Monatsarchiv für Mai 2012

 
 

Henri Cartier-Bresson: Auf dem Rhein, 1956

cartier-bresson

Das Foto einer geknickten Vorlage schickte unser Frankreich-Chefkorrespondent Roland Bergère. Es gibt im Netz auch gestochenere Varianten des Bildes. Und für ca. 5000 Euro kursieren Gelatinesilberabzüge. Wir bescheiden uns vorerst mit dieser Version.

Das 19te unterthänigst

I
Mitte des 19ten erscheint dann eine Schrift
des Titels „Der chemische Ackermann“
derweil der Rhein begradigt wird
Herr Tulla verscheucht die dicken Schnaken
Das Fräulein Loreley schaut trübe auf die Kähne
Die Dampfmaschinen für die Schiffe springen
morgen schon aus heißgelaufenen Fabriken
und jagen auch als Eisenbahnen
mit dreißig Kilometern durch das Land
Es fehlt an jeder Eisenbahnstation
ein kaltgemachter Passagier
Tribut für den Herrn Ziegenfuß
(so flüstert man sich´s unter Bauern zu)

II
Die Feuerungen der Fabriken verbrennen
den nächtlichen Beischlaf, das tägliche Saufen
Blaugemacht wird nicht im Jahre ´39
sonst wird die Hand zerrissen in der Transmission
wenn sie vom Rotweinkater zittert, die Hand
Und außerhalb vom Rotlichthaus
zahlt auch das Ficken sich nicht aus
Dort draußen in der aufgeräumten Welt
gibt es nurmehr fischbeinverstärkte Schnürkorsette
Was folgt ist Hysterie zur gefälligen Behandlung
durch den Herrn Doktor Freud am Ende des Jahrhunderts

III
„In der Berliner Fickanstalt
werden die Mädchen
auf die Betten geschnallt
Hose runter – Beine breit
Ficken ist ne Kleinigkeit“

Ein Gastbeitrag von Florian Voß, der in seinem noch relativ jungen Blog Verbotene Zone Einblicke in seine Gedankenwelt und die Berliner Lyrikszene gewährt. Es finden sich aber auch rheinisch konnotierte Betrachtungen, etwa über den Schloßgarten und die Musikszene Ende der 80er in Karlsruhe, wo der Autor seinerzeit aufwuchs.

Der obige Text erschien in: Dattenschatten Datenströme Staub im Verlagshaus J. Frank. rheinsein dankt dem Autor für die Publikationsgenehmigung!

Dattenschatten Datenströme Staub
Gedichte: Florian Voß, Illustration: Nicole Riegert, Quartheft 28, Edition Belletristik, 80 Seiten, Softcover, Erschienen im Mai 2011
Preis: 13,90 €
ISBN: 978-3-940249-46-3

Rheinische Tierwelt: pünktliche Kröten

kroetawanderig

Die Strasse Krist befindet sich am Hang des Eschnerbergs. Wir kreuzten dort um rund 17 Uhr und mußten dringend wieder weg. Weit und breit war keine Kröte in Sicht! Dabei hätten wir gerne dem Naturschauspiel der Krötenwanderung beigewohnt. Es sind diese ziellosen Wanderungen, bei denen die Kröten in kaum ermeßlicher Zahl, teils richtiggehend miteinander verklumpt, sodaß niemand weiß, in welche Richtung sie sich eigentlich bewegen, dazu noch mit kleinen, etwa halbdaumengroßen Menschlein um den warzigen Rücken gebunden (Menschlein, die den Amfibien unablässig auf krötisch Richtungsangaben zurufen), es sind für Mensch und Tier diese Wanderungen wohl das intensivste Frühjahrserlebnis am Eschnerberg – und doch so schwer zu schauen, weil sie immer nur an datumslosen Tagen von exakt 18 Uhr bis 22 Uhr stattfinden: diesmal hatten wir (allein: zu früh!) immerhin die, von Mal zu Mal wechselnde, vorab stets streng geheimgehaltene Straße für das Spektakel entdeckt. Falls auf das Jahr 2012 trotz einiger gegenteiliger Behauptungen noch das Jahr 2013 folgt, werden wir evtl erneut unsere Chance suchen, dem Zug der Kröten beizuwohnen. Etwaige Zeugen dieser oder anderer rheinischer Krötenwanderungen seien hiermit zur Berichterstattung aufgerufen. (Der grüne Behälter ist übrigens kein Krötensammelbehälter.)

