Monatsarchiv für Juni 2012

 
 

Gorrh (20)

Mitten in renovierten Bezugsumgebungen wird Gorrh (dh wird Gorrh Gorrh, dh wirrt Gorrh, dh Gorrh wird Wirt), nach ausgeprägtem, überstandenem Kautschkartoffelstudium mit Bringepizza und den bewußtseinsintensiven Nährstoffen seiner Ängste (und noch unkeuscheren Substanzen), während dessen Gorrh sich mit sämtlichen TV-Sendeformaten vertraut machte und ausgedehnte Werbetelefonate mit Unternehmen vornehmlich der Telekommunikations- und Glücksspielbranche führte, somit das menschliche Potential der Heimat in prägenden Grundzügen erfaßte, eine Wirkperiode, als deren frühes, unvollendetes Resultat Gorrh nicht zuletzt seine Nachbarn in den gesamtgesellschaftlich viel zu wenig genutzten Stunden zwischen 3 und 5 Uhr morgens mit ultraernsten, übereindutzendaktigen Klopfzeichenopern im Stile des gehobenen Autismus` der ersten rot-grünen Bundesregierung unterhielt bzw versorgte, wird Gorrh sich nun seine (lediglich zum Undercoverstudium angenommene, dann aber unversehens ausgeartete) Opferrolle als Erwerbsloser in den monströsen allesdurchdringenden Wucherungen des Ariel-Kapitalismus wieder abwaschen und sich zu diesem Zweck rheinabwärts treiben lassen. Um dieses Vorhaben bestvorbereitet umzusetzen, hat er sich im Internet einen Wickelfisch bestellt. In den paßt alles für unterwegs, selbst Gorrhs zweites bis siebtes Ich (Gärrh, Goarhh, Groaaahh, Gerd, Gurrh und Gretel) haben Platz im Wickelfisch, nebst Ersatz- und Ausgehwickelfischen in zeitlosen wie in Saisonfarben. Was Gorrh sonst noch einpackt, verschweigen, weil es locker auf eine Kuhhaut geht, die meisten Frauenzeitschriften: ein Säckchen Callifora vicina, ein Säckchen Lucilia bufonivora, ein Säckchen Vogelblutfliegen (gemischt) und sein tiefenentfaltbares Landschaftsstethoskop. Ok, jetzabbamavorrran! Gorrh kniet sich ins Rheinknie. Das Flußwasser wallt Gorrhs Pelz. “Nein Gorrh, dies ist kein Abklingbecken!” “Hä? Wer spricht?” Um die Selbstreinigung zu beschleunigen, richtet sich Gorrh zum Schlot, klappt die Nüstern auf und stößt den giftigen Dampf, der sich in seinem Körper, in seiner Persönlichkeit gesammelt hat, senkrecht hindurch, eine vom Turm des Freiburger Münsters gut sichtbare Säule. Wenig später gellen die Sirenen. Gorrhs Dampf indessen transformiert sich zu Wolkenpampf, der Wolkenpampf transformiert sich in einen ziemlich heftigen Platzregen, in dem Gorrh steht. Hätte er nicht seinen Wickelfisch… aber er hat ihn ja, hat ihn ja, hahaha, hat ihn ja! Ganz zuoberst im Fisch lagert, per Knopfdruck auslösbar, Gorrhs Antiproblemtschirm. Zack, den Tschirm ausgelöst. Ein totaler Rettungstschirm! So watet Gorrh, bestens betschirmt, mal wieder rheinab. Sagt der Tschirm: “Drei Wünsche kann ich dir heut erfüllen.” Gorrh: “Därrraasnmußbrennnen! Stahlhelme auf! Finaaale-ohoho!” Läuft schwarzrotgold an, verbreitert das Tal mit seiner wasserdichten Vuvuzela. Wacht auf der Kautsch auf. Der Pschüchater zwinkert Gorrh plinkernd zu.

Der Rhing

Nichts Neues selbst geschrieben
Nur dem vertrauten Strome nachgeguckt
Darauf noch ein Alt geschluckt…

Hat gut im Bauch gegluckt…
Ach Rhing…
Ziehn wir an einem String?

(Ein Gastbeitrag von Rainer Vogel. rheinsein dankt!)

Promonarchistische Alpenrheinlyrik (2)

FL_Monarchie

“Nein zur Abschaffung”: doppelte Verneinung wird bekanntlich zur Bejahung. Doppelte Verneinung (n-nein-n-nein) ist aber doch auch immer etwas anderes als ein knappes, furztrockenes “ja”. Versteckte Bedenken lassen sich erahnen, wo einer mittels mehrfachen Neins erst zum Punkt gelangt. Und: Daswollnwirnichtdenken führt der Hobbypsychologe auf verstärkte Verbotsumgebungen in der Kindheit zurück. Muß fürstentreuer Konservativismus sich sui generis aus Doppelneinbejahung und Abgrenzung speisen? Und aus holprigen Versen, die sich paradoxerweise einem Volk anbiedern wollen, dessen Stimme sie letztlich garnicht gezählt wissen mögen?

