nicht vom Hinterrhein, den es ja auch noch gibt und ohne den in Betracht zu ziehen ein Rheinquellenempfinden immer unvollständig bleiben wird, eben so, wie es nachher in TV-Dokumentationen manifestiert daherkommt, die stets den Tomasee als Rheinquelle ansteuern/anbieten, wohl weil dort immerhin ein hübscher See zu sehen ist, aus dem ein Bach austritt, ein Flüßchen, dieweil am Hinterrhein das Ansteuern der „Quelle“ vermutlich am Gelände scheitert, in dem der Weg versickert (in Geröll aufgeht), von dem also bis auf weiteres angenommen werden darf, daß auch seine Quelle beweglich sein könnte, in etwa so beweglich wie der Gletscher, der sie behaust. Die Geisterhaftigkeit unsichtbarer Quellen, ihre selbstmythisierende Geistigkeit. Animus, anima, animum. Kernschmelze. Welt aus Welt, Wasser aus Wasser. Strömen, Pulsen, In-sich-Tragen. Das Wasser, aus dem wir bestehen, polte sich an diesem Ort, so schiens uns, ständig um. Daß es vor der Existenz des Rheins einmal keinen Rhein gegeben habe und daß der Rhein erdgeschichtlich betrachtet ein äußerst junger Spund sei, ging uns durch den Sinn und die Erinnerung an die mit fassungslosem Schrecken geäußerten Worte einer gebildet wirkenden Dame im Regionalzug bei Unkel, daß der Rhein „einmal wieder weg sein könnte, stellen Sie sich das nur vor!“

Am Abend ging es nach Sedrun, die Expedition mit Tujetscher Capuns zu beschließen, sowie mit Blutzcher und Marenghin, zwei sursilvanischen Biersorten mit Namen wie aus einem Beckett-Drama. (Neben Blutzcher und Marenghin existiert noch eine dritte sursilvanisch-beckettsche Biersorte: Rensch; die reimarme Landschaft um das Wort Mensch ein wenig zu beleben.) Die Radiosender verkündeten den heißesten Tag des Schweizer Sommers und daß es angesichts dieser Tatsache nicht mehr hip sei, Spritz zu trinken, wie noch im letzten Jahr, sondern ein Getränk namens Gustav oder Oskar oder Pascal, jedenfalls eins mit einem recht beliebigen Namen. Am Nebentisch saß ein Herr, der zu seiner Haxe immer abwechselnd einen Schluck Bier und einen Schluck Rotwein trank, was er sich beides in Literstärke bringen ließ: auch ein originelles Trinkverhalten, das es vielleicht in sieben bis neun Jahren, wenn Hipness unhip geworden ist, zum Radio-Sommertip bringen wird. Hinter den südlichen Bergen, dort wo wir das Tessin vermuteten, grollten Gewitterdonner wie das Geröhre streunender Großkatzen. Es hätte uns nicht gewundert, wäre über den Graten eine schwarze Pantherwolke erschienen. Wir strichen noch ein wenig durchs Dorf, bestaunten die abstrakt wirkenden Aushänge und versorgten uns mit andutgels und Sedruner Käse. In der Sonne, in der Erinnerung und durch das Bierglas gefiel uns die Gegend der vergangenen Stunden so gut, daß wir nach vollbrachter Expedition beschlossen, einen weiteren Tag in der Surselva anzuhängen, um wenigstens noch eines ihrer geheimnisvollen Nebentäler zu erkunden. Zurück im Hotel, das plötzlich einen seiner zahlreichen Ruhetage feierte, aber dennoch von uns bewohnt werden durfte, besichtigten wir die Stube mit ihren sursilvanischen Geweihvorkommen, den wunderbaren Stichen des alten Tujetsch, auf denen Tschamut noch kleiner als heute wirkte (eine ziemlich unvorstellbare, dafür umso besser gestochene Szenerie) und den fatalistischen Gästebucheintrag eines unbekannten Reimfreundes: „Grau, grün & blau die Bergwelt war / auch im zweitausendzehner Jahr“ (Ende)

Expedition zur Rheinquelle (4)