Das blaue Wunder: Ernst Bromeis schwimmt durch den Rhein (3)

Vor vier Tagen wurde in der Presse bekanntgegeben, daß Ernst Bromeis sein Projekt auf Höhe Breisach abgebrochen hat. Selber hatte Bromeis womöglich nie Rekorde angekündigt, die Presse schrieb davon, daß derartige Aussagen vielmehr von seinem Sponsor Schweiz Tourismus laut wurden, der Bromeis auch aus marketingstrategischen Gründen dazu angehalten haben soll, noch vor der Sommersaison in den Rhein zu steigen – wodurch der Schwimmer mit allzu kaltem Flußwasser konfrontiert wurde. Kurz nach Bromeis` Start sei außerdem “bekannt geworden”, daß im September 1969, wenige Wochen nach der ersten Mondlandung, der heute 71jährige Klaus Pechstein aus Linz am Rhein “nach eigenen Angaben und Medienberichten” den Fluß durchschwommen habe – also knapp 43 Jahre vor Bromeis.

Bezeichnend, wie mittels nachlässig recherchierter bis großspuriger Bewerbung ein eigentlich sympathisches heimatabenteuerliches Projekt zu einem Produkt aus Marketinggefasel und resultierendem Medienhype funktioniert wird, das im Grunde über den Schwimmer (ist er noch einer oder vielmehr bereits Kajakfahrer? wie lange muß er für Marketingzwecke durchhalten? bis zu welchem Punkt kauft die Presse aufgebauschte Slogans ab?) hinweg variiert. Der sportliche Aspekt weicht der täglichen Rechtfertigung, die Leistung hechelt vom ersten Tag nahezu chancenlos ihrer Ankündigung hinterher.

Uns stellte sich gar die Frage: brauchte es für dieses Projekt wirklich einen Menschen oder wäre Schweiz Tourismus mit einer rheindurchschwimmenden Quietscheente besser beraten gewesen? Durchaus denkbar, daß eine Marketingkampagne auch die Kräfte des Rheinstroms, als dessen Spielball Bromeis sich in Interviews betrachtete, zumindest zeitweise außer Kraft zu setzen imstande wäre. Irre Behauptungen besitzen oft erstaunliche Qualitäten.

Die Behauptung, die uns nunmehr jedoch am meisten interessiert, ist diejenige diverser Blätter über Klaus Pechstein. Denn die Informationen zu diesem Schwimmpionier blieben spärlich: wo genau der Mann seinerzeit ins Wasser gestiegen ist und wo er wieder herausstieg, wie er welche Hindernisse überwunden hat, mit oder ohne Neopren und sonstige Hilfen, auf welche Weise die Presse damals berichtete und wie Klaus Pechstein seine damalige Aktion selber einschätzt – auf harte Fakten wurde bisher bei der Berichterstattung weitgehend verzichtet.

Eine Teilantwort immerhin bietet das Fachmagazin swim: “”Er (Klaus Pechstein, Anm.: rheinsein) ist damals Mitte September gestartet und die ganze Strecke in 30 Tagesetappen ohne Flossen bis nach Hoek van Holland gekrault”, erzählt seine Tochter Christiane Pechstein (…). Dass niemand von dem Rekord etwas wusste, findet Pechstein nicht verwunderlich, schließlich gab es damals noch kein Internet und die Medienberichterstattung war auch nicht so detailliert. Aber immerhin hätte es ihr Vater zu Dieter Kürten ins “aktuelle Sportstudio” geschafft.”

Das blaue Wunder: Ernst Bromeis schwimmt durch den Rhein (2)

Auch im fortgeschrittenen Jahr 2012 nach Christi Geburt (falls diese Rechnung denn stimmt) dürfen wir dem großen imaginären Fragesteller, der die Themen der Zeit aufwirft und kritisch beäugt, auf sein Begehr zu wissen, ob es einem Erdenbürger möglich sei, den Rhein von der Quelle bis zur Mündung zu durchschwimmen, mit gutem Gewissen antworten, daß a) die Frage einen Tick zu unpräzise gestellt sei und b) wie auch immer, ein solcher Mensch vermutlich erst noch geboren werden müsse.