Mein Rhein

für Stan Lafleur und Enno Stahl

Das Wort „erschlagen“ machte nie zuvor
mehr Sinn. Schwitzend stand ich schon
fünf Kilometer südwärts der Potemkin-

schen Treppen am Schwarzmeerstrand
fühlte nicht dasselbe, auch nicht als ich
in Lima den gewundenen Pfad nach unten

nahm, die achtzig Meter, der Pazifik
plusterte sich vor mir auf, die Neo-
prensurfer glänzten in der Abend-

dämmerung und selbst am weißen Strand
hinter der Hochhauszeile, Ipanema,
Rio, dieses Stelldichein der Straßenverkäufer,

und Badenixen, vielleicht auch die ein oder
andere weltbekannte Schönheit, die ich nicht
erkannte, auch am Ende Europas

am Cabo de Roca, wo Portugal den Atlantik
küsst, verspürte ich nicht dasselbe, meine
Freunde, wie an diesem verregneten Scheiß-

Tag in Düsseldorf, im verkaterten Nachgang
zu einem runden Geburtstag, an dem ich irrte
wie ein nichtgebriefter Tourist aus Fernost

durch die Gassen der Amüsiermeile. Froh
bin ich, da der Fluss nichts abverlangte und
mich mit einer alleeartigen Promenade

empfing, nass wurde ich trotzdem, doch
glücklich trocknete ich Knochen im grie-
chischen Café jenseits der Kaufmeile

ich dachte an die Glücklichen deren Portemonnaie
locker sitzt und an die Freunde, das Wasser
das ewig und drei Tage, den Fluss hinunter-

fließt, unbeeindruckt, vom Werk der Menschen,
den Knieproblemen, dem Hafenaushub, dem Turm,
dessen Beton erste Risse an den Tag legt

sich über alles andere schwingt oder den Elstern,
die Laute von sich geben, nicht singen, oder
demjenigen, der durchnässt einen Punkt setzt.

(Ein Gastbeitrag von Timo Berger, rheinsein dankt!)

Der asiatische Laubholzbockkäfer attackiert den Friedlinger Hafen

Aus Weil am Rhein wird heute von der Badischen Zeitung eine Invasion des asiatischen Laubholzbockkäfers gemeldet. Als trojanisches Pferd stehen fremde Holzkisten mit Granitsteinen aus „einem Importcontainer“ in Verdacht. Der feindliche Käfer eroberte die Platane auf dem Mitarbeiterparkplatz der Rheinhafengesellschaft mitten im Hafengebiet. Ob der Feind weitere Stellungen bezogen hat, ist noch unklar. Das Landratsamt ordnete an, unverzüglich die Überwachung des Gebiets zu intensivieren und stellte rigides Vorgehen in Aussicht: „In der Europäischen Union und in der Schweiz hat der Laubholzbockkäfer den Status eines Quarantäneschädlings, das heißt, daß seine Ausbreitung im europäischen Raum strikt verhindert werden muß.“ Ein mögliches Horrorszenario: Die Larven des Laubholzbockkäfers bohren sich in gesunde Laubbäume und bringen sie zum Absterben. „Bei ungehemmter Ausbreitung können die Bohrlöcher sogar dazu führen, daß Äste abbrechen und so Personen gefährden.“ Um das Killerinsekt ist bereits eine Quarantänelinie gezogen, doch die Taktik des Schädlings stiftet offenbar Verwirrung: „Die Zone soll einen Radius von zwei Kilometern haben, möglicherweise ist aber ein Durchmesser von zwei Kilometern gemeint, also ein Radius von nur einem Kilometer.“ Das Landratsamt als untere Landwirtschaftsbehörde will, ist aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen zu erfahren, in Kürze eine „Allgemeinverfügung zur Verhinderung der Verbreitung“ des Schädlings veröffentlichen. Das dreifache „-ung“ der Formulierung lasse auf höchste Behördenaktivitäten schließen. Das Frontgebiet umschließt nach aktuellem Stand einen Großteil des Stadtteils Friedlingen mit dem Rheinpark an der Dreiländerbrücke. Im Osten endet die Kampfzone noch vor der Bahnlinie. Der Haltinger Grünschnittannahmeplatz beim Rumänenfriedhof liege „definitiv nicht mehr im Quarantänegebiet“. Streng ausgebildete Gehölzaufklärer aus der Pflanzenbeschaudivision des Regierungspräsidiums sind seit dem frühen Morgen im Einsatz. Die Bevölkerung wird um Mithilfe gebeten, etwaige Sichtungen des Feindkäfers unverzüglich zu melden. Befallene Bäume sind behördlich zur Sofortrodung freigegeben.

Le Rhin réunit tout

“Saint-Goar, 17 août.

Vous savez, je vous l’ai dit souvent, j’aime les fleuves. Les fleuves charrient les idées aussi bien que les marchandises. Tout a son rôle magnifique dans la création. Les fleuves, comme d’immenses clairons, chantent à l’océan la beauté de la terre, la culture des champs, la splendeur des villes et la gloire des hommes.

Et, je vous l’ai dit aussi, entre tous les fleuves, j’aime le Rhin. La première fois que j’ai vu le Rhin, c’était il y a un an, à Kehl, en passant le pont de bateaux. La nuit tombait, la voiture allait au pas. Je me souviens que j’éprouvai alors un certain respect en traversant le vieux fleuve…

…Ce soir-là… je contemplai longtemps ce fier et noble fleuve, violent, mais sans fureur, sauvage, mais majestueux. Il était enflé et magnifique au moment où je le traversais. Il essuyait aux bateaux du pont sa crinière fauve, sa barbe limoneuse, comme dit Boileau. Ses deux rives se perdaient dans le crépuscule. Son bruit était un rugissement puissant et paisible. Je lui trouvais quelque chose de la grande mer.

