Das kunstseidene Mädchen spekuliert über eine Rheinyacht

rheinsein hat auch im Istanbuler Exil stapelweise Bücher herumliegen. Kaum eines davon, das nicht den Rhein erwähnte, auch wenn solcherlei Erwähnung angesichts des Titels/Handelnsrahmens nicht unbedingt zu erwarten stand. Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen spielt zunächst in der Provinz und später im Berlin der Weimarer Republik . Es war vor einigen Jahren die Auftaktlektüre für die seither jährlich stattfindende Aktion Ein Buch für die Stadt in Köln: ein ausgewähltes Buch wird in Schulen und bei sonstigen Gelegenheiten massenhaft gelesen, besprochen, präsentiert. So sehr wir den Wert solcher Aktionen anerkennen, pflegen wir ein doch eher antizyklisches, modenabweisendes Leseverhalten. Nun fiel uns also Irmgard Keun in die Finger und das nicht zu spät: ein fantastischer Schreibstil, der eine fluffig-überraschungsreiche, humorhaltige Kunstsprache hervorbringt, einen early girly style, proletarisch-katastrofenerfahren – wir zitieren hier einen Ausschnitt aus den Tagebuchaufzeichnungen der 18jährigen Protagonistin Doris, die ein “Glanz”, ein Star, werden möchte und sich zu diesem Zwecke an die Männerwelt schmeißt. In der folgenden Szene sitzt Doris vor einem Provinzstadtlokal und betrachtet eine Konkurrentin:

“(…) Aber letzten Endes habe ich viel zu viel Moral, um einen Mann erleben zu lassen, daß ich Wäsche mit sieben rostigen Sicherheitsnadeln trage. Später habe ich sie fortgelassen.
Jetzt denke ich eben, ich könnte eventuell auch Camembert essen, wenn ich es für richtig halte, mir Hemmungen zu verschaffen.
Und der Kerl drückt der Schildkröte unterm Tisch die Hand, und mich guckt er an mit Stielaugen – so sind die Männer. Und sie haben gar keine Ahnung, wie man sie mehr durchschaut als sie sich selber. Natürlich könnte ich nun – eben erzählt er von seinem wunderbaren Motorboot auf dem Rhein mit soundsoviel PS – ich schätze ihn höchstens auf ein besseres Faltboot. Aber ich merke genau, wie laut er redet, damit ich`s höre – Kunststück! – ich mit meinem schicken neuen Hut und dem Mantel mit Fuchs – und daß ich jetzt anfange, in mein Taubenbuch zu schreiben, macht ohne allen Zweifel einen sehr interessanten Eindruck. Aber eben hat mir das Alligator einen freundlichen Blick zugeworfen, und so was macht mich immer weich, ich denke: du arme Schildkröte findest doch selten was, und wenn du auch heute Camembert ißt – vielleicht ißt du morgen keinen. Und ich bin viel zu anständig und auf Frauenbewegung eingestellt, um dir deinen zweifelhaften Faltbootinhaber mit Glatze abspenstig zu machen. Da es eine Kleinigkeit wäre, reizt es mich ohnehin nicht, und außerdem paßt Wassersportler und Mädchen mit Schwimmgürtelbusen so schön zusammen. Und vom Tisch drüben guckt immer einer mit fabelhaft markantem Gesicht und tollem Brillanten am kleinen Finger. Ein Gesicht wie Conrad Veidt, wie er noch mehr auf der Höhe war. Meistens steckt hinter solchen Gesichtern nicht viel, aber es interessiert mich. (…)”

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen, Düsseldorf 1979 (Erstveröffentlichung 1932)


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