Probiert hat es dieser Tage einer der Unsrigen, Ernst Bromeis (wir berichteten), und er ist immer noch dabei, obgleich seine Ankündigung im Grunde vom ersten Tag an als verfehlt angesehen werden darf. Trotz Hilfsmitteln wie Neopren- und sonstigen Spezialanzügen wie dem Hydrospeed, trotz Lotsendienst eines vorausfahrenden Kajaks, ist der Wildheit, der Kälte, den Launen des Rheins vor allem in seinen jungen Regionen allein mit Schwimmen (noch) nicht beizukommen. Ernst Bromeis (bzw ein Schreiber aus seinem Team) gibt das in seinem Begleitblog zur Aktion auch offen zu.

Kaum jemand dürfte ernsthaft erwartet haben, daß Bromeis z.B. den Rheinfall hinab schwimmt. Zwar existieren im Internet Beweisvideos von Kajakfahrern, die dieses Wagnis in ihren schützenden Bootsschalen angingen und vor Freude und/oder Furcht schreiend in den Weißschaum hinabstürzten, doch ist das Befahren des Rheinfalls sowohl ein Grenzfall für die menschliche Vernunft, als auch schweizseits verboten – etwaigen Delinquenten drohen bei Überleben empfindliche Geldbußen.

Über Geldbußen für Schwimmer wissen wir nichts, Bromeis jedenfalls schwamm den Rheinfall nicht hinab. Die Überlegung, sich stattdessen über den Fels abzuseilen, wurde laut Blog vom Wasserstand davongetragen. Bromeis und sein Team unternahmen stattdessen, was in der Sprache der Kajakfahrer „umsetzen“ heißt. Sie stiegen aus dem Fluß und umgingen das Hindernis.

Die Probleme für das Gesamtunterfangen bestanden in den vergangenen Tagen laut Blog aber vor allem in der für Mai deutlich zu niedrigen Wassertemperatur. Mehrmals stieg Ernst Bromeis aus dem Wasser und setzte seine Rheinaktion im Kajak fort. (Eine Liechtensteiner rheinsein-Späherin konnte Bromeis bei Wind und Wetter überhaupt garnicht ausmachen, dafür aber zwei Biber.) Als Juri Gagarin, oder treffender, aber trauriger: Roald Amundsen des Rheinschwimmens wird der Bündner damit kaum in die Annalen eingehen. Auch wenn das Rekordziel nicht aufrechterhalten werden kann: die Schwimmtour soll fortgesetzt werden. So werden wir bis Rotterdam wohl noch einige rheinische Eindrücke aus Schwimmersicht erhalten. Was ja nicht gerade wenig wäre. rheinsein wünscht Ernst Bromeis gutes Durchkommen (ob er bei den Schleusen die Fischtreppen nutzen darf?) und bessere Wassertemperaturen (die Industrie ist nicht mehr fern)!

Rheinzitat (9)

„Il y a bien encore quelques irréductibles qui pensent que le Rhin est une frontière, alors que ça n`est qu`un fleuve, mais tout cela a fait son temps.“ (Jean Amadou in: Journal d`un bouffon, 2002)

