Monatsarchiv für April 2012

 
 

Schwermut (hüben wie drüben)

„(…) je ne veux pas dire qu`un éternel été fasse une vie toujours joyeuse. Le soleil noir de la mélancolie, qui verse des rayons obscurs sur le front de l`ange rêveur d`Albert Dürer, se lève aussi parfois aux plaines lumineuses du Nil, comme sur les bords du Rhin, dans un froid paysage d`Allemagne. J`avouerai même qu`à défaut de brouillard, la poussière est un triste voile aux clartés d`un jour d`Orient.“

(aus: Gérard de Nerval, Voyage en Orient)

ritualpaddel. circa papua. für thomas kling

ehestens mönchisch. aber immer so klein / klein
hinschwittern “daß”: von eulen geweckt / bißchen
erschreckt man nächtelang die schnüren füchse spür-
te. tags lagen häher in der luft (ausgezeichnete sup-

penvögel) und harter rock hing übers knie. revolte
war dergestalt thema wie jederzeit drin. äußerstes neuß.
lyrisches gegengesäus. wegtritt. chemischer ausritt. von
xanten über kleve nach goch. hoch ragte der erftmais.

anheisch bis abspeis. urkreisch: eher verläßt du die welt
als den langvers / den silber. lyrikfreunde aufgepaßt:
echter textmolch (auch antebikini benannt). das lastet.
lies also quer. herrschaft der khmer. schleppende loops

wie “erklecklicher blinky im umkreis”. kanuten stand
stark zu vermuten. hochmögende männer im rinden-
gespinst. flasche absinth. gepreßt in der sache / ungut
im ton. so findet man sein idiom. bezichtigt sich selbst

eines minderen dichtens. etwa: über jahre weitgehend
verweisfrei geschrieben. ganze auflagen liegengeblie-
ben. untergepflügt. da wachsen heute rüben. brüten
wachteln. einfach locker drüberspachteln. klittern und

zwittern. den leser syntaktisch erschüttern. dieser rat-
schlag wäre erteilt. daraufhin satzbau. strophischer
anhau. oder final: krummklapp ahoi! es braucht im-
mer drei: stummelchen pummelchen trutz-nachtigall.

(Das Gedicht schrieb vor ein paar Jährchen Ulf Stolterfoht, es stammt aus seinem bei Urs Engeler erschienenen Band fachsprachen XX. rheinsein dankt dem Autor fürs Überlassen und (somit) Einweb des Textes in gesamtrheinische Kontextualitäten!)

Türkischer Rhein: rheinischer Döner

„Wie der Döner an den Rhein kam“ ist ein Dokumentarfilm von Katja Duregger, der vergangenen Freitag vom WDR ausgestrahlt wurde. Weil wir zu diesem Zeitpunkt gerade Richtung Bosporus flogen, hatten wir keine Gelegenheit, den Film anzuschauen. Dem WDR-Infotext zufolge habe sich der Döner zeitgleich mit den Industriekrisen im Rheinland etabliert. Unter den in den 70er Jahren entlassenen Arbeiten seien viele Türken gewesen, die in Deutschland bleiben wollten und auf die Lösung kamen, Imbisse mit heimatlichen Speisen zu betreiben. Anders ausgedrückt kam der Döner also an den Rhein, als er schon längst da war. Seine Idee war im Herzen des türkischen Gastarbeiters mit eingereist, es brauchte nur die Industriekrise, bis sie sich entfalten durfte. Zutaten wie Weiß- und Rotkohl gehörten, weiß der Text zum Film zu berichten, in der Türkei nicht in den Drehspießfladen (was wir bestätigen können). Ein Kölner Imbißbetreiber erklärt, Kraut sei nur deswegen im rheinischen Döner „weil die Deutschen so gern Kohl essen“. Comedian Fatih Çevikkollu bringt die Wortschöpfung „Hochkantschaschlik“ ins Spiel. (Am Bosporus wiederum gibt es ähnlich häufig wie Döner auch ein Horizontal- oder Längskantschaschlik namens Kokoreç, das sich in Deutschland auch mit Kohlbeilage bisher nicht durchsetzen konnte, vielleicht weil es aus Lammdarm besteht.) Aus den Tiefen der Industriekrise entwickelte sich die Dönerbude zum Erfolgsmodell. Der Infotext: „Vor allem junge Leute probierten und fanden es lecker. So lecker, dass Kemal Asçioglu, der mit einem Imbisswagen durch Duisburg fuhr und Döner anbot, seinen 26-jährigen Sohn Dursun zur Unterstützung aus der Türkei holte. “Mit Zwiebeln, Tomate und scharf” waren lange die einzigen deutschen Worte, die er konnte. Heute betreibt er erfolgreich sein Geschäft in Duisburg-Marxloh.“ (Der ein oder andere Leser dürfte noch wissen, daß wir der oben  beschriebenen Kultur einst mit einem Chapbook des lapidaren Titels grills sind ok huldigten. Der Wettbewerb um die originellsten rheinischen Imbißnamen, vor geraumer Zeit auf diesen Seiten eröffnet, läuft selbstredend weiter…)

