Moby Dick (2)

Im laufenden Schuljahr produzieren wir mit Drittklässlern einer Bonner Grundschule eine Reihe Kurzhörstücke. Eine Schülergruppe recherchierte dafür die Geschichte von Moby Dick, dem Belugawal, der 1966 mit seinem Rheinbesuch für Schlagzeilen sorgte und stellte das Szenario als Radiosendung mit Studiomeldungen und einer rasenden Reporterin nach. Dabei wurde der Rhein schon mal nach Luxemburg verlegt, und auch die Geschichte Moby Dicks mit einiger Fantasie aufgepeppt – dachten wir. So gaben die Kinder an, Moby Dick habe sich vor seinem Ausflug in den Rhein in einem Frachtcontainer auf einem Schiff nach London befunden, wo er als Zootier landen sollte: welch ein poetischer Einfall, wollte uns scheinen, bis die Kinder uns aufklärten: so oder zumindest so ähnlich hätten sie es doch in einem Artikel gelesen, welchen die Lehrerin ihnen zur Verfügung gestellt habe (es handelte sich um den Wikipedia-Eintrag zu Moby Dick). Die hochpoetische Vorstellung von einem Wal, der über dem Meer schwimmt, statt frei (wie es sich gehörte) darinnen, gefangen in einem Frachtschiff nämlich, den Menschen künftig in einem Zoobecken zur Belustigung zu dienen, bis das Meer ob dieser Idee zürnt und sich erhebt, den Gefangenentransport attackiert, ins Schlingern bringt, den solcherart entkommenen Wal wieder in sich aufnimmt, ihn aber sogleich in seiner Verwirrung eine Odyssee in und durch den Rhein beginnen läßt, wo er als freier Wal die Menschen in Jäger und Beschützer teilt: entsprang nicht reinem Kinderhirn, sondern ganz offenbar der herkömmlichen, in ihren Abstrusitäten unübertrefflichen Realität(*). Wurden die Fischer, die Moby Dick zuerst erblickten, noch umgehend auf Alkoholeinfluß getestet, mieteten die Freunde Moby Dicks bald darauf Luftschiffe, um die Feinde Moby Dicks, die mit Schnellbooten und allerlei Fanggerät sogleich Jagd auf den Beluga machten, aus der Höhe mit Orangen zu bewerfen. Da flammte also Nibelungentum auf, und die bürgerliche Protestromantik der jungen Bundesrepublik geriet in zaghaften  Schwung, unter Einsatz von Luftwaffe und leuchtenden Südfrüchten (**). Zu Tausenden begaben sich Schaulustige an die Ufersäume. Welch ein Spektakel! Der weiße Wal kreuzte wochenlang im Rhein, ohne von seinen Feinden (der Direktor des Duisburger Zoos hieß tatsächlich Dr. Gewalt) gestellt werden zu können. Erst als bei seinem Auftauchen in Bonn eine Bundespressekonferenz unterbrochen wurde und Moby Dick die an den Rhein geeilten Politiker erblickte, entschloß er sich zum endgültigen Abgang Richtung Nordmeer. Seit Mai 1976 kreuzt nun, so beschlossen die Kinderreporter ihren Bericht, das dem Wal nachempfundene Bonner Passagierschiff MS Moby Dick auf dem Rhein, auf dem, als besonderer Service, geheiratet werden kann.

(*) Wir erwähnen der Vollständigkeit halber die Möglichkeit einer nebenbei in den Wikipedia-Artikel eingewobenen Ente. Mitlesende Moby Dick-Veteranen mögen sich bitte ggf mit ihren Erinnerungen bei uns melden.

(**) Wir suchen auch noch nach Film- bzw Bildbeweisen für die vom Orangenhagel abgetriebene Schaluppe Dr. Gewalts.


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Ein Kommentar zu “Moby Dick (2)”

  1. Stan Lafleur
    2. August 2015 um 07:42

    Die WAZ berichtete vergangenen Monat von einem Veteranentreffen der Moby Dick-Zeitzeugen in Ruhrort. Kommendes Jahr jährt sich das Auftauchen des Belugas zum 50. Mal. Ein neuer Aspekt seines Rheinbesuches wurde bei dem Veteranentreffen erörtert, evtl erfunden: “Im schmutzigen Rheinwasser hatten sich auf seiner Haut Ölflecken und Ekzeme gebildet. Das soll zu den ersten Gesetzen zum Schutz des Flusses geführt haben.”

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