Eine Flasche Rheinwein in Khartoum

“Noch nicht fünf Minuten seit meiner Installierung im Hause waren verflossen, als der Militärgouverneur der Stadt und Befehlshaber Mehemed Alis regulärer Truppen im Sudan, der General Mustapha Bey, mit einem zahlreichen Gefolge eintrat und, nachdem er mich zweimal zärtlichst umarmt hatte, auf der mit Teppichen belegten Ottomane aus getrockneter Erde neben mir Platz nahm. Er soll einer der besten Offiziere des Vizekönigs sein und hatte ein kriegerisches, dezidiertes Wesen, das ihm wohl anstand. Demungeachtet befand er sich jetzt in einer untergeordneten Stellung, da er früher Gouverneur des Königreichs Kordofan gewesen war, wo er indes, wie man behauptete, sein Amt etwas zu gut genutzt und sich damit ein großes Vermögen erworben hatte. Eine Viertelstunde später kam Korschud Pascha selbst mit noch größerem Pomp als der General und beehrte mich mit derselben doppelten Umarmung. Wie fast alle ägyptische Große ist auch Korschud Pascha ein Mann von vornehmen Manieren und gewinnender Höflichkeit, hatte aber, vom Klima leidend, ein sehr hinfälliges und krankes Aussehen. Wie ich später erfuhr, ist er hier zwar gefürchtet, aber keineswegs geliebt wegen seines unerbittlichen Geizes, mit dem er in den 10-12 Jahren seines Gouvernements über eine Million spanischer Piaster zusammengescharrt haben soll. Man bezeigte ihm indes äußerlich fast noch mehr Ehrfurcht als selbst Mehemed Ali in Kahira, und sein Leibarzt, der schon früher erwähnte italienische Renegat, der Oberstenrang hat, wagte es nie, wenn der Pascha ihm erlaubte zu sitzen, sich anderswo als auf die Matten des Bodens niederzulassen. Nur der General saß heute auf dem Sofa neben mir und dem Pascha; alle übrigen mußten mit ausgezognen Schuhen um uns her stehen, die Vornehmsten oben auf dem Diwan, die von minderem Grade auf der Matte und die Geringsten etwas entfernter auf dem begossnen, noch ganz nassen Erdboden. Unsere Unterhaltung war nur kurz, und nachdem die Herren mich verlassen, erschien der Haushofmeister des Gouverneurs mit einer langen Reihe Diener, alle mit den verschiednen Gegenständen einer türkischen Mahlzeit beladen, die zwar sehr kopiös, aber herzlich schlecht war. Zugleich mit ihnen fand sich ein sizilianischer Jude ein, der mich mit einer schmählichen Sorte sauern Rheinweins versorgte, für den ich ihm 80 Piaster (8 Gulden) für die Bouteille bezahlen mußte. Dieser Mann, der mit allem möglichen europäischen Auswurf, aber immer zu ähnlichem Tarif, Handel trieb, war zugleich Gouvernementsapotheker und das Los der armen Soldaten nicht wenig zu beklagen, die im Lazarett von den Medikamenten aus seiner Teufelsküche gezwungnermaßen Gebrauch machen mußten. Da er mich ohne Zweifel als eine besonders willkommne Extrabeute ansah, ward er später so zudringlich, daß ich ihn zur Türe hinauswerfen lassen mußte. Es ist leider nur zu wahr, daß alles, was man in diesen entfernten Ländern von dort etablierten Europäern antrifft, in der Regel ganz zu demselben Schlage gehört.”

Hermann Fürst von Pückler-Muskau: Aus Mehemed Alis Reich, Ägypten und der Sudan um 1840

Türkischer Rhein oder: wie kam der Rhein nach Kuledibi?

Es gibt Zufälle, die spotten jeder Beschreibung. Seit Wochen und Monaten weilen wir nun in Istanbul. Und dann das: unterm Bett, einer bisher völlig unbeachteten Fluchtecke unserer Exilwohnung in Kuledibi, fanden wir bei einer recht kopflosen Suchaktion: nichts! – als: ein Druckwerk, dessen Titel

“Köln – Mainz – Köln. Eine Dampferfahrt auf dem Rhein. Schiffsinspektor Küpper erzählt…”

angesichts des Fundorts, zumal das Objekt definitiv nicht von uns selbst in die Wohnung eingeschleust wurde, den Augenblick aufzureißen und eine poetische  Blickverbindung ins womöglich ewige Weltenrund, zumindest aber bis ans Niehler Gestade herzustellen schien. Ja, Kruzitürken! Auf den ersten Blick hielten wir ein verstaubtes Epos in Händen, ein Langgedicht, dessen Textkörper zwar aufgrund zweifelhafter Motivation seitenweise eingekästelt war, sich jedoch in vertraut ausschauende, ca fünf- bis zehnzeilige Abschnitte teilte und auf lyriktypische Weise umbrochen war.
Ein rheinsein unbekanntes Langgedicht über den Rhein? Unter unserem Bett in Istanbul? What the heck!
Bei näherer Betrachtung entpuppte sich die vor lauter Überraschung erträumte Sensation, eine Entdeckung, die jener des Nibelungenlieds gleichkäme, justemang und ausgerechnet unter unserem Exilbett gemacht zu haben, leider, als flüchtiger Trug. Da standen gar keine Verse, sondern weitgehend willkürlich umbrochene, meist in sich geschlossene Mitschriften eines typischen Mittelrhein-Schifffahrtsgeschehens aus Inspekteurssicht – mithin recht originalgetreu das, was der Titel bereits versprach, erzählt nicht in der hohen Kunst der Poesie, sondern in profan getönten Gedankenfetzen, darunter alleinstehende, meist aber solche, die, immer schön in Fahrtrichtung, auf den nächsten Gedankenfetzen wiesen, eine Flußlinie von Gedankenfetzen also, “wenn alles fließt, geht vieles den Bach hinab”, verbunden von Zitaten, die eine gewisse Belesenheit des Autors nahelegten, wobei hier für “gewisse” genausogut “ungewisse” stehen könnte, ein stream of consciousness, allenthalben gebändigt vom mitschwingenden dream of the subconscious, eine straighte Micheliade, nicht ohne Witz, mit rheinisch-tolerantem Kleingeist gewürzt, zumindest bis knapp zur Hälfte der Strecke, einer Marke, an der wir die Lektüre vorerst abbrechen mußten, weil wir, wie beinahe täglich, gen Bosporusdampfer eilten; doch gelang es uns, folgenden Fetzen im Gedächtnis auf den vapur mitzuschleppen, um Küpper-Rheinisches versuchsweise dem Allgemein-Bosporidischen zu überlagern:

“Und der Maschinist des uns auf der linken Seite
passierenden Tankschiffs “Neckartank” stand außen-
bords und pinkelte in den Rhein.
War das ein Applaus auf dem Oberdeck.
Eine Dame versteckte schnell das Fernglas —
als ich an ihrem Tisch vorbeikam.
Eine andere Dame, die auch ohne Lorgnette eine
scharfe Beobachterin zu sein schien, blieb un-
gerührt ob des urinalen Spektakels. Eigenartig.”

Das Ergebnis solch experimenteller Ausschnittsüberblendung – durch den Bosporus schwammen gerade Delfine – bliebe wohl dem geistigen Auge vorbehalten, also eher ungreifbar, dachten wir, bis eine Möwe es sich vor unsern tatsächlichen Augen schnappte und davonflog.

Falls sich ein/e Leser/in findet, der/die uns plausibel erklären/nachweisen  kann, wie das Buch unter unser Exilbett gelangt ist, bekommt er/sie es von uns geschenkt/zurückerstattet.

Bert Küpper: Köln – Mainz – Köln. Eine Dampferfahrt auf dem Rhein. Schiffsinspektor Küpper erzählt…, Briedel/Mosel 1996

Das kunstseidene Mädchen spekuliert über eine Rheinyacht

rheinsein hat auch im Istanbuler Exil stapelweise Bücher herumliegen. Kaum eines davon, das nicht den Rhein erwähnte, auch wenn solcherlei Erwähnung angesichts des Titels/Handelnsrahmens nicht unbedingt zu erwarten stand. Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen spielt zunächst in der Provinz und später im Berlin der Weimarer Republik . Es war vor einigen Jahren die Auftaktlektüre für die seither jährlich stattfindende Aktion Ein Buch für die Stadt in Köln: ein ausgewähltes Buch wird in Schulen und bei sonstigen Gelegenheiten massenhaft gelesen, besprochen, präsentiert. So sehr wir den Wert solcher Aktionen anerkennen, pflegen wir ein doch eher antizyklisches, modenabweisendes Leseverhalten. Nun fiel uns also Irmgard Keun in die Finger und das nicht zu spät: ein fantastischer Schreibstil, der eine fluffig-überraschungsreiche, humorhaltige Kunstsprache hervorbringt, einen early girly style, proletarisch-katastrofenerfahren – wir zitieren hier einen Ausschnitt aus den Tagebuchaufzeichnungen der 18jährigen Protagonistin Doris, die ein “Glanz”, ein Star, werden möchte und sich zu diesem Zwecke an die Männerwelt schmeißt. In der folgenden Szene sitzt Doris vor einem Provinzstadtlokal und betrachtet eine Konkurrentin:

“(…) Aber letzten Endes habe ich viel zu viel Moral, um einen Mann erleben zu lassen, daß ich Wäsche mit sieben rostigen Sicherheitsnadeln trage. Später habe ich sie fortgelassen.
Jetzt denke ich eben, ich könnte eventuell auch Camembert essen, wenn ich es für richtig halte, mir Hemmungen zu verschaffen.
Und der Kerl drückt der Schildkröte unterm Tisch die Hand, und mich guckt er an mit Stielaugen – so sind die Männer. Und sie haben gar keine Ahnung, wie man sie mehr durchschaut als sie sich selber. Natürlich könnte ich nun – eben erzählt er von seinem wunderbaren Motorboot auf dem Rhein mit soundsoviel PS – ich schätze ihn höchstens auf ein besseres Faltboot. Aber ich merke genau, wie laut er redet, damit ich`s höre – Kunststück! – ich mit meinem schicken neuen Hut und dem Mantel mit Fuchs – und daß ich jetzt anfange, in mein Taubenbuch zu schreiben, macht ohne allen Zweifel einen sehr interessanten Eindruck. Aber eben hat mir das Alligator einen freundlichen Blick zugeworfen, und so was macht mich immer weich, ich denke: du arme Schildkröte findest doch selten was, und wenn du auch heute Camembert ißt – vielleicht ißt du morgen keinen. Und ich bin viel zu anständig und auf Frauenbewegung eingestellt, um dir deinen zweifelhaften Faltbootinhaber mit Glatze abspenstig zu machen. Da es eine Kleinigkeit wäre, reizt es mich ohnehin nicht, und außerdem paßt Wassersportler und Mädchen mit Schwimmgürtelbusen so schön zusammen. Und vom Tisch drüben guckt immer einer mit fabelhaft markantem Gesicht und tollem Brillanten am kleinen Finger. Ein Gesicht wie Conrad Veidt, wie er noch mehr auf der Höhe war. Meistens steckt hinter solchen Gesichtern nicht viel, aber es interessiert mich. (…)”

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen, Düsseldorf 1979 (Erstveröffentlichung 1932)

Das Lachen der Hühner: Rezension (3)

Unter dem Titel „Anreden an Kühe und andere Liechtensteinerinnen oder Ist die Sonett-Form eigentlich eine Untote?“ nimmt Rainer Stöckli im gerade präsentierten jahrbuch 6/2011 schnitt des Liechtensteinischen Literaturhauses Das Lachen der Hühner zum Anlaß, fünf Seiten lang über die Sonett-Form nachzudenken und kommt u.a. zum Schluß, es gebe für diese „uutöödige“ (Dialekt für „nicht zu tötende“) Form mit unserm Band nun über einen Zeitraum von genau 100 Jahren einen eigentümlichen Schulterschluß fürstentümlicher bzw. Liechtenstein-Sonette zwischen „Du mein Liechtenstein“-Anreden seinerzeit und unsrer „o Kühe“-Anrede heutigentags. Dem ist nicht zu widersprechen. Doch während Stöckli eine Sonderform des fürstentümlichen bzw Liechtenstein-Sonetts beschwört, was uns garnicht unlieb ist, begreifen wir unsere Liechtenstein-Texte eher als Fusion (globaler) Heimat- mit Punkdichtung im postmodern geflashten Retro-Sonettkorsett. rheinsein hat Stöcklis Text zur Verfügung. Wir zitieren zwei kurze Ausschnitte und empfehlen zur Vertiefung den Erwerb des Jahbuchs (s.u.):

“Viel Schelte und viel Spott stecken im Heftlein (…). Die Papierschnitte von Helena Becker machen einiges wieder gut (…). Ein Übriges leistet die Form der Gedichte, die Sonett-Form. Wer seine Sprachkunst unter anderem der Fauna, Flora und Topografie eines Fürstentums widmet und das in Quartetten und Terzetten kundtut, die weiss Gott listenreich verreimt, verassonanziert oder anders verbandelt sind, dem ist die halbe Schuld, dass er das Ländchen zwischen Flussbett und Bergköpfen verruft, erlassen.”

Oha! Mit der andern uns freimütig zugewiesenen bzw zurückgespielten Schuldhälfte (der Schuldbegriff taucht in einigen der angesprochenen Sonette in unterschiedlicher Prägung auf) werden wir uns in Liechtenstein vermutlich noch auseinanderzusetzen haben:

“Helena Beckers Schnitte in/aus Papierbogen mittels Schere und Skalpell – sie treffen ins Schwarze (so wie Schnitte mit Messer in Linoleum oder, jahrhundertelang schon, in Lindenholzplatten oder „Stöcke“ von der Weymuthskiefer ins Schwarze treffen). Beckers Arbeiten stellen zu Lafleurs Lachen der Hühner ein prächtiges Komplement dar: Sie beheimaten die Leserschaft des Sprachvirtuosen wieder – uns, die angesichts der artistischen Texte „befremdet“ dasassen bzw. (wie der Smyrk im Sonett „z`Planka“) doo oder dött hockten, „an (unseren) Stuhl genagelt“, und uns Sorgen gemacht haben über allzu kecke Liechtenstein-Dichtung.”