Türkischer Rhein: im Herbscht het ma da Türgga gholt

„Im Herbscht het ma da Türgga gholt vom Riet, vo Hand uusbroche und di Fueder mit em Fuehrwerch hoa transportiert. D’Froue hend d’Stube uusgruumt und denn het ma di ganzi Laadig vo Türggachölba mit de Zoane i d’Stube ietroat. A mengem Ort hets bis mindeschtens uf di halb Fänschterhöachi Hüüffe ka, di ganz Stube voll, so dass nu no Platz ka het für en Bangg oder en Harass zum Druufhogge, um Chölba uuszhöltscha. Nachbuure und Helfer sind zur Mitärebet iiglaade worde. Es ischt gsellig und gmüetlig gse, me het gsunge, verzellt und viil glachet.

Me het vorzue d’Bletter abgrupft bis uf zwoa bis vier Bletter und die omme zämmeknüpft. Di grichtete Chölbe het ma i Zoane toa und d’Manne hend dia i d’Obertiili uetroat, wo si vo andere vorzue zum Trüchne uufghenggt worde sind. D’Obertiiline sind mit so Holzliischtene oder Dröht uusgrüschtet gse, damit me dia Chölba het chönne uufhengge. Das ischt denn en ganze Johresvorroot gse. Dia Chölba het ma im Louf vom Johr abegno, abgribblet und denn i d’Mühli broocht uf Sennwald. De Müller het denn das Türggamehl wider vertoalt, jede het sis eigne Mehl zrugg übercho. De Türgga het ma o als Hennefuetter bruucht, früeher hond fascht alli Lüt Henne ums Huus ka.“

(Der Originalbeitrag steht auf Doazmol in der Rubrik “Frümsner Bräuche” unter dem Titel “De Höltschät” und ist dort auch als Audiofile nachzuhören. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Türgga bezeichnet im St. Galler Rheintal und im Liechtensteinischen eine Maissorte, die bis vor einigen Jahrzehnten für die inzwischen kaum noch verbreitete bäuerliche Basisspeise Ribel verwendet wurde. Im westlichen Österreich wird der Mais allgemein als Türken bezeichnet. Die Bezeichnung rührt offenbar daher, daß der Mais in Mitteleuropa über die Türkei und den Balkan seine Verbreitung fand. rheinsein dankt Doazmol fürs Überlassen des Beitrags!)

Kurdischer Rhein: Heidewitzka!

Nach einem Pressebericht wurde am gestrigen Sonntagnachmittag an der Kölner Trankgassenwerft das Müllemer Böötche “Colonia 6″ von ca. zehn Mitgliedern der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gekapert. Die Rheinpiraten entrollten Flaggen mit dem Konterfei ihres in der Türkei inhaftierten Anführers Abdullah Öcalan, forderten die Verlesung eines politischen Manifests über die Bordlautsprecher und wollten das Steuer übernehmen, was der Kapitän ihnen jedoch verweigerte. Zur Zeit der Kaperaktion waren zehn Passagiere auf dem Ausflugsbötchen. Einer von ihnen soll die Polizei alarmiert haben. Die Wasserschutzpolizei nahm die Piraten, die keinen Widerstand leisteten, fest. Die Kurden würden seitdem, verlautet die Sonntag spätabends zuletzt aktualisierte Meldung,  im Deutzer Hafen vom Staatsschutz vernommen.

