Das Lachen der Hühner: Rezension (3)

Unter dem Titel „Anreden an Kühe und andere Liechtensteinerinnen oder Ist die Sonett-Form eigentlich eine Untote?“ nimmt Rainer Stöckli im gerade präsentierten jahrbuch 6/2011 schnitt des Liechtensteinischen Literaturhauses Das Lachen der Hühner zum Anlaß, fünf Seiten lang über die Sonett-Form nachzudenken und kommt u.a. zum Schluß, es gebe für diese „uutöödige“ (Dialekt für „nicht zu tötende“) Form mit unserm Band nun über einen Zeitraum von genau 100 Jahren einen eigentümlichen Schulterschluß fürstentümlicher bzw. Liechtenstein-Sonette zwischen „Du mein Liechtenstein“-Anreden seinerzeit und unsrer „o Kühe“-Anrede heutigentags. Dem ist nicht zu widersprechen. Doch während Stöckli eine Sonderform des fürstentümlichen bzw Liechtenstein-Sonetts beschwört, was uns garnicht unlieb ist, begreifen wir unsere Liechtenstein-Texte eher als Fusion (globaler) Heimat- mit Punkdichtung im postmodern geflashten Retro-Sonettkorsett. rheinsein hat Stöcklis Text zur Verfügung. Wir zitieren zwei kurze Ausschnitte und empfehlen zur Vertiefung den Erwerb des Jahbuchs (s.u.):

“Viel Schelte und viel Spott stecken im Heftlein (…). Die Papierschnitte von Helena Becker machen einiges wieder gut (…). Ein Übriges leistet die Form der Gedichte, die Sonett-Form. Wer seine Sprachkunst unter anderem der Fauna, Flora und Topografie eines Fürstentums widmet und das in Quartetten und Terzetten kundtut, die weiss Gott listenreich verreimt, verassonanziert oder anders verbandelt sind, dem ist die halbe Schuld, dass er das Ländchen zwischen Flussbett und Bergköpfen verruft, erlassen.”

Oha! Mit der andern uns freimütig zugewiesenen bzw zurückgespielten Schuldhälfte (der Schuldbegriff taucht in einigen der angesprochenen Sonette in unterschiedlicher Prägung auf) werden wir uns in Liechtenstein vermutlich noch auseinanderzusetzen haben:

“Helena Beckers Schnitte in/aus Papierbogen mittels Schere und Skalpell – sie treffen ins Schwarze (so wie Schnitte mit Messer in Linoleum oder, jahrhundertelang schon, in Lindenholzplatten oder „Stöcke“ von der Weymuthskiefer ins Schwarze treffen). Beckers Arbeiten stellen zu Lafleurs Lachen der Hühner ein prächtiges Komplement dar: Sie beheimaten die Leserschaft des Sprachvirtuosen wieder – uns, die angesichts der artistischen Texte „befremdet“ dasassen bzw. (wie der Smyrk im Sonett „z`Planka“) doo oder dött hockten, „an (unseren) Stuhl genagelt“, und uns Sorgen gemacht haben über allzu kecke Liechtenstein-Dichtung.”

Eine wunderbare Vorstellung: daß ein Leser bei der Lektüre bemerkt, wie er sich für einen Moment einer im Gedicht auftretenden Kunstfigur angleicht, vielleicht sogar überlagert, um sich sogleich wieder der Realität zuzuwenden, in die das Gedicht jedoch (auf welche Weise auch immer) nun hineinfärbt.

Der vollständige Text ist nebst vielen weiteren von vorwiegend lokalen Autoren enthalten in:

Jahrbuch 6|2011 schnitt (Hrsg.: Literaturhaus Liechtenstein)
160 Seiten Inhalt, Broschur mit Schutzumschlag, zwei Laserschnitte und zahlreiche Abbildungen, Format 17 x 27 cm.
ISBN 978-3-9523379-5-0, CHF 30.– (bei Versand plus CHF 6.– Spesen)
Zu bestellen über den Buchhandel.


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