Oui, mon ami, c’est un noble fleuve, féodal, républicain, impérial, digne d’être à la fois français et allemand. Il y a toute l’histoire de l’Europe considérée sous ses deux grands aspects, dans ce fleuve des guerriers et des penseurs, dans cette vague superbe qui fait bondir la France, dans ce murmure profond qui fait rêver l’Allemagne.

Le Rhin réunit tout. Le Rhin est rapide comme le Rhône, large comme la Loire, encaissé comme la Meuse, tortueux comme la Seine, limpide et vert comme la Somme, historique comme le Tibre, royal comme le Danube, mystérieux comme le Nil, pailleté d’or comme un fleuve d’Amérique, couvert de fables et de fantômes comme un fleuve d’Asie.

Avant que l’histoire écrivait, avant que l’homme existait peut-être, où est le Rhin aujourd’hui fumait et flamboyait une double chaîne de volcans qui se sont éteints en laissant sur le sol deux tas de laves et de basaltes disposés parallèlement comme deux longues murailles. À la même époque, les cristallisations gigantesques qui sont les montagnes primitives s’achevaient, les alluvions énormes qui sont les montagnes secondaires se desséchaient, l’effrayant monceau que nous appelons aujourd’hui les Alpes se refroidissait lentement, les neiges s’y accumulaient; deux grands écoulements de ces neiges se répandirent sur la terre: l’un, l’écoulement du versant septentrional, traversa les plaines, rencontra la double tranchée des volcans éteints et s’en alla par là à l’Océan; l’autre, l’écoulement du versant occidental, tomba de montagne en montagne, côtoya cet autre bloc de volcans expirés que nous nommons l’Ardèche et se perdit dans la Méditerranée. Le premier de ces écoulements, c’est le Rhin; le second, c’est le Rhône…

…Le Rhin, dans les destinées de l’Europe, a une sorte de signification providentielle. C’est le grand fossé transversal qui sépare le Sud du Nord. La providence en a fait le fleuve-frontière; les forteresses en ont fait le fleuve-muraille. Le Rhin a vu la figure et a reflété l’ombre de presque tous les grands hommes de guerre qui, depuis trente siècles, ont labouré le vieux continent avec ce soc qu’on appelle pépée. César a traversé le Rhin en montant du midi; Attila a traversé le Rhin en descendant du septentrion. Clovis y a gagné sa bataille de Tolbiac. Charlemagne et Bonaparte y ont régné. L’empereur Frédéric-Barberousse, l’empereur Rodolphe de Hapsbourg et le palatin Frédéric Ier y ont été grands, victorieux et formidables. Gustave-Adolphe y a commandé ses armées du haut de la guérite de Caub. Louis XIV a vu le Rhin. Enguien et Condé l’ont passé. Hélas! Turenne aussi. Drusus y a sa pierre à Mayence comme Marceau à Coblenz et Hoche à Andernach. Pour l’œil du penseur qui voit vivre l’histoire, deux grands aigles planent perpétuellement sur le Rhin, l’aigle des légions romaines et l’aigle des régiments français.

…Ce noble Rhin que les Romains nommaient Rhenus superbus, tantôt porte les ponts de bateaux hérissés de lances, de pertuisanes ou de baïonnettes qui versent sur l’Allemagne les armées d’Italie, d’Espagne et de France, ou reversent sur l’ancien monde romain, toujours géographiquement adhérent, les anciennes hordes barbares, toujours les mêmes aussi; tantôt charrie pacifiquement les sapins de la Murg et de Saint-Gall, les porphyres et les serpentines de Bâle, la potasse de Bingen, le sel de Karlshall, les cuirs de Stromberg, le vif-argent de Lansberg, les vins de Johannisberg et de Bacharach, les ardoises de Caub, les saumons d’Oberwesel, les cerises de Salzig, le charbon de bois de Boppart, la vaisselle de fer blanc de Coblenz, la verrerie de la Moselle, les fers forgés de Bendorf, les tufs et les meules d’Andernach, les tôles de Neuwied, les eaux minérales d’Antoniustein, les draps et les poteries de Wallendar, les vins rouges de Taar, le cuivre et le plomb de Linz, la pierre de taille de Kœnigswinter, les laines et les soieries de Cologne; et il accomplit majestueusement à travers l’Europe, selon la volonté de Dieu, sa double fonction de fleuve de la paix, ayant sans interruption sur la double rangée de collines qui encaisse la plus notable partie de son cours, d’un côté des chênes, de l’autre des vignes, c’est-à-dire d’un côté le nord, de l’autre le midi; d’un côté la force, de l’autre la joie…”

(aus: Victor Hugo: Le Rhin, lettre XIV; Hugos Rheinbriefe sind komplett zu finden auf Google Books)

Promonarchistische Alpenrheinlyrik

FL_Nein_Gedicht

Gorrh (19)