Ein Aal läßt sich nicht aufhalten

Kommissar Hunkeler ist vor allem am Hoch- und Alpenrhein ein Begriff. Die Kriminalromane Hansjörg Schneiders wurden vom Schweizer Fernsehen verfilmt und zur besten Sendezeit ausgestrahlt. In Hunkeler und die Augen des Ödipus geht es um eine kultivierte Rheinleiche, das Verhältnis zwischen dem Basler Großbürgertum und seinem Theater, um das Flair des Basler Hafens, die verzwickten Quickungen bzw verquickten Zwickungen des Dreiecklands und um Aale:

„(…) „Vor knapp dreißig Jahren“, sagte Hunkeler, „floss der Rhein hier rot. Das war nach der Chemiekatastrophe in Schweizerhalle. Damals wollten die Aale an Land kriechen. Es gelang ihnen nicht, wegen der Mauer. Ich habe gesehen, wie sie vorbeitrieben.“
„Sie sind längst zurück. Ein Aal läßt sich nicht aufhalten. Er schwimmt als kleiner Wicht vom Sargasso-Meer im Atlantik mehrere tausend Kilometer zur Rheinmündung und flussaufwärts bis zu uns. Wenn notwendig, kriecht er über Land. Er überwindet sogar den Rheinfall. Er kommt ein Jahr lang ohne zu fressen aus. Er verwandelt sich vom Meerfisch zum Süßwasserfisch. Wenn er nach mehreren Jahren zurückschwimmt ins Sargasso-Meer, um sich zu paaren und anschließend zu sterben, wird er wieder zum Meerfisch.“ (…)“

Die Unterwasserdschungel der Sargassosee, in denen die Aale sich paaren, gelten als der größte zusammenhängende Pflanzenwuchs unseres Planeten. Gilt der Orientierungsssinn des Wanderaals gleichsam als Wunder, so bezogen wir dies Wunder stets eher auf das Zurechtfinden in schier endlosen Algen- und Tangwucherungen, als in den Flußläufen Mitteleuropas. Daß Aale imstande seien, den Rheinfall zu überwinden, widerspricht im Übrigen einer andern, hier zitierten, allerdings etwas älteren Quelle.

Nun wird vor Hunkelers Augen ein Aal aus dem Rhein gezogen. Als Köder diente kein Pferdekopf (wie andernorts), sondern lediglich ein banaler Wurm:

„(…) Er zeigte auf zwei rötliche Flossen.
„Das hier sind die Brustflossen. Bauchflossen hat er keine. Die Schuppen sieht man nicht, die sind von der Haut versteckt. Der Unterkiefer steht vor, wie du siehst. Die Zähne sind feilenartig.“
Das Tier wand sich, ringelte sich. Über seinen Rücken zog sich eine lange Flosse, durch die wellenartig ein Zittern ging. (…)“

„Feilenartige Zähne“, das klingt ganz nach den hübschen lexikalischen Zuschreibungen, mit welchen die Zoologen Tiere näher zu bezeichnen pflegen, um sie zu systematisieren, auseinanderzuhalten und zu verwandtschaftlichen. Im Verlaufe des Romans werden die Aale verdächtigt, dem Mordopfer die Augen ausgefressen zu haben – ganz zu unrecht, wie Kommissar Hunkeler schließlich herausfindet. Unterdessen dienen die Schlangenfische in lakonischen Dialogen als Projektionsfläche für Gedanken über Naturzyklen und die Ferne und finden offenbar auch im Erzählschatz des Schweizer Volksglaubens Erwähnung:

„(…) Früher hat man sich erzählt, dass sie den Bauern nachts in die Ställe kriechen und die schlafenden Kühe melken. Aber das ist wohl ein Märchen.“ (…)“

Zitate aus: Hansjörg Schneider – Hunkeler und die Augen des Ödipus, Zürich 2010

Die Verfilmung von 2012 mit Mathias Gnädinger und Axel Milberg weicht von der Romanvorlage ab, selbst der Täter ist im Film ein anderer.

Seitenverwandtschaft

rheinsein versteht sich als halbvirtuelle Plattform für gesamtrheinische Kultur und Geschichte(n). Das ist selten, wenn nicht gar einzigartig. Denn rheinische Kultur wird – ob nun im Netz oder bei herkömmlichen Events, Ausstellungen und dergleichen, selbst in den meisten Büchern und nicht zuletzt bei der Kulturförderung – vorwiegend regional bis lokal verstanden und dementsprechend organisiert und präsentiert.

