Jenins

Den Eindruck eines urig-halbzerfallenden-halb-aus-sich-selbst-erneuernden Dorfs macht Jenins in der Bündner Herrschaft. Dominiert vom Weinbau mit

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gaststättenbewerbenden Reimen wie „Traube/Laube“ und „Wein/kehr ein“ wirkt auf den ersten Blick vieles „noch echt“, ein zwei Spuren echter als im benachbarten Maienfeld jedenfalls, das trotz allen Heidi-Tourismus` ja auch noch einen halbwegs echten Anschein macht. Es ist nicht sonderlich viel los in Jenins an diesem Vorfrühlingssonntag. Es hängen Plakate an Holzwänden, die von vergangenen Adventsaktivitäten künden, es hängen aber auch Plakate, die auf die kommende Turner-Unterhaltung weisen, das Dorf kann also seit Weihnachten noch nicht vollends ausgestorben sein. Vom Dorfrand aufsteigender

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Bratwurstdunst lockt uns an denselben – und unterm Bratwurstdunst finden wir tatsächlich Sonntagsaktivität. Es werden in einer Straßenecke nämlich landwirtschaftliche Kleingeräte ausgestellt (und im Ernstfall wohl auch verkauft): Holzspalter, raupengetriebene Schubkarren, weitere Maschinen, deren Sinn sich dem Städter nicht auf den ersten Blick erschließt: bizarre Formen, grelle Farben, elegante Designs wie aus einem noch zu drehenden Weltraumfilm, die jedoch gleichzeitig eine Vorahnung von Lautstärke bergen, die jenseits der Hutschnur anzuschlagen versteht. Wir geben uns als wenig kaufinteressiert, aber stark bratwurstlustig zu erkennen – und erfahren genaueres über die Maschinen, über Maiensässnutzung und den Luchs, der oberhalb Jenins` in den Bergen sein Wesen (wie die einen sagen) bzw sein Unwesen (wie die andern sagen) treibt. Den Jeninser Wein lassen wir für diesmal unversucht. Stattdessen geht es noch ins Naturschutzgebiet Siechastuda, berühmt für seine Gelbbauchunken, deren eine auszumachen uns quasi stehenden Fußes gelingt. Es bleibt dann allerdings auch bei der einen. Statt auf weitere Unken treffen wir auf Wasserläufer und einen Frosch, der wie von bösen Jungen aufgeblasen sich mühsam und luftgefüllt über

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die Wasseroberfläche dem Ende seines Froschkarmas entgegenbewegt – und Laichbatzen, welche angesichts des grausamen Einzelfroschschicksals für tausend neue Lurchleben garantieren.


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3 Kommentare zu “Jenins”

  1. Helena Becker
    8. April 2012 um 09:34

    Es war auf keinen Fall Sonntag, der Dorfladen hatte auf.
    Aber vielleicht ist das dichterische Freiheit, ich liebe deinen Humor.

  2. Stan Lafleur
    9. April 2012 um 08:23

    Das mit dem Dorfladen ist korrekt. Die genaue Anzahl der Jeninser Zeitzonen ist mir entgangen. Möglich, daß sie teils überlappen. Am Dorfrand war jedenfalls Sonntag. Das Sonntägliche drang von dort, so mein Gefühl, auch stark gegen das Dorfzentrum. Das tatsächlich samstäglich erschien, also menschenleer, weil die Jeninser am Samstag ja nach Landquart zum Einkaufen fahren, in dieses “Alpenrhein Village Outlet” – oder in der liechtensteingroßen Heidiland-Autobahnraststätte arbeiten müssen. Sonntäglich waren auch die Radrennfahrer am Ortseingang und es hat mich erstaunt, wie es ihnen möglich war, immer nur auf einem kleinen Straßenabschnitt von vielleicht zwanzig, dreißig Metern aufzutauchen – und immer nur auf derselben Fahrspur. (Möglich, denke ich nun, daß sie von einer dieser bizarren, vorgeblich landwirtschaftlichen Maschinen gesteuert/resettet wurden.)

  3. Nicolin Sererhard
    28. Juli 2012 um 12:11

    JENNINS, ein lustiges Dorf, mittelmäßiger Größe, zwischen Malans und Mayenfeld ein wenig von der Ebene erhöchet. Am Fuß des Bergs nächst under dem alten Schloß Aspermont stehende, hat ein angenehm Aussehen gegen Chur, ist nicht viel weniger herrlich an Weinwachs als Malans, hat einen etwas zu engen Bezirk, darzu einen nicht allzu flüssigen Wiesenwachs wegen des leimichten Grunds, welcher von Zeit zu Zeit von den herabrollenden Rüfenen verderbt wird. Des Wuhrens hingegen an der Landquart und am Rhein sind die Jeninser überhoben.
    Von den Malansern fallt mir noch ein, dz sie hinder Pfeffers hinein gegen Gungels oder Fettis eine treffliche gute Alp haben, genant in Callfraisa. Dies Ort ware vor altem bewohnet, die Malanser aber haben sonderlich nach den Pest Zeiten die Einwohner an sich geloket, und ihre Gütter an sich gebracht, woraus diese Alp entstanden. Es stehet noch alldorten ein Kirchlein, und sagt man: man habe allda menschliche Todten Knochen in der Erden gefunden, daraus man geschlossen, es müssen vor Zeiten Riesen an selbigen Orten gewohnet haben.
    Hier könnte nun wiederum eine Frag ventilirt werden, wie weit es in der Wahrheit gegründet, was die Alten von ihren Riesen vorgegeben, um so viel mehr, weil das Geschlecht solcher Menschen schon vorlängsten ausgestorben und man von keinem mehr weist, dahar auch manche Hartgläubige, die nichts mehrers glauben wollen, als was sie sehen, und mit Händen greifen können, gleichsam wie Thomas, alles was man von dieser Art Menschen erzählet, unter die Mährlein und Fabeln zählen. Ich lasse aber Herrn Tschudi in seinen Monath Gesprächen, der in einem discours die Sach ganz wohl deducirt, und andere mehr, bey denen ich etwas von Riesen gelesen, hierüber und will keine Zeit damit verliehren.
    Von Jeninß kann auch dieses avertirt werden, daß das alte Schloß Aspermont, welches noch auf einer lustigen Anhöche ob Jeninß in seinen frischen ruderibus zu sehen, erst vor circa siebzig Jahren bewohnt gewesen, und erzählte mir der alte Herr Decanus a Moos selig, der lezte Bewohner dessen seye ein gewisser Herr de Molina gewesen, welcher an einem Morgen von seinem Diener todt mit umgedrehetem Angesicht und schwarz blauen Angesicht vor seinem Bett auf dem Boden ligend gefunden worden, nach welchem niemand mehr an diesem einsamen Ort zu wohnen gelustet, und haben des Verstorbenen Erben bald hernach das Schloß samt etlichen theils ob dem Schloß, theils unden in der Ebene ligenden Güttern, die darzu mit noch etwelchen mehrern Rechtenen gehörten, um einen leidenlichen Preiß an die Gemeind verkauft, von welcher Zeit an das Schloß inwendig über einen Haufen gefallen, und die Gütter in der Bauren Gewalt kommen.

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