Gorrh in Gohr. Da ist nicht viel. Ein Spielmannszug mit Tsching und Ding marschiert im Hirn von Ohr zu Ohr. Im Nachbardorf gibts Schützenfest. Gorrh peilt den Adler (soviele von denen einst verspeist) pazifistisch an mit seiner großen runden Abflußrohrpupille. Durch die es regnet. Tschingeldingelding. Es regnet am Niederrhein, Gorrhs Kopf füllt sich mit Wasser, Weite, Freiheit. Und Gras. Dort hinten im geblümten Gras nächst den pferdeschweren Erdbeerfeldern sitzt ein Hippie, ganz naß. Ein fürchterlich breiter Hippie mit karmensinroten Klüsen sitzt da wie ein behaartes landwirtschaftliches Nutzgerät und saugt die Gegend ein. Die Landschaft dreht sich unter psychedelischen Aspekten in den Hippie hinein. Der spricht langsam: „Kü-he fres-sen Gras!“ Eine wunderschön essentielle Erleuchtung schraubt sich durch den Hippie hindurch gen Himmel und bohrt die Wolken an. Der Regen wird stärker. Gorrh siebt sich durch die Tropfenfälle, seiht sich, setzt sich neben den Hippie, umarmt ihn, singt den Smashhit des Niederrheins: „die Rübe und der Kohl, die Rübe und der Kohl, die Rübe und der Kohl, aha!“, rechnet zugleich: „Dormagen durch Remagen gleich Dorre gleich Mifasolati, wattemal, gleich Dortmund?“, Gesprächsangebote an den Hippie. Der denkt nichts weniger als die gesamte Landschaft als Schützenfest: krachbummdaneben! Gorrh packt ein Packerl toter Worte aus, welche er nachts den Aalen abnahm, Gutachten über das Hier und Jetzt und seine Flucht in die Wände aus Himmel, Wiese, Feldern, nichts ist echt und das Leben total easy mit geschlossenen Augen. „Es ist nicht so einfach“, ermuntert Gorrh den Hippie, „jemand zu werden, aber es wird schon. Du bist mir eh egal.“ Doch es muß nun sein. Gorrh transformiert sich in ein Flann O`Brien`sches Fahrrad aus geronnenem Stahl, das er zugleich befährt: treppelt wie ein ehemaliger Schützenkönig. Gorrh muß los heißt Gorrh ist los. Alles ist gorrhlos und grappig im geregneten Tag aus Matschwasser an den Feldrainen Klatschmohn Klatschmohn. (Gorrh erteilt sich Zwischenapplaus.) Muß los. Nach Holzheim zu Onno. Onno wird 50 mitten in der Nacht, mitten im Garten, das muß Gorrh sehen mit seiner riesigen Kreissägenpupille. Gorrh pflückt ein Bündel Rübengrün als Gabe an Onno, den Dichter, den Dochter, den Dokter, den Docktooor. Regenbeperltes Rübengrün, mit schwarzem Edding beschriftet „Oh! oh! oh!“, dreimal gegen die Tür geschlagen unter Oh-Rufen entfaltet das Kraut erst seine Wirkung, entläßt aus wulstigen Adern den magischen Dunkelsirup, in dem der Niederrheiner schwimmt wie Siegfried einst im Drachenblute. Onnos Ruhm rührt von seinen rhythmischen Beschreibungen des Niederrheins als Heimat mitten im Weltall, das lockt selbst die Hauptstadtdichter in Scharen über hunderte Kilometer in die Funklöcher zwischen Allerheiligen, Hoisten und Speck. Pieksende Tiere hocken dort im Gras, textende Insekten, und freuen sich über Berliner Blut. Die Grille krabbelt zirpend auf Splatterkurs, die Gäste machen Sport (Biergläserumhaun mit Ochsenkeulen), die Bratwurst tanzt sich opm Jrill dat Fleisch ausn Poren. Die Dichter aus Berlin heißen Tom, Tim, Timo und Tommi, oder auch Björn oder Bjarne. Sie helfen sich gegenseitig in der Fremde, indem sie für Biernachschub sorgen und dichten mit Vorliebe über Wurst, aber so, daß es bewußtseinserweiternd wirkt. Aus Wurst wird schließlich Botox gewonnen, eine hippe Modedroge in der coolen Hauptstadt, nebst Bageling, wofür man sich die Stirn aufpumpen und mit dem Daumen vom Thumbmaster ein recht schön mittiges Loch hineindrücken lassen muß. Gorrh schnappt sich den dichtergefüllten Garten und trägt ihn im Maul bis etwa zweihundert Meter über Normalnull. Dort oben stieben die Sterne als Kohlefunken vom Grill von frechen Mädchen erschossen. Die Nacht faltet sich in Klappfächer verschiedenartiger Dunkelheit und klappert und schwirrt. Es sind die Rufe der Orientierungslosen aus dem Dorfzentrum. Als endlich sehr heftiger Regen einsetzt rennen die Dichter nach draußen, um ihr Bier in Strömen zu trinken. Sie kippen vom Garten in den Garten, umarmen sich, streicheln Blumen, hören in einer Sommernachtsfantasie den ganzen Wavekram aus den Achtzigern „eh mama Joydivischen“. Oho, da ist er doch wohl überlebt, der frühe Tod! Gorrh prustet, pustet etwas kühlen Wind in den Laumannsommer. Schnaubt. Wiehert. Gackert ein wenig. Gräbt sich ein in die Felder. Schläft wurzelnnuckelnd den Schlaf von tausend Engerlingen und wächst in Traumhaft als Weizenhalme für mindestens einige Hektoliter gesunden Schaumbiers über sich hinaus.