Derartige Mikrokosmen rheinischer Kultur und Geschichte funktionieren auf unterschiedlichste Weise. Einschlägige Internetseiten wirken häufig grafisch zusammengestümpert, warten jedoch nicht selten im gleichen Zug mit wertvollen, liebevoll zusammengetragenen Informationen auf. Oder aber sie sind grafisch schick  bis überschick gelöst, dafür eher von geringem inhaltlichen Wert. Es gibt aber auch Websites, auf denen Inhalt und Design trefflich amalgamieren. rheinsein wandert, das dürfte unsere Leser kaum wundern, gelegentlich über solche Seiten – kennt sie jedoch längst nicht alle und freut sich natürlich stets über Hinweise auf besonders schöne Baustellen! Und möchte bei dieser Gelegenheit gerne eine besonders, hmm, sagen wir mal: “verwandte” hier vorstellen:

Vergangenen Herbst meldete sich Karin Lehner aus der Schweiz mit einem Hinweis auf ihre Website Doazmol, die, als lokal-regionaler Geschichtsfundus angelegt, mehr als nur eine erstaunliche Parallele zu rheinsein aufweist. Die Parallelen beginnen bereits beim gewählten (und jeweils bearbeiteten) WordPress-Design. Alsdann wird (dort wie hier) erstmal gesammelt, gesammelt, gesammelt. Doazmol ist dabei, typisch Schweizerisch, durchaus klarer und aufgeräumter strukturiert als diese Seite hier. Laut Untertitel beschränkt sich Doazmol thematisch auf „Erinnerungen und Fotos aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts im Werdenberg“. Das sind einige Dörfer und Gemeinden am Fuße der Berge im St. Galler Rheintal. Doazmol geht eher wissenschaftlich vor, der (bei rheinsein vordergründig vorhandene) subjektive Ansatz bleibt bei Doazmol unsichtbar, findet maximal in der Auswahl statt. Also finden sich aussagekräftige Bilder und überlieferte Alltagsgeschichten zum Dorfleben, letztere auch, was uns besonders gefällt, als Tondateien. Wir möchten an dieser Stelle keine Auszüge einstellen, gehen Sie besser selber auf die Seite! Für alle, die Nachhilfe bei alten oder auch heute gängigen Schweizer Begriffen brauchen, bietet Doazmol auch ein umfassendes Dialektlexikon. Die kulinarische Dépendance Rezepte vo doa (die Großmutters Küche bewahrt) ist auf den angegebenen Link ausgewandert. Das ist lebendig gemachte rheinische Dorfgeschichte nach unserem Geschmack! Wir können einen Besuch nur sehr empfehlen!

Karin Lehner schickt uns unterdessen alle paar Wochen interessante rheinische Dokumente, die entweder nicht ganz zu Doazmol passen, weil sie die thematischen Vorgaben sprengen würden, oder die dort bereits (oder gerade frisch) veröffentlicht sind und ein aktuelles rheinsein-Thema betreffen. Wir erinnern an dieser Stelle gerne noch einmal an die äußerst raren altrheinischen Glyfen, in Kürze folgt ein weiterer Beitrag mit Karin Lehners Material in der Serie Türkischer Rhein.

Jenins: Golden brown…

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… texture like sun lays me down with my mind she runs… (Text: The Stranglers)

Jenins (2)

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Jenins

Den Eindruck eines urig-halbzerfallenden-halb-aus-sich-selbst-erneuernden Dorfs macht Jenins in der Bündner Herrschaft. Dominiert vom Weinbau mit

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gaststättenbewerbenden Reimen wie „Traube/Laube“ und „Wein/kehr ein“ wirkt auf den ersten Blick vieles „noch echt“, ein zwei Spuren echter als im benachbarten Maienfeld jedenfalls, das trotz allen Heidi-Tourismus` ja auch noch einen halbwegs echten Anschein macht. Es ist nicht sonderlich viel los in Jenins an diesem Vorfrühlingssonntag. Es hängen Plakate an Holzwänden, die von vergangenen Adventsaktivitäten künden, es hängen aber auch Plakate, die auf die kommende Turner-Unterhaltung weisen, das Dorf kann also seit Weihnachten noch nicht vollends ausgestorben sein. Vom Dorfrand aufsteigender

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Bratwurstdunst lockt uns an denselben – und unterm Bratwurstdunst finden wir tatsächlich Sonntagsaktivität. Es werden in einer Straßenecke nämlich landwirtschaftliche Kleingeräte ausgestellt (und im Ernstfall wohl auch verkauft): Holzspalter, raupengetriebene Schubkarren, weitere Maschinen, deren Sinn sich dem Städter nicht auf den ersten Blick erschließt: bizarre Formen, grelle Farben, elegante Designs wie aus einem noch zu drehenden Weltraumfilm, die jedoch gleichzeitig eine Vorahnung von Lautstärke bergen, die jenseits der Hutschnur anzuschlagen versteht. Wir geben uns als wenig kaufinteressiert, aber stark bratwurstlustig zu erkennen – und erfahren genaueres über die Maschinen, über Maiensässnutzung und den Luchs, der oberhalb Jenins` in den Bergen sein Wesen (wie die einen sagen) bzw sein Unwesen (wie die andern sagen) treibt. Den Jeninser Wein lassen wir für diesmal unversucht. Stattdessen geht es noch ins Naturschutzgebiet Siechastuda, berühmt für seine Gelbbauchunken, deren eine auszumachen uns quasi stehenden Fußes gelingt. Es bleibt dann allerdings auch bei der einen. Statt auf weitere Unken treffen wir auf Wasserläufer und einen Frosch, der wie von bösen Jungen aufgeblasen sich mühsam und luftgefüllt über