Wie schwierig oder wenig schwierig der Aufstieg einzuschätzen ist, läßt sich am besten daran ermessen, daß ca fünfjährige Kinder ihn problemlos bewältigten. Schweizer Kinder, wohlgemerkt, welche kaum der Mutterbrust entrissen in die Seinswelt der Berge geschleudert werden, wo sie gemsische Fähigkeiten entwickeln, die dem Flachländer je nach Gemüt und Fitness Bewunderung oder Skepsis abringen. Der erwachsene Schweizer schleppt Unmengen Ausrüstungsgegenstände auf seinem Rücken den Berg hinan, um sie und sich am See zu entfalten: Zelte, Campingausrüstung, Angeln (im Tomasee sollen Forellen und Saiblinge vorkommen, weil Gott oder einige seiner treuen Exekutivkräfte sie einst dorthinein entließen), Schweizer Kinder, die aus verschiedenen Gründen nicht auf eigenen Beinen in die Höhe steigen können/sollen/dürfen, imposantes Kameraequipment (wieviele hunderttausende hochaufgelöste Bilder muß es von diesem Bergsee geben!), Nachtsichtgeräte, Unterhaltungselektronik und weitere Gegenstände, welche seinen Rucksack aufs Äußerste dehnen, als befände sich darin ein gefährlicher lebender Organismus kurz vor dem Ausbruch. (Nur Tauchausrüstungen haben wir erstaunlicherweise nicht unter die Augen bekommen.)

Glück mischte sich mit Geschick: denn wir waren absichtlich früh losgezogen und bekamen von den beladenen Massen zunächst wenig mit. Stiegen und schauten stattdessen taumelnden Schwalbenschwänzen nach, ließen den Blick auf kürzlich geschmolzenen Schneefeldern ruhen, auf denen mitten im Hochsommer die Frühjahrsblüte ausbrach in Form von Gelber Alpenkuhschelle und Frühlingsenzian. Die Hochamsel lästerte. Wir fanden Stinkwurz und Saxifraga, notierten, notierten, umrauscht von Wasserläufen, den Geräuschen der Motorräder in den nah-fernen Serpentinen, der Kühe, Insekten und nach ein wenig Tändelei schließlich doch auch der kernigen Wandergruppen, die mit gefletschten Zähnen im Gänsemarsch von unten nachrückten und uns, falls wir weitertändelten, auf dem schmalen Pfad zu überrennen drohten. Die Schönheit der Berge, sie existiert in diesem Ausmaß erst seit sie käuflich ist, der Wohlstand hat sie sich herangezüchtet, zur Abwechslung von Bürozimmern.

Nach etwa anderthalb Stunden steten Steigens ist die Nähe des Sees zu spüren, der Weg geht streckenweise über nackten Fels und plötzlich steht der Pilger in einer Blickschneise, wie sie für ein Heiligtum nicht besser inszeniert sein könnte und schaut auf den nur von diversen Hinweisschildern verstellten, in einer schönen Bergmulde enthaltenen See, wie er flach und tiefblau und durchaus von einem gewissen Etwas gesättigt darniederliegt, während ihn Wiesenstreifen zieren und flechtengrüne helle Felsen umragen, am Himmel kein Wölkchen. Ein Abfluß ist erstmal nicht zu sehen, dafür zweieinhalb reins oder uals, die aus den Höhen herbeiströmen, den See zu speisen. Sind das? Ist einer? (Ein halber davon?) Müssen wir jetzt doch weiterlaufen? Es soll doch angeblich die Quelle im See sich befinden, also ein unterseeischer Wasseraustritt sein, auch wenn wir dafür noch keinen (etwa filmischen) Beweis finden konnten. Nun kommen aber diese Wasser aus der Höhe, genau auf der gegenüberliegenden Seite, während wir auf der unsrigen den Abfluß vermuten (den der Rheinschwimmer Ernst Bromeis nicht nahm, sondern von hier bis Disentis zu Fuß wanderte, was auch erstmal geschafft sein will). (Fortsetzung folgt)

Quellenangabe

rheinquelle

Direkt am Einstieg zum Tomasee ist ein Schild RHEIN-URSPRUNG angebracht, an seinem Nordufer ein weiteres: RHEINQUELLE. Beide Schilder tragen den gleichsam untertitelnden Hinweis 1320 km bis zur Mündung: Quellenangaben ohne nähere Quellenangabe. Der durchschnittliche Besucher fühlt sich offiziell behinweist und sucht nach der Quelle vergeblich. Weil es aber da steht, wird sie schon irgendwo sein. (Häufig am Ufer, von leicht hilflosem Unterton getragen, zu hören: “Der See ist die Quelle.”) Diverse Autoren (etwa Sererhard) behaupten, der Tomasee berge einen unterseeischen Rheinborn. Tauchgänge, diese Theorie zu überprüfen, unterließen wir jedoch.
Die Länge eines Flußorganismus` anzugeben, muß naturgemäß ein ungefähres Unterfangen bleiben. Aktuellen Meldungen zufolge, soll der Rhein eine ungefähre Länge von 1233 km aufweisen. Solche Zahlen schwanken, je nachdem, von wo bis wo (von wem) gemessen wurde. (Erst neulich lasen wir im Stadt-Anzeiger von Kölner Studenten, die der Meinung waren, der Rhein münde ins Mittelmeer.) Bis ins 18. Jahrhundert, lesen wir nun auf rheintal.de, schwankten die Längenangaben zum noch unbegradigten Rhein zwischen 550 km und 1100 km.