Fehlfarben: Rhein in Flammen

“Die Plakate am Zaun sagen die Zeit bleibt stehn
Die Mahnungen zu Haus das Gegenteil
Musik will niemand mehr hören, nur noch sehn
15 Minuten sind schnell vorbei”

Amerikanische Bands entdecken neuerdings den Rhein, indem sie seine Wellen ein paar Jährchen nach der Hauptromantik zu Neofolk genannten musikalischen Hippiemoden verklären. Rheinische Bands hingegen kennen den Rhein schon etwas länger und haben ihm sein Hippietum im Rahmen von Punk und Elektro mit Schmackes ausgetrieben. Eine der innovativsten rheinischen Bands war zu Beginn der 80er Jahre Fehlfarben aus Düsseldorf, deren “Monarchie und Alltag”-Album (1980) neue Maßstäbe für deutschsprachige Popalben setzte. “Wir sind die Türken von morgen” heißt es dort verwirrend hellsichtig und verstörend nostalgisch: “Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat”. Die Fehlfarben gibt es bis heute, auf dem Album mit dem großartigen Schröderära-Titel “Knietief im Dispo” (2002) hört man die Band sich selbst zitieren, wofür sie nichtmal eine Extraportion Ironie benötigt, allwo rotzig vorgetragene Mehrdeutigkeit seit jeher als Stärke der seinerzeit im Ratinger Hof gezüchteten Truppe gilt. Im Lied “Rhein in Flammen” variiert Sänger Peter Hein den Tod der Menschheit über die Gesundheitsaspekte des Euros und der unter Düsseldorfer Dealern grassierenden Angewohnheit, ihre Geschäfte in die Straßenbahn zu verlegen.

Bison: River Rhine

“Oh for you to see
All the things that I`ve seen
From these stairs on my own time
By River River Rhine
The River River Rhine
The River River River Rhine”

Warum wir den amerikanisch-großzügigen Blick auf Europa so mögen: versehentlich an der Seine wurde dieses Rheinlied geschrieben, dessen zaubrisch-loreleysche Hommh-ohohooh-Melodik darüber hinwegsehen hilft, daß sich der Texter für seine Klischeezeilen (wine/Rhine) eigentlich ein paar Schritte purgatoriumwärts schämen sollte. Höchste Zeit für uns Europäer, den Mississippi (oder wie dieser Fluß in New York heißt) anzugehen und sein Liedgut auf neue Höhen zu treiben.

Beirut: Rhineland

“Life, life is all right on the Rhine
No, but I know, but I know
I would have nowhere to go
No, but there’s nowhere to go, to go”

Kleine Rheinwellen schwappen durch die amerikanische Folkmusikszene. Von der Band Beirut, die sich häufig von geografischen Orten inspirieren läßt (siehe Bandname oder Liedtitel wie Nantes, Santa Fe oder Prenzlauerberg), stammt der Song Rhineland (Heartland): melancheuforisches Geplätscher mit perspektivisch veränderlichem Wellengang, innerer Ja-nein-Strudel, Hügelblick und trompetöse Nordmeerflucht. Beirut spielen im Rheinland am 30. Juni 2012 in Düsseldorf auf dem Open Source Festival.

Rheinfische (3)

Dieser vorsommerlichen Tage haben Artikel über die Rheinfauna Konjunktur. So meldete im Laufe der letzten Woche derwesten.de (das Internetportal der WAZ) einiges Wissenswerte und Erstaunliche über Neozoen und Fische am Niederrhein, während das Forschungsschiff Burgund derzeit auf Höhe St. Goar u.a. Wirbellosenproben aus dem Fluß entnimmt, um die sich stets verändernden Bestände der rheinischen Tierwelt zu inventurieren.

Nach dem Amazonas-Gebiet sei der Rhein heuer der größte natürliche Lebensraum für Piranhas, lautete so eine forsche, nicht ganz leicht auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfende Nachricht, ausgegeben von den Duisburger Fischereiverbänden. Nebst dem vor Duisburg lauernden Piranha wanderten auch die Schnappschildkröte und die Donaugrundel in die Gegend ein. Letztere breite sich seit sechs Jahren im gesamten Rhein-Mosel-Gebiet aus, heißt es von der Burgund: ein gedrungener, rund 20 Zentimeter starker Geselle, der in schon fünf verschiedenen Arten aus dem Schwarzmeerraum in den Rhein migrierte und die Machtverhältnisse im Wasser kippte: „Mancher Angler fängt kaum noch einen anderen Fisch.“

Bis zu drei Meter lange Welse hätten sich im Rhein angesiedelt, heißt es desweitern aus Duisburg. Ein Tauchgang in den Tiefen des Stroms mag da leicht zu einer Begegnung der archaischen Art führen – uns erinnert der Riesenwels natürlich sogleich an den Grauer, den rheinischen Urfisch halbmythischer Provenienz, der selten gesehen, dessen orakelnd-erzählendes Blubbern und Murmeln aber schon häufig gehört worden sein soll. Ab wievielen Welsmetern die Weltsprache Anglerlatein beginnt und ab wievielen Welsmetern sie völlig überdehnt zusammenschnalzt, ist bis heute nicht geklärt. Im Dnjepr, lasen wir einst, hätten schon bis fünf Meter lange Welse gelebt.