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die Wasseroberfläche dem Ende seines Froschkarmas entgegenbewegt – und Laichbatzen, welche angesichts des grausamen Einzelfroschschicksals für tausend neue Lurchleben garantieren.

Bodenseefischerei

Es wimmelt anbey dieser See von allerhand Arten Fische. Denn man fängt darinnen Hechte, Forellen, Karpfen, Aale, Schleyen, Grundeln, Raupen, Braßen, Barben, bis zu dreyßig Pfund schwer; ferner Burlinge, welche ziemlich groß werden, und Rinken, auch Rauchigel, so gar klein bleiben. Nichtweniger findet man darinnen Logeln, Aßeln, Fürnen und Ringeln, welche schier den Häringen gleichen. Desgleichen Alanden, welche samt den Drieschen bis zu vier Pfund anwachsen, aber nicht sonderlich gut sind. Hingegen sind die Langen, oder sogenanten Rheinlangen, eine Art von Lachsforellen, sehr wohl zu essen. Diese werden nicht nur in dem See selbst gefangen, sondern steigen auch den Rhein hinauf bis nach der Gegend Chur, wo sie bis auf vierzig Pfund schwer angetroffen werden. In der Gegend von Lindau und Bregenz werden diese Fische sonderlich gefangen. Sie wachsen in eine Länge von anderthalb bis zwey Ehlen, und zu einem Gewichte, wie schon gedacht, von dreyßig bis vierzig Pfund, da sie denn den Namen Rheinlanken, Innlanken oder Rheinlacher bekommen. Weil nun die Fischer ein so grosses Stük nicht allezeit auf einmal mit Vortheil loßwerden können, so befestigen sie ein kleines Stückgen Holz an einen Strik, ziehen diesen bis an das Holz durch des Fisches Ohren oder durch den hintersten Theil des Kopfs, und binden das andere Ende des Striks an einen Pfahl, der am Ufer des Sees, nahe bey ihren Fischerhäusern, stehet. Auf diese Art können sie ohne Gefahr dem Fisch einen Platz von dreyßig bis funfzig Schritte zu schwimmen vergönnen, und ihn so lang lebendig erhalten, bis sich eine Gesellschaft von Käufern zusammenfindet, oder etwa eine Hochzeit und andere grosse Mahlzeit vorfällt, bey welcher man eines so grossen Fisches auf einmal benöthiget ist. Gleichwohl sollen sie über fünf Jahr nicht leben, und nebst ihnen alle Arten obiger Fische im See jeden Monat ihre Natur verändern. Es giebt in diesem See auch Prächse, so an etlichen Orten Blicken heissen. Diese werden zehen Pfund schwer darinnen gefischet. Imgleichen hegt er Truschen, Aalruppen oder Quappen, so in Oesterreich Rutten heissen. Von diesen Fischen wird in einem gewissen alten Fischbuch gelesen, daß die Wirthe zu Rheinek, ohnweit dem Bodensee, ihren Gästen die Lebern aus den Aalruppen gekocht auftrügen, die Aalruppen selbst aber in dem Fischbehalter noch vierzehen Tage gehen liessen. Johnston bezeiget, daß dieses auch in Savoyen geschehe. Ferner findet man im Bodensee die Schaider oder Welse, deren einer oft mehr als einen Centner wieget, und von Geßnern ein deutscher Wallfisch genennet wird. Allda benamet man sie Wälinen, oder gleichsam Balänen. Sie werden jedoch selten gefangen, weil diese Fische gern in der Tiefe bleiben, und also sehr langsam hervorkommen. Man hält es sonsten auch nicht für gut, wenn sie gefangen werden. Den es soll sich alsdann jedesmal etwas sonderliches am Bodensee zutragen.

(aus Dielhelm: Rheinischer Antiquarius)

Türkischer Rhein: der Traum des Loti Pascha (Detail)

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Türkischer Rhein: der Traum des Loti Pascha

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(Bild: Mehmet Alman Ekmek. rheinsein dankt!)