Eine wunderbare Vorstellung: daß ein Leser bei der Lektüre bemerkt, wie er sich für einen Moment einer im Gedicht auftretenden Kunstfigur angleicht, vielleicht sogar überlagert, um sich sogleich wieder der Realität zuzuwenden, in die das Gedicht jedoch (auf welche Weise auch immer) nun hineinfärbt.

Der vollständige Text ist nebst vielen weiteren von vorwiegend lokalen Autoren enthalten in:

Jahrbuch 6|2011 schnitt (Hrsg.: Literaturhaus Liechtenstein)
160 Seiten Inhalt, Broschur mit Schutzumschlag, zwei Laserschnitte und zahlreiche Abbildungen, Format 17 x 27 cm.
ISBN 978-3-9523379-5-0, CHF 30.– (bei Versand plus CHF 6.– Spesen)
Zu bestellen über den Buchhandel.

Das blaue Wunder: Ernst Bromeis schwimmt durch den Rhein

Mitte April erhielt rheinsein einen Bericht aus den Badischen Neuesten Nachrichten, eine Ankündigung, daß der Schweizer „Wasserbotschafter“ Ernst Bromeis den Rhein komplett von einer seiner Quellen, dem Tomasee, bis zu einer seiner Mündungen, bei Hoek van Holland, durchschwimmen wolle. Die Aktion solle am 02. Mai starten und einen Monat beanspruchen.

Zwar ist rheinsein zum Tomasee bisher nur virtuell vorgestoßen (und real auf dem Weg dorthin bisher nur bis knapp oberhalb Sedrun gelangt), doch schien uns, aufgrund solchen Halbwissens, ein konsequentes Durchschwimmen des gotthardischen Quellrheins, eine kaum ausführbare Ankündigung. Der BNN-Bericht stellte Ernst Bromeis` Pressemitteilung damals nicht in Frage.

Viel realistischer klingt nun des Rheinschwimmers Etappenblog Das blaue Wunder, in dem die gestrige „erste Schwimmetappe“ zu einem kurzen Eintauchen ins eisbedeckte Wasser des Tomasees mit einem symbolischen Armzug wird, um, nach sorgfältigem Abtrocknen und Aufwärmen, in eine Ski- und Fußwanderung nach Sedrun umzuschlagen: „Auf einer kleinen Brücke stehend erwarteten ihn dort seine allerersten Fans. Zwei Feriengäste aus Hamburg hatten zufälligerweise vom Projekt erfahren. Etwas überrascht waren sie, dass Ernst vom Hügel hinab stieg und nicht im Wasser daher kam.“

Nach einem Sportler-Mittagessen nahm der Rheinschwimmer erneut den Fußmarsch auf, um zwei Stunden später „in Disentis von einer beachtlichen Anzahl Einheimischer mit Alphornklängen und Polenta empfangen zu werden“.

So lustig dieser erste Schwimmbericht klingt, so gespannt macht er darauf, wie häufig der Rheindurchschwimmer auf den folgenden Etappen mit dem eisigen, vielerorts reißenden Alpenrheinwasser in Berührung kommt. Ernst Bromeis selbst: „Kann ich einen Monat lang im Fluss leben? Ich weiss es nicht.“

Obélix am Rheinfall

obelix

Jean-Claude Vithe ordnet die Megastars der bandes dessinées neuen/fremden Kontexten zu. Nachdem er bereits Spiderman Schaffhauser Gischt schnuppern ließ, meldet sich Vithe mit einer neuen Heldenverpflanzung: „Obélix, (R(h)ein gefallen?)” Schlafwandlerische Sicherheit aufgrund selbstgenügsamer Mißachtung selbst extremster landschaftlicher Reize geleitet den berühmten Gallier seit jeher von Panel zu Panel. Vithe deutet nun an, daß der Fels inmitten des Rheinfalls seine allhin bekannte Zwiegespaltenheit der Hinkelsteinfabrikation eines durchreisenden, leicht gedankenverlorenen Aremorikaners auf Edelweißsuche verdanken könnte.  (Daß Obélix einst Helvetien besuchte, ist zwar historisch nachgewiesen, über seine tatsächliche Bekanntschaft mit dem Schweizerrhein allerdings kann bis heute nur spekuliert werden.)