Was Längen- und sonstige -Mythik betrifft, ist der Wels eher nur ein Häppchen gegen den Stör. Der groteske Knochenfisch gilt im Rhein (bis auf eine Kleinart, den Sterlet) seit den 50er Jahren als „nicht mehr heimisch“. Das hinderte Winfried Kersjes nicht, an Fronleichnam bei Emmerich einen über einen Meter langen Stör aus dem Fluß zu ziehen. „Mich überkam ein Gefühl der Panik, ich konnte es gar nicht glauben. Das ist eine Sensation“, waren die Worte des erfahrenen Anglers auf derwesten.de nachzulesen. Kersjes ließ den Stör nach dem Vermessen und einem Beweisfoto wieder frei. Unterdessen darf gerätselt werden, ob es sich dabei um einen freiwiligen Rückkehrer oder um ein ausgesetztes Tier handelte. Falls es ein Exemplar der größten Störart, des Hausens gewesen sein sollte: diesem Tier werden in der Weltsprache Anglerlatein Körperlängen von bis acht oder neun Metern zugeschrieben.

Die Forscher auf der Burgund berichten darüberhinaus von Neozoen und Alteingesessenen mit poetischen Namen wie Quaggamuschel, Steinkleber (eine Schneckenart) und Hydropsyche (eine Köcherfliegenart). Ihre Schöpf- und Bestimmarbeiten sollen bis Ende Juni dauern, die Ergebnisse an die EU berichtet werden. Vielleicht schenkt ihnen der Grauer bis dahin noch obskure Knöchelchen oder eine weise Redewendung aus seinen Zahnzwischenräumen.

Türkischer Rhein: in Berlin und Wien

„(…) Berlin, ich zeige ihm doch Berlin.
Im Vaterland sind toll elegante Treppen wie in einem Schloß mit Gräfinnen, die schreiten – und Landschaften und fremde Länder und türkisch und Wien und Lauben von Wein und die kolossale Landschaft eines Rheines mit Naturschauspielen, denn sie machen einen Donner. Wir sitzen, es wird so heiß, die Decke fällt – der Wein macht uns schwer – „ist es denn nicht schön hier und wunderbar?“ Es ist doch schön und wunderbar, welche Stadt hat denn sowas noch, wo sich Räume an Räume reihen und die Flucht eines Palastes bilden? (…)“

(aus: Irmgard Keun – Das kunstseidene Mädchen)

Buletten

»Zwölf Buletten aßen gestern …«
»Nein, das kann unmöglich sein!«
»Herkules und seine Schwestern …«
»Nein, das leuchtet mir nicht ein:
Herkules hat keine Schwestern.«
»Gut, dann aß er sie allein.«
»Außerdem war es nicht gestern.«
»Vorgestern? Im Herbst? Am Rhein?«

(Ein Gastbeitrag von Àxel Sanjosé. rheinsein dankt!)

Der Rhein

Du heil`ger Strom, gebenedeiter Strand,
Wo ist ein Deutscher, der nicht frommen Dranges,
Ein andachtglüh`nder Pilger an dir stand?
Wo ist ein Schwan germanischen Gesanges,
Deß Flügelschlag nicht über dir gerauscht,
Der nicht dem Säuseln deines Schilfs gelauscht,
Der nicht gewiegt sich auf dem deutschen Ganges?

Du bietest allen deinen Friedenskuß,
Den Landen rings, der Berge blauen Reigen;
Naht nicht mit Euren Schwertern diesem Fluß,
Laßt Eure Fahnen tief sich vor ihm neigen!
Auf dieser Wasser stillem Bette ruht
Des Volkes Stolz – zum Pfühl dient ihm die Fluth
Erweckt ihn nicht, antastet nicht sein Eigen!

Er ruht und träumt-, der Wellen Schlummerlied
Hat eingewiegt den blondgelockten Recken;
Des Wasserspiegels wallend Nebeln zieht,
Des Kaiserlichen Träumers seidne Decken;
Wer will ihm rauben, was er theu`r erkauft,
Was er mit blut`gen Weihungen getauft,
Wer wagts, aus seinem Schlummer ihn zu schrecken?

Der Fluß ist sein! Aus dieser Schale trinkt
Der deutschen Liebe und der Sehnsucht Taube,
Umher in duftigem Gewinde blinkt
Des deutschen Weines feu`rdurchglühte Traube,
Und wo die hohen Kathedralen steh`n,
Versteinte Siegsgesänge der Ideen,
Da wohnt der deutsche Friedensfürst, der Glaube.

Horch, wie den Strom das Läuten überklingt!
Hell singend kommt die Wallerschaar gezogen,
Im leichten Kahn, der mit dem Schaume ringt,
Von blüh`ndem Kranz und weh`ndem Band umflogen;
Auf morschem Erker zagend lauscht das Reh,
Vom Ringeltanz ins Dickicht schlüpft die Fee -
Das ist der deutsche Rhein, das ist sein Wogen!

Der deutsche Rhein! Seit aus des Epheus Blühn
Die grauen Burgen sonnig niederschauen;
Seit vielgethürmte große Städte kühn
Mit ihren Zinnen seine Wellen stauen;
Seit auf der Männer Stirn, ein Paraclet,
Flammenden Hauches der Gedanke steht,
Die stille Andacht auf der Stirn der Frauen:

Seit durchs Portal von diesen Felsenhöh`n
Der neuen Aera Morgengluth gedrungen,
Und unter ihm, in Heller Glorie Wehn,
Der Karol Magnus sein Panier geschwungen;
Seit in den Blenden, überwiegt von Grün,
Wie sinnend grüßende Gestalten blüh`n,
Roland, Fastrade und die Nibelungen;

Seit, dessen Herrlichkeit die Welt umspannt,
Der Barbarossa thronte zu Gerichte,
Als Reichskleinod die Erde in der Hand:
Seit Eschilbach, der Kaiser im Gedichte,
Die goldnen Klänge alter Melodein,
Zur Krone sich verflocht, ist dieser Rhein
Pulsaderstrom germanischer Geschichte.

Sie hütet still und ernst ihr Eigenthum,
Indeß der Dichtkunst Arme sie umranken;
Zu beider Füßen ruht der deutsche Ruhm,
Ein grauer Löwe mit gewalt`gen Pranken,
Der an der Milch der Schlachten aufgenährt,
Den blut`gen Flamberg hütet und das Schwert,
Das wir geschweißt aus ehernen Gedanken.

Derselbe, der den Libanon durchschritt,
Vom Zorn blutgier`ger Feinde wild umschnoben,
Der einst Byzanz und Accon niederstritt,
Der Roma`s Aar ins Banner sich gewoben;
Der grimmig hingestreckt auf seinem Schild,
Dalag in dem Roncalischen Gefild`,
Der Pranken Trutz gen Mailand aufgehoben:

Vor dem Sicllien und das welsche Land
Wie vor des Aetna`s Flammenguß gezittert,
Der von der Seine grünem Hügelland`
Bis zur Loire neulich noch gewittert;
Derselbe Leu: und donnernd tönt sein Ruf:
Weh` über euch, wenn Eurer Rosse Huf
Das Ufer meines Rheines nur erschüttert!

(Levin Schücking, 1840)

Grace de Dieu

grace de dieu deux

grace de dieu

(Fotos: Roland Bergère)

In einem unserer Reisegedichte ist von “Gottes Körperfett” die Rede, einem in dieser Kombination seltenen, womöglich einmaligen lyrischen Motiv. In rheinischem Zusammenhang kam es containerführend zum Wiedervorschein, als unser Korrespondent den Schiffsnamen Grace de Dieu (Gottesgnade) von deutscher Zunge ausgesprochen hörte, was ihm als graisse de dieu (Gottesfett) in den Ohren klingelte. Eine exuberante Übersetzungsvariante für graisse de dieux bietet Google Translate, das uns Fett Gott ausspuckte. Das nennen wir elektronisch-autonomes Nach vorne-Werkeln am Weltsprachgebrauch! Das Prinzip der haarscharfen Verfehlung als optionaler Verständnisverfeinerung bzw In- und Deflektionshilfe bzw Verschleierung des globalen Wortbreis zugunsten der Sache-an-sisch (et vice versa) darf als einer der vielfältigen Antriebe rheinseins gelten. Ob von Gottes Gnade oder Gottes Fett am Laufen gehalten: Hauptsache ein gutes Schmiermittel, das funktioniert!

Le Rhin

Ô Rhin, sais-tu pourquoi les amants insensés,
Abandonnant leur âme aux tendres rêveries,
Par tes bois verdoyants, par tes larges prairies
S’en vont par leur folie incessamment poussés ?

Sais-tu pourquoi jamais les tristes railleries,
Les exemples d’hier, ni ceux des temps passés,
De tes monts adorés, de tes rives chéries,
Ne les ont fait descendre et ne les ont chassés ?

C’est que, dans tous les temps, ceux que l’homme sépare
Et que Dieu réunit iront chercher les bois,
Et des vastes torrents écouteront les voix.

L’homme libre viendra, loin d’un monde barbare,
Sur les rocs et les monts, comme au pied d’un autel,
Protester contre l’homme en regardant le ciel.

(Alfred de Musset, Poésies posthumes)

Türkischer Rhein: Selim

oder die Gabe der Rede heißt ein Roman von Sten Nadolny aus dem Jahr 1992, der anhand einer deutsch-türkischen Männerfreundschaft u.a. mit viel Detailblick ein Panorama der Bundesrepublik von Mitte der 60er bis in die 80er entwirft. Eine der zentralen Personen ist Selim, der als Gastarbeiter aus Istanbul nach Deutschland anreist, für zahlreiche Jobs angestellt wird, die deutsche Sprache erlernt und fabulierend von einem Abenteuer ins nächste gerät. Im 83. Kapitel treffen wir Selim als Binnenschiff-Matrose auf dem Rhein:

„(…) Auf dem Rhein gab es keine Schleusen, Selim las Bücher von Jack London und Guareschi in türkischer Übersetzung. Gern sah er sich zwischendurch die Burgen am Flußufer an. Heiner erzählte die Geschichte von einem fetten Christen, der in einem Turm von Mäusen gefressen worden war, und noch anderes. (…)“

Selim, ein ebenso begnadeter Ringer wie Stegreifredner, gefällt insbesondere Grimms Märchen Sechse kommen durch die ganze Welt, das ihn an seine eigene Situation erinnert. Die Szene könnte sich zu Beginn gut und gerne auch Drei Mann in einem Boot überlagern: die alten Rheintanker, Weinhügel, eine naive Vorstellung von Wirtschaftswunderidyll in Technicolor. Nadolny hat seine Szenen jedoch ausführlich recherchiert, die Rheinschifffahrt kommt nicht nur als hübsches Abziehbildchen zu Ehren:

„(…) In Köln wurde Heizöl übernommen, dann ging es zurück zum Main. Selim konnte bald alles, was verlangt wurde, sogar sämtliche Knoten. Wenn ein Schiff entgegenkam und Heiner „Wir bleiben links“ rief, hißte Selim die blaue Flagge. Die Arbeit wurde schnell eintönig. (…)“

Mitten in die Rhein-Main-Schifffahrt fällt das Wembleytor bei einem Landaufenthalt im hessischen Karlstadt und markiert die Jahreszahl: 1966. Einen Beluga erblickt Selim im Rhein jedoch nicht:

„(…) Spannend waren auch Wettfahrten mit anderen Tankschiffen flußabwärts nach Holland. „Schnelltank 17“ lag mit 1000 PS gut im Rennen. Wer zuerst ankam, tankte zuerst, die anderen mußten warten. Er verkaufte auch als erster, und das war wichtig: die Preise hielten nicht so lange, bis der letzte gelöscht wurde. Beim Bunkern gab es schon für das zweite Tankschiff großen Zeitverlust: zum Auftanken wurde das Öl mit Dampf auf 45 Grad angeheizt, sonst war es zu dickflüssig und ließ sich nicht pumpen. Das dauerte. Selbst wenn der zweite auf der Fahrt wieder etwas aufgeholt hatte – in Ruhrort mußte er erneut Stunden warten, denn das Öl war auf der Fahrt wieder kalt und dick geworden, jeder mußte abermals ans Dampfrohr. Selim lernte, daß nicht die einen Tanks ganz aufgefüllt werden durften, während andere leer waren. Der Pegel mußte in allen nahezu gleichzeitig steigen. Bald konnte Selim mit den Meßstäben umgehen und leitete das Bunkern, während Heiner bei der Firma anfragte, wohin er liefern sollte. (…)”

Selim erweist sich auch für die Rheinschifffahrt zu unstet, sein Abschied in die zunehmende Verschlungenheit künftiger Abenteuer zeichnet sich bald ab:

“(…) Da sie vielen Frachtschiffen wiederbegegneten, kannte Selim bald eine Menge Leute vom Winken. (…) Man lernte die verschiedenen Weinhänge kennen und die Menschen, die darin den Buckel krumm machten. Nach drei Wochen meinte er auch die Kapitäne aller Ausflugsdampfer auf Main und Rhein zu kennen. Das einzige, was man sich nicht zu merken brauchte, waren die Touristen auf den Sonnendecks. Obwohl die am heftigsten winkten, um im Gedächtnis zu bleiben. (…)”

Selim oder die Gabe der Rede gibt es als Piper Taschenbuch, ca 500 Seiten, ca 13 Euro.

Fischadler

Versuche zur Wiederansiedlung des Fischadlers am Hochrhein vermeldete vor Kurzem die Südwest Presse. Dafür werden derzeit in den Kronen geheimgehaltener, starker Kiefern Horste (Vorhorste?) angebracht, eine Kooperation des Naturschutzbundes mit örtlichen Förstern. Ob und wann die Fischadler zurückkehren, bleibt allerdings ungewiß. Das letzte Brutpaar am Hochrhein verschwand vor 106 Jahren, nachdem ihm seine Hauskiefer unterm Hintern weggesägt worden war. Der Artikel enthält nebst der Hoffnung auf die Rückkehr des Adlers eine bemerkenswerte kleine Geschichte, die sich zu Volksglauben auswuchs:

“Immer dann, wenn er (Daniel Schmidt, der Horstbauer; Anm. rheinsein) Menschen in Dörfern den Hochrhein entlang darüber aufklärt, dass der Fischadler eine wunderbare Tierart ist und sich womöglich bald wieder in ihrer Nähe ansiedelt, dann ist das Publikum aufgeschlossen, freundlich – und will wissen, ob es tatsächlich stimmt, dass der Vogel bei der Jagd manchmal ertrinkt. “Das geht zurück auf eine fingierte Geschichte, die vor 30 Jahren einmal in einem Naturheft stand. Bis heute hält sie sich in der Öffentlichkeit.”"

Existiert nicht die fatale Gesetzmäßigkeit, daß alles, was denkbar ist, eines Tages auch geschehen wird? Wohl bezieht sich dieses Gesetz nur auf denkfähige Gottesgeschöpfe. Wie auch immer. Bevor er sich am Rhein frisch ausbreiten oder ertrinken kann, wird der Fischadler sich zunächst an den Ort der Vertreibung seiner Ahnen zurücklocken